Startseite ::: Politik ::: Warum die Schulpolitik für Rot-Grün zum Desaster wurde – eine Analyse

Warum die Schulpolitik für Rot-Grün zum Desaster wurde – eine Analyse

Eine Analyse von News4teachers-Herausgeber Andrej Priboschek.

DÜSSELDORF. Eine Regierung kann mit dem Thema Bildung Wahlen nicht gewinnen, nur verlieren. Diese gängige These scheinen die aktuellen Landtagswahlen zu bestätigen. Im Saarland spielte die Schulpolitik im Parteienstreit kaum eine Rolle, was der amtierenden Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) in die Karten spielte – sie gewann. In Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen hingegen war die Bildung jeweils zentrales Wahlkampfthema – und die bisherigen Regierungschefs Torsten Albig und Hannelore Kraft (beide SPD) wurden von den Wählern brutal abgestraft.

News4teachers-Herausgeber Andrej Priboschek. Foto: Tina Umlauf

News4teachers-Herausgeber Andrej Priboschek. Foto: Tina Umlauf

Ist also eine bildungspolitische Debatte tatsächlich der sprichwörtliche Stimmungstöter für jede Landesregierung? Richtig ist: Kaum ein anderes Thema ist emotional derart aufgeladen, bei kaum einem anderen mischen so viele organisierte Interessengruppen mit  –  und Experten sind sowieso alle, die schon mal eine Schule von innen gesehen haben (also jeder). Allerdings haben die Landesregierungen in Kiel und Düsseldorf auch gravierende Fehler gemacht, und die haben sich für sie bitter gerächt.

GEW gratuliert Laschet zum Wahlsieg – und fordert von ihm: Reduzierung der Arbeitsbelastung von Lehrkräften!

Noch im vergangenen November war die Welt von Schleswig-Holsteins Kultusministerin Britta Ernst (SPD) in Ordnung. Die Schüler aus Deutschlands hohem Norden verzeichneten beim IQB-Vergleich die höchsten Leistungszuwächse; die Neuntklässler in Schleswig-Holstein gehören nach klaren Verbesserungen in Englisch und Deutsch jetzt zu den besten in Deutschland. Die Kritik der oppositionellen CDU, die Küstenkoalition habe die Leistungsschraube in den Schulen nach unten gedreht, schien damit zu verpuffen.

Beispielhafter Schulkonsens

Auch Sylvia Löhrmann (Grüne), Schulministerin von Nordrhein-Westfalen, hatte mal einen guten Lauf – zu Beginn ihrer Amtszeit. Sie fädelte 2011 einen bundesweit beispielhaften Schulkonsens zwischen der rot-grünen Regierungskoalition und der CDU-Opposition ein, der einen 40-jährigen fruchtlosen Streit um die Schulstruktur beendete. Beide Seiten akzeptierten endlich ein Nebeneinander von gegliedertem Schulsystem und integrierten Schulformen. Ein verheißungsvoller Start für Löhrmann.

Die G8-Debatte erwischte sie dann jedoch auf dem falschen Fuß. Löhrmann glaubte, die wachsende Unzufriedenheit der gymnasialen Klientel nach Manier des Schulkonsenses an einem Runden Tisch wegmoderieren zu können. Ein Trugschluss. Spätestens als die mächtige Landeselternschaft der Gymnasien, die früher das Turbo-Abitur vehement befürwortet hatte, einen radikalen Schwenk vollzog und mit fliegenden Fahnen auf die Seite der Gegner wechselte, stand Löhrmann im Abseits. Auch Britta Ernst wurde von einer plötzlich aufkommenden G8-Diskussion in Schleswig-Holstein überrascht.

Das Problem: Löhrmann und Ernst hatten es versäumt, hinreichend deutlich zu machen, warum sie an der verkürzten Schulzeit am Gymnasium festhielten. Und: Welche positiven Ziele sie überhaupt mit der (gymnasialen) Bildung verbinden. So ließe sich zum Beispiel postulieren, dass ein frühes Abitur mehr Möglichkeiten bietet, eine duale Ausbildung und ein Studium zu verbinden – und so jungen Menschen zu hervorragenden Berufseinstiegschancen verhelfen kann. Tatsächlich aber verblieb die Argumentation der beiden Ministerinnen in der Defensive; man wolle nicht schon wieder Unruhe in die Schulen tragen, hieß es. Löhrmann versuchte dann noch, mit der Idee einer individuellen Schulzeit zu punkten. Das war aber zu wenig, um viele Wähler überzeugen zu können.

Wir brauchen jetzt eine breite Debatte über die Inklusion – sonst droht ihr das Schicksal von G8

Ähnlich lief es mit der Inklusion: Warum ist das Förderschulwesen, wie es jahrzehntelang in Deutschland bestand, denn plötzlich ein Auslaufmodell? Was soll der gemeinsame Unterricht von behinderten und nicht-behinderten Kindern in allen Schulen denn überhaupt bringen? Der Verweis auf die 2009 vom Bundestag ratifizierte UN-Behindertenrechtskonvention, der dann stets kommt, ist ein formaler – und als solcher wenig geeignet, Interesse oder sogar Begeisterung zu wecken. Hier hätte es frühzeitig deutlicher Worte und anschaulicher Beispiele bedurft, um breiten Bevölkerungsschichten die Notwendigkeit der Inklusion so anschaulich zu machen, dass sie womöglich auch über Anlaufschwierigkeiten hinweg gesehen hätten. So aber wirken die Probleme, die in der Praxis mittlerweile ja massiv auftreten, bei den betroffenen Lehrkräften und Eltern als schier endloses Gewürge. Und wofür? Die Vision fehlt.

Der Slogan “Kein Kind zurücklassen”, mit dem Kraft die Bildungspolitik der von ihr geführten Koalition auf den Punkt bringen wollte, konnte das nicht übertünchen. Wie beliebig und einfallslos die rot-grüne Schulpolitik damit wirkte, lässt sich daran ablesen, dass mit den gleichen Worten auch schon Löhrmanns Amtsvorgängerin Barbara Sommer (CDU) das Ziel ihrer Arbeit überschrieben hatte. Sommer wiederum hatte den Spruch von US-Präsident George W. Bush abgekupfert (“no child left behind”) – Werbebotschaft reloaded.

Glaubhaft kommunizieren!

„Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“, meinte weiland Helmut Schmidt. So pointiert und lustig der Spruch auch sein mag – als Richtschnur für die Schulpolitik taugt er nur bedingt. Pragmatismus ist wichtig, klar, und nichts ist schädlicher in der Bildung als blinde Ideologie. Wer aber Eltern überzeugen will und Lehrkräften große Belastungen zumutet,  der muss sich schon die Mühe machen, ihnen zu erklären, wohin die Reise konkret gehen soll, welche Schritte bis zum Ziel vorgesehen sind und mit welchen Problemen auf dem Weg zu rechnen ist. Wem das gelingt, der kann auch mit der Schulpolitik Wahlen gewinnen. Glaubhafte Kommunikation ist das Zauberwort.

Wie die aussehen kann, hat der schleswig-holsteinische CDU-Spitzenkandidat Daniel Günther vorgemacht. Vier Wochen vor der Wahl im März landete er einen Coup: Günther kündigte an, G8 abschaffen und zum neunjährigen Gymnasium zurückkehren zu wollen – obwohl die CDU früher selbst das Turbo-Abi favorisiert hatte. Der Christdemokrat räumte jedoch selbstkritisch ein, seine Partei habe einen Fehler gemacht – und er beteuerte, sie habe daraus gelernt. Klares Ziel sei es nun, dass Schüler, Eltern und Lehrer einfach wieder mehr Zeit bekämen. Das zog. Agentur für Bildungsjournalismus

32 Kommentare

  1. Axel von Lintig

    Vielen Dank an die Redaktion für die klare Analyse zur Schulpolitik.

    • Sind es wirklich nur Anlaufschwierigkeiten, die gut kommuniziert werden müssen? Das würde bedeuten, Rot/Grün habe sich nicht geirrt, sondern nur unzureichend erklärt.
      Diese Nummer zieht bei mir nicht mehr. Sie spricht die Regierenden von handfesten Denk-und Handlungsfehlern frei. Ihr Fehlverhalten schrumpft dann auf eine unzureichenden Moderation ihrer Politik. Auf gut Deutsch: Dem (dummen) Volk hätte alles besser erklärt werden müssen, damit es länger bei der Stange bleibt und Anlaufschwierigkeiten nicht zu ernst nimmt.
      Bremen, früher SPD und jetzt ROT/GRÜN, ist für mich das Musterbeispiel dafür, dass eine jahrzehntelange, vom Wähler mit Verständnis getragene und nicht abgestrafte Bildungspolitik, am Ende keineswegs ins gelobte Land führt. Oder reicht ein halbes Jahrhundert nicht für die Bewältigung von Anlaufschwierigkeiten?

      • Ich kann das Gefasel von wegen: “wir müssen unsere Politik besser erklären” auch nicht mehr hören. So kompliziert ist die Politik nicht – zumindest nicht die Politik, die von den “Regierenden” gemacht wird. Die Leute sind nicht doof!!! Durchs Erklären wird ja die Politik nicht besser, die gemacht wird.

        • Sie müssten nur bessere Politik machen, dann bräuchten sie auch nix erklären.

          • Wenn’s so einfach wäre … Politik kann niemals allen alle Wünsche erfüllen, es geht also immer um einen Ausgleich der Interessen. Wenn ich als Landesregierung mehr Lehrer einstelle, fehlt mir das Geld an anderer Stelle, zum Beispiel bei der Polizei. Das kann ich ja so entscheiden, dafür bin ich ja gewählt. Die Konsequenzen meines Tuns muss ich dann aber den Bürgern erklären, und zwar idealerweise schon vor der Wahl.

            Eine Politik, die ohne Erklärungen auskommt, gibt’s nur in der Diktatur – oder im Märchen.

          • Was muss ich da erklären? Ich muss es einfach sagen und nicht unter den Tisch kehren.

          • Wurde ja nichts kehrt worde, Vor sieben Jahren wurde am runden Tisch mit Eltern und den im Landtag vertretenen Partein bezüglich der Schulstruktur vereinbart, die Schulen die nächsten 25 Jahre unverändert zu lassen …
            Dem haben die Elternvertreter ebenfalls zugestimmt.

          • PseudoPolitiker

            @Bernd
            Sie sagen, dass alles, was Rot/Grün gemacht hat, logischerweise nur nicht alle Wünsche erfüllen konnte, nichts wirklich Falsches enthielt, im Grunde richtig war und den Bürgern nur schlecht erklärt wurde.

            Wenn Politiker weiterhin ihre Fehler und Wahlschlappen so plump einem angeblichen Missverständnis vieler Bürger in die Schuhe schieben, dürfen sie nicht auf wachsende Sypathie- und Glaubwürdigkeitswerte hoffen. Der letzte Hornochse hat die immer gleiche Ausrede für politisches Versagen doch längst durchschaut und ist ihrer mehr als überdrüssig.

            Um Missverständnissen vorzubeugen: Mit dieser stereotypen Masche versuchen alle Parteien immer wieder ihre Niederlagen schönzureden, am liebsten noch mit dem dummdreisten Einleitungssatz: “Da gibt es nichts zu beschönigen.”

          • Ich habe mit keinem Satz geschrieben, was Sie mir zuschreiben. Ich habe nur die allzu schlichte Behauptung, Politiker “müssten nur bessere Politik machen, dann bräuchten sie auch nix erklären” zurückgewiesen. Was ist denn “bessere” Politik? Was für den einen besser ist, ist für den anderen schlechter – bei Politik geht es immer darum, widerstreitende Interessen auszugleichen. Und das muss man den Bürgern erklären.

            Die Vorstellung, Politiker hätten ein Füllhorn, aus dem sie beliebig viele Ressourcen übers Land verteilen könnten (und es nur aus Doofheit oder aus Bösartigkeit nicht tun), ist leider falsch.

            Konkret heißt das zum Beispiel: Auch eine CDU-geführte Landesregierung kann zusätzliche Lehrer (oder Polizisten) nicht herbeizaubern und steht doch etwa vor dem Problem, die rechtlich verbindliche Inklusion umsetzen zu müssen. Es wird interessant zu sehen, wie Laschet das löst – er hat ja angekündigt, die Schließung von Förderschulen erst einmal zu stoppen. Wohlgemerkt: erst einmal. Er vertagt also das Problem, löst es damit aber nicht. Ist das “besser”? Die Behindertenverbände werden das zweifellos nicht so sehen.

          • @Bernd
            Unter bessere Politik machen fällt auch ehrliche Politik machen – also keine Wahlversprechen abliefern, von denen die Politiker nicht wissen, ob sie sie einhalten können.

            Zitat:
            “Die Vorstellung, Politiker hätten ein Füllhorn, aus dem sie beliebig viele Ressourcen übers Land verteilen könnten (und es nur aus Doofheit oder aus Bösartigkeit nicht tun), ist leider falsch. ”

            Das wird nirgends behauptet.
            Allerdings tun gerade die Politiker vor Wahlen so, als gäbe es das Füllhorn.

          • Da bin ich bei Ihnen – und bei Herrn Priboschek. Das bedeutet aber doch eben: Politiker müssen ihre Politik glaubwürdig und verständlich erklären.

            Wo tun unsere Politiker denn so, als hätten sie ein Füllhorn? Ich kenne keinen. Sorry, aber dieses pauschale Politiker-Bashing finde ich billig und falsch. Wenn Sie einen sehen möchten, der das Blaue vom Himmel vespricht und null Bezug zur Realität hat, dann gucken Sie sich den US-Präsidenten an – so einer kommt heraus, wenn wir nur noch mit Verachtung über “das Estabilshment”, über “die Politiker” reden.

            Machen Sie’s doch besser, wenn Politik angeblich so einfach ist. Bei uns kann doch jeder mitmachen und sich politisch engagieren.

          • PS. Sie finden es sicher auch nicht lustig, wenn pauschal über “die” Lehrer hergezogen wird.

          • @Bernd
            Zitat:
            “Wo tun unsere Politiker denn so, als hätten sie ein Füllhorn?”

            Seit wievielen Jahrzehnten werden Steuersenkungen versprochen? Komischerweise versprechen sowohl SPD und CDU/CSU diese, allerdings erst für nach der Wahl. Ein Schelm wer böses dabei denkt.

            Natürlich finde ich es nicht lustig, wenn pauschal über Lehrer hergezogen wird. Aushalten muss ich es trotzdem.

          • @ Bernd
            wo habe ich geschrieben, dass es einfach ist? Ich finde nur dieses ewige Gelaber von wegen: “wir müssen besser erklären” zum K…
            Wer so argumentiert hält die Leute für dumm.

        • Was solll man da auch erklären?
          Erst kooperierte Die Landeselternschaft der GY in NRW mit CDU/FDP, um das G8 durchzusetzen. Die Konzeption für das G8 in NRW kam aus dem Sommer-Ministerium und der fertige Gesetzesentwurf musste nur von Sylvia L. durch die letzte Lesung gebracht und adminstriert werden. Es war nicht absehbar, dass die Landeselternschaft nach fünf Jahren ihre ursprüngliche Richtung um 180 Grad geändert hat. Was will man in solchen Fällen erklären? Kann der nächste Schulminister schon einmal davon ausgehen, dass der Beschluss zu G9 in fünf Jahren wieder revidiert werden muss?

          • ProblemkindSchule

            Eine sehr schöner Diskurs zum Hintergrund von G8. Ich möchte nur noch hinzufügen, dass man hier auch den Schluss ziehen kann, dass Druck aus der Wirtschaft nach jüngeren Abgängern auch eine verstärkte Bereitschaft für Bildungsausgaben nach sich ziehen muss, besonders wenn das gegliederte Schulsystem nicht angetastet wird und Projekte (soll ich die auch mal ideologisch nennen?) wie G8 durchgesetzt werden sollen. Nur Verkürzen geht nicht, da muss halt auch was an Inhalt/ Volumen/ Unterricht, also konzeptionell, geändert werden. Die Ausgaben von Bildung zu erhöhen – dafür könnte gerade die deutsche Wirtschaft sehr viel beitragen, indem sie steuervermeidendes Verhalten überdenkt und ächtet.

            Allein an der G8-“Idee” wird allerdings sichtbar, wie stark CDU und FDP ihre Bildungsprojekte (nicht) durchdenken und in der Lage sind, Lösungsstrategien zu entwickeln.

            Auch ich bin gespannt, wie diese Parteien nun ohne gravierende Änderungen des Schulsystems inklusive Strukturen etablieren wollen und die unumgänglichen Veränderungen kommunizieren und erklären.

            Stoppen, vertagen, also nichts machen, kann jeder – das sollte kein Qualitätsmerkmal eines Politikers sein und ihn zum Wahlsieger werden lassen.

  2. Na, ich weiß nicht, wer hat sich das ausgedacht? Es klingt wie das immergleiche Argument nach verlorenen Wahlen: “Wir müssen unsere Erfolge den Wählern besser erklären!” (Dann wählen sie uns auch wieder.)

    Nein, die (meisten) Wähler wollen die rot-grüne Schulpolitik NICHT!

    • Lieber Sofawolf,

      wenn das so einfach wäre, hätten die Wähler Rot-Grün ja gar nicht erst gewählt – haben sie aber mal. Und es ist auch nicht so, als hätten unionsgeführte Bundesländer keine Probleme bei der praktischen Umsetzung von G8, Inklusion, Integration von Flüchtlingskindern und (das nächste Großthema) digitaler Bildung.

      Herzliche Grüße
      Andrej Priboschek

      Herausgeber News4teachers

      • ZITAT (aus einem anderen Artikel auf “n4t”):

        “Wahlanalysen zufolge habe die Umsetzung der Inklusion und das Thema Schulzeitverkürzung (G8/G9) ganz maßgeblich zur Abwahl von Rot-Grün beigetragen.”

        • … und wo sind bei diesen Themen die grundsätzlichen Unterschiede zwischen CDU und SPD?

          Andrej Priboschek

          • Michael Felten bringt diese Unterschiede in seinem Buch “Die Inklusionfalle” präzise auf den Punkt.

            Zur Inklusionspolitik von SPD/Grünen:

            “Als Motor der etwa in NRW zu beobachtenden radikalen, übereilten und unterfinanzierten Inklusionsentwicklung müssen Motive angenommen werden, die man nicht anders als kindeswohlfern bezeichnen kann. Die einen erhoffen sich Einsparpotentiale im Bildungssektor, andere missbrauchen die Inklusion vor allem als Türöffner für eine doch noch zu realisierende Einheitsschule; diesen gilt Inklusion als generelles Egalitätsprojekt im kalten Kapitalismus, jene vertuschen nur noch die Blamage eines administrativen Scheiterns. Solcher Unbildungspolitik gehört in die Speichen gegriffen – und dabei sind wir alle gefragt – Lehrer, Eltern, Bürger…”

            Im Unterschied dazu haben in Deutschland ausgerechnet die Konservativen etwas erkannt, das in anderen (z.B. den skandinavischen) Ländern längst umgesetzt wird – und das Felten so beschreibt:

            “Die UN-Behindertenrechtskonvention fordert gerade n i c h t die Abschaffung unserer hochspezialisierten Förderinstitutionen, sondern verpflichtet primär zur Orientierung am Kindeswohl – unter Wahrung der elterlichen Verantwortung. Deshalb steht keineswegs an, das Schulsystem strukturell zu revolutionieren, sondern es ‘dual-inklusiv’ (Otto Speck) zu optimieren. Wir müssen um eine Inklusion mit Augenmaß ringen: um die ausgewogene und dynamische Kooperation von integrationsoffenen Regelschulen und ergänzenden Förderschulen. Die Devise kann nur sein: So viel hochqualitative Integration wie sinnvoll, so viel durchlässige Separation wie nötig! Jedes Kind soll an dem für es sinnvollsten Ort lernen können – und dies kann durchaus auch, wie weltweit üblich, zeitweise eine Spezialschule oder Separatklasse sein.”

            Alles übrigens auch hier bei “News 4 Teachers” nachzulesen – und in Michael Feltens sehr lesenswertem Buch, das ich hiermit ausdrücklich empfehlen möchte.

          • ProblemkindSchule

            Zum Thema Michael Felten und seiner “Interpretation” der UNBRK:
            Die UNBRK ist unvereinbar mit Parallelsystemen. Das wird sehr deutlich kommuniziert. Im Mittelpunkt steht das Individualrecht des Kindes auf ein Aufwachsen in der allgemeinen Gesellschaft, also auch auf Bildung im Regelschulsystem; das Elternwahlrecht ist dem nachgeordnet. General Comment No4, 02.09.2016)

            Es fragt sich auch, ob man überhaupt von einem echten “Wahlrecht” sprechen kann, wenn das Individualrecht des Kindes schlechte Bedingungen bedeutet.
            Es ist doch wohl eher eine im Wahlkampf benutzte Verschleierung der tatsächlichen Problematik: Inklusion bedeutet tiefgreifende Veränderungen auf allen Ebenen, gesellschaftlich, politisch, rechtlich, in der Bildung, überall.
            In der Beziehung gebe ich dem Autor des Artikels vollkommen recht, es gab nie einen breiten öffentlichen Diskurs über die Motivation von Inklusion und konkrete positive Umsetzungsbeispiele. Die Gründe dafür wären interessant.

            Wenn es also in der Regelschule kindeswohlgefährdende Aspekte zu befürchten gibt, dann ist also an der Regelschule etwas zu ändern. Dies wird überigens schon von den Kinderrechten und den allgemeinen Menschenrechten abgedeckt.

            Im Übrigen frage ich mich, warum Hr. Felten nicht mal von den kindeswohlgefährdenden Strukturen von so mancher Förderschule spricht, besonders ESE. Im Bezug auf den Prozeß von Nenad in NRW bezichtigt sich NRW sogar selbst unfreiwillig der Verletzung seiner staatlichen Fürsorgepflicht:
            https://bildungsklick.de/schule/meldung/ehemaliger-sonderschueler-verklagt-das-land-nrw/

            Wenn man sich die Schülerzusammensetzung anschaut, fragt man sich, wie soll das eine förderliche Umgebung sein?

  3. Ich sehe es ähnlich: vieles ist nicht erläutert worden. Dadurch sind Änderungen in der Bevölkerung nicht oder ganz anders erwartet worden.
    Ich schätze auch, dass die Erwartungen ganz andere waren. Meiner Meinung nach geht es weniger darum, dass die Vision abgelehnt wird, sondern viel mehr darum, dass zu derzeitigen Bedingungen die Inklusion so nicht erfolgreich umgesetzt werden kann. Das liegt womöglich weniger am Ziel, als daran, dass alle Beteiligten sich allein gelassen fühlen und das Sparen zu Ungunsten aller Beteiligten abläuft.

  4. Unter Laschet sollen die Gymnasien halt selber entscheiden, ob sie bei G8 bleiben oder auf G9 gehen. Pragmatische Gymnasien, bei denen sich die Elternproteste in Grenzen halten, bleiben bei G8. Bei hinreichend vielen Protesten würde ich als Schulleiter ein zusätzliches Schuljahr zwischen der 9 und der EF einführen. Das hat den Vorteil, dass das bisherige Programm beibehalten werden kann, gute Schüler diese Klasse 10 überspringen und die anderen gezielt auf die Oberstufe vorbereitet werden können. Aufgrund der Buchproblematik ist es sehr schwierig, die aktuell fünf-bändigen Reihen auf sechs Schuljahre verteilen zu können. Andererseits dauert es auch noch Ewigkeiten (und eine weitere Landtagswahl), bis das zusätzliche Schuljahr das erste Mal durchgeführt wird.

    • Axel von Lintig

      Es wird langsam Zeit, dass sich die Politik von der Vorstellung löst,durch äußere oder strukturelle Veränderungen im Schulsystem, Verbesserungen im Lernverhalten und Lernerfolg von Schülern bewirken zu können.
      Lernen und Lernverhalten muss in Abhängigkeit von der Methodik messbar in seiner Effektivität abgebildet werden.
      Was wir nicht brauchen sind ideologisch begründete Veränderungen im Schulsystem.
      Diese wurden soeben in NRW vom Wähler abgestraft.Erfolglos und frustrierend für alle Beteiligten, gestaltete sich die vollkommen unterfinanzierte Inklusion, die zu dem noch ohne finanziell durchgerechnete Pilotprojekte einfach eingeführt wurde. Lehrer, Eltern und Schüler wurden in ihrer Willensentscheidung übergangen und gar nicht in den Entscheidungsprozess mit einbezogen, gar übertölpelt und nie angehört.
      Zurecht wurde diese ideologisch denkende Grand Dame der Reformpädagogik abgestraft und von ihrem Sockel gestoßen.
      Inzwischen ist eine Mehrheit der Betroffenen gegen diese Art von Inklusion-
      Ebenso geht es dem Turbo-Abitur in Verbindung mit einer Schüler gesteuerten, eigen initiativen und unstrukturierten Vermittlung der Grundkenntnisse des Lesens und Schreibens im Grundschulbereich.
      Befragt man die Betroffenen, so stößt man auf eine geschlossene Ablehnung dieser eigen initiativen , Schüler gesteuerten Methodik, teilweise sogar auf eine Wut oder Selbstzweifel der betroffenen Schüler und Eltern.
      Dieses explosive Gemisch im bürgerlichen Lager machte den Wechsel in der Politik möglich.
      Aber was passiert erst , wenn die politisch unterrepräsentierten gesellschaftlichen Gruppen, wie Migranten und aus einem an Sprache armen Milieu, auf diese ungleichen Chancen, welche unser Bildungssystem für sie offen hält, aufmerksam gemacht werden.
      Ich bin für diese Aufklärung und für Chancengleichheit durch andere, validierte Methoden, die effektiv Wissen vermitteln.
      Das erfordert aber eine Abkehr von dieser Art pädagogischer Arbeit, die sich zu sehr auf die Vorstellungen einzelner Professoren stützt, denen teilweise ein beruflicher Bezug oder eine praktische Tätigkeit mit Schülern fehlt.

      • Hätten Sie doch machen können.

      • ProblemkindSchule

        Es gibt doch nur einen Weg, weg von “Patentrezepten”, welche die wahren Ursachen nicht betrachten und diesen entgegen steuern.
        Der Weg geht nicht ohne den Willen und die Überzeugung, dass alle Kinder zusammengehören. Denn dann findet man auch unter schwierigen Bedingungen Lösungen. Kinder mit Behinderung und andere “schwierige Kindern”, also auch Hochbegabte – alles, was nicht auf ein immer enger gezogenes “Mittelmaß” zu reduzieren ist – nicht im Regelschulsystem willkommen zu heißen, sondern nur unter bestimmten Bedingungen, ist allein schon ein gesellschaftliches Problem.
        Für den Umgang mit unterschiedlichsten Kindern hat die “Reformpädagogik” anscheinend gute Ansätze geliefert, denn Schulen, die Inklusion möglich machten und machen, haben hier Lösungen gefunden. Oft ist hier auch jahrgangsübergreifender Unterricht eine gute Ausgangsbasis geworden für den Umgang mit Heterogenität in Bezug auf eine Behinderung. Sie ist in einer Klasse, die sich eh um 3 Altersstufen gruppiert, eine weitere Facette von unterschiedlicher Lerntempi – sehr logisch, wenn man weiß, es sich bei Behinderungen im wesentlichen um Entwicklungsverzögerungen/ -störungen drehen – eine Diskrepanz von Entwicklungsalter und tatsächlichem Alter. Dass hier Kindern selbst ohne amtlich attestierte Behinderung ermöglicht wird, immer noch einen bekannten Klassenverband anzgehören, selbst wenn sie 1 oder 2 Jahre länger benötigen, ist schon eine nicht zu unterschätzende gute Lernbedingung.
        Und letztendlich geht es um ein anderes Wie des Lernens, wie auch die vielen neu entstandenen und entstehenden freien und demokratischen Schulen zeigen.
        Wertschätzung von Vielfalt in Lernwegen, Lernzugängen und Lerntempi ist die große Herausforderung. Dem steht im Regelschulsystem ein Lernen im Gleichschritt bei gleichzeitiger Abwertung einer immer größer werdenden Schar an Nicht-Mittelmaß-Kindern, die damit nicht klar kommen, gegenüber.
        Ein behindertes Kind, also ein nicht bedingungstolerantes “System” ist viel störungsanfälliger, als ein System, das Fehler kompensieren kann (normal begabt und unbelastet aufgewachsen). Schaffe ich es mit ein paar abwertenden Worten, einem behinderten Kind, das Lernen zu vermasseln, ist dort eine Tür zu, die nur schwer wieder aufgeht und manchmal auf ewig verschlossen scheint.
        Mache ich das gleiche mit einem normal begabten, unbelastetem Kind, wird es dieses Manko kompensieren können.

        Ansonsten möchte ich hier allen, die in die CDU ihre Hoffnungen auf Abschaffung der Inklusion setzen, hier deren Positions-Papier aus dem Jahr 2011 ans Herz legen, auf dessen Grundlage endlich der Konsens mit der rot-grünen Regierung möglich und der Weg frei für das 9.SchRÄG war. Hier eine Besprechung des Papieres und das Papier selbst.
        http://www.mittendrin-koeln.de/inklusions-pegel/politik/nordrhein-westfalen/meldung/kuddelmuddel-in-nrw/
        http://www.peter-biesenbach.de/dokumente/dateien/CDU-Broschuere-Inklusion.pdf

    • Auch nichts Neues, Das Modell mit den Springerklassen hat es ja auch vor Rüttgers-Club-Zeiten gegeben. Wer den jetzt eben Schnecken-Klassen eingeführt, die eine zweijährige Einführungsphase machen bzw. die EF im 10. Jahrgang und danach die reguläre GOSt mit den Jahrgängen 11 bis 13.
      Nur mus der neue Bildungsminister/in dann der Landeselternschaft der Gymnasien schonend beibringen, dass die Wochenstundenzahl in der SekI von 164 wieder auf 188 erhöht werden muss. Deren bisherioge Forderung ist nämlich eine andere.

      • Ich hoffe nicht, dass die heutige ef vor die gost 11-13 platziert wird. Dann wäre die sek i unverändert, die hauptursache der proteste gegen g8, aber die sek ii effektiv vier jahre.

        • Ja warum ist die elternschaft denn gegen das G8, wenn die NRW-GOSt doch drei Jahre dauert? Ist der Kampfbegriff “Turbo-Abi” vielleicht irreführend?

          Was will man denn mit dem Angebot einer fünf- oder wahlweise sechsjährigen SekI? Dann doch bitte eine Neuorganisation, sechsjährige Grundschulzeit inklusive Orientierungsstufe, drei Jahre SekI und drei Jahre SekII an GY.
          Alle anderen Schulformen haben dann eben die 4-jährige SekI, da sie die Schüler ja erst nach 10 Vollzeitschulbesuchsjahren auf die Menschheit loslasen dürfen.

  5. A.v.L.,

    ZITAT: “Das erfordert aber eine Abkehr von dieser Art pädagogischer Arbeit, die sich zu sehr auf die Vorstellungen einzelner Professoren stützt, denen teilweise ein beruflicher Bezug oder eine praktische Tätigkeit mit Schülern fehlt.”

    Ich habe diese eine Stelle herausgesucht, aber eigentlich kann ich so ziemlich alles unterschreiben, was Sie da zuvor geäußert haben. Wir brauchen im Bildungswesen eine/n “turnaround” :-), eine “Umkehr in die Zukunft”!

    (Ich hoffe, ich habe das mir unbekannte “turnaorund” richtig gedeutet.)

    • Bitte nicht. DAss bedeutet nämlich nur, dass die Ideen aus dem Hause B.Stiftung an die entsprechenden Parteiprogramme und nicht an die Bedürfnisse der Eltern und die gegebenheiten an en Schulen angepasst werden.

      Die Frage, ob Haupt- und Realschüler in einer kooperativen Schulform wie der NRW-Gemeinschaftsschule oder einer integrativen Schulform wie der NRW-Sekundarschule unterrichtet werden, ist müßig. Die eltern, die es nicht schaffen ihr Kind auf einem GY unter zu bringen, werden es mit einer Gesamtschule versuchen, da diese die einzige Schulform neben dem GY ist. die eine Schule der SekI + II ist. Der Tend weg vom dreigliedrigen System hin zu einem Zwei-Säulen-Modell läuft, ohne das die Politik große Einflussmöglichkeiten hat
      Die wahl der Schulform treffen die Eltern nämlich unabhängig von der Wahlentscheidung bei den Landtagswahlen.
      Höhere Abschulungsquoten im Doppeljahrgang 5/6 werden sich die GY auch unter einer neuen Landesregierung nicht erlauben können – außer die zukünftige Schulministerin verzichtet auf den Anspruch auf individuelle Förderung. Folglich ist das Ganze ein Streit um des Kaisers Bart.

      Die Crux liegt doch an der stelle, dass 42% der Eltern ihr Kind nach der vierten Klasse an einem GY anmelden und fest davon überzeugt sind, dass die Hälfte der am GY angemeldeten Schüler dort nicht hingehören. Zu dieser Hälfte gehören selbstverständlich alle anderen – nur eben das eigene Kind nicht.

      Die Tasache, dass Gesamtschulen für leistungsstärkere Schüler die Möglichkeit des Abitures innerhalb dieser Schulform anbieten, heißt ja noch lange nicht, dass alle Schüler in dieser Schulform die Oberstufe erreichen. Deshalb bin ich gespannt wie die neue Landesregierung den Übertritt vom GY an eine GeS regeln will, wenn sie neben dem G9 auch weiterhin das G8 aufrechterhalten will, ohne dass die GOSt auf zwei Jahre begrenzt wird. Der teufel steckt hier nämlich im Detail. Schülern, die nach dem neunten Jahrgang die SekI abgeschlossen haben, ist nämlich der Übertritt in die 10. Klasse einer HS, RS oder GeS derzeit verwehrt.Und diese regelung stammt aus Rüttgers-Club-Zeiten.

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.Benötigte Felder sind markiert *

*