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Sexueller Missbrauch – ein Massenphänomen: “In jeder Klasse sitzen ein bis zwei Opfer.” Und die bleiben meist allein

BERLIN. Es sind erschütternde Lebensgeschichten, wenn Erwachsene sexuellen Missbrauch in ihrer Kindheit schildern. Eine Kommission wertet hunderte Einzelschicksale aus – und sieht ein Massenphänomen.

Schulen sollen sich verstärkt um das Thema Missbrauch kümmern. Foto: Jacek NL / Flickr (CC BY – NC 2.0)

Schulen sollen sich verstärkt um das Thema Missbrauch kümmern. Foto: Jacek NL / Flickr (CC BY – NC 2.0)

Mütter in Deutschland haben sich bei sexuellem Missbrauch in Familien zu selten schützend vor ihre Kinder gestellt. Das ist ein Ergebnis des ersten Zwischenberichts der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs, der am Mittwoch in Berlin vorgestellt wurde. Hunderte Erwachsene schilderten dafür, wie sie als Kinder oft keine oder erst spät Hilfe erfuhren. Denn Familienangehörige reagierten trotz ihres Wissens um die Übergriffe nicht. Insbesondere Mütter hätten Missbrauch als Mitwissende geduldet und ihn dadurch unterstützt, heißt es in der Studie.

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«Der Bericht gibt einen tiefen Einblick in das Versagen von Müttern», sagt Johannes-Wilhelm Rörig, Unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, auf Anfrage. «Es gab Fälle, in denen Kinder ihre Mütter gefragt haben: «Weißt du überhaupt, was der Papa mit mir macht?». Und die Mütter haben dann ihre Töchter als Hure oder Schlampe beschimpft.» Die Sammlung der Einzelschicksale sei erschütternd, ergänzte er.

«Die Betroffenen sprechen, damit sich etwas verändert», erklärte Bundesfamilienministerin Katarina Barley. Sie werde sich dafür einsetzen, die Mittel für die erfolgreiche Arbeit der Kommission aufzustocken.

Rund 300 Erwachsene haben bisher Missbrauchserfahrungen in Kindheit und Jugend geschildert. 700 weitere warten auf ihre Anhörung. Am häufigsten meldeten sich Frauen zwischen 30 und 50 Jahren. Mehr als zwei Drittel aller Betroffenen (70 Prozent) berichteten bisher von Übergriffen in ihrer Familie oder ihrem engen sozialen Umfeld. Das entspricht dem Stand der Forschung, wonach die Familie der Haupttatort für sexuelle Übergriffe ist. Viele Betroffene erlebten ohnmächtige Mütter – oder Mütter, die nicht einschritten, um ihren Partner nicht zu verlieren.

“Unheimlich großes Leid”

«Es sind Lebensgeschichten, die aufwühlen», sagt Sabine Andresen, Vorsitzende der Kommission. «Zu den Tätern gehörten Väter, Großväter, Stiefväter, ältere Geschwister und manchmal auch die Mütter.» Was Betroffene am meisten belaste, sei die Tatsache, dass ihnen oft weder geglaubt noch geholfen wurde. «Dass Angehörige Bescheid wissen, aber nicht eingreifen, erzeugt ein unheimlich großes Leid. Dazu blieben viele Täter Teil der Familie», ergänzte Andresen. Häufig habe darüber hinaus Hilfe von Schule oder Jugendämtern gefehlt. Denn Familie wird als Privatraum angesehen.

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Rörig sieht sexuellen Missbrauch nicht allein als Problem der Vergangenheit. Die Gefahren seien auch heute noch groß, wenn ein starkes Macht- und Abhängigkeitsverhältnis in einer Familie vorherrsche, sagte er. «Eine Rolle spielt auch, dass viele Mütter emotional und auch finanziell von Partnern abhängen, die den Missbrauch begehen. Und dass Mütter nicht wissen, wohin sie sich wenden können.» In Zukunft müsse es mehr Lösungsangebote für sie geben. «Damit eine Mutter einen Konflikt immer mit Blick auf das Kindeswohl löst – und nicht die Gefahr des Auseinanderbrechens der Familie als größer einschätzt.»

Für Matthias Katsch, Mitglied im Betroffenenrat der Kommission, offenbaren die Anhörungen ein kollektives Versagen beim Schutz von Kindern und Jugendlichen. «Sexueller Missbrauch ist kein exotisches Schmuddelthema, sondern eine Grundkonstante von Kindheit und Jugend in Deutschland», sagte er. Katsch schätzt, dass heute ein bis zwei Kinder einer Schulklasse Opfer von sexuellen Übergriffen sind. «Die Gesellschaft ist bei diesem Thema blind. Und es gilt, dieses Schweigen dauerhaft zu durchbrechen.»

Gebrochene Biografien

Die seelischen Folgen des Missbrauchs durchziehen nach dem neuen Bericht die Lebenswege – über fehlende Schulabschlüsse, abgebrochene Ausbildungen, neuen Missbrauch – bis hin zu Suizidversuchen. Ein Fünftel der bisher Gehörten sei durch gebrochene Erwerbsbiografien von Armut bedroht.

Bisher reichen die finanziellen Mittel der Kommission – 2017 sind es rund zwei Millionen Euro – für 1000 Anhörungen. Melden sich weitere Betroffene, kann ihnen nach dem heutigen Stand nicht zugehört werden. Kommissionsmitglied Jens Brachmann fordert deshalb ein vom Bund finanziertes Forschungsinstitut zur Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs. Die bisher durch die Kommission offengelegten Muster sollen bereits jetzt dazu beitragen, Prävention zu verbessern. Ferner fordert die Kommission von der Politik die lange angekündigte Reform des Opferentschädigungsgesetzes.

Denn bisher sind Erwachsene, die in ihrer Kindheit und Jugend von sexueller Gewalt betroffen waren, auf ergänzende Hilfe wie Fonds angewiesen. Daraus werden zum Beispiel Therapien finanziert, die Krankenkassen nicht zahlen. Beim Thema sexueller Gewalt in Familien weigern sich jedoch 13 der 16 Bundesländer, in den Fonds dafür einzuzahlen. Bisher trägt deshalb der Bund die Hauptfinanzierung. dpa

Hier geht es zu dem Bericht der Kommission, in dem auch Betroffene ihre Schicksale schildern.

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5 Kommentare

  1. Angelika Oetken

    Es haben sich viele Menschen bewegt, darum kam Bewegung in die Sache. Ausgangspunkt war in Deutschland die mutige und hartnäckige Initiative von Opfern der Berliner Canisiusschule, die im Januar 2010 den Missbrauchstsunami startete. Aber das war auch nur eine Welle von mehreren. Die erste wurde vor Jahrzehnten gestartet, als Teile der Frauenbewegung in Kooperation mit Kinderschützern auf ein verbreitetes gesellschaftliches Verbrechen aufmerksam machten.

    Das was Frau Dr. Bergmann und Herr Rörig, der ihr 2012 im Amt nachfolgte und deren Arbeitsstäbe und KooperationspartnerInnen bislang zusammen getragen haben, kann sich sehen lassen. Ermutigen sollte uns, dass sich dadurch bestätigt, was Fachleute und ErfahrungsexpertInnen teils schon seit Jahrzehnten gegenüber der Öffentlichkeit und den politisch Verantwortlichen anführen. Grundsätzlich liegen genug Erkenntnisse vor, auch wenn es wesentliche Bereiche gibt, die bisher wie blinde Flecke behandelt wurden. Dazu gehören die verschiedenen Formen der organisierten Missbrauchskriminalität, die Hintergründe zu sexueller Ausbeutung innerhalb von Institutionen und die Felder, in denen Frauen als Täterinnen agieren.
    Durch den so genannten „Missbrauchstsunami“, der im Januar 2010 auch Deutschland erreichte und seinen Anfang an der vom Jesuitenorden getragenen Canisiusschule nahm, hat sich offenbart, wie viele Menschen das Thema zwar sehr bewegt, wie groß aber die Verunsicherung und die Hilflosigkeit ist. 2013 als die Sexualstraftaten des bekannten Politikers Sebastian Edathy offenbar wurden, zeigte sich an den Reaktionen der Öffentlichkeit, dass im Vergleich zu früheren Zeiten ein Wandel der Einstellungen begonnen hatte. Kindesmissbrauch, unabhängig davon ob er direkt und unmittelbar begangen wird oder ob jemand sich Bilder oder Filme beschafft, die die sexuelle Ausbeutung von Kindern und Jugendlichen zeigen, wird nicht mehr abgetan und auch nicht mehr ignoriert.
    Politik, Wissenschaft, Justiz und Medien beginnen, sich langsam auf diese neue Kollektivsicht auszurichten. Dass dies angesichts der uralten, weitreichenden Traditionen des Vertuschens und Verschweigens, die zu Fehlannahmen geführt haben, was Opfer und Täter angeht, eine komplexe Aufgabe darstellt, ist eigentlich logisch.
    Angelika Oetken, Berlin-Köpenick, eine von 9 Millionen Erwachsenen in Deutschland, die in ihrer Kindheit und/oder Jugend Opfer von schwerem sexuellen Missbrauch wurden

  2. O … das überrascht und erschreckt mich (Titel).

  3. Angelika Oetken

    Bei Kindesmissbrauch handelt es sich um eine kollektiv verdrängte Alltäglichkeit.

    Sexuellen Grenzüberschreitungen bis hin zu Sexualstraftaten ausgesetzt gewesen zu sein, ist eine verbreitete Erfahrung, die Kinder und Jugendliche auf ihrem Weg zum Erwachsenen machen müssen. Auf der Homepage des UBSKM gibt es unter “Hintergrundmaterialien” eine Expertise zu Häufigkeitsangaben. Schon aus der Einleitung dieser Schrift geht hervor, wie viele Menschen solche biografischen Einschnitte teilen. Viele arrangieren sich damit, schaffen sich einen einigermaßen sicheren und erträglichen Platz im Leben, finden einen Weg ihre Sexualität trotzdem so erfüllend wie möglich auszuleben und versuchen, ihren Mitmenschen bei aller Beschämung und selbst nach umfassendem Verrat einen Vorschuss an Vertrauen zu gewähren. Insgesamt können Missbrauchsbetroffene also auch als Menschen angesehen werden, die gelernt haben, unter widrigen Bedingungen zu überleben. In der Fachsprache wird diese Fähigkeit als “Resilienz” bezeichnet.

    Missbrauchserfahrungen erhöhen aber trotzdem die Gefahr, früher oder später Folgeschäden zu erleiden, einen Teil des Lebens auslassen zu müssen. Untersuchungen, die über einen langen Zeitraum laufen, legen nahe, dass die Opferraten sich über die Jahrzehnte gar nicht mal so sehr verändert haben. Nur die gesellschaftliche Bewertung und der Umgang damit hat sich entwickelt. Deshalb fällt es den Erwachsenen und Heranwachsenden von heute leichter, auch über negative Erfahrungen mit der Sexualität anderer Menschen zu sprechen, die sie in der Kindheit machen mussten. Was aber noch nicht heißt, dass die Gesellschaft und stellvertretend für sie die Politik auch bereit wäre, Konsequenzen daraus zu ziehen.

    Bezeichnend: in Deutschland haben sich in den vergangenen Jahren einige bekannte Personen als Missbrauchsopfer zu erkennen gegeben. Es war aber nur eine Politikerin dabei. Und zwar Marieluise Beck, 2013 in einem Interview, das sie dem Focus gab: „Man blieb mit seiner Scham allein“. Auch unter den Fachleuten zum Thema sind Personen, die auf ihre Doppelexpertise als Fachmensch und Missbrauchsopfer hinweisen, die absolute Ausnahme. Ich bin aber zuversichtlich, dass sich dies schon bald ändern wird und dann nach und nach auch die längst überfälligen Anpassungen folgen werden.

  4. Gut finde ich, dass in unserem neuen Grundschullehrplan die Missbrauchsprävention festgeschrieben ist. Das ist eines der wenigen Dinge, die man in der Grundschule tun kann. Es sei denn ein Opfer äußert sich konkret, was im Grundschulalter so gut wie nicht passiert. Ansonsten hat man höchstens einmal einen meist gefühlsmäßigen Verdacht, da sind einem die Hände gebunden und man muss solche Verdachtsmomente genau hinterfragen, bevor man da in die falsche Richtung denkt. Einen solchen Verdacht habe ich höchstens alle paar Jahre einmal. Das bedeutet aber auch, wenn man die Statistik anschaut, dass sich die meisten unauffällig benehmen.

    • Angelika Oetken

      Für Opfer von Missbrauch, der im familiären Umfeld oder innerhalb der Familie geschieht, kann die Schule ein Flucht-, Schutz- und Erholungsraum sein. Genauso wie Sportvereine, Musikgruppen oder religiöse Gemeinschaften. Hier werden die meisten zu Hause drangsalierten und bedrängten Kinder alles daran setzen, nicht negativ aufzufallen, um dort die Unterstützung nicht zu verlieren. Oft strengen sich Missbrauchsopfer sogar besonders an, damit sie Zuspruch für Engagement und Leistung erhalten. Nicht dafür, dass sie Familienangehörigen als Sexualobjekt zur Verfügung stehen. Jedes Kind möchte so gemocht und akzeptiert werden wie es ist. Gerade deshalb ist es wichtig, dass Institutionen, die mit Kindern arbeiten insoweit sichere Orte darstellen, als sie über das Thema informiert sind und es einen Plan für den Fall gibt, dass Kindesmissbrauch offenbar wird. Sowohl wenn er inner- als auch außerhalb der Schule statt findet. “Die” gute Lösung gibt es nicht. Es existieren zwar juristische und formale Vorgaben, aber sofern der Schutz des Kindes wirklich im Vordergrund steht, sollte man von Fall zu Fall abwägen, was der geeignete Weg ist, den Kindern zu helfen. Es gibt sehr solide Anbieter von Präventions- und Interventionsschulungen. Wenn eine Schule oder Kita sich lokalen Kinderschutzalliancen anschließt, dann kann sie sich ggf. Rat bei erfahrenen Personen holen.

      Eine Anekdote dazu, mit der ich darauf hinweisen möchte, dass die Lösungen, die Kinder wählen, nicht unbedingt die sein müssen, die Erwachsene vorschlagen würden. Als mein Sohn vor vielen Jahren die Grundschule besuchte, begann in der Straße, an der das Schulgebäude liegt, ein Mann in einem silberfarbenen Auto den Kindern auf dem Schulweg aufzulauern. Das Kollegium nahm das zum Anlass, sich an einen Präventionsverein zu wenden, mit dem die Schulung der Kinder, der MitarbeiterInnen und der Eltern vereinbart wurde. Die Veranstaltungen für die Kinder waren so aufgebaut, dass sie für solche Situationen, die typisch für Übergriffe sind, selbst Möglichkeiten suchen sollten, mit denen man den betroffenen Kindern helfen könnte und die wurden dann von den Anleitern vorgespielt. Daran beteiligten sich die SchülerInnen mit großem Enthusiasmus. Ihr Lösungsweg für den Umgang mit dem Täter im silberfarbenen Auto sah so aus, dass sie einhellig der Meinung waren, das beste sei in solchen Fällen, wenn Kinder, die den Mann wahrnehmen, sofort laut zu schreien begännen und Richtung Oberschule liefen. Dort, vor dem Gebäude, das sich neben der Grundschule befindet, stünden nämlich immer “Große” und rauchten. Diese hatten die “Kleinen” als die verlässlichsten und tatkräftigsten potentiellen UnterstützerInnen für den Notfall auserkoren 😉

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