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Qualitätsunterschiede in der Ausbildung – viele Azubis klagen über Probleme im Betrieb

BERLIN. Rein rechnerisch ist der Ausbildungsmarkt ziemlich ausgeglichen. Trotzdem bleiben bundesweit tausende Ausbildungsstellen unbesetzt, tausende Bewerber finden keinen Platz. Einen Ausbildungsplatz zu finden ist aber längst nicht Alles. Viele Azubis fühlen sich ausgenutzt. Ihre Rechte einzufordern ist oft schwierig.

Alex fühlt sich ausgenutzt. Vergangenes Jahr hatte er eine Ausbildung zum Industriemechaniker begonnen. «Mittlerweile fühle ich mich einfach nur noch wie eine billige Arbeitskraft», schreibt er an eine Beratungsplattform des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB). Sein Ausbilder erkläre ihm nichts – dafür habe er immer die Mitarbeiter «nerven» müssen. «Ich muss jede Woche den Aufenthaltsraum putzen oder dem Chef auf seine private Baustelle Sachen liefern.» Alex ist laut neuem DGB-Ausbildungsreport kein Einzelfall.

Die meisten Azubis sind mit ihrer Ausbildung zufrieden, doch ein erschreckend hoher Anzeil klagt über Probleme im Betrieb. Foto: Chris Hunkeler / flickr (CC BY-SA 2.0)

Die meisten Azubis sind mit ihrer Ausbildung zufrieden, doch ein erschreckend hoher Anzeil klagt über Probleme im Betrieb. Foto: Chris Hunkeler / flickr (CC BY-SA 2.0)

Zwar sind 72 Prozent der Azubis zufrieden mit ihrer Ausbildung. Doch Tausende klagen über Probleme: viele Überstunden, ausbildungsfremde Tätigkeiten, unzulängliche Berufsschul-Qualität, späte Ansagen, ob sie übernommen werden oder nicht.

«Ich mache eine Ausbildung im Gastgewerbe», schreibt Anna an die Internetplattform der DGB-Jugend. Acht Tage am Stück müsse sie arbeiten – obwohl sie noch minderjährig sei. «Ich habe freitags immer Schule und jetzt zu meinem Problem, meine Arbeitstage sind Freitag Schule; Samstag, Sonntag, Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag Arbeit und dann Freitag wieder Schule. Darf ich das überhaupt?»

Die Antwort zeigt das Problem vieler Azubis: Einfordern der Rechte ist oft heikel – zumal in der Probezeit, in der man ohne Angabe von Gründen fristlos gekündigt werden kann. Dabei steht Anna zu, dass ihre Arbeitszeit auf 40 Stunden pro Woche begrenzt ist und sie für einen Sonntag einen Ersatzruhetag bekommt. «Wenn du deine Arbeitszeiten bei deinem Ausbilder ansprichst, solltest du sehr diplomatisch sein», lautet die Antwort der DGB-Beratungsseite.

Im Vergleich zum Vorjahr ist der Anteil der Befragten, die regelmäßig Überstunden leisten, laut DGB-Report um 1,4 Punkte auf 36,2 Prozent gestiegen. 11,6 Prozent der Unter-18-Jährigen geben an, rechtswidrig im Schnitt mehr als 40 Stunden pro Woche zu arbeiten. Mehr als jeder Zweite von ihnen bekommt keinen Freizeitausgleich. Ausbildungsfremde Tätigkeiten müssen 11,5 Prozent häufig oder immer leisten. Ein Ausbildungsplan fehlt bei fast zwei von drei Azubis.

Am schlechtesten werden von den Betroffenen folgende Berufe bewertet: Anlagenmechaniker, Zahnmedizinische Fachangestellte, Friseure, Hotelfachmann/frau, Fachverkäufer im Lebensmittelhandwerk – am besten unter anderem Mechatroniker, Industriekaufläufe und Elektroniker.

Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) verweist auf Ausbildungsberater der IHKs. Azubis müssten dort aber auch Ross und Reiter nennen. Die IHKs verfolgten jede Beschwerde, verspricht DIHK-Hauptgeschäftsführer Achim Dercks. «Sie erfüllen diese Aufgabe unabhängig sowie gewissenhaft im Interesse der Azubis und der Betriebe.»

Die Unterschiede in der Qualität mögen auch erklären, warum junge Menschen und Betriebe oft nicht zusammenkommen – obwohl die Bewerberzahl und die Zahl der Ausbildungsberufe rechnerisch fast ausgeglichen ist. Bis Ende August bewarben sich 532 000 Leute bei der Bundesagentur für Arbeit um einen Ausbildungsplatz. 528 000 Lehrstellen wurden von den Unternehmern gemeldet. 98 000 Jugendliche haben trotzdem noch keinen Platz, weitere 52 000 machen etwas anderes und drücken zum Beispiel noch einmal die Schulbank. Der BA-Vorstandschef Detlef Scheele zeigt sich dennoch optimistisch – er verweist auf die stets höchste Dynamik auf dem Ausbildungsmarkt im September.

«Es interessieren sich relativ viele Bewerber zum Beispiel für Büro- und Verwaltungsberufe oder Medienberufe, während es für viele Berufe im Handwerk wie Sanitär, Lebensmittel, Reinigung, im Hotel- und Gaststättengewerbe oder im Bau nur wenige Interessenten gibt», erläutert ein BA-Sprecher. Ausbildungsstellen fehlen in Berlin, Nordrhein-Westfalen und Hessen. Deutlich mehr Stellen als Bewerber gibt es in Süddeutschland, dem Saarland, Hamburg sowie in Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern.

Schwer haben es vor allem Bewerber mit Hauptschulabschluss. Zum September 2016 hatten 47 Prozent dieser Bewerber eine Ausbildungsstelle gefunden – aber 55 Prozent der Bewerber mit Realschulabschluss. DGB-Vize Elke Hannack kritisiert: «In den Lehrstellenanzeigen der IHK sind viele Angebote von vorneherein nicht für Hauptschüler ausgeschrieben.»

Jedes Jahr gehen Zehntausende Bewerber leer aus. 179 000 der Bewerber, die derzeit bei der BA registriert sind, waren bereits in mindestens in einem der vergangenen fünf Jahre dort gemeldet. DGB-Vize Hannack betont: «Sie sind alle ausbildungsreif.» (Basil Wegener, dpa)

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