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Lehrerin, 28 Jahre alt, arbeitslos – wie geht denn das in Zeiten des Lehrermangels?

DÜSSELDORF. „Das ist einfach degradierend. Da studiert man sechseinhalb Jahre und bekommt doch keine Anstellung.“ Diejenige, die das sagt, ist 28 Jahre alt – und Lehrerin. Sie habe bereits 24 Bewerbungen geschrieben. Ohne Ergebnis, so berichtet die junge Frau gegenüber der „Rheinischen Post“. Doch wie kann das sein? Vielerorts in Deutschland herrscht Lehrermangel. In Nordrhein-Westfalen, wo der Fall spielt, hat das Ministerium sogar Pensionäre angeschrieben, um sie für den Schuldienst zurückzugewinnen. Gleichzeitig finden junge Lehrkräfte keine Stelle. Denn nicht immer entsprechen deren Ausbildung und Fächerkombination dem gesuchten Profil – auch mangelnde Flexibilität spielt mitunter eine Rolle.

Trotz Lehrermangels gibt es arbeitslose Lehrkräfte in Deutschland. Foto: Alain Bachellier / flickr (CC BY-NC 2.0)

Trotz Lehrermangels gibt es arbeitslose Lehrkräfte in Deutschland. Foto: Alain Bachellier / flickr (CC BY-NC 2.0)

Beispiel Nordrhein-Westfalen: Es gibt dort 178.000 fest angestellte oder verbeamtete Lehrkräfte, dazu kommen rund 10.000 mit befristeten Verträgen. Im April, so meldet die „Rheinische Post“, waren landesweit 1172 Lehrer arbeitslos gemeldet – das entspricht einer (nur auf Lehrkräfte bezogenen) Arbeitslosen-Quote von 0,62 Prozent. Ähnliche Rechnungen lassen sich für andere Bundesländer anstellen. Etwa für Sachsen, wo im vergangenen Jahr 1,75 Prozent der Lehrkräfte als arbeitssuchend galten. Diese Größenordnung, so die sächsische Kultusministerin Brunhild Kurth (CDU), sei – trotz eines grundsätzlichen Lehrermangels – eine normale Erscheinung, die vor allem mit der Freiheit der Arbeitsplatzwahl und dabei auftretenden Verzögerungen bei einem Stellenwechsel zusammenhänge.

Deutsch und Spanisch? “Kein Bedarf”

Dazu kommt: Gesucht wird Lehrernachwuchs vor allem für die Grundschulen. Die 28-jährige arbeitslose Lehrerin aus NRW hat aber aufs Lehramt Gymnasium studiert – für die Schulform also, an der am meisten gezahlt wird und wo es (deshalb?) den geringsten Fehlbedarf an neuen Kräften  gibt. Es sei denn, Bewerber hätten Mangelfächer wie Mathematik oder eine der Naturwissenschaften anzubieten. Das hat die stellensuchende Junglehrerin aber nicht: Sie kann Deutsch und Spanisch unterrichten, Fächer also, für die derzeit tatsächlich in NRW wenig Aussichten bestehen. Die GEW aber macht Mut:  „Auch wenn aktuell in dieser Fächerkombination kein Bedarf herrscht, so kann sich das in kurzer Zeit wieder ändern, da zahlreiche Lehrer in Pension gehen”, so zitiert die „Rheinische Post“ Berthold Paschert, Sprecher der nordrhein-westfälischen GEW.

Derweil suchen die Bundesländer händeringend insbesondere nach Grundschullehrkräften. „Der Markt ist zurzeit wie leergefegt. Der Lehrerbedarf ist in ganz Deutschland zurzeit hoch“, erklärte Hessens Kultusminister Alexander Lorz (CDU) in einem Interview mit der „Hessischen/Niedersächsischen Allgemeinen“. Warum? „Aufgrund verschiedener Prognosen wurde Lehramtsstudenten in den Jahren 2010/2011 in Hessen nicht dazu geraten, Grundschullehramt zu studieren. Die fehlen jetzt. Die Einstellungschancen waren damals außerdem schlecht. Viele Lehrer wanderten zu der Zeit in die Nachbar-Bundesländer ab.“

Von Grund- und Förderschullehrern gibt es – nicht nur in Hessen – zu wenige, von Gymnasiallehrern zu viele. Auf die Frage, ob das Kultusministerium die Abdeckung nicht besser steuern könne, antwortete Lorz: „Nein, das ist nicht möglich. Wir haben ein Grundproblem: Die Prognosen sind für die nächsten fünf bis sieben Jahre ausgelegt und nicht zuverlässig. Die Prognosen von 2011 haben nichts mehr mit der Realität zu tun. Studienneigung oder die Zuwanderung waren damals beispielsweise nicht absehbar.“

Lehrermangel – Sachsens Kultusministerin macht arbeitslosen Gymnasiallehrern ein Angebot: Einstellung, wenn sie ….

Hessen hat deshalb jetzt (wie andere Bundesländer auch) damit begonnen, arbeitslose Gymnasiallehrkräfte umzuschulen – für die Grundschulen. Die Jungen Philologen Baden-Württemberg, die Nachwuchsorganisation des Gymnasiallehrerverbands, zeigen sich entsetzt über die aktuell schlechten Einstellungschancen an den Gymnasien. „Nur wenige Hundert Stellen sind den Referendarinnen und Referendaren im Listenverfahren angeboten worden. Bis auf wenige Mangelfächer und bestimmte Regionen des ländlichen Raumes sind die Einstellungszahlen eine Katastrophe“, so berichtet Landesvorsitzender Jörg Sobora von der aktuellen Situation in Baden-Württemberg. Er begrüßt zwar die vom Kultusministerium in Stuttgart angebotene Möglichkeit, sich für die Laufbahn Grundschullehramt weiterzubilden – gibt aber zu bedenken, dass es für die Betroffenen zwischen Wunsch und Wirklichkeit einen deutlichen Unterschied gebe. Die Zahl derer, die dieses Angebot annehmen, werde nach seiner Einschätzung „deutlich überschaubarer“ sein, als es das Kultusministerium erwarte.

Heißt: So manche arbeitslose Lehrkraft ist nicht bereit, sich auf eine andere Schulform einzulassen – oder einen Umzug in Kauf zu nehmen. „Nicht jeder will sich auf eine vakante Stelle bewerben. Manchmal dauert das halt ein wenig, vor allem, wenn man spezielle Vorstellungen hat, wo der Arbeitsort sein soll”, weiß Gewerkschafter Paschert.

Auch die arbeitslose Gymnasiallehrerin hätte durchaus Möglichkeiten gehabt, eine Stelle an einer anderen Schulform – an einem Berufskolleg – zu bekommen. Aber: „Die Schule hat mir überhaupt nicht zugesagt”, berichtet die 28-Jährige. Sie habe sich dort gefühlt wie in einem Gefängnis. „Ich wusste, wenn ich einmal hier anfange, dann komme ich nicht mehr auf ein Gymnasium.“ Da blieb sie lieber arbeitslos. bibo / Agentur für Bildungsjournalismus

Lehrermangel: GEW fordert, sich von der Ausbildung nach Schulformen zu verabschieden – um flexible Stufenlehrer zu bekommen (alle mit A13)

16 Kommentare

  1. Naja, der Text beantwortet ja die Frage im Titel im Prinzip.

    Sie ist Gymnasiallehrerin für Deutsch und Spanisch. Wundert mich zwar auch, dass sie mit Spanisch nichts findet, aber wenn das das steht!

    Man sollte eben flexibel sein. Anderer Ort, andere Schulart, andere Fächer?!? Das müsste doch zu machen sein.

    • Lehramtstudenten werden spezifisch auf ihre Fächerkombination ausgebildet,
      der Schwerpunkt liegt auf Fachwissen, nicht auf Pädagogik und Co, daher wäre es schwierig,
      einfach mal die Fächer zu wechseln, vllt gibt es Optionen auf ein verkürztes Zweitstudium o.ä.,
      aber das bedeutet zusätzlichen zeitlichen udn finanziellen Aufwand, und die neuen Fächer sollten
      einem ebenfalls liegen

  2. Naja, bei anderer Schulart wäre ich immer etwas vorsichtig. Man kann nur ein guter Lehrer sein, wenn man sich in seiner Haut wohlfühlt, wenn es das ist, was man selbst auch machen möchte. Ein guter Gymnasiallehrer muss kein guter Lehrer für Schulanfänger sein und umgekehrt.

    • Eben, deshalb wurde sie ja auch für alle SekII-Schulen ausgebildedet – also GY, GeS und BK.

      Hätte sie Elektrotechnik studiert und würde nur bei Siemens arbeiten wiollen, die Arbeitsargentur würde ihre Folterinstrumente vorzeigen …

      Ist es snobistisch, wenn ein Verdurstender Wasser ablehnt und stattdessen nach Champagner verlangt?

  3. Hallo,

    diese Diskussion über den Lehrermangel ist nervig. Ich bin selbst Lehrer für berufsbildende Schulen Bautechnik und Mathematik SekII. Bewerbe mich seit 4 Jahren in Thüringen um eine Anstellung, aber keinen Bedarf, trotz der tatsache das ich bereit bin an Förderschulen, Regelschulen und Gymnasien arbeiten würde.
    Nunja das einzige Bundesland, welches mich anstellt ist Sachsen (125km einfach) für Oberschulen (Regelschule) in der Fachkombination Mathematik und Physik, freiwillig tue ich einen Neigunskurs abdecken.
    Aber das Grundproublem ist, es gibt einen Lehrermangel, dieser ist essenziell, es gibt keine Planstellen und wer als Lehrer arbeiten möchte muss ebend faheren (in meinen Fall 60000km/Jahr). Die Politik möchte keine ausgebildeten Lehrer anstellen und wartet darauf das es richtig “Kracht”.

    MFG Kandetzki

    • Vielleicht weil Seiteneinsteiger billiger sind?

      Zumindest ein Teil von ihnen (ohne nachträgl. Ausbil.) soll ja weniger verdienen. Auch so kann man A 13 für alle umgehen bzw. nur ein kleiner Teil hat etwas davon. Von deutlichen Entlastungen bei den Arbeitsbedingungen (kleinere Klassen, verringertes Stundensoll, weniger Bürokratie …) haben hingegen alle etwas !

      • Sie propagieren doch immer, dass man weniger verdienen soll, damit man nicht in Versuchung kommt, Teilzeit zu arbeiten oder Frühpensioniert zu werden.

        Da sind doch prekäre Beschäftigungsverhältnisse genau das Richtige: Arbeiten bis ins hohe Alter bei sehr hohem Stundendeputat, damit man sein Auskommen hat.

        • Ebenfalls so eine “Palimsche Fehlinterpretaion”, die ich gerade erst entdecke 🙂 und mal wieder recht boshaft finde (oder ist es Unvermögen?).

          Wenn man sagt, wir brauchen jetzt nicht in erster Linie Gehaltserhöhungen, sagt man doch nicht, wir sollten weniger verdienen.

          Verstehen Sie das etwa wirklich nicht?

          • Naja,
            mit fast jedem Beitrag unterstellen SIE, dass diejenigen, die hier A13 auch für Grundschullehrkräfte fordern, nur das monetäre im Sinn hätten und ihnen die Arbeitsbedingungen egal seien, selbst wenn die Grundschullehrkräfte und anderen Foristen anderes durchaus auch erwähnen, Ideen zur Erleichterung ansprechen und eine Verbesserung der Bedingungen fordern,

            und sie behaupten, dass A13 dazu führen würde, dass mehr Lehrkräfte die Teilzeit wählen würden (wobei man in etlichen Bundesländern nicht von “Wahl” sprechen kann, da Teilzeitanträge nur zu bestimmten Bedingungen überhaupt noch gestattet werden, SIE aber einige Lehrer mit A13 kennen, die in Teilzeit arbeiten).

            Ihre eigenen Argumentationen sind derart.
            aber Sie finden das boshaft oder unterstellen Unvermögen.

  4. “freiwillig tue ich einen Neigunskurs abdecken.”
    Puh…

  5. Ich finde die Diskussion überflüssig: Wir jaulen immer über die Arbeitslosen, die nicht umziehen wollen….
    Flexibel muss du als Lehrer* schon sein. Oder wollen wir, dass die Schüler zu uns kommen …
    Andere müssen sogar ihr Land verlassen, um Arbeit zu finden.

      • Hat nur einen Nachteil, die Länder erkennen zwar gegenseitig Hochschulabschlüsse anderer Bundesländer an, nicht aber die Laufbahnprüfungen (Zweiten Staatsexamina). Folglich ist es als Berufseinsteiger gar nicht so leicht von Bundesland zu Bundesland zu wechseln. Anders sieht das erst als Stelleninhaber im länderübergreifenden versetzungsverfahren aus.

        • Selbstverständlich erkennen die Bundesländer die Laufbahnprüfungen an und das bereits seit einigen Jahren.

          • Eben nicht alle und vor allem nicht uneingeschränkt!

            Bei Lehrämtern für die sekI+II ist das relativ unkompliziert. Im Bereich von Sekundarstufe I und in der Primarstufe sieht das mit der gegenseitigen Anerkennung schon anders aus, da hier unterschiedlichste Lehrämter existieren.

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