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Analyse: Was macht Schleswig-Holstein richtig – und Baden-Württemberg falsch?

KIEL/STUTTGART. Fleißige Lehrer und eine solide Schulstruktur auf der einen Seite, Unruhe im Bildungssystem und Qualitätsprobleme auf der anderen: Auf- und Absteiger des Kompetenz-Rankings in einer Gegenüberstellung.

In Bildungsvergleichen hat SCHLESWIG-HOLSTEIN lange schlecht abgeschnitten. Nun bringen die Neuntklässler das Land im Norden mit guten Test-Leistungen in Deutsch und Englisch unter die Top 3. Das von SPD, Grünen und Südschleswigschem Wählerverband regierte Land Seite an Seite mit den unions-geführten, traditionell auf Leistung setzenden Bayern und Sachsen – wie konnte das geschehen?

Eine klare Antwort aus Kiel gibt es nicht, aber einige Bausteine. Zum einen spielt Qualität eine größere Rolle, seit die Schulstruktur mit Gymnasien und Gemeinschaftsschulen steht und nicht angetastet wird. Das akzeptierte Zwei-Säulen-Modell biete einen guten Rahmen, um sich auf die Verbesserung der Qualität zu konzentrieren, sagt Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Britta Ernst (SPD).

Will mehr Stellen für die Inklusion schaffen: Britta Ernst. Foto: SPD Schleswig-Holstein / flickr (CC BY 2.0)

Kann stolz sein: Britta Ernst, Bildungsministerin in Schleswig-Holstein. Foto: SPD Schleswig-Holstein / flickr (CC BY 2.0)

Sie sieht auch eine Bestätigung für Programme wie «Lesen macht stark – niemanden zurücklassen». Darüber seien mit Lesemappen 77 000 Schüler gefördert worden, mit 600 sogenannten Lesecoaches im Einsatz.

Eine wichtige Rolle spielt auch ausgeprägter Fortbildungsfleiß der Lehrer im Norden. Von den Befragten sagten 87 Prozent, sie nähmen regelmäßig an Fortbildungen teil. Dieses hohe Engagement der Lehrer macht offenkundig zum Teil auch wett, dass der Norden bei den Ausgaben je Schüler noch hinterherhinkt.

Die Bildungsgewerkschaft GEW fügt anerkennend hinzu, an den seit 2007 eingeführten Gemeinschaftsschulen gebe es mehr Lernzeit und Differenzierungsmöglichkeiten als davor an Haupt- und Realschulen. Der gemeinsame Unterricht führe zudem dazu, dass leistungsschwächere Schüler von den besseren lernen.

In BADEN-WÜRTTEMBERG ist der Katzenjammer groß. Vom erfolgsverwöhnten Primus hat sich das Land in Richtung der Schlusslichter entwickelt. Vor den niederschmetternden Ergebnissen der IQB-Bildungsstudie im Fach Deutsch hatten bereits zwei andere Untersuchungen dem Land jüngst attestiert, es hinke beim Ausbau von Ganztagsschulen hinterher.

Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) steht kurz nach Beginn ihrer Amtszeit vor großen Herausforderungen. Vor allem will sie der Frage auf den Grund gehen, ob die Lehrkräfte effizient genug eingesetzt sind. Dabei hofft sie auf Hilfe vom Landesrechnungshof, der den Ressourceneinsatz überprüften soll.

Anders als Parteikollegen gefällt sich die Christdemokratin nicht darin, mit dem Finger nur auf ihre Vorgänger zu zeigen. Da die Kompetenzen der Neuntklässler im Mittelpunkt standen, kann weder die von Grün-Rot eingeführte Gemeinschaftsschule verantwortlich für das Desaster sein, noch der Wegfall der verbindlichen Grundschulempfehlung, verbunden mit der Möglichkeit einer Ablehnung durch die jeweilige Schule.

Dennoch wird das Thema im «Ländle» für parteipolitische Scharmützel genutzt. Die oppositionelle FDP-Fraktion spricht von der «giftigen Saat einer linksideologischen Schulpolitik», die jetzt aufgegangen sei. CDU-Fraktionsvize Winfried Mack sieht in den einst von Grün-Rot initiierten Reformen an einer ehemals funktionierenden und leistungsstarken Schulstruktur den Grund für das Abrutschen im bundesweiten Ranking. Und auch der Philologenverband hält die «massive Umgestaltung der Schulstruktur» unter der jetzt durch Grün-Schwarz abgelösten Regierung für die Ursache von Verlusten.

Eisenmann hält sich mit schnellen Urteilen über das Ranking-Fiasko zurück. Es gebe an den Schulen im Südwesten ein Qualitätsproblem, «Hauruck-Antworten» will sie aber nicht geben. «Die Studie führt uns drastisch vor Augen, dass wir uns auf die Kernkompetenzen konzentrieren sollten, statt immer mehr Schulversuche zuzulassen», sagt die CDU-Frau. Wolfgang Schmidt und Julia Giertz, dpa

10 Kommentare

  1. Zitat:
    “Zum einen spielt Qualität eine größere Rolle, seit die Schulstruktur mit Gymnasien und Gemeinschaftsschulen steht und nicht angetastet wird.”

    Soso, Qualität soll also dafür verantwortlich sein 🙂 wer hätte es gedacht. Vielleicht ist das Erfolgsrezept, dass die Schulen einfach mal in Ruhe gelassen werden und einfach ihre Arbeit machen dürfen.
    Das nächste Unheil steht ja schon am Bildungshimmel: Kompetenzgedöns.

    • Lesen Sie meine Antwort auf @xxx an andere Stelle, Sie werden den Qualitätsgewinn nachvollziehen können.

    • Kompetenzgedöns:
      So schlimm finde ich das “Kompentenzgedöns” nicht. Es kann sogar eine Bereicherung sein. Ich arbeite seit diesem Schuljahr komplett mit dem kompentenzorientierten Lehrplan in der Grundschule By. Dabei stelle ich fest: Die Inhalte wurden im Lehrplan zumeist zum Positiven überarbeitet. Man hat aus den Fehlern des vorangegangenen Lehrplans gelernt. Viele im Lehrplan beschriebenen Kompetenzen sind seit Jahren selbstverständlich, wurden jetzt nur niedergeschrieben. Kompetenzen, die heute gemacht werden sollten, sind jetzt im Lehrplan fixiert wie das Argumentieren bzw. das Begründen und das Reflektieren über eigenes Lernverhalten. Übertrieben finde ich, dass auch in Fächern wie Kunst und Musik zu sehr begründet werden muss. Selbst Sport ist nicht ganz ausgenommen davon.
      Wer in Mathematik begründen kann, warum er so gerechnet hat, beweist doch nur, dass er es verstanden hat? In den Schulbüchern sind jetzt ganz verständlich verschiedene Lernmethoden und entsprechende Fragestellungen fixiert. Z.B. baut sich ein von uns benutztes Lesebuch so auf, dass Kapitel für Kapitel Lesestrategien hinzukommen. Ich finde, das Ganze hat gewonnen zumindest bei uns in der Grundschule – bis eben auf die musischen Fächer, wo so etwas wirklich nicht nötig ist und man einfach mal Musik, Kunst oder Sport “erleben” und nicht auch noch kognitiv durchdringen sollte. Durch Nachdenken und Anregungen zu Lernmethoden wird mehr gedankliche Arbeit gefordert.
      In den Proben werden zu den Inhalten verstärkt Begründungen und das Wissen um Strategien gefordert. Außerdem soll man nun seine Leistungen einschätzen. Aus einer guten Einschätzung kann man erschließen, was man in Zukunft dafür tun muss.

      • Leider wird Kompetenz häufig über Inhalt bzw. Wissen gestellt.

        • Na ja, dann hakt da etwas. Dann werden die Kompetenzen falsch verstanden oder auch mal fachspezifisch zu inhaltsleer definiert. Ich zitiere aus dem Grundschullehrplan:
          “LehrplanPLUS versteht Kompetenzen als fachspezifische und überfachliche Fähigkeiten und Fertigkeiten, die Wissen und Können miteinander verknüpfen, und motiviationale Aspekte ebenso umfassen wie Argumentationsfähigkeit, Problemlösefähigkeit, Reflexionsfähigkeit und Urteilsfähigkeit. Der Lehrplan definiert Inhalte und beschreibt Kompetenzerwartungen auf einem mittleren Anforderungsniveau.”

          Zum Argumentieren, Problemlösen, Reflektieren und Urteilen kann ich erst kommen, wenn ich die Inhalte kenne bzw. kann ich natürlich auch im Vorfeld über eine Problemstellung reflektieren um dann über Versuch und Irrtum im selbst entdeckenden Lernen das Richtige herausfinden; das geht auch bei einigen Themen.

  2. Oder war das einfach nur _ein_ Testergebnis?

  3. “Fortbildungsfleiß”
    Schön, wenn das die Lehrkräfte wirklich freiwillig tun. Das tun sie nur, wenn die Angebote entsprechend attraktiv und praxistauglich sind.
    In Bayern haben wir ebenfalls viele interessante Fortbildungsangebote – ich spreche jetzt vom Grundschulbereich – nicht nur von offiziellen Seiten, sondern auch von anderen Anbietern, die mit zentral erfasst sind. Ebenso bieten Lehrerverbände Fortbildungen an (vor allem KEG und BLLV). Dazu kommen noch schulinterne Fortbildungen, die jeder im Kollegium selbstverständlich besucht. Allerdings muss man sagen, dass wir eine gewisse Anzahl an Stunden an Fortbildungen nachweisen müssen (im Schnitt 20 Stunden pro Schuljahr) und manche verpflichtend sind.

    • In Schleswig-Holstein sind es besonders die (ehemaligen) Hauptschullehrer, die nun an Gemeinschaftsschulen arbeiten und noch A12 bekommen, während die (ehemaligen) Realschullehrer an der gleichen Schule A13 bekommen. Weisen die Hauptschulkollegen 60 (?) Stunden Fortbildung nach, werden sie nach A13 befördert.
      Deshalb gibt es in Schleswig-Holstein momentan so viele Lehrkräfte, die an Fortbildungen teilnehmen.

      • Es ist immer interessant, was in politischen Aussagen wie oben dann nicht gesagt wird. 😉

        • Richtig. Eine Fortbildung ist nämlich unabdingbar, wenn man von ausschließlich Hauptschülern mit ihren Eigenheiten auf ein Gemisch aus Haupt- und Realschüler trifft. Für mehrere 100€ extra im Monat glaube ich das sogar.

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