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Bildungsforscher Bos: Nachhilfeboom ist „eine Bankrotterklärung für die Schulen“ – er fordert mehr (gebundenen) Ganztag

BERLIN. Nach einer neuen Studie ist Nachhilfeunterricht ein boomender Geschäftszweig in Deutschland, der die soziale Kluft an den Schulen vergrößern kann. Bildungsexperten suchen nach Auswegen – zum Beispiel über mehr gebundene Ganztagsschulen.

Einer der renommiertesten Bildungsforscher in Deutschland: Wilfried Bos feierte jetzt seinen 60. Geburtstag. Foto: IFS

Einer der renommiertesten Bildungsforscher in Deutschland: Wilfried Bos. Foto: IFS

Der Bildungsforscher Wilfried Bos hat den Ausbau des Ganztagsschulangebots in Deutschland als Rezept gegen eine verstärkte Privatisierung von erfolgreicher Schulbildung empfohlen. So könne man verhindern, dass per Nachhilfe zunehmend der Geldbeutel der Eltern über Chancen von Kindern entscheide, sagte der Schulentwicklungsexperte auf Anfrage in Berlin. Bos forscht und lehrt an der Technischen Universität Dortmund und hat zahlreiche große Bildungsstudien verfasst.

Der aktuelle Nachhilfeboom sei «eigentlich eine Bankrotterklärung für die Schule. Denn deren Aufgabe ist es doch, den Kindern genug beizubringen, man sollte das also nicht privatisieren», sagte Bos. «In gut gemachten Ganztagsschulen, in denen nachmittags auch wirklich Lehrer sind, ist Nachhilfe allerdings gar nicht in diesem hohen Maße notwendig. In einer solchen gebundenen Ganztagsschule wäre – zumindest theoretisch – die Möglichkeit vorhanden, sich ausreichend um die Kinder zu kümmern.»

Milliardenmarkt Nachhilfe: Vom privaten Förderunterricht profitieren vor allem Kinder aus wohlhabenden Familien – Arme bleiben außen vor

Bos reagierte damit auf eine neue Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung, wonach mit kommerzieller Nachhilfe in Deutschland Milliarden Euro umgesetzt werden. Statt die soziale Kluft im Bildungssystem zu verringern, verbreitern außerschulische Förderstunden sie eher, so ein Fazit des Reports.

«Dieser Geschäftszweig kann auf jeden Fall die soziale Ungleichheit verstärken, weil Eltern mit niedrigem Einkommen Nachhilfe schwerer bezahlen können», sagte Bos. Dabei gehe es oft gar nicht um Nachhilfe bei gefährdeter Versetzung, sondern um bessere Zensuren für den Übergang von der Grundschule zum Gymnasium oder um ein Abitur mit einer 1 vor dem Komma. Dafür würden auch gute Schüler «gedrillt», so der Bildungsforscher.

Die Qualität der selbstbewusst für sich werbenden Institute ist nach seiuer Einschätzung sehr unterschiedlich. «Kommerzielle Nachhilfe ist ein großer Flickenteppich – da findet man alles von ausgebildeten Pädagogen über pensionierte Lehrer bis zu Studenten. Aber es gibt auch Institute, die nachweislich ihre Nachhilfeschüler innerhalb von neun Monaten um eine ganze Note verbessern. Die machen zumindest einen guten Job – obwohl der eigentlich ja überflüssig sein sollte», sagt Bos.

Jeder siebte Schüler geht zur Nachhilfe – Eltern machen (Leistungs-)Druck

Laut Studie schwanken die Expertenschätzungen zur Nachhilfequote in Deutschland zwischen 6 und 27 Prozent aller Schüler. Das öffentliche Gut Bildung müsse aus der «privatwirtschaftlichen Umklammerung» gelöst werden, damit eine erfolgreiche Schullaufbahn nicht in erster Linie von Ehrgeiz und Einkommen der Eltern abhänge, schreiben die Verfasser von der Universität Duisburg-Essen.

Die stellvertretende Chefin des Deutschen Gewerkschaftsbundes, Elke Hannack, forderte am Dienstag mit Blick auf den wachsenden Nachhilfemarkt einen Rechtsanspruch auf einen Ganztagsschulplatz. «Die Länder allein sind mit der Finanzierung eines solchen Anspruchs überfordert. Hier muss der Bund ein neues Programm auflegen“. dpa

 

Hintergrund: die Nachhilfe-Studie der Hans-Böckler-Stiftung

BERLIN. Um schnittige Slogans sind Nachhilfeanbieter wie «Paukwerk», «Überflieger» oder «Besserwisser» selten verlegen. «5 weg oder Geld zurück!», so wirbt beispielsweise die Firma «Schülerhilfe», die nach eigenen Angaben an etwa 1100 Standorten in Deutschland und Österreich jährlich über 100.000 Jugendlichen auf die Sprünge hilft. Im wachsenden Markt für außerschulische Förderung ist Bescheidenheit fehl am Platze – immerhin gibt es in der «Bildungsrepublik» mit Noten-Tuning viel Geld zu verdienen, und die Konkurrenz ist groß.

So stellt die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung in einer neuen Studie fest: «Mit kommerzieller Nachhilfe werden in Deutschland Milliarden umgesetzt.» Das Comeback des Privatunterrichts wurde demnach «zuletzt befeuert durch den sogenannten PISA-Schock», der die Schwächen deutscher Schüler vor 15 Jahren drastisch offenlegte und viele Eltern alarmierte.

Nach einer Untersuchung der Bertelsmann-Stiftung aus dem Vorjahr erhalten in Deutschland 1,2 Millionen Schüler Nachhilfe. Die Bildungsforscher um Prof. Klaus Klemm errechneten nach Befragung von etwa 4300 Müttern und Vätern, dass die Eltern 879 Millionen Euro in private Nachhilfestunden für ihre Kinder stecken – pro Jahr.

Eine offizielle Nachhilfestatistik gibt es zwar nicht, räumen die Verfasser des Böckler-Reports «Außerschulische Nachhilfe» jetzt ein. «Sicher ist dennoch: Seit den 1970-er Jahren hat die Zahl zugenommen. Je nach Studie und Art der Abgrenzung schwanken die aktuellen Angaben zwischen 6 und 27 Prozent aller Schüler.» Bei den in der Pubertät oft besonders lernunwilligen 15-Jährigen sei Nachhilfe am häufigsten – hier nehmen fast drei von zehn Schülern Privatförderung in Anspruch. dpa

10 Kommentare

  1. Es ist wie eine Art „Auslagerung“ (oder „outsourcing“, wie manche in schlechtem Deutsch sagen): Das Üben, Üben, Üben, das wir in der Schule nicht schaffen – wegen übervoller Lehrpläne, tausend zusätzlichen Aufgaben (Zahnarztprophylaxe, Verkehrserziehung, ineffektiver Unterrichtsmethoden) und Unterrichtsstörungen etc., übernimmt dann die Nachhilfe.

    So wird jedoch die soziale Benachteiligung zementiert (obwohl scheinbar in den Schule gemildert), weil sich ja nicht alle in gleicher Weise Nachhilfe leisten können.

    • Was mich stört sind Dinge wie dass Projekte und Wettbewerbe zunehmen, wir für jede Sache eine Konzeption erstellen und ständig dokumentieren (Schülerbeobachtungen z.B.) müssen. Tests wie VERA nehmen auch Unterrichtszeit weg. Je näher das Schuljahrsende, desto weniger kann man Unterricht machen. Das fängt oft schon 6 Wochen vor Schuljahrsende an. Da fährt die Gruppe auf einen Wettbewerb, dann wieder die nächste, die nächste AG macht einen Ausflug usw. Das läppert sich schon ganz schön zusammen, was man wegen solcher Dinge an Unterrichtszeit verliert, zumal man ein Mindestmaß an klasseninternen Aktionen durchführen will. Ich persönlich finde Zahnarztprophylaxe und Verkehrserziehung (Fahrradausbildung) schon wichtig – diese Maßnahmen greifen und sind für Gesundheit und Sicherheit wichtig.

  2. Wenn die Milliarden Euro, die in Nachhilfe gesteckt werden, in Schulen ankommen würden, könnte der Ganztag oder die Schule sicherlich anderes leisten.

    Nach Ganztag zu rufen, die Bedingungen aber nicht sofort mit zu benennen, hilft da wenig.
    Wer den Sparzwang regieren lässt, muss sich nicht wundern, wenn das System nicht leistungsfähig ist.

    Letztlich ist es in Deutschland wichtiger, dass mit Bildung Geschäfte gemacht werden können, als alle Anstrengung in gute Bildung zu investieren.

  3. Es ist keine große Leistung, wenn sich ein Schüler innerhalb eines Monats um eine Note verbessert. Durch auf den Hintern Setzen (Wollen) ist es leicht von einer „5“ auf eine „4“ oder von einer „4“ auf eine „3“ zu kommen.

    Untersuchte die Studie eigentlich auch die Bedingungen, weshalb Nachhilfe gewünscht wurde? Es gibt Helikopter-Eltern, deren Kind so hochbegabt ist, dass es trotz andererweitiger Empfehlung auf einer zu hohen Schulform angemeldet wurde und dort von einem negativen Erlebnis zum nächsten kommt.

  4. Zustimmung an sofawolf :), palim und xxx !!!

  5. „Der aktuelle Nachhilfeboom sei «eigentlich eine Bankrotterklärung für die Schule.“
    So pauschal würde ich das nicht sehen. Es gibt auch die Fälle, wo Eltern keine Zeit haben oder es oft Stress gibt, wenn sie ihre Kinder beim Lernen unterstützen wollen. Das überlässt man dann stressfreier den Profis. Es gibt eben Schüler, die auch aus anderen Gründen (das kann auch einmal nur die Motivation sein) auf Unterstützung angewiesen sind.
    Einzelförderung kann unser derartiges Schulsystem so gut wie nicht leisten und das konnte es auch in der Vergangenheit nie. Ganztagsschulen wie sie zur Zeit betrieben werden, sind auch keine Lösung, denn da gibt es Schüler, die eben auch während dieser Zeit ihr Pensum nicht machen und eine eine Betreuung in Kleinstgruppen (3-5 Schüler) bräuchten, was offensichtlich keiner finanzieren kann.

  6. Wie hier auch schon einmal zu lesen war, erhalten in Deutschland zum großen Teil diejenigen Schüler Nachhilfe, deren Noten im 3er-Bereich liegen.
    Übrigens: Die Zeit, die Schüler in Deutschland pro Woche Nachhilfe erhalten ist so groß, wie die Zeit die Südkoreaner täglich in der Nachhilfe sitzen.

  7. Es ist ja auch kein Wunder, dass „Nachhilfe“ boomt: die Klassen sind megaheterogen und ein Lehrer soll doch bitte alle unter einen Hut bringen. Letzteres ist bei einer Klassenstärke von 30+ Köpfen einfach nicht wirklich zu leisten. Wer es dennnoch schafft, reibt sich am System auf und geht in Frührente/-pension, weil Kaputtgearbeitet. Der Klassenteiler sollte für alle Schulformen runtergesetzt werden, damit sich ein Lehrer auch um alle gerecht kümmern kann und seinem Job nach kommt. Die Kernaufgabe ist ja nun das Unterrichten, oder habe ich da etwas falsch verstanden?

    Es wird ein frommer Wunsch bleiben, denn es soll ja nichts kosten. Schade für die Lehrer.

  8. @ Biene,

    ich bin fast Ihrer Meinung, nur besteht das Problem ja weniger darin, alle 30 unter einen Hut zu bekommen, also z.B. 1 Stunde vorzubereiten (durchaus mit Differenzierungen für die Schnellen und Langsamen), sondern darin, dass jeder seinen individuellen Unterricht bekommen soll. Da bereitest du dann nicht 1 Stunde für 30 Kinder vor; sondern 5 verschiedene Varianten (für 1 Stunde !!!): 1 x für die „normalleistungsfähigen“, dann für die Hochbegabten, dann für die ADHS-Kinder, dann für die Inklusionskinder (wobei da noch zwischen den körperlich und geistig behinderten Kindern unterschieden werden muss), dann für die LRS-Kinder, dann für die mit Förderschwerpunkt Lernen usw.-usf.

    DAS – mit all den Unterrichtsproblemen, die entstehen, weil eben nicht die einen immer genau dann fertig sind, wenn die anderen (vermeintlich, aber nicht tatsächlich) still arbeiten – bei 30 Kindern führt dazu, dass Lehrer ausbrennen!!! DESHALB und sowieso brauchen wir eine starke Senkung der Klassengrößen (14 Kinder?), aber dafür braucht man mehr Lehrer, das kostet Geld, das allerdings ist ja schon ausgegeben worden bei den Gehaltserhöhungen, über die sich natürlich keiner ärgert, aber die keines unserer Probleme lösen und sogar die Lösung unserer Probleme verhindern – weil dafür Geld nötig, aber nicht (mehr) vorhanden ist !

    PS: @ missis., es geschehen noch Zeichen und Wunder. 😉

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