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Neuer Streit um Hausaufgaben: Sind sie ungerecht – und sinnlos?

KÖLN. Hausaufgaben sollen die Selbstständigkeit der Schüler fördern – doch: Erfüllen sie diesen Zweck? Ein neues Buch nährt Zweifel: In „Hausaufgaben – Nein danke!“ vertritt der Journalist Armin Himmelrath die These, dass es höchste Zeit ist, das Instrument abzuschaffen. Es verstärke die Bildungsungerechtigkeit.

Nicht gerade die optimale Haltung für die Hausaufgaben. Foto: apdk / Flickr (CC BY 2.0)

Nicht gerade die optimale Haltung für die Hausaufgaben. Foto: apdk / Flickr (CC BY 2.0)

„Hausaufgaben sind zur Festigung der im Unterricht vermittelten Kenntnisse, zur Übung, Vertiefung und Anwendung der vom Schüler erworbenen Fähigkeiten und Fertigkeiten sowie zur Förderung des selbständigen und eigenverantwortlichen Arbeitens erforderlich“, heißt es in der baden-württembergischen „Verordnung des Kultusministeriums über die Notenbildung“. Ähnlich haben die anderen Länder ihre Vorgaben bezüglich der Hausaufgaben formuliert.

Peter Silbernagel, Vorsitzender des nordrhein-westfälischen Philologenverbands, ist vom Sinn der Hausaufgaben überzeugt. „Die Tatsache das sich Schülerinnen und Schüler selbstständig mit dem Lernstoff auseinandersetzen, ihn verarbeiten, ihn einüben, ihn vielleicht auch erweitern und sich eben intensiv damit beschäftigen, ist vom pädagogischen her absolut sinnvoll“, zitiert ihn der Westdeutsche Rundfunk (WDR).

Ganz anderer Meinung ist der Bildungsjournalist und dreifache Vater Armin Himmelrath. In seinem Buch „Hausaufgaben – Nein danke!“ (hep-Verlag, 16 Euro) vertritt er die These, dass es höchste Zeit ist, Hausaufgaben abzuschaffen. Himmelrath kritisiert im Deutschlandfunk das Konzept, das in der Regel hinter Hausaufgaben steckt und das nicht mit „der Individualisierung des Lernens“ einhergehe: „Es ist eigentlich schon nicht mehr up to date zu sagen, ich gebe meinen 25 oder 30 Kindern in der Klasse alle zur selben Zeit die gleichen Hausaufgaben auf.“ Darüber hinaus sei die Wirksamkeit von Hausaufgaben nicht erwiesen: „Es gibt einfach keine Studien, keine Belege dafür, dass Hausaufgaben was bringen. Schüler lernen nicht besser, sie lernen nicht schneller, sie verstehen Dinge nicht besser“, so Himmelrath. Hausaufgaben seien „ziemlicher pädagogischer Quatsch“.

Er schreibt in seinem Buch: „Betrachtet man die vorliegenden wissenschaftlichen Untersuchungen zum Thema Hausaufgaben zusammenfassend, so kommt man zu zwei Feststellungen: Von einer systematischen Steigerung von Leistung oder Wissen durch die Erledigung von Hausaufgaben kann nicht die Rede sein. Und: Die real zu beobachtende Hausaufgabenpraxis in den Schulen entspricht nur äußerst selten dem damit verbundenen Anspruch, Schlüsselqualifikationen zu vermitteln.“ Weiter heißt es: „Selbstwirksamkeitserfahrungen, Motivationssteigerungen, Selbststrukturierung bleiben in aller Regel auf der Strecke. Allerhöchste Zeit also, sich mit anderen Konzepten des eigenständigen Lernens zu befassen und ein pädagogisch unbegründetes Dogma, dass irgendwie schon immer gehen, Schule und Unterricht so zu gestalten, dass eigenständiges Lernen dort produktiv und in pädagogischer Begleitung stattfinden kann – zum Nutzen der Schüler und Lehrer gleichermaßen.“

Ganz richtig liegt Himmelrath damit nicht – jedenfalls nicht, was die wissenschaftlichen Befunde zu Hausaufgaben angeht: Der neuseeländische Bildungsforscher John Hattie schreibt in seiner richtungsweisenden Studie „Visible Learning“ Hausaufgaben alles in allem eine mittlere Effektstärke zu. Ein bisschen was bringen sie also offenbar schon. Allerdings lohnt hier der Blick ins Kleingedruckte: In der Grundschule ist ihr Effekt tatsächlich nahe null. In der Sekundarstufe aber haben die Schüler offenbar bereits Lernhaltungen und Kompetenzen vermittelt bekommen, die die Effektivität selbstständigen Lernens daheim wesentlich erhöhen.

Alternativ – und durchaus Hattie-konform – plädiert Himmelrath für Zeiten während des Schultages, in denen die Kinder selbstständig lernen können. Einige Schulen in Deutschland haben solche Lernzeiten als Hausaufgabenersatz bereits eingeführt, darunter vor allem gebundene Ganztagsschulen. Selbst der Vorsitzende der NRW-Philologen Silbernagel zeigt sich im WDR durchaus offen für die Möglichkeit, einen Teil der Hausaufgaben in die Schule zu verlegen. Für Armin Himmelrath ist der Vorteil der Lernzeiten eindeutig: Sie sind gerechter, da in der Schule jeder Schüler bei Bedarf Hilfe erhält – anders als zu Hause. News4teachers

6 Kommentare

  1. Ein absoluter Praktiker spricht!
    Hausaufgaben sind sinnvoll, weil
    – der Lehrende eine Rückmeldung bekommt, in wie weit der Stoff rezipeiert wurde
    – die Lernenden sich selber einschätzen können
    – wertvolle Versuche fü die Folgestunden ausprobiert werden
    – Kompetenzen eingeübt und manchmal auch „eingeschliffen “ werden
    Hausaufgaben sind unsinnig, wenn
    – Buchwissen reproduziert wird
    – Aufgaben reproduzier werden ohne neue Erkenntnis oder zumindest Fortführung
    – sie zur „Beschäftigngstherapie“ entarten

    rfalio

  2. Wir haben in unserer Schule Ganztagsklassen (ohne HA) und Halbtagsklassen (mit HA) parallel. Der Leistungsunterschied ist offensichtlich. Auch Bildungsjournalisten sollten die Gesetze der Gehirnbiologie akzeptieren: Beschäftigung mit Lerninhalten verankert diese besser. Allerdings ist Differenzierung nötig: nicht das STELLEN, sondern das AUSFÜHREN von Hausaufgaben ist lernwirksam.
    Dass differenzierte HA besser wären, dem wird jeder zustimmen. Sobald die Klassenfrequenz auf unter 10 gesenkt wird, machen wir das auch. Auch im homeschooling wird diese Forderung optimal erfüllt.

  3. Wieso bleiben bei Hausaufgaben „Selbststrukturierung … in aller Regel auf der Strecke“ ? Hausaufgaben sind doch das Paradebeispiel für Selbststrukturierung. In jeder schulischen Situation haben Schüler die Option nach einem Blatt, einem Stift, einem Stuhl zu fragen und irgendein Dummer wird sich finden und klein Ottmar alles bereitstellen, damit er seinen Mund hält und endlich anfängt. Klein Ottmar hat aber bereits die nächsten Fragen parat, damit er nciht anfangen braucht.

    Ich nutze Hausaufgaben gern, um Kindern Ruhe zu gönnen für eigene Überlegungen. Manche Kinder trauen sich wenig zu. Sie suchen in jeder schulischen Situation die Nähe zu Klassenkameraden, die schneller arbeiten, von denen sie nur abschauen brauchen, da sie der Meinung sind, es selbst ohnehin nicht zu können. Häufig bräuchten sie nur etwas nachdenken und würden dann selbst zur Lösung finden. In der schulischen Situation erleben sie regelmäßig, dass sie langsamer sind als andere. Sie hören aus Gesprächen Lösungswege heraus, die sie gar nciht nutzen wollten und versuchen sich dann an einem fremden Lösungsweg oder sind verunsichert, weil sie Gesprächen nicht folgen können.

  4. Ob Hausaufgaben sinnvoll sind oder nicht, mag man von mir aus gern diskutieren, aber bitte nicht wieder ob „gerecht“ oder „ungerecht“!
    Für mich gibt es kaum einen Begriff der ausgelutschter und missbrauchter ist für alle möglichen Rechthabereien aus den verschiedensten Lagern. Jedes operiert mit der Gerechtigkeitsfrage, weil diese offenbar noch immer jedes schlichte Gemüt anspricht und den Verstand beiseite schiebt oder links überholt.

  5. Hausaufgaben um der Hausaufgaben willen (nur weil Eltern und ggf. auch Lehrer meinen, es müsse doch welche geben !!!), halte ich für sinnlos. Hausaufgaben machen immer die, die sie eigentlich nicht nötig hätten – die fleißigen und pflichtbewussten Schüler nämlich. Die, die die (die die die 🙂 ) Hausaufgaben nötig hätten, weil sie üben müssen, weil sie noch Schwierigkeiten haben, machen sie meistens gar nicht !!! Und kriegen dann deswegen noch eine schlechte Note mehr u.U.

    Dann ist es sinnvoller, die Zeit, in der ich die Hausaufgabe anschreibe, erkläre und (später) vergleiche, also gut und gerne 10 Minuten, dafür nutzen, einfach mit der ganzen Klasse am Stundenanfang unter meiner Anleitung noch einmal eine Übung zu machen. Davon haben dann auch die Kinder etwas, für die Hausaufgaben zwecks Übung nötig wären.

    Hingegen Hausaufgaben, dass etwas zu lernen ist (ein Lied, ein Gedicht, das neue Thema, das dann mündlich oder schriftlich geprüft wird), ja, solche Hausaufgaben sind nötig und wenn die Kinder die machen würden, wäre ich schon sehr zufrieden !!!

  6. Und so werden in einem Buch wieder Thesen publiziert, die einfach nicht sitmmen. Die Leute springen darauf an und werden die Abschaffung der Hausaufgaben fordern. Naja Hauptsache man verkauft Bücher und verdient mit Falschinformationen Geld.

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