Startseite ::: Nachrichten ::: Erst Guttenberg, dann Schavan – jetzt von der Leyen: VroniPlag arbeitet sich durch die Doktorarbeiten von Spitzenpolitikern. Warum eigentlich?

Erst Guttenberg, dann Schavan – jetzt von der Leyen: VroniPlag arbeitet sich durch die Doktorarbeiten von Spitzenpolitikern. Warum eigentlich?

BERLIN. Guttenberg, Schavan, Steinmeier und jetzt von der Leyen: Plagiatsjäger nehmen sich besonders gerne die Doktorarbeiten von Spitzenpolitikern vor. Für die kann das unangenehm und gegebenenfalls gefährlich werden. Muss es aber nicht. Welches Motiv treibt die Kontrolleure an? Die Initiatoren der Internetseite „VroniPlag“ beteuern, dass es dabei um die Qualität der Wissenschaft geht.

Eine Übersicht über die beanstandeten Seiten in der Dissertation von Ursula von der Leyen. Screenshot von VroniPlag.

Eine Übersicht über die beanstandeten Seiten in der Dissertation von Ursula von der Leyen. Screenshot von VroniPlag.

Im Verteidigungsministerium können sich noch viele sehr gut an den 1. März 2011 erinnern. Auf einer breiten steinernen Treppe im Berliner Bendlerblock gab Karl-Theodor zu Guttenberg damals seine letzte öffentliche Erklärung als Verteidigungsminister ab. «Ich habe in einem sehr freundschaftlichen Gespräch die Frau Bundeskanzlerin informiert, dass ich mich von meinen politischen Ämtern zurückziehen werde», sagte der damals erst 39-jährige CSU-Politiker. Wenige Wochen vorher wurde er noch er als aussichtsreichster Kandidat für die Nachfolge von Regierungschefin Angela Merkel gehandelt.

Anfang Februar war der Vorwurf gegen ihn erhoben worden, er habe seine Doktorarbeit in großen Teilen abgeschrieben. Zuerst wehrte sich der CSU-Politiker, dann wurden die Belege immer belastender und noch vor einer gründlichen wissenschaftlichen Untersuchung warf er das Handtuch.

Jetzt gibt es im Verteidigungsministerium wieder eine Chefin, die für den Aufstieg ins Kanzleramt infrage kommt. Und wieder hat sich jemand die Doktorarbeit vorgenommen und nach Plagiaten durchforstet. Auf der Internetseite «VroniPlag» wird der Medizinerin Dr. Ursula Gertrud von der Leyen vorgeworfen, ihre 1990 erschienene Dissertation zum Nutzen des Wannenbads bei der Geburtsvorbereitung schwangerer Frauen enthalte «zahlreiche wörtliche und sinngemäße Textübernahmen, die nicht als solche kenntlich gemacht sind».

Von der Leyen wehrt sich gegen die Kritik. «Den Vorwurf des Plagiats kann ich zurückweisen», sagte die CDU-Vizevorsitzende. Sie habe Ende August «von den Aktivitäten im Netz» erfahren. Noch am selben Tag habe sie die Hochschule gebeten, die Dissertation «durch eine fachkundige und neutrale Ombudsstelle überprüfen zu lassen». Von der Leyen gab sich betont gelassen: «Es ist nicht neu, dass Aktivisten im Internet versuchen, Zweifel an Dissertationen von Politikern zu streuen»
Bis Sonntagfrüh fanden die Autoren auf 27 von 62 Seiten Stellen, bei denen sie einen Plagiatsverdacht sehen. Das entspricht 43,5 Prozent aller Seiten. Auf drei Seiten würden die fraglichen Passagen 50 bis 75 Prozent des Textes ausmachen und auf fünf Seiten sogar mehr als 75 Prozent.

Seite 1 der Dissertation von Ursula von der Leyern in der Gegenüberstellung. Screenshot von VroniPlag.

Textausschnitt von Seite 1 der Dissertation von Ursula von der Leyern in der Gegenüberstellung. Screenshot von VroniPlag.

Im Vergleich zu den fraglichen Passagen in der Dissertation Guttenbergs, die auf der Internetseite «GuttenPlag» markiert sind, erscheint das relativ harmlos. Dort fanden die Plagiatsjäger auf 94,4 Prozent aller 393 Seiten Verdachtsstellen. In der Doktorarbeit von Außenminister Frank-Walter Steinmeier monierte «VroniPlag» dagegen nur jede vierte Seite. Der SPD-Politiker geriet im September 2013 in das Visier der Plagiatsjäger, wurde dann aber innerhalb weniger Wochen von der Universität Gießen entlastet.

Der Juraprofessor Gerhard Dannemann von der Berliner Humboldt-Universität, der seit Jahren bei «VroniPlag» mitarbeitet, sagte «Spiegel Online», die Arbeit sei «eher ein mittelschwerer als ein schwerer Fall». Der «Süddeutschen Zeitung» sagte er dagegen, er halte «die Mängel für schwerwiegender als bei Frau Schavan». Es gehe nicht um einen Grenzfall. «Die Häufigkeit und leichte Vermeidbarkeit der Fehler spricht für grobes Schlampen.»

Bei der Bewertung von Plagiatsvorwürfen geht es aber nicht nur um die Masse, sondern auch um die Qualität von Fehlern oder Nachlässigkeiten beim Zitieren. Und darüber befindet letztlich in jedem Einzelfall die Universität, an der die Dissertation erstellt wurde.

Die Doktorarbeit von der Leyens untersucht nun die Medizinische Hochschule Hannover. Ein Sprecher der Hochschule sagte, dass die Ombudsperson die Arbeit den gültigen Verfahrensregeln zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis (GWP) gemäß prüfe. «Mit dem vertraulichen Bericht über die Ergebnisse der Vorprüfung an die Hochschulleitung ist in den nächsten Tagen zu rechnen», kündigte er an. Danach sei mit der Einleitung einer förmlichen Untersuchung durch die GWP-Kommission zu rechnen. Dieses anschließende förmliche Verfahren kann sich noch weitere Wochen oder Monate hinziehen.

Von der Leyen gab sich am Wochenende betont gelassen und wies die Vorwürfe zurück. «Es ist nicht neu, dass Aktivisten im Internet versuchen, Zweifel an Dissertationen von Politikern zu streuen», sagte sie der Funke-Mediengruppe und betonte, dass sie selbst um die wissenschaftliche Prüfung ihrer Doktorarbeit gebeten habe.

Trotzdem haben die Vorwürfe das Potenzial, an ihrem Image zu kratzen. Die 56-Jährige gilt als extrem diszipliniert und ehrgeizig. Bei Fehlverhalten ihrer Untergebenen greift sie rigoros durch. Das bekamen beispielsweise ihre für Rüstung zuständigen Spitzenbeamten Stéphane Beemelmans und Detlef Seelhausen zu spüren. Sie mussten kurz nach dem Amtsantritt von der Leyens ihre Posten räumen, weil sie den Ansprüchen ihrer Chefin nicht gerecht wurden. Sollte die Medizinische Hochschule Hannover ein Fehlverhalten von der Leyens feststellen, würde das ganz und gar nicht in das Bild der stets korrekten Oberbefehlshaberin der Bundeswehr passen.

Was bezwecken die Initiatoren vom VroniPlag Wiki mit ihrem Engagement? Angeblich geht es dabei nicht um Politik – sondern um die Wissenschaft. «Viele Mitwirkende wenden sich mit der Plagiatsdokumentation gegen akademisches und wissenschaftliches Fehlverhalten. Durch die Plagiatsdokumentation erlangt das Thema „Plagiat“ Aufmerksamkeit. Diskussionen werden angeregt und es entsteht ein Problembewusstsein, das der qualitativen Verbesserung von wissenschaftlichen Arbeiten dienlich ist», so heißt es auf der Seite de.vroniplag.wikia.com.

Und weshalb sind Plagiate kein Kavaliersdelikt? «In Hochschulschriften wird dadurch oft ein wissenschaftlicher Erkenntnisgewinn oder eine intensive Beschäftigung mit anderen Quellen vorgetäuscht oder frühere Ideen fremder Autoren werden als vermeintlich neue eigene Ideen ausgegeben. Plagiate führen oft dazu, dass falsche Autoren zitiert und verfälschte, verwässerte, unreflektierte, und unrichtige Inhalte wiedergegeben werden. Sie verhindern das Erbringen eines Erkenntnisfortschritts in wissenschaftlichen Arbeiten, der vielfach Voraussetzung zur Veröffentlichung wissenschaftlicher Texte ist», so meinen die Initiatoren. News4teachers / mit Material der dpa

Hier geht es zur Seite von VroniPlag.

Zum Bericht: Manipulationen und Plagiate bei der Doktorarbeit: Verführung ist für Mediziner besonders hoch

8 Kommentare

  1. Weil es sonst keiner macht. Nur weiter so. Vermeintliche Doktoren erschleichen sich damit Ansehen und Geld.

  2. Und wann fangen wir dann an, gegenseitig unsere alten Abiturklausuren und Klassenarbeiten zu überprüfen? Wo ist denn da die Grenze? Was hat denn die Möglichkeit, dass Frau von der Leyen in ihrer vermutlich mehr als 20 Jahre alten Dissertation ein paar ungenannte Quellen mit verwurstet hat, mit ihrer heutigen Eignung als Politikerin zu tun? Ehrlich: Bei solchen Maßstäben haben wir bald keinen mehr, der das Land regiert – wer tut sich das noch an? Für mich ist das übles Denunziantentum, was hier passiert. Anonym den alten Kram von Leuten durchwühlen, die man aufgrund ihres beruflichen bzw. politischen Erfolges auf dem Kieker hat – fies.

    • Dann lade ich mir morgen eine Doktorarbeit herunter und bezeichne mich ab übermorgen als Dr. X. Natürlich hat ihre Doktorarbeit nichts mit ihrer Eignung als Politikerin zu tun, wahrscheinlich nicht mal mit ihrer Eignung als Ärztin, aber warum schreibt sie dann überhaupt eine??? Wenn sie eine schreibt, dann muss sie sich eben an die wissenschaftlichen Standards halten. Für was gibt es ein Urheberrecht?

      • Sie könnten das wahrscheinlich auch ungeprüft machen – es sind ja anscheinend nur Politiker, deren Doktorarbeiten von den Hobby-Detektiven gecheckt werden. An die Wirtschaft trauen sich die anonymen Herrschaften offenbar nicht heran, und Otto Normaldoktor (wenn’s nur um die Reinerhaltung der Wissenschaft ginge, wäre der ja genauso interessant) ist offenbar zu langweilig.

      • Es wurden auch die Doktor-Arbeiten von Ärzten an der Berliner Charite untersucht – ist zwar nicht so bekannt, aber auch dort mussten Leute ihren Dr. zurückgeben.

  3. Dieses Verfahren hat den Vorteil, dass es gezielt nur Menschen schaden kann, die akademische Titel erhalten haben. „Arbeiter und Bauern“ schreiben keine Arbeiten, die man prüfen könnte.

    • Na, vielleicht doch – wie wäre es Abschlussarbeiten jeglicher Art, Examina, Staatsexamen und was es noch so gibt, auf Verstöße hin zu prüfen? Niemand, der je bei einer Steuererklärung gemogelt hat, soll sich mehr sicher sein! Brave new world.

  4. Wie richtiges Zitieren geht, lässt sich in vielen Leitfäden finden. Allerdings wird in den Hochschulen offenbar generell zu wenig gelehrt, was wissenschaftliches Schreiben eigentlich ausmacht.

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