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Dass Kinder malen, gilt als normal – komponieren nicht. Warum eigentlich nicht?

MÜNCHEN. Komponieren sei wertvoll für die Persönlichkeitsbildung, sagt ein Experte. Und bemängelt, dass sich viel zu wenig Kinder mit Tönen auseinandersetzen. Doch es gibt Ausnahmen.

haben: das Wunderkind Wolfgang Amadeus Mozart, hier auf einem Ölgemälde von 1763. Illu: Wikimedia Commons

Soll schon mit fünf Jahren komponiert haben: das Wunderkind Wolfgang Amadeus Mozart, hier auf einem Ölgemälde von 1763. Illu: Wikimedia Commons

David Vorraber ist zwölf und tut etwas, das kaum jemand in seinem Alter tut: Er komponiert Musik. Wenn es nach zuständigen Verbänden geht, sollten viel mehr Kinder komponieren. Sie wollen, dass mehr Heranwachsende mit Noten spielen.

Bilder zu malen, sei für Kinder ganz normal, sagt Philipp Vandré vom Verband Jeunesses Musicales Deutschland (JMD), einer Organisation zur musikalischen Förderung junger Menschen. Der Umgang mit Musik hingegen beschränke sich meist auf das Spiel nach Noten oder die Interpretation von Musikstücken. Komponiert wird fast nirgends. Denn beim Musizieren komme es spätestens mit Erlernen eines Instruments auf richtig oder falsch an, sagt Vandré. Dadurch steigt die Hemmschwelle. «Keiner käme auf die Idee, einem Kind das Malen zu verbieten, weil es kein Picasso ist.» Er wünscht sich einen entspannteren Umgang mit Kindern, die Musik erfinden – egal, ob falsch oder richtig.

Auch der Verband deutscher Musikschulen (VdM) möchte das Fach an seinen Einrichtungen stärken. «Komponieren gehört zur Musik, ist ein wesentlicher Teil der Musik», sagt der zweite Vorsitzende Friedrich-Koh Dolge, der auch Schulleiter der städtischen Musikschule in Stuttgart ist.

Für David ist das Komponieren längst selbstverständlich. Der Junge aus Zellingen bei Würzburg, dessen Eltern Berufsmusiker sind, musiziert seit seinem vierten Lebensjahr. Vier Jahre später hat er begonnen, auf Klavier und Laptop mit Tönen zu spielen. Seit er neun ist, absolviert er ein Frühstudium an der Würzburger Musikhochschule.

Anfangs habe er Noten – etwa von Mozart – abgeschrieben, «um zu schauen, wie der das gemacht hat». Heute läuft das anders: «Ich probiere erstmal irgendwas aus am Flügel und wenn ich denke, das klingt gut, schreibe ich das auf.» Manchmal kommt so in zwei Stunden ein Takt zustande, manchmal 30 Takte in einer Stunde. Mit seiner «Toccata» hat David den Förderpreis des JMD-Wettbewerbs «Jugend komponiert» in der Altersgruppe der 12- bis 13-Jährigen gewonnen.

Komponieren stärkt die Persönlichkeit

Vandré gerät ins Schwärmen, wenn er über das Komponieren spricht. «Kaum etwas ist für die Persönlichkeitsbildung so wertvoll wie das Musikerfinden.» Auf der einen Seite stehe die Möglichkeit, ganz neue Klangwelten zu entwickeln. Auf der anderen Seite müsse mit jedem Takt eine Entscheidung getroffen werden.

Eine ästhetische Reflexion dürfe man von Kindern indes nicht erwarten, sagt Vandré. «Aber bewusste Klangvorstellungen entwickeln und die in Zusammenhang stellen – das können Kinder schon.»

David beschreibt seinen eigenen Stil als rhythmisch und modern mit schrägen Melodien. Er mag die Komponisten Frédéric Chopin und Robert Schumann, aber auch Aram Chatschaturjan oder George Gershwin. Nachahmen möchte er deren Stil aber nicht – er macht sein eigenes Ding. Und hat auch schon ein Stück für das Streicher-Orchester seiner Schule komponiert.

Was es dazu braucht? «Man muss hören können und Lust haben, mit Klangwelten zu spielen», sagt Vandré. Eigentlich würden Kinder damit ganz von selbst beginnen. «Erst in dem Moment, wenn sie ein Instrument in die Hand kriegen, geht es um richtig oder falsch. Dann ist kein Platz mehr für den freien, kreativen Bereich.»

Der Verband der Musikschulen möchte das ändern – und gab dem Lehrplan, der Ende April erschienen ist, einen neuen Namen. Statt wie bisher «Musiktheorie» heißt der Lehrplan für die Musikschulen jetzt «Musiktheorie und Komposition». «Es wäre ein großer Fortschritt, wenn wir an jeder öffentlichen Musikschule das Fach Komponieren anbieten können», sagt Dolge. Ihm zufolge ist die Zahl der Kompositionsschüler seit 1998 auf konstant niedrigem Niveau. Auch die Zahl der Studenten mit Kompositionsabschluss ist gering: Laut Daten des Statistischen Bundesamtes pendelt sie seit 1998 zwischen 37 (2002) und 77 (2006).

David wollte früher mal Dirigent werden, jetzt denkt er über ein Leben als Lehrer nach – das sei sicherer. Und was wird aus seinen Kompositionen? «Die sollen möglichst auf großen Bühnen aufgeführt werden», sagt David. Das Komponieren bleibt ein Hobby – aber seine Musik soll bekannt werden. Von Michel Winde, dpa

Hier gibt es pädagogische Weiterbildungen für Komponisten – und kompositorische für Lehrer.

Ein Kommentar

  1. Dass Kinder Mathe sch***e finden, gilt als normal, Sport nicht. Warum eigentlich?

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