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Immer mehr Kinder mit Epilepsie in Regelklassen – Lehrer sind nicht vorbereitet

LEIPZIG. Mit der voranschreitenden Inklusion – dem sich ausweitenden gemeinsamen Unterricht von behinderten und nicht-behinderten Schülern also – kommen auch immer mehr von Epilepsie betroffene Kinder in die Regelschulen. Etwa fünf von 1000 Kindern haben Epilepsie. Die Wahrscheinlichkeit, als Lehrer im Klassenzimmer mit den Symptomen der Krankheit konfrontiert zu werden, ist also relativ hoch, und sie steigt stetig. Kaum ein Lehrer wisse jedoch, was bei einem Anfall zu tun sei oder welche Vorsichtsmaßnahmen bei Kindern mit Epilepsie zu treffen seien, so berichtet die „Ärztezeitung“ unter Berufung auf eine aktuelle Umfrage. Gleiches gelte für Erzieher.

Kind beim EEG. Foto; Jacob Johan / flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

Kind beim EEG. Foto; Jacob Johan / flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

Mediziner von der Universität Leipzig hatten rund 1.200 Lehrer und Erzieher in Sachsen befragt; die Ergebnisse dürften auf andere Bundesländer übertragbar sein. Etwa ein Drittel gab an, derzeit Epilepsiekranke als Schüler zu haben. Andersherum meinte ein Drittel der Befragten, darunter auch Lehrer und Erzieher mit mehr als 20 Jahren Berufserfahrung, noch nie ein epilepsiekrankes Kind unterrichtet zu haben, was – so die Forscher – „rein statistisch betrachtet sehr unwahrscheinlich ist“.

Jeder achte der befragten Lehrer und Erzieher hat schon einmal einen epileptischen Anfall bei einem Schüler miterlebt. Die Hälfte davon hatte in einer solchen Situation  Notfallmedikamente verabreicht. 15 Prozent der Lehrer und Erzieher würden dies allerdings auf keinen Fall tun: „zum Teil, weil sie nicht wissen, wie, zum Teil, weil ihnen dies niemand explizit erlaubt hat oder weil sie Angst haben, etwas falsch zu machen“, so heißt es in dem Bericht. Ein deutlich größerer Anteil (33 Prozent der Lehrer und 18 Prozent der Erzieher) hält es dagegen für eine gute Idee, dem krampfenden Kind etwas Hartes in den Mund zu stecken oder es im Anfall zu fixieren – wovon Experten dringend abraten. Auch abzuwarten, bis der Anfall vorbei ist, scheint für 15 Prozent ein angemessenes Verhalten zu sein. Immerhin 85 Prozent kommen auf die Idee, einen Notarzt zu rufen – was Experten zufolge in jedem Fall richtig ist, wenn der Anfall länger als fünf Minuten dauert oder wiederholt auftritt.

Die Forscher fragten die Pädagogen auch, unter welchen Umständen sie bereit wären, bei einem Anfall Medikamente zu verabreichen – rund die Hälfte meinte: dann, wenn es ihnen Eltern, Ärzte oder die Schulleitung ausdrücklich genehmigen und sie bei Fehlern nicht mit juristischen Konsequenzen rechnen müssten. Hier ist den Leipziger Forschern zufolge mehr gesetzliche Klarheit zu schaffen. Denn die Befürchtungen der Pädagogen seien nicht ganz unbegründet. So gebe es Rechtsanwälte, die Lehrern dringend davon abraten, Kindern überhaupt Medikamente zu geben – weil sie mit ernsten Konsequenzen rechnen müssten, falls etwas dabei schief gehe, so heißt es in der „Ärzte-Zeitung“.

Defizite stellten die Forscher aber nicht nur beim Verhalten im Notfall fest, insgesamt seien die Kenntnisse über Epilepsie bei Pädagogen recht dürftig. „Über die Krankheitssymptome und die medikamentöse Behandlung weiß nur eine Minderheit ausreichend Bescheid“, heißt es. Bei einem kurzen Test mit einer Liste tatsächlicher und vermeintlicher Anfallssymptome, konnten nur sechs Prozent der Befragten alle Symptome identifizieren. Immerhin: Knapp zwei Dritteln der Lehrer und Erzieher ist laut Umfrage klar, dass ein Anfall tödlich enden kann. Allerdings: Weniger als fünf Prozent kannten die beiden Hauptursachen für einen tödlichen Ausgang, nämlich einen anhaltenden „Status epilepticus“ und das Ertrinken beim Schwimmen. Dass Letzteres eine zusätzliche Aufsicht beim Schwimmunterricht notwendig macht, ist allerdings vielen unklar: 53 Prozent der Lehrer, die epilepsiekranke Kinder in der Klasse haben und ihnen auch Schwimmunterricht erteilen, hatten dabei keine besonderen Vorsichtsmaßnahmen ergriffen. News4teachers

Hier gibt es weitere Informationen für Lehrer zum Thema Epilepsie.

6 Kommentare

  1. Was sollen Lehrer noch alles sein? Lehrer, Sozialarbeiter, Showmaster, Jurist, Mediziner …. Alle anderen Berufsfelder spezialisieren sich immer weiter – nur ein Lehrer soll überall Spezialist sein – ohne entsprechend bezahlt zu werden, versteht sich.

    • Wenn schon Inklusion, dann auch entsprechendes Personal an die Schulen: Sozialpädagogen, Krankenschwestern usw. (ähnlich wie beim ehemaligen Pisasieger, der in punkto Personal ja nicht „kopiert“ wird)

  2. Die Lehrer sind doch „perfekt“ vorbereitet, weil im Glücksfall der Klassenlehrer durch die Eltern des Kindes informiert wurde (vielleicht sogar persönlich und nicht nur durch eine knappe eMail), der die Infos dann an die Kollegen weitergibt. Medikamente oder andere Hilfe braucht ein betroffenes Kind bei einem Anfall natürlich nicht. Und falls doch, haben die Eltern einen guten Grund, den Lehrer auf Schmerzensgeld zu verklagen, bei dem der Anfall eingetreten ist.

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