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„Resonanzpädagogik“: Wenn’s im Klassenzimmer knistert – der Soziologe Rosa über sein Konzept

BERLIN. Unterricht gelingt, wenn es im Klassenraum knistert, wenn Schule zum Resonanzraum wird – meint jedenfalls Soziologie-Professor Hartmut Rosa. Im Gespräch mit dem Pädagogen Wolfgang Endres erklärt er seine Idee einer „Resonanzpädagogik“. Unter diesem Titel haben die beiden gemeinsam jetzt ein Buch veröffentlicht.

Knistern soll's im Unterricht - und nicht nur in Physik. Foto: Jared Tarbell / flickr (CC BY 2.0)

Knistern soll’s im Unterricht – und nicht nur in Physik. Foto: Jared Tarbell / flickr (CC BY 2.0)

Wolfgang Endres: Knistern im Klassenzimmer!? Meint das, dass da etwas spannend ist oder bezieht sich der Ausdruck auch auf eine angespannte Atmosphäre, auf ‚dicke Luft‘?

Hartmut Rosa: In der Tat beides. Wenn es dem Lehrer gelingt, die Aufmerksamkeit seiner Schüler so zu fesseln, dass es im Klassenzimmer knistert, entstehen Momente des wechselseitigen geistigen Berührens und Berührtwerdens. Auch wenn es knistert, weil ein Konflikt im Klassenzimmer zu spüren ist oder weil es Meinungsverschiedenheiten gibt und sich eine spannende Diskussion entwickelt.

Knistern erzeugt Resonanz?

Ja, weil dann etwas da ist, für das ich Feuer und Flamme bin. Doch damit ich das bin, braucht es erst einmal einen Funken – den Funken, der überspringt. Wenn aber mein Bemühen ohne Resonanz, ohne Widerhall bleibt, wenn nichts zurückkommt, wenn ich das Gefühl habe, ins Leere zu reden, wenn es also keinen Resonanzraum gibt, bleiben Interaktionsbeziehungen stumm.

Dann heißt es, der Rest ist Schweigen?

Bis hin zum eisigen Schweigen. In einem Hohlraum von Desinteresse friert es mich. Lebendiges Lernen dagegen entfaltet sich in einem Klima, das mich dazu beflügelt, auf eine bestimmte Weise mit der Welt in Beziehung zu treten. Ich will Weltausschnitte zum Sprechen bringen. Ich erlebe Weltbeziehung durch Anverwandlung.

‚Weltbeziehung durch Anverwandlung‘ – das klingt zauberhaft. Ist das, auf Schule bezogen, aber nicht ein bisschen weltfremd? Allein schon der Begriff ‚Anverwandlung‘?

Anverwandlung klingt nicht nur zauberhaft, sondern ist es auch. Anverwandlung bedeutet, sich eine Sache so zu eigen zu machen, dass sie mir nicht nur gehört, sondern dass sie mich existenziell berührt oder tendenziell sogar verändert. Es genügt nicht, die Dinge zu erwerben, sie zu beherrschen, mit ihnen umzugehen. Erst wenn ich sie zum Sprechen bringe, kann ich sie mir anverwandeln.

Und wie kann ein Schüler im Unterricht ‚die Dinge zum Sprechen bringen‘?

Indem er sich einen Weltausschnitt genau so zu eigen macht, dass es ihn transformiert. Er erlebt in diesem Prozess eine Form von Beziehung, die ihn verändert.

Wie kann Unterricht ein Weltausschnitt für ihn sein, der ihn verändert?

Der Schüler sieht zunächst nur das Unterrichtsfach. Doch wenn er anfängt, für sich mehr daraus zu machen, entdeckt er in Musik, Sport, Englisch oder Mathematik einen Ausschnitt der Welt so, dass dieser Ausschnitt für ihn zum Klingen gebracht wird. Er sagt sich, dass er jetzt mehr daraus machen will. Zum Beispiel aus dem Unterrichtsfach Politik heraus entwickelt er sich mehr und mehr zu einem politischen Menschen. Er begibt sich in einen neuen Resonanzraum. Das kann auch die Theater-AG sein, die Schulband, eine Punk-Gruppe, die Öko-Radikalen oder eine religiöse Gruppierung.

Was mich in seinen Bann zieht, kann ich mir also anverwandeln. Doch was, wenn ich mir die Dinge nur aneigne? Wäre das in der Schule nicht genug?

Immerhin wäre allein das schon sehr erfreulich. Das ist eine Fehlübersetzung von Beziehungsbegehren in Objektbegehren. Unter Aneignung verstehe ich ein Begehren nach dem Haben eines Dings: So, das habe ich jetzt. So kann ich mir auch Kompetenzen aneignen. Ich kann das Gedicht interpretieren und habe das richtige Reimschema erkannt. Oder ich kann in Mathematik oder Physik eine Formel anwenden. Aneignung ist also eine Art von Bereicherung im Sinne von Kompetenz- und Ressourcenerweiterung. Ich verfüge dann über eine Ressource, vielleicht eine Wissensressource oder eine materielle Ressource, die ich instrumentell einsetzen kann. Anverwandeln bedeutet hingegen, ich mache mir eine Sache so zu Eigen, dass sie mich verwandelt. Ich bin danach ein anderer.

Ein frommer Wunsch. Doch wirkt er in der Wirklichkeit?

Nehmen wir ein Gedicht: Wenn ich es interpretiere, verändert es sich für mich. Bei einer mathematischen Formel ist das etwas schwieriger zu sehen. Aber selbst hier kann man sagen: Wenn ich sie mir anverwandelt habe, dann setze ich sie für Dinge ein, für die sie ursprünglich vielleicht gar nicht gedacht war. Oder ich assoziiere von dieser Formel weg in Bereiche, für die sie nicht vorgesehen war. So gesehen ist Anverwandlung ein aktiver Prozess der Aneignung.

Und dazu braucht es das Knistern im Klassenzimmer?

Genau das ist die Interaktion zwischen den dort Beteiligten, zwischen den Peers, also den Schülern untereinander und miteinander, aber auch zwischen Schülern und Lehrern. Hier vollzieht sich transformative Weltbeziehung. Das bedeutet, sich auf eine Resonanzbeziehung einzulassen. Konkret heißt das, offen dafür zu sein, dass mir etwas Neues oder anderes begegnet, wovon ich berührt, ergriffen oder bewegt werde, also zuzulassen, dadurch verändert zu werden. Und das geht immer auch mit einer gewissen Verletzlichkeit einher. Schule kann und soll einen Schutzraum dafür bilden.

Sind damit die Resonanzbeziehungen im ‚Resonanzraum Schule‘ gemeint?

Ja und nein. Die Schule ist nicht per se ein Resonanzraum. Sie sollte und kann einer sein – ein Raum, in dem sich Beziehungen bilden. Bildung ist ein essenzieller Prozess, in dem sich Weltbeziehungen entwickeln und herausbilden können. Bildung gelingt dort, wo wir für einen jungen Menschen einen Ausschnitt unserer Welt, der geteilten sozialen Welt oder überhaupt der Lebenswelt, zum Sprechen bringen. Die Idee von Bildung ist, die Welt für die Subjekte zum Sprechen zu bringen oder in Resonanz zu versetzen. Bildung bedeutet also weder Welt-Wissen zu erwerben, noch bedeutet es, sich selbst zu bilden, sondern Bildung ist Weltbeziehungs-Bildung.

Wie soll ich mir das vorstellen: ‚Welt für die Subjekte zum Sprechen bringen‘?

Indem junge Menschen den Bildungsraum Schule durchlaufen, sollen sie in eine Disposition geraten, die sie neugierig macht auf die Welt, auf ihr Leben in der Welt. Sie sollen einen Modus finden, sich in Anverwandlungsprozesse zu begeben. Ich nenne das dispositionale Resonanz.

Wie könnte ein Klassenzimmer zu einem solchen Resonanzraum werden?

Im Geschichtsunterricht, zum Beispiel, würde mir die Epoche der Griechen oder Römer nicht als eine Aneinanderreihung von Fakten und Zahlen begegnen, sondern als eine Zeit, die mir etwas sagt, die mich anspricht, weil ich etwas mit ihr zu tun habe. Sie ist ein Ausschnitt meiner Welt. Ohne diesen Weltausschnitt wäre ich nicht da, wo ich bin, wäre ich nicht der, der ich bin. In Deutsch könnten zum Beispiel Gedichte so etwas bei mir initiieren. Ich erwerbe nicht nur die Kompetenz, das Reimschema, den Rhythmus und das Versmaß zu erkennen, etwas über den Dichter und die Epoche zu wissen – das ist alles zwar schön und gut für die Note, genügt mir aber nicht. Ich suche mehr. Und plötzlich sagen mir Rilke oder Benn oder Eichendorff etwas, das ich so noch nie gehört, noch nie erlebt habe. Das Gedicht macht etwas mit mir.

Könnte auf diese Weise nicht nur das Klassenzimmer, sondern die Schule insgesamt zu einem Resonanzraum werden?

Ja, Schule wird zum Resonanzraum, wenn es gelingt, die Resonanzachse zwischen Schülern und Lehrern zu öffnen. Und das geht über Sozialbeziehungen. Zunächst durch einen Lehrer, von dem ich mich als Schüler gern an die Hand nehmen lasse, der mir einen Weltausschnitt aufschließt, der mir vorher nichts gesagt hat. Beide, Lehrer wie Schüler, müssen sich vom Stoff entzünden lassen

Was aber, wenn eine von beiden Seiten sich verschließt?

Dann verschließt sich meist auch die andere. Wir sprechen dann von repulsiven Weltbeziehungen oder Indifferenzbeziehungen. Letzteres sind Beziehungen, bei denen Lehrer und Schüler das Gefühl haben, dass sie sich nichts zu sagen haben. Repulsion greift sogar noch weiter, dann heißt es sogar: Den mag ich nicht, oder der mag mich nicht. Das steht sehr oft in einer Wechselwirkung. Dann wird Schule zur Entfremdungszone. Dort ist mir alles zuwider: Lehrer, Mitschüler und das ganze ‚Unterrichtszeug‘.

Damit Schule nicht eine Entfremdungszone wird oder bleibt, braucht es eine andere pädagogische Ausrichtung, eine ‚Resonanzpädagogik‘?

Das genau ist meine Idee. Der neue Begriff meint Pädagogik als das Verstehen eines Bildungsgeschehens, das viele Dimensionen hat. Darin spielen auch die räumlichen Aspekte im Schulgebäude eine große Rolle und wie die Menschen sich darin bewegen. Resonanz ist immer auch ein leibliches Phänomen. Das ist schon an der Körperhaltung zu sehen, an den Begegnungen und Interaktionen sowohl im Klassenzimmer als auch im Lehrerzimmer. Wenn hier dicke Luft herrscht oder wenn es zwischen Direktion und Kollegium nicht nur knistert, sondern knirscht, dann bildet sich das Gegenteil von dispositionaler Resonanz aus. Kurz und gut, da es um ein umfassendes Konzept geht, Bildungsprozesse zu überdenken, Resonanzachsen besser zu verstehen und zur Orientierung einen Resonanzkompass zu entwickeln, nenne ich die Ausrichtung Resonanzpädagogik.

Dieser Text erscheint in der aktuellen „didacta“ (3/2016). Es handelt sich dabei um einen Auszug aus dem Buch „Resonanzpädagogik. Wenn es im Klassenzimmer knistert“ von Hartmut Rosa und Wolfgang Endres, Beltz 2016.

 

Hintergrund: Resonanzpädagogik

 

Foto: Jürgen Luga / Beltz

Foto: Jürgen Luga / Beltz

Hartmut Rosa (links) ist Professor für Allgemeine und Theoretische Soziologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, Direktor des Max-Weber-Kollegs für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien der Universität Erfurt sowie Akademieleiter der Deutschen Schüler-Akademie. Gemeinsam mit Wolfgang Endres (rechts), Pädagoge und Referent in der Lehrerfortbildung, veröffentlichte er dieses Jahr das Buch „Resonanzpädagogik“. Auf dem diesjährigen „BeltzForum Lehrerkongress“ vom 11. bis 12. November in Weinheim erläutert Hartmut Rosa seinen Ansatz der Resonanzpädagogik, insbesondere als Schulentwicklungsaufgabe.

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Hartmut Rosa, Wolfgang Endres

Resonanzpädagogik

Wenn es im Klassenzimmer knistert

Beltz Verlag, 2016

128 Seiten, 16,95 Euro

4 Kommentare

  1. ‚Resonanzpädagogik‘:
    Der Begriff steht für ein grundsätzliches Problem von LehrerInnenbildung und Schulalltag: Immer wieder neue Theorien und Konzepte, ohne dass die Autoren/Autorinnen den ‚Tatbeweis‘ in unterschiedlichen Klassen erbringen müssen. Ein Grund, dass wir im Bildungswesen einen enormen theoretischen Überhang haben, bei gleichzeitig fehlenden elementaren Ressourcen im Schulalltag.

  2. So ganz neu ist dieses Thema nicht, vielleicht nur neu verpackt und auf eine quasi philosophische Ebene transferiert. Es hat etwas mit intrinsischer Motivation und dem fächerübergreifenden Aspekt zu zu tun, was ich schon in meiner Ausbildung vor x Jahren lernte. Was oben steht, ist für mich selbstverständlich. Ist dies in der neueren Lehrerausbildung verloren gegangen? Wenn ja, dann ist es höchste Zeit, sich darüber Gedanken zu machen.

  3. Ich kann den beiden Kommentaren zustimmen. Philosophische Theorie ohne Praxiserprobung. Wieder einmal werden neue Konzepte von schulfernen Experten entwickelt. Die erwähnten Beispiele sind theoretisch begründet, klingen rosarot, sind aber im Unterrichtsalltag mit all seinen vielfältigen Anforderungen und Herausforderungen auf dieser philosophisch abgehobenen Ebene selten realisierbar. Richtig ist, dass die Beziehungsebene elementare Voraussetzung für den Zugang zum Inhalt ist, ebenso wie die authentische Begegnung mit den Lernstoffen um Begeisterung und Identifikation zu stiften. Nicht neu also, aber anders verpackt und leider weit weg von den tatsächlichen Möglichkeiten, die der Unterrichtsalltag bietet.

  4. Wäre mal interessant zu wissen, was deren Studenten über deren Vorlesungen sagen.

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