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VBE-Umfrage: Lehrkräfte benoten die Inklusion in Deutschland mit “mangelhaft” – Beckmann: „Die Politik sollte vor Scham im Boden versinken“

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BERLIN. Die Bedingungen für den gemeinsamen Unterricht von behinderten und nicht-behinderten Kindern sind bundesweit immer noch völlig unzureichend – verbessert hat sich gegenüber 2015 praktisch nichts. Insgesamt beurteilen die Lehrkräfte in Deutschland die praktische Umsetzung der Inklusion auf einer Skala von eins bis sechs mit der Durchschnittsnote 4,9, also “mangelhaft”. Dies sind Ergebnisse einer  im Auftrag des VBE durchgeführten forsa-Umfrage zum Thema. „Inklusion wird nicht gelingen, wenn die Lehrkraft alleine, ohne Unterstützung durch weitere Professionen und nicht ausreichend fortgebildet, in zu großen Klassen und zu kleinen Räumen unterrichten muss! Die repräsentativen Ergebnisse belegen aber erneut, dass genau das nach wie vor die Realität an deutschen Schulen ist“, kommentiert VBE-Bundesvorsitzender Udo Beckmann.

Gewohnt pointiert: VBE-Vorsitzender Udo Beckmann (unlängst auf dem Deutschen Schulleiterkongress). Foto: Susanne Schnabel

Mittlerweile gibt es an über der Hälfte der Schulen inklusive Lerngruppen (54 Prozent, 2015: 49 Prozent). Dass ihre Schule vollständig barrierefrei aus- und umgebaut wurde, berichten jedoch nur 16 Prozent der Befragten (vor zwei Jahren: 15 Prozent). „Hier zeigt sich deutlich: die Politik verweigert die Gelingensbedingungen für Inklusion. Wer Inklusion will, muss die Schulgebäude entsprechend gestalten. Dazu gehören auch Räume für Kleingruppen und Differenzierungsräume, von denen nur knapp über die Hälfte der Befragten berichten“, so Beckmann.

Wir brauchen jetzt eine breite Debatte über die Inklusion – sonst droht ihr das Schicksal von G8

Dazu kommt: Nur ein Drittel der befragten Lehrkräfte hat danach eine Absenkung der Klassengröße bei Hinzukommen eines Kindes mit sonderpädagogischem Förderbedarf erlebt (2015: 29 Prozent). Die überwältigende Mehrheit (61 Prozent) berichtet von gleichbleibenden Klassengrößen (2015: 65 Prozent). Die Herausforderung Inklusion muss noch immer von einer Lehrkraft allein gestemmt werden, so geben 65 Prozent der Befragten an. Zudem hat sich die Unterstützung durch Mitglieder multiprofessioneller Teams seit 2015 nicht verändert: Noch immer gibt es nur an zwei Dritteln der Schulen Sozial- und Sonderpädagogen, dabei nur an der Hälfte der Grundschulen, dafür aber an 86 Prozent der Sekundarschulen (ohne Gymnasien).

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Fast alle Lehrer fordern die Doppelbesetzung

Fast alle – nämlich 98 Prozent – der Befragten geben an, dass für die inklusive Beschulung die Doppelbesetzung aus Regelschullehrkraft und Sonderpädagoge benötigt wird. 86 Prozent von ihnen sprechen sich dafür aus, dass es die Doppelbesetzung immer und nicht nur zeitweilig gibt. VBE-Chef Beckmann fordert: „Hier muss die Politik die Praxiserfahrung der Lehrkräfte endlich anerkennen. Das Arbeiten in multiprofessionellen Teams muss der Standard-Fall werden. Schluss mit stundenweiser Förderung, Schluss mit stundenweiser Unterstützung, Schluss mit stundenweiser Beziehungsarbeit.“

Ein weiteres Ergebnis ist, dass die Lehrkräfte immer noch nicht ausreichend auf die Übernahme einer inklusiven Lerngruppe vorbereitet werden. 32 Prozent hatten keine entsprechende Lehrerfortbildung im Vorfeld. Nur ein Viertel hatte bereits Erfahrung im gemeinsamen Unterricht sammeln können. Kinder mit emotional-sozialen Entwicklungsstörungen sind für die Lehrkräfte die größte Herausforderung und haben den höchsten Förderbedarf. 92 Prozent der Lehrkräfte schätzen diesen als (sehr) hoch ein. Dies deckt sich mit dem Ergebnis einer zuletzt veröffentlichten Expertise im Auftrag des VBE des Berliner Psychoanalytikers und Pädagogen Prof. Bernd Ahrbeck.

VBE-Gutachten zur Inklusion: Zahl der Schüler mit emotional-sozialen Entwicklungsstörungen wächst dramatisch – und die Probleme werden klein geredet

Bemerkenswert: Ein Viertel der Lehrkräfte unterstützt bei der Medikamentengabe. Bereits im März hatte der VBE zusammen mit dem Bundesverband der Kinder- und Jugendärzte die Gesundheits- und Kultusministerien aufgefordert, Schulgesundheitsfachkräfte flächendeckend bedarfsgerecht einzuführen. Gerade im Hinblick auf die Inklusion ist die Bereitstellung von Schulgesundheitsfachkräften unumgänglich.

Trotz all der Schwierigkeiten: Über die Hälfte der Lehrkräfte (54 Prozent) spricht sich immer noch grundsätzlich für den gemeinsamen Unterricht aus – gegenüber 2015 drei Prozentpunkte weniger. Für Inklusion sprechen aus Sicht der Befürworter vor allem die Förderung sozialer Kompetenzen, das soziale Lernen und die Förderung von Toleranz. Wenige befürchten Nachteile für nicht-behinderte Kinder oder glauben, dass behinderte Kinder überfordert oder frustriert werden.

So kann Inklusion funktionieren: Stets eine Lehrkraft, ein Sonderpädagoge und ein Helfer im Unterricht – aber wo gibt’s das?

Beckmann: „Die Politik sollte vor Scham im Boden versinken, wenn sie hört, was die Lehrkräfte an Gründen gegen Inklusion vorbringen. Es fehlt an Fachpersonal, die ungenügende materielle und finanzielle Ausstattung wird bemängelt und viele werden nicht adäquat durch Aus-, Fort- und Weiterbildung vorbereitet. Deshalb gibt fast ein Fünftel an, dass die Regelschule den erhöhten Förderbedarf behinderter Kinder nicht leisten kann. Hier wird besonders offensichtlich, dass Anspruch und Wirklichkeit nicht im Einklang sind.“ So sei auch zu interpretieren, dass 59 Prozent der Befragten für den vollständigen Erhalt der Förderschulen seien und immer noch 38 Prozent für einen teilweisen Erhalt votieren.

Das Meinungsforschungsinstitut forsa hat die repräsentative Befragung unter 2.050 Lehrkräften allgemeinbildender Schulen im April und Mai 2017 durchgeführt. Es gibt zusätzlich Stichproben für Baden-Württemberg, Bayern, Nordrhein-Westfalen und eine für die drei Länder Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen.

Hier geht es zur vollständigen Umfrage. 

 

Was der VBE konkret fordert

„Für gelingende Inklusion“, so heißt es in einer Pressemitteilung des VBE, „muss das Vertrauen der Lehrkräfte in dieses Konzept zurückgewonnen werden. Dafür bedarf es massiver Investitionen, damit die Gelingensbedingungen stimmen. Dazu gehören:

1) die Doppelbesetzung aus Lehrkraft und Sonderpädagoge,

2) die Unterstützung durch multiprofessionelle Teams,

3) die schulbaulichen Voraussetzungen,

4) kleinere Klassen,

5) bessere Vorbereitung durch angemessene Aus-, Fort- und Weiterbildung.“

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