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Flexibler Unterrichtsbeginn: Gymnasium führt Gleitzeit für Schüler ein

ALSDORF. Wissenschaftlich scheint die Sache klar zu sein. Der frühe Unterrichtsbeginn, wie er in den meisten Schulen praktiziert wird, stellt ein „biologische Diskriminierung“ dar, die „Spätschläfer“ benachteiligt und ihnen Bildungschancen verwehrt – meint jedenfalls der renommierte Chronobiologe Till Roenneberg, Professor am Institut für Medizinische Psychologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Er fordert, den morgendlichen Start flexibel zu regeln und Klassenarbeiten erst ab 11 Uhr schreiben zu lassen. Tatsächlich hat ein Gymnasium im nordrhein-westfälischen Alsdorf jetzt reagiert – und eine Gleitzeitregelung für Oberstufenschüler eingeführt. Wer von ihnen will, darf dort statt zur ersten Stunde auch erst um 8.50 Uhr kommen.

Für viele Schüler beginnt der Unterricht zu ihrer "inneren Mitternacht", meint der Chronobiologe. Foto: Frank Stahlberg / flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

Für viele Schüler beginnt der Unterricht zu ihrer „inneren Mitternacht“, meint der Chronobiologe Roenneberg. Foto: Frank Stahlberg / flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

Das pädagogische Konzept des Alsdorfer Gymnasiums erlaubt ohnehin viel Flexibilität, wie die „Aachener Zeitung“ berichtet. Unterrichtet wird zum Teil nach dem reformpädagogischen Dalton-Prinzip, das auf ein hohes Maß an selbstständigem Lernen setzt. Der „Daltonplan“ ist eine Unterrichtsform, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts von der US-amerikanischen Reformpädagogin und Montessori-Schülerin Helen Parkhurst  entwickelt wurde. Sie führte das Prinzip 1920 an der Public-High-School in Dalton/Massachusetts ein (so kam es zu der Bezeichnung). Auch am Alsdorfer Gymnasium lernen Schüler in sogenannten „Dalton-Stunden“  individuell, aber unter Aufsicht von Lehrern. Jeder Schüler muss eine bestimmte Zahl solcher Stunden absolvieren, die auch quittiert werden – wann genau, das bleibt aber den Schülern überlassen.

Weil ab der Oberstufe das Kurssystem gilt, haben die Schüler ohnehin Freistunden am Tag. Sie können nun diese als „Dalton-Stunden“ nutzen. Oder aber sie kommen weiterhin zur ersten Stunde und nutzen den frühen Morgen dann für die Freiarbeit. Jeder Schüler hat also die Wahl.

„Mit unserem Unterrichtskonzept verlegt sich das Schulende nicht zurück“, so zitiert die „Aachener Zeitung“ den stellvertretenden Schulleiter. Deshalb habe es wohl auch schnell Zustimmung für die Idee von Seiten von Schülern, Eltern und im Kollegium gegeben. Der Stundenplan wurde zum Schulhalbjahr umgestellt – sogar eine wissenschaftliche Begleitung gab es für das Projekt. Mitarbeiter des Chronobiologen Roenneberg untersuchten das Schlafverhalten von 125 der 250 Oberstufenschüler der Schule vor und nach der Reform. Ergebnisse liegen erst für die Zeit vor der Umstellung vor – die aber sind eindeutig: Nicht einmal sieben Stunden schliefen die Alsdorfer Schüler im Schnitt. Eindeutig zu wenig. Zehn bis zwölf Stunden gelten für Jugendliche als optimal.

Bei Kindern sei die innere Uhr „früh dran“, sie seien also im Durchschnitt frühmorgens wach, sagt Wissenschaftler Roenneberg. Mit den Jahren verschiebe sich das Fenster nach hinten – bei Frauen bis zum Alter von etwa 19,5, bei Männern bis zum Alter von etwa 21 Jahren. Roenneberg: „Für Kinder ist der Schulbeginn um 8 Uhr also noch nicht so schlimm. Kritisch wird es ab etwa 14 Jahren. 19-jährige müssen teils während ihrer inneren Mitternacht am Unterricht teilnehmen. Wenn sie ausschlafen dürften, wären sie deutlich zugänglicher und aufnahmefähiger.“ So ließe sich nachweisen, dass Prüfungsnoten vom Chronotypus abhingen – also davon, ob der Schüler Früh- oder Spätschläfer sei. „Der Schulbeginn um 8 Uhr stellt eine echte biologische Diskriminierung dar. Überspitzt gesagt entscheidet sich dadurch, ob jemand nach dem Abitur Medizin studieren kann oder nicht“, sagt der Psychologe.

Er fordert: „Langfristig müsste man das ganze System ändern und den Schulzeitbeginn zumindest für ältere Schüler nach hinten verlagern.“

In Alsdorf wurde ja nun ein Anfang gemacht. Fest steht nach einer ersten Auswertung, dass die Oberstufenschüler im Schnitt zwei bis drei Mal pro Woche erst zur zweiten Stunde gekommen seien, um länger und mehr schlafen zu können, berichtet die „Aachener Zeitung“. Nur sehr wenige Schüler seien stets zur ersten Stunde gekommen. Das habe aber nicht immer daran gelegen, dass sie Frühaufsteher sind – sondern auch an ungünstigen Busverbindungen. News4teachers

Hier geht es zum Bericht der „Aachener Zeitung“.

Hier geht es zu einem Interview mit dem Chronobiologen Roenneberg.

 

3 Kommentare

  1. Warum nicht, wenn das Unterrichtskonzept die Gleitzeit ermöglicht und die Gesamtstundenzahl gleich bleibt.

    Das Argument mit dem mehr schlafen halte ich aber für gewagt, weil zum Einen durch den 50 Minuten späteren Unterrichtsbeginn der Schlafmangel von über drei Stunden nicht ausgleicht und zum Anderen ein späterer Unterrichtsbeginn auch eine spätere Schlafenszeit zur Folge haben kann.

    Übrigens: Das Dalton-System kann man auch einführen, um krankheitsbedingte Ausfälle nicht mehr fachfremd vertreten lassen zu müssen. Dalton-Stunden sind ja nicht mehr als Aufsicht, die Schüler arbeiten alle an eigenen Aufgaben aus den verschiedensten Fächern. Besonders die nicht vorbereitbaren Spontanvertretungen in der ersten Stunde fallen dann in der Statistik nicht mehr auf.

    • Sicherheitsbedenken:

      Es muss ebenfalls dafür Sorge getragen werden, dass ein Zusammenstoßen der später kommenden Schülergruppen mit denen, die eher gehen vermieden, verhindert werden kann. Wenn die Massen nämlich unkontrolliert aufeinanderprallen, tritt der GAU ein – der ganztägig anhaltende Unterrichtsausfall.

      • … bei gleichzeitiger Anwesenheitspflicht aller Lehrkräfte. Die Aufsicht für noch so wenige potenziell schon oder noch anwesender Schüler muss sichergestellt sein.

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