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Dyskalkulie: Mehr Arbeitsblätter für zu Hause helfen betroffenen Kindern nicht

BERLIN. In vielen Bundesländern hat die Schule begonnen, und für Kinder mit einer Dyskalkulie beginnt ein Teufelskreis. Sie können noch nicht einmal die einfachsten Rechenaufgaben lösen und bekommen deshalb zusätzliche Arbeitsblätter zur Übung. Für viele Pädagogen und Eltern ist das nicht nachvollziehbar, denn Mathematik ist im ersten oder zweiten Schuljahr eigentlich für die meisten Kinder kein Problem. Hilfe verspricht, so teilt der Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie (BVL) mit, eine fachkompetente Dyskalkulietherapie.

Häkchen dran und Marienkäfer-Stempel? Für Kinder mit Dyskalkulie ohne Hilfe kaum zu schaffen. Foto: Onderwijsgek / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0 NL)

Häkchen dran und Marienkäfer-Stempel? Für Kinder mit Dyskalkulie ohne Hilfe kaum zu schaffen. Foto: Onderwijsgek / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0 NL)

„Nils ist jetzt in die 2. Klasse gekommen, und seit seiner Einschulung kämpft er mit dem Rechnen. Er bekommt von seiner Lehrerin immer zusätzliche Arbeitsblätter, damit wir zu Hause üben. Aber irgendwie kommen wir nicht voran, weil Nils ohne meine Hilfe keine Aufgabe lösen kann“, sagt Nils Mutter. „Für Nils ist Mathe wie eine Fremdsprache, die er nicht versteht. Wir sind schon ganz verzweifelt“, klagt Nils Mutter am BVL-Beratungstelefon.

Beim BVL melden sich viele ratsuchende Eltern mit genau diesem Problem. Ihre Kinder sollen Rechenaufgaben lösen und haben keine Vorstellung, was sich hinter einer Menge oder Zahl verbirgt. Ob 8 größer als 6 ist oder welche Bedeutung eine Addition oder Subtraktion hat, ist für sie nicht zu erfassen. Rund sechs Prozent aller Schülerinnen und Schüler leiden unter einer Dyskalkulie. Für sie sei es entscheidend, dass sie durch eine qualifizierte Lerntherapie erst einen Zugang zu Zahlen und Mengen erhalten, bevor sie Rechenoperationen durchführen. „Für mich war das lange auch nicht verständlich, warum sich meine Tochter so schwer tut mit dem Rechnen, bis wir die Diagnose einer Dyskalkulie erhalten haben. Erst durch eine zielgerichtete Dyskalkulietherapie hat es meine Tochter geschafft, ihren Weg erfolgreich zu gehen“, sagt die BVL-Bundesvorsitzende Christine Sczygiel. „Den Kindern wird das Leben unnötig schwer gemacht, wenn man sie mit Arbeitsblättern quält, obwohl ihnen die Grundlagen fehlen, die Aufgaben zu lösen. Das führt letztendlich dazu, dass Kinder psychisch daran zerbrechen“, erläutert Sczygiel.

Der Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie trage durch seinen Weiterbildungsstandard zum „Dyskalkulietherapeuten nach BVL“ mit dafür Sorge, dass es Therapeuten gibt, die Kinder mit einer Dyskalkulie anforderungsgerecht therapieren können. Eine Lerntherapie sei nicht vergleichbar mit einer schulischen Stoffwiederholung oder außerschulischen Nachhilfe. Sie gehe individuell auf den aktuellen Lernstand des Kindes ein und versuche herauszuarbeiten, wie es dem Kind gelingt, den Zugang zu Zahlen und Mengen zu erhalten. Das könne bei jedem Kind sehr unterschiedlich sein. Erst danach könne damit angefangen werden, die ersten Rechenoperationen durchzuführen.

Für Schulkinder mit einer Dyskalkulie bedeute das, dass die Mitschüler vielleicht schon Multiplikationsaufgaben lösen, sie selber aber erst die Addition beherrschen. Es sei dann weder in der Lage, die Anforderungen in den Klassenarbeiten zu erfüllen, noch die zusätzlichen Arbeitsblätter zu lösen. „Hier muss auch die Schule Rücksicht nehmen und individuell auf das Kind eingehen, damit es den Kopf nicht in den Sand steckt, sondern seine Lernfortschritte sieht“, fordert Sczygiel.

Hier gibt es weitere Beratung und Information – auch eine Liste geeigneter Therapeuten.

 

6 Kommentare

  1. Alles schön und gut. Bei Dyskalkulikern stehe ich immer vor dem Problem, dass dies nicht im schulischen Sinn als Beeinträchtigung zählt und kein Notenschutz wie bei einer Lese- oder Rechtschreibstörung gewährt wird. Auch in dem ganz neuen Schulgesetz meines Bundeslandes wurde wieder Dyskalkulie nicht berücksichtigt. Obwohl obiger Bundesverband über seinen Landesverband sich sehr bemüht hat, hat er die Anerkennung nicht erreicht.Dyskalkulie ist in meinem Bundesland für eine Notenaussetzung/differenzierte Leistungskontrolle nicht anerkannt. Man kann da drehen und wenden wie man will, wie man es macht, ist es nicht richtig. Wenn ich die Schüler differenziert in einem anderen mathematischen Gebiet arbeiten lasse, was Sinn macht, dann können sie von dem nächstfolgenden überhaupt nichts und die schlechte Note ist vorprogrammiert. Es ist zwingend erforderlich, dass sich da etwas ändert um im obigen Sinn differenzieren zu können. Die einzige gute Erfahrung, die wir gemacht haben, ist, Dyskalkulie bei einem versierten außerschulischen Therapeuten behandeln zu lassen, doch die gibt es nicht flächendeckend.

    • Wie soll man da auch differenzieren. Ein falsches Ergebnis ist ein falsches Ergebnis. Wenn er sich nur um 1 verrechnet hat ist es Dyskalkulie, wenn er sich um 2 verrechnet hat nicht mehr? Bei Wörtern kann man ja trotz falscher Rechtschreibung noch erkennen, was der Schüler gemeint hat. Insofern kann man das leichter trennen.

      • Man kann schon erkennen, warum Kinder so oder so rechnen und aus den Ergebnissen der Kinder und durch die Beobachtung der Vorgehensweise einiges ablesen.
        Auch erkennt eine erfahrene Lehrkraft durchaus, ob das Kind immerwährend zählt und ob ein Kind die Aufgaben nicht automatisiert, weil es gar nicht übt und sich nicht bemüht, oder ob das Verständnis für Zahlwerte vollständig fehlt.

        Ebenso, wie nicht jeder, der viele Rechtschreibfehler macht, LRS hat, muss man auch bei der Dyskalkulie genau hinschauen.
        Um so schwieriger ist es, diesen Kindern wirklich zu helfen, weil es nicht darum geht, einfach noch ein paar Aufgaben mehr zu rechnen, sondern das Zahlverständnis grundlegend aufgebaut werden muss.

      • Ergänzend muss man noch sagen, dass es ganz klare Forschungsergebnisse für Dyskalkulie gibt und es ziemlich deutlich umrissen ist, woran man Dyskalkulie erkennt. Auch die Hirnforschung belegt Dyskalkulie, wie ich einmal in einem Kongress mitbekommen habe. Bei den Förderansätzen/Therapien waren jahrelang unterschiedliche Ansatzpunkte zu beobachten, doch so langsam nähern sich die Ansätze an. Ein Dyskalkuliker kann nur ganz schwer Zahlenvorstellungen aufbauen; er muss quasi alles auswendig lernen. Wenn dann die schriftlichen Rechenverfahren eingeführt sind, erkennt man ihn nicht so leicht, denn das ist ja Stellenwertrechnen und da kann er im einfachen Zahlenraum bleiben. Ebenso findet man oft in der Geometrie keine Auffälligkeiten. Dyskalkulie sollte möglichst früh in der Grundschule erkannt werden. Auf der Homepage des Bundesverbandes oben werden übrigens einige Kriterien aufgezählt, woran man Dyskalkulie erkennen kann.
        Schlecht in Mathe sein heißt von vorneherein nicht Dyskalkulie. Bei uns kann man auf Dyskalkulie testen lassen; es ist wie Legasthenie eine Teilleistungsstörung bei normaler Intelligenz nur halt leider ohne Konsequenz in Richtung Notengebung.

  2. „Die Krankenkassen tragen die Kosten einer Lerntherapie nicht, sondern lediglich für die Behandlung körperlicher oder psychischer Erkrankungen, die Folge der Legasthenie oder Dyskalkulie sein können. Sie sollten mit einem längeren Zeitraum der Therapie rechnen und leider in den meisten Fällen auch damit, die Kosten selbst tragen zu müssen.“

    Die Schulen sollen…
    Die Schulen, sprich die Lehrkräfte, würden ja womöglich sogar gern, aber es gibt keinerlei Ressourcen.
    Ein Kind mit Dyskalkulie benötigt eine 1:1 Förderung oder zumindest eine in einer sehr kleinen Gruppe, dazu sollte diese Förderung intensiv und häufig stattfinden. Dies kann aber nicht gewährt werden.

    Dass Schulen nur zusätzliche AB mit nach Hause geben würden, ist eine unverschämte und haltlose Behauptung.
    Arbeiten Lerntherapeuten nicht AUCH mit AB?

    In meinem Bundesland kann man für Mathematik innerhalb der Grundschule die Note aussetzen, danach aber nicht mehr. Die Vorgaben zum Nachteilsausgleich sind zudem sehr schwammig
    und die Bedinungen zur individuellen Förderung innerhalb der Inklusion sind so unzureichend, dass man den Kindern nur schwer gerecht werden kann (wenn überhaupt).

  3. Die im Text genannten 6% Dyskalkulie oder 1-2 pro Klasse finde ich viel zu viel, weil ich in meiner gesamten Lehrerkarriere erst von zwei austherapierten Diskalkuliefällen gearbeitet habe, jedoch mit den üblichen 10-20% schwachen Mathematikern, von denen aber der überwiegende Teil u.a. pubertätsbedingt viel zu wenig Anstalten machte, um daran etwas ändern zu wollen. Schlecht in Mathematik zu sein, ist gesellschaftlich ja auch anerkannt.

    Nachtrag, aber ohne eine Grundsatzdiskussion eröffnen zu wollen: Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass es so viel mehr (echte) LRS-Fälle als (echte) Dyskalkulie-Fälle gibt. Ich trenne da vielleicht zu sehr zwischen nicht gekonnt und nicht (ausreichend) gelernt. Den Nachteilsausgleich wegen LRS gibt es meiner Meinung nach auch viel zu leicht.

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