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„Die Tastatur ist ein großer Segen“? Von wegen – Lasst den Kindern bloß das Handschreiben!

Ein Kommentar von News4teachers-Herausgeber Andrej Priboschek

POTSDAM. Die Aussage von Brandenburgs Bildungsminister Günter Baaske (SPD) muss die Alarmglocken klingeln lassen. „Die Tastatur ist kein Fluch, sondern ein großer Segen“ – so meint er zu einer (von der CDU des Landtags vorgebrachten) Initiative, Methoden zur besseren Förderung der Schreibmotorik von Kindern in Kitas und Grundschulen zu erproben. Klar, meint Baaske, die Handschrift sei wichtig. Die Lehrer im Land wüssten aber bereits um deren Bedeutung. Als ob es darum ginge.

Der Bildungsjournalist Andrej Priboschek. Foto: Tina Umlauf

Der Bildungsjournalist Andrej Priboschek. Foto: Tina Umlauf

Natürlich wissen die Lehrer in Brandenburg und im übrigen Deutschland um die Bedeutung des Handschreibens für die kindliche Entwicklung. „Handschreiben lernen ist wichtig“ oder sogar „sehr wichtig“ – dies meinten 98 Prozent der befragten Lehrerinnen und Lehrer in einer bundesweiten Umfrage vor zwei Jahren (in der aktuellen Umfrage in Brandenburg sogar 99 Prozent). Allerdings: Als Gegenmaßnahmen fordern jeweils drei Viertel (74 Prozent) der bundesweit befragten Grundschullehrkräfte ein „Spezielles motorisches Schreibtraining“ sowie „Mehr Zeit zur Förderung im Unterricht“. An den weiterführenden Schulen waren dies immerhin noch 61 Prozent bzw. 67 Prozent. Deutlich wurde in der Umfrage auch, dass es den Lehrern in Deutschland nicht um die Rettung einer überholten Kulturtechnik geht, sondern um  die Bildungschancen ihrer Schüler: Nur die wenigsten befragten Lehrer (0,7 Prozent an weiterführenden Schulen, 1,4 Prozent an Grundschulen) sehen keinen Zusammenhang zwischen der Handschrift eines Schülers und seinen schulischen Leistungen.

„Tastatur ist ein Segen“: Rot-rote Regierungskoalition will über bessere Förderung der Schreibmotorik von Kindern gar nicht erst reden

Die Tastatur ist ein großer Segen? Baaskes Aussage lässt fürchten, dass das Handschreiben über kurz oder lang auf den Index der zu streichenden Lehrplaninhalte gerät. Tatsächlich gibt es in Finnland bereits eine Reform, wonach der Schreiblernunterricht schrittweise an die Tastatur zu verlegen ist (worauf die Grünen ja in der Debatte auch schon verwiesen). Konsequent zu Ende gedacht bedeutet das, dass sich Kinder in ein paar Jahren überhaupt nicht mehr mit dem Schreiben in der Schule herumschlagen müssen. Denn die Tastatur ist nur ein technischer Zwischenschritt auf dem Weg hin zur perfekten Spracherfassung. Warum also sollten Schüler zukünftig überhaupt noch mühsam Buchstaben lernen, wenn deren Aufnahme dann die Maschinen für sie übernehmen? Auf das Lesen ließe sich dann ebenfalls leicht verzichten, weil der Computer sicher auch das Vorlesen bald in Perfektion beherrscht. Hier ergibt sich also ein schönes Einsparpotenzial für Landesregierungen.

Für den Nachwuchs verheißt das nichts Gutes. Jeder, der mit Kindern zu tun hat, weiß, dass der zunehmende Mangel an Bewegung, unter dem die Bildschirm-Kinder von heute leiden, nichts Begrüßenswertes, schon gar kein „Segen“ ist. „Kindergarten und Schule sollten hier gegensteuern“, so sagt dann auch Dr. Marianela Diaz Meyer, Geschäftsführerin des Schreibmotorik Instituts. „Denn es geht beim Handschreiben nicht nur um eine schöne, aber im Zeitalter der Digitalisierung doch verzichtbare Kulturtechnik – sondern um echte Bildungschancen. Neurowissenschaftler weisen darauf hin, dass bei Kindern die motorische und die kognitive Entwicklung zusammenhängen.“ Die Expertin betont: „Zu vermuten ist, dass von Problemen beim Handschreiben Kinder aus bildungsfernen Familien tendenziell öfter betroffen sind. Eine bessere schreibmotorische Förderung  könnte also dazu beitragen, die Bildungschancen gerade solcher Kinder zu verbessern.“

Umfrage: 79 Prozent der Lehrer sehen Verschlechterung der Handschrift

Mit Rückwärtsgewandtheit hat das Thema Handschreiben übrigens nichts  zu tun, wie auf der Bildungsmesse didacta unlängst zu sehen war. Dort wurden wissenschaftlich getestete Apps vorgestellt, mit denen Kinder auf dem Tablet spielerisch die Hand- und Fingerkoordination trainieren können – zur besseren Vorbereitung auf den Schreiblern-Unterricht. Es wäre schön, wenn Lehrkräfte über solche innovativen Möglichkeiten von ihrem Kultusministerium informiert und damit dann auch ausgestattet würden – statt sie mit der billigen Floskel abzuspeisen, „die Tastatur ist ein Segen“. Wer das glaubt, wird selig. Agentur für Bildungsjournalismus

5 Kommentare

  1. Axel von Lintig

    Zuerst speichern wir Silben und kurze Wörter , welche automatisiert wurden im räumlichen Cortex, zu dem wir über unsere Hände die direkte neuronale Verbindung herstellen. Da ist es doch geradezu kontraproduktiv zum Erlernen des Schreibens die Handschrift oder die Druckschrift abzuschaffen.
    Im zweiten Schritt speichern wir Geschriebenes im visuellen Cortex in Form von Silben oder Teilweise auch als ganze Worte. Dieser Prozess der visuellen Abspeicherung der Silben setzt aber auch später ein.
    Deshalb ist das Einüben des Lesens und der Schreibautomatik durch strukturierte Übungen so wichtig.
    Die Umsetzung der Ideen der „Grünen“ sind eine einzige Katastrophe.

  2. Nur damit ich das richtig verstehe:
    Das Tastaturschreiben ist ungünstig, weil die Kinder so viel Bildschirmzeit haben und sich so wenig bewegen.
    Deshalb ist es sinnvoller, den Kindern am Tablet Übungen zur Feinmotorik anzubieten?

  3. Aus langjähriger Erfahrung als Feinmotoriktherapeutin, Linkshänder-Beraterin und Beratung von ca. 1000 schreibauffälligen rechts- und linkshändigen Kindern, halte ich das Erlernen der Schreibweise der Buchstaben für die grösste Ursache bei der Verschlechterung der Hndschrift.

    Da weder Eltern noch Lehrer auf die richtige Schreibweise der einzelnen Buchstaben achten, automatisieren die Kinder eine falsche Richtung beim Erlernen der einzelnen Buchstaben und können so gar keine verbundene Schrift mehr vollziehen. Wenn ich beim Schreiben des großen A mit dem Stift auf der linken Seite ende, kann ich kein verbundenes Wort schreiben. Resultat, ständiger Richtungswechsel, Hand und Finger verkrampfen, die Schreibgeschwindigkeit leidet immens und das Selbstwertgefühl des Kindes geht gnadenlos in den Keller.

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