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Forscher bescheinigen deutschen Schülern Finanzkompetenz und kritisieren PISA

SIEGEN. Schule bereitet auf das Leben vor. Welchen Raum dabei die Teilnahme am Wirtschaftsleben einnehmen muss, ist eine der umstrittensten Grundfragen im Schulwesen. Zweifelsohne gehört ein gewisses Maß an Wirtschafts- und Finanzkompetenz zu den wichtigsten Grundlagen eines selbstbestimmten Lebens. Die öffentliche Diskussion darum, wie Schule ihrer Aufgabe nachkommt, jungen Menschen alltagsnotwendiges Wirtschaftswissen zu vermitteln, verläuft allerdings meist defizitorientiert. Die monatelange Debatte um den Tweet der Kölner Schülerin Naina im Jahr 2015 ist dafür ein gutes Beispiel. Eine Siegener Studie wirft nun einen differenzierten Blick auf die Finanzkompetenz deutscher Schüler, und wirft die Frage auf, wie diese Kompetenz überhaupt definiert werden sollte.

In den kürzlich veröffentlichten PISA-Ergebnissen zur finanziellen Bildung von Jugendlichen schneiden viele Länder schlecht ab. Jeder 4. Schüler sei unfähig, alltägliche finazielle Entscheidungen zu treffen. Nur jeder Zehnte verstünde komplexere Zusammenhänge, wie Einkommensteurer. Deutsche Schüler hatten an dem Test nicht teilgenommen.

Finanzkompetenz ist mehr, als das Sparschwein zu befüllen, aber auch mehr als nur den Zinssatz zu berechnen. Foto: mdgrafik0 / pixabay (CC0 Public Domain)

Finanzkompetenz ist mehr, als das Sparschwein zu befüllen, aber auch mehr als nur den Zinssatz zu berechnen. Foto: mdgrafik0 / pixabay (CC0 Public Domain)

Wirtschaftswissenschaftler Dr. Michael Schuhen und Susanne Schürkmann vom Zentrum für ökonomische Bildung (ZöBiS) der Universität Siegen finden das richtig. Die PISA-Studie sei wenig aussagekräftig, sagen sie. Deshalb haben die beiden seit 2012 eine eigene Studie zu den finanziellen Kompetenzen deutscher Jugendlicher durchgeführt. Eines der Ergebnisse lautet: Deutsche Schülerinnen und Schüler sind nicht pauschal finanzielle Analphabeten. Bei den Themen Schulden und Versicherungen haben sie aber großen Nachholbedarf.

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„Wir bestärken Deutschland darin, nicht an der PISA-Studie teilzunehmen, weil es dabei im Wesentlichen um mathematische Kenntnisse geht“, sagt Michael Schuhen. „Nur weil wir rechnen können, verstehen wir aber nicht automatisch wirtschaftliche Zusammenhänge“, erklärt er seine Kritik. Tatsächlich räumt die OECD eine hohe Korrelation der Ergebnissen im Finanzkompetenztest mit den Untersuchungsergebnissen im Bereich Lesen und Mathematik ein.

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Ihre eigene, nicht repräsentative Studie haben die Siegener Wissenschaftler deshalb anders konzipiert. Sie gaben den 400 teilnehmenden Schülern Tools an die Hand, zum Beispiel einen Sparratenrechner, mit dessen Hilfe die 15- und 16-Jährigen Situationen aus dem echten Leben einschätzen sollten. Die Jugendlichen sollten im Test zum Beispiel erkennen, wie sie die Rentenlücke bei der Altersvorsorge schließen können. Entscheidend sei nicht die Zahl oder der Prozentsatz am Ende des Rechenweges, meint Schuhen. „Wenn mir mein Rechner einen Wert von 2,3 Prozent anzeigt, sagt mir das erstmal gar nichts. Ich muss wissen, wie ich die Zahl bewerte und wie sie sich auf meine Entscheidung auswirkt.“

Jugendliche haben Probleme Entscheidungen zu treffen

Im Test sollten die Schüler einschätzen, wie sicher oder risikobehaftet ihre Geldanlage ist, wie sie das Budget für ihren Einkauf kalkulieren, oder wie sie online eine Rechnung überweisen. Die reinen Rechenschritte konnten die meisten Schüler gut lösen, ebenso gut konnten sie Online-Tools nutzen. Schwierig wurde es, wenn sie das Ergebnis auf ihre konkrete Lebensplanung übertragen oder Entscheidungen treffen sollten. „Da fehlt es schulformübergreifend an entsprechenden Kompetenzen“, erklärt Susanne Schürkmann. Die Forscher fordern deshalb, ein institutionalisiertes Schulfach mit gut ausgebildeten Lehrern, wie es momentan etwa in NRW diskutiert wird.

Das Problem liege darin, dass in Deutschland im Alltag selten über Themen wie Schulden oder Versicherungen geredet würde, beziehungsweise erst, wenn die Krise schon da sei. Schulden seien in Deutschland verbreitet ein Tabu-Thema. Beim Thema Sparen, also der Vermögensbildung, sehe das etwas anders aus. Das lernen Kinder teils schon, wenn sie Taschengeld zur Verfügung haben oder einen Ferienjob machen.

Die Siegener Wissenschaftler möchten keine Erziehungstipps geben. Wichtig ist ihnen, dass alle Kinder die gleichen Chancen haben, ein gewisses Grundlevel an Finanzwissen und -kompetenz zu erlangen. „Was die Jugendlichen mit dem Wissen machen, ist ihre Sache. Wichtig ist, dass sie sich in der Finanzwelt auskennen und nicht abhängig von Empfehlungen oder Entscheidungen anderer sind, die fatale und kostspielige Konsequenzen haben können“, sagt Schürkmann. (zab, pm)

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