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GEW-Studie zur Lehrer-Arbeitszeit: Zwei Drittel arbeiten an fast jedem Wochenende – Teilzeitkräfte besonders benachteiligt

HANNOVER. Der Streit um die Arbeitszeit von Lehrern ist in vollem Gange. Nachdem das Oberverwaltungsgericht Lüneburg dem Land Niedersachsen untersagte, die Arbeitszeit von Gymnasiallehrern willkürlich zu erhöhen, zieht das Thema weitere Kreise. Jetzt hat die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Niedersachsen eine eigene Studie zur Arbeitszeiterfassung vorgestell. Die betrifft zwar Niedersachsen, wirft aber ein Schlaglicht auf die Belastungssituation von Lehrkräften in Deutschland. 

Die Ergebnisse der  niedersächsischen Studie zur Arbeitszeit 2015/2016:

  • Lehrkräfte arbeiten mehr als der Sollwert, die 40-Stunden-Woche der Verwaltungsbeamten.
  • Im Durchschnitt wird an Gymnasien 3:05 Stunden, an Grundschulen 1:20 Stunden über dem Soll gearbeitet. Allein am Gymnasium sind das etwa 50.000 unbezahlte Überstunden pro Woche bzw. ca. zwei Mio. Überstunden pro Jahr.
  • Teilzeit-Lehrkräfte leisten enorm viel unbezahlte Mehrarbeit: an Gymnasien 4:07 Stunden, an Gesamtschulen 2:31, an Grundschulen 2:00 Stunden pro Woche.
  • Vollzeitlehrkräften fehlt die Zeit für Vor- und Nachbereitung.
  • Entschieden zu wenig Zeit für außerunterrichtliche Tätigkeiten an Grundschulen.
  • Fast jede fünfte Vollzeitlehrkraft an Gymnasien arbeitet über 48 Stunden pro Unterrichtswoche, an Grundschulen ist es jede sechste, an Gesamtschulen jede siebte.
  • Auch bezogen auf die Gesamtheit gibt es eine hohe Arbeitsbelastung während der Unterrichtszeit: An Gymnasien und Grundschulen über 45 Stunden (45:15 Stunden bzw. 45:06 Stunden) bzw. über 43 Stunden an Gesamtschulen (43:05 Stunden).
  • Pausen und Erholzeiten während der Schulwochen sind so gut wie nicht vorhanden: zwei Drittel aller Lehrkräfte arbeiten an fast jedem Wochenende.
  • 54 Prozent arbeiten trotz Krankheit an Unterrichtstagen, auch vor der Klasse.
Unbezahlte Überstunden - vor allem am Schreibtisch zu Hause - gehören zum Lehrer-Alltag. Foto: vickysandoval22 / flickr (CC BY 2.0)

Unbezahlte Überstunden – vor allem am Schreibtisch zu Hause – gehören zum Lehrer-Alltag. Foto: vickysandoval22 / flickr (CC BY 2.0)

Die gesundheitsgefährdenden Belastungen für Lehrkräfte seien damit offensichtlich, folgert die GEW.  Die Studie werde in Ruhe ausgewertet, um zu beraten, welche Forderungen an eine neue Arbeitszeitverordnung Schule daraus abgeleitet werden kann. Für den Landesvorsitzenden der GEW, Eberhard Brandt, ergeben sich folgende Schlüsselfragen:

  • Wie können Vollzeitkräfte und Teilzeitkräfte genug bezahlte Zeit für die außerunterrichtlichen Tätigkeiten erhalten, die ihrem hohen Professionalitätsanspruch entsprechen?
  • Wie können Teilzeitkräfte die bisher unbezahlte nicht-teilbare Arbeit (z.B.: Klassenleitung, Konferenzen, Dienstbesprechungen) vergütet bekommen?
  • Wie kann die empirisch eindeutig ermittelte erhebliche unbezahlte Mehrarbeit der Gymnasial- und Grundschullehrkräfte abgebaut werden?
  • Wie können die eindeutig gesundheitsgefährdenden Spitzenbelastungen und fehlenden Erholzeiten aufgefangen werden?

Die GEW zieht fürs Erste folgende Schlussfolgerungen:

  • Aus und vorbei ist es mit jedem Versuch, die Unterrichtsverpflichtung zu erhöhen. Die Karten für mehr Entlastungen hingegen sind neu gemischt.
  • Die Unterrichtsverpflichtung muss reduziert werden, um die unbezahlte Mehrarbeit abzubauen und Vollzeit- und Teilzeitlehrkräften angemessene Zeiten für die Vor- und Nachbereitung des Unterrichts zu ermöglichen.
  • Für Teilzeit-Lehrkräfte muss es eine spezielle Regelung in der Arbeitszeitverordnung geben, damit die tatsächlich geleistete Vor- und Nachbereitung des Unterrichts sowie die nicht-teilbaren Aufgaben vom Land bezahlt werden.
  • Für das Auffangen von besonderen Belastungen muss es eine deutliche Anhebung der Anrechnungsstunden geben, die in den Schulen gezielt verteilt werden.

Die GEW Niedersachsen hatte die Studie bei der Universität Göttingen in Auftrag gegeben. Die Einträge von 2869 Lehrkräften aus 255 Schulen von Ostern 2015 bis Ostern 2016 flossen ein. Die Ergebnisse sind für drei Schulformen repräsentativ: Gymnasien, Grundschulen, Gesamtschulen. Die Ergebnisse der anderen Schulformen haben lediglich den Charakter von Pilotstudien. Die Studie erfüllt die Anforderungen, die das niedersächsische Oberverwaltungsgericht in seinem Urteil zur Erfassung der tatsächlichen Arbeitszeit der Gymnasiallehrkräfte formuliert hat.

Die GEW hat angekündigt, die Ergebnisse in die Arbeitszeitkommission einbringen, die das Kultusministerium im August einsetzen will. Diese Kommission soll der Landesregierung Vorschläge für eine gerichtsfeste Gestaltung der Arbeitszeit vorlegen. nin

Die ausführlichen Ergebnisse der Studie lesen Sie hier

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3 Kommentare

  1. Eigentlich nix neues im Staate Deutschland. Die Arbeitgeber wissen schon, warum sie die Lehrerarbeitszeit nicht erheben.

  2. Wenn man die Studie im einzelnen nachliest und die Diagramme anschaut, wird klar:
    Die meiste Arbeitszeit von Lehrern aller Schuluarten liegt außerhalb des Unterrichts. Das wird von der Öffentlichkeit so nicht wahrgenommen bzw. kann gar nicht wahrgenommen werden.
    Vollzeitlehrer arbeiten über das erträgliche Maß hinaus, Teilzeitlehrer sind billige Arbeitskräfte. Den Trend, dass jemand Teilzeit nimmt, um den Qualitätsmaßstäben zu genügen, kann ich so bestätigen.
    Es wird im Vergleich zudem klar, wo die unterschiedlichen Schwerpunkte der Schularten liegen.
    Was mir fehlt ist eine Erfassung der Arbeitszeit in den Schulferien und die Berufsschullehrer.
    Ich würde mir wünschen, dass solche Studien in allen Bundesländern mit ihren unterschiedlichen Schulsystemen gemacht werden und am besten alles in eine Metastudie eingearbeitet wird. Die Krux: Ein Interesse an solchen Studien haben wahrscheinlich nur die Lehrerverbände und Studien kosten Geld.

  3. Die GEW hatte zur Teilnahme an der Studie aufgerufen, die von der Uni Göttingen durchgeführt wurde. Von den Berufsschulen, wie auch von den FöS (die zum Großteil in der Aufhebung sind) und von den Haupt-/Real-/und Oberschulen (wie RealschulePlus) war die Beteiligung so gering, dass die Werte als nicht repräsentativ eingestuft wurden.

    Die Arbeitszeit wurde ein komplettes Jahr lang erfasst – von Ostern bis Ostern in etwa. Dabei wurden auch die Arbeitszeiten in den Ferien erfasst.
    Schwierig ist, das merke ich auch hier im Forum, in den Diskussionen sauber dazulegen, was genau die genannte Mehrarbeit umfasst.
    Bei den Zahlen wurden die Ferien herausgerechnet und die Arbeitszeit von 40 Std/Woche auf die Schulwochen umgelegt. „JedeR LehrerIn müsste bei Null-Arbeit in den Ferien 46:38 Stunden in der Unterrichtszeit arbeiten, um die 40-Stunden-Woche der BeamtInnen zu erreichen.“ Diese 46:38 h werden als „Normwoche“ deklariert.
    Sagt man „3 Stunden mehr“, kommt als Argument, 3 Std. seien nicht viel und die Ferien lang.
    In Wirklichkeit beziehen sich „3 Stunden mehr“ aber auf die Normwoche, die Arbeitszeit liegt also im Durchschnitt noch 3 Std. höher als die Normwoche… und LuL arbeiten zusätzlich auch in den Ferien, an Feiertagen etc.

    Die Studie wurde übrigens in Auftrag gegeben, nachdem das Land die Arbeitszeit der Gymnasiallehrkräfte um 1 Stunde erhöhen wollte.
    „Die Studie erfüllt die Anforderungen, die das niedersächsische Oberverwaltungsgericht in seinem Urteil zur Erfassung der tatsächlichen Arbeitszeit der Gymnasiallehrkräfte formuliert hat. “
    Formuliert wurde, dass die Arbeitszeit nicht ohne Erfassung der tatsächlichen Arbeitszeit durchgesetzt werden könne. Daraufhin wurde die Studie seitens der GEW initiiert.
    Das Land selbst hat eine anders gelagerte Studie in Auftrag gegeben (wird von der Uni Lüneburg durchgeführt und ausgewertet) und o.g. Arbeitszeitkommission angekündigt.

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