Im Interview: Bernd Westermeyer, Leiter von Deutschlands renommiertester Privatschule

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SALEM. Bernd Westermeyer ist seit fünf Jahren Gesamtleiter der wohl renommiertesten Privatschule in Deutschland, Schloss Salem. Zuvor hat er allerdings auch Erfahrungen im Staatsdienst gesammelt. Im Interview spricht er über die Unterschiede – und die Frage, wie viel Unternehmer in einem Privatschulleiter stecken muss. 

So stellen sich viele Eltern offenbar eine Privatschule vor: Park des Eliteinternats Schloss Salem. Foto: Wikimedia Commons
So stellen sich viele Eltern offenbar eine Privatschule vor: Park von Schloss Salem. Foto: Wikimedia Commons

News4teachers: Wie unterscheidet sich die Arbeit des Schulleiters einer staatlichen Schule von der des Schulleiters einer Privatschule?

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Westermeyer: An der Landesschule Pforta konnte ich innerhalb des vom Land Sachsen-Anhalt gesteckten Rahmens recht frei gestalten. Über die grundständige Finanzierung von Seiten des Landes als Schulträger musste ich mir also nur bedingt Gedanken machen, und es war beruhigend, über den Landeshaushalt abgesichert zu sein. So konnte ich mich zum Beispiel darauf verlassen, dass offenkundig unverzichtbare Ausbau- und Sanierungsmaßnahmen in hoher Qualität beauftragt wurden. Das war komfortabel.

Jede Privatschule oder Schule in freier Trägerschaft muss wie ein Unternehmen geführt werden. Die Schule Schloss Salem ist zum Beispiel eine gemeinnützige GmbH, sie arbeitet also nicht gewinnorientiert. Wichtig ist, über das Schul- und Internatsgeld notwendige Investitionen tätigen zu können und eine schwarze Null zu schreiben. Unsere Internatsschule ist dabei den Gesetzen des Marktes unterworfen: Welche Nachfrage ist zu verzeichnen? Was genau suchen Schüler und Eltern? In welche Bereiche investieren wir? Da keine unerschöpflichen Finanzquellen zur Verfügung stehen, muss ich gemeinsam mit meinen Kollegen in der Geschäftsführung klug überlegen, wie die zur Verfügung stehenden Mittel am besten eingesetzt werden können. Dabei fühlen wir uns für die Mitarbeiterschaft des mittelständischen Unternehmens, das unsere Schule darstellt, verantwortlich. Bei 270 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern geht es auch um das Wohl ihrer Familien. Arbeitsplatzsicherheit ist wichtig, damit alle möglichst sorgenfrei leben und arbeiten können.

News4teachers: Wenn eine Privatschule einem mittelständischen Unternehmen gleicht, inwieweit ist dann Ihr Schulleiterhandeln von wirtschaftlichem Denken bestimmt?

Westermeyer: Das eine bedingt das andere: Die Qualität des pädagogischen Bereichs wirkt sich unmittelbar auf die Zufriedenheit unserer Schüler und Eltern aus, und diese ist wiederum der wesentliche Faktor für den Erfolg unseres wirtschaftlichen Betriebes. Schule ist dann erfolgreich, wenn man gute Schule macht. Wirtschaftliche Fragen beantworten sich dann von selbst positiv. Ich kann allerdings nicht wie ein Industrieunternehmen am Fließbandschräubchen drehen, um die Leistung zu steigern. In erster Linie arbeite ich mit Menschen, Situationen, Befindlichkeiten, die es auszubalancieren gilt.

Beständig muss man sich gleichzeitig immer wieder fragen, ob Schule und Internat für die Zukunft gut genug aufgestellt sind. Man muss gesellschaftliche und andere Entwicklungen erspüren und beobachten und gegebenenfalls Veränderungsprozesse anstoßen – selbst dann, wenn gefühlt gerade alles in Ordnung zu sein scheint. Eine Veränderungsnotwendigkeit ist auf Anhieb nicht immer offensichtlich, doch eine gute Schule muss für Veränderungen offen sein.

Die Schule Schloss Salem versteht sich seit ihrer Gründung als eine Modellschule. Hier werden Dinge ausprobiert, die, in die Fläche getragen, auch andere Schulen positiv verändern können. Nehmen wir zum Beispiel unseren Sozialdienst: Salemer Schülerinnen und Schüler, die diesen Dienst gewählt haben, engagieren sich über drei Jahre hinweg einmal pro Woche im sozialen Bereich. Sie arbeiten beispielsweise mit den Bewohnern eines Altenheims. Daraus erwachsen eine geschärfte Sozialverantwortung und das Bewusstsein, dass ein jeder Mensch die Gesellschaft mitgestalten kann. Zumindest in Form von Sozialpraktika gibt es Vergleichbares mittlerweile an vielen Schulen.

News4teachers: Welche Management-Kompetenzen brauchen Sie als Schulleiter?

Westermeyer: Eine Privatschule lässt sich nicht ohne Fachwissen aus ganz verschiedenen Bereichen leiten. So muss man sich auch als gelernter Lehrer zum Beispiel mit Bilanzen und anderen wirtschaftlichen Daten auseinandersetzen. Zugleich bin ich in Salem aber nicht alleine aufgestellt. Vor einigen Jahren führte der Trägerverein eine stimmige Corporate Governance ein. Seitdem steht der Schul- beziehungsweise Gesamtleiter in Salem nicht mehr alleine an der Spitze von Schule und Internat. Stattdessen gibt es eine dreiköpfige Geschäftsführung, die als Kollegialorgan angelegt ist. Als Gesamtleiter und Vorsitzender der Geschäftsführung bin ich für den Internatsbereich sowie für eine einheitliche pädagogische Entwicklung an unseren verschiedenen Schulstandorten verantwortlich. Darüber hinaus vertrete ich die Schule Schloss Salem national und international nach außen und begleite die Bereiche Aufnahme, Fundraising, Stipendienwesen, Kommunikation, International Marketing und Summer Schools. Meine Mitgeschäftsführerin Frau Mergenthaler-Walter ist Beamtin des Landes Baden-Württemberg  und verantwortet als sogenannte Studienleiterin den unterrichtlichen und schuladministrativen Bereich. Ergänzt werden wir abschließend durch unseren Kollegen Christian Niederhofer, der sich als erfahrener Wirtschaftsleiter allen wirtschaftlichen Themen, unseren Baumaßnahmen und vielen rechtlichen Fragestellungen annimmt. Als Team können wir wichtige Entscheidungen mit der notwendigen Gelassenheit und Sicherheit fällen. Im Übrigen finden sich im Trägerverein der Schule Schloss Salem, dessen Vorstand in Personalunion den Aufsichtsrat der Schule Schloss Salem bildet, sehr kundige Frauen und Männer. Sie unterstützen die Geschäftsführung bei schwierigen Entscheidungen aus den unterschiedlichsten Bereichen und tragen mit ihrer spezifischen Expertise zur Professionalität und zum Erfolg der Schule bei.

News4teachers: Was können Sie als Privatschulleiter von mittelständischen Unternehmen lernen?

Westermeyer: Das lässt sich pauschal nicht sagen, zu groß sind die Unterschiede zwischen mittelständischen Unternehmen. Die bessere Frage wäre wohl: Was kann man vom Idealtypus eines mittelständischen Unternehmers oder einer erfolgreichen Unternehmerin lernen? Ein Unternehmer sollte jemand sein, der im wahrsten Sinne des Wortes etwas unternimmt, der mutig ist, der bereit ist, ein Risiko einzugehen. Andererseits gilt es zuweilen auch, gegen Trends zu stehen und innezuhalten. Einerseits braucht man also Weitblick und muss bereit sein, vor anderen die Initiative zu ergreifen, andererseits sollte man auch den Mut aufbringen, sich gelegentlich vorsichtig zurückzuhalten. Das sind unternehmerische Qualitäten, die auch für einen Schulleiter bedeutsam sind.

Gefühlt bestimmt das Thema „Digitalisierung“ derzeit zum Beispiel überall die Diskussion. Von Seiten der Politik wurden riesige Beträge annonciert, um die digitale Bildung voranzutreiben. Vieles scheint aber unzureichend durchdacht. Wenn etwa alle deutschen Schulen mit Tablets ausgestattet würden, müssten diese nach vier bis fünf Jahren erneuert werden. Das heißt, dass eine nachhaltige Finanzierung gesichert sein müsste. Außerdem scheinen auch naheliegende Nebeneffekte aus dem Blick der Entscheidungsträger zu geraten – dass etwa durch den intensiven Gebrauch von Tablet-PCs im Unterricht die aus meiner Sicht unverzichtbare Handschriftlichkeit von Kindern und Jugendlichen stark leidet.

Die Schülerinnen und Schüler der Schule Schloss Salem sollen lernen, kompetent mit den neuen Technologien und Medien umzugehen. Wir möchten natürlich, dass sie das Zehnfinger-Schreibsystem beherrschen, dass sie im Internet recherchieren und die Suchergebnisse auch auf Plausibilität prüfen können. Darüber hinaus ist uns aber ein ganzheitliches Medienkonzept wichtig, denn Schulen sollten sich im Zuge der Digitalisierung des Bildungsbereichs zum Beispiel auch in den Gesellschaftswissenschaften mit den Folgen der Digitalisierung auseinandersetzen. Nur so können junge Menschen die aktuelle Entwicklung kritisch begleiten.

Anna Hückelheim, Redakteurin der Agentur für Bildungsjournalismus, führte das Interview.

 

Hintergrund: Der Schulleiter und seine Schule
Bernd Westermeyer - neuer Gesamtleiter der Schule Schloss Salem. Foto: Sebastian Willnow / Schloss Salem
Bernd Westermeyer – Gesamtleiter der Schule Schloss Salem. Foto: Sebastian Willnow / Schloss Salem

Bernd Westermeyer (48) stammt aus Geseke in Nordrhein-Westfalen. Seinen Wehrdienst absolvierte er als Zeitsoldat in Holzminden, danach studierte er Englisch, Geschichte und Erziehungswissenschaften auf Lehramt in Bonn. Nach seinem Referendariat arbeitete er als Lehrer an einer Privatschule in Magdeburg. Dort übernahm er 2004 nach etwa fünf Jahren die Aufgaben des stellvertretenden Schulleiters, bevor er 2007 als Rektor an das Internatsgymnasium Landesschule Pforta in Naumburg an der Saale wechselte. Seit August 2012 führt er die Schule Schloss Salem, Deutschlands wohl bekanntestes Internat. Westermeyer ist verheiratet und hat einen Sohn im schulpflichtigen Alter.

Die Schule Schloss Salem

Prinz Max von Baden und der Reformpädagoge Kurt Hahn gründeten 1920 die Internatsschule Schloss Salem in Baden-Württemberg. Derzeit besuchen rund 600 Schülerinnen und Schüler aus über 40 Nationen die Klassen 5 bis 12. Etwa ein Viertel der Schülerschaft erhält nach Angaben der Schule ein Stipendium, die anderen bezahlen pro Jahr Schulgeld in Höhe von etwa 36.000 Euro. Unter dem Motto „Persönlichkeiten bilden“ strebt die Schule eine umfassende Persönlichkeitsentwicklung an. Daher stehen nicht nur die kognitiven und intellektuellen Fähigkeiten der Schülerschaft im Fokus, sondern auch ihre sozialen, musisch-kreativen und sportlichen Talente.

 

 

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3 KOMMENTARE

  1. Vielleicht kann Herr Westermeyer einmal erklären, warum die Schülerzahlen in Salem seit Jahren dramatisch sinken und die bereits hohen Gebühren im kommenden Schuljahr um weitere 15% angehoben werden müssen? Das Ganze klingt eher nach nach der dilletantischen Führung eines Kleingartenvereins als nach der professionellen Leitung eines wirtschaftlichen Unternehmens. Die 270 Angestellten sollten sich dringend Gedanken machen, ob die Arbeitsplatzgarantie in den kommenden Jahren noch aufrechterhalten werden kann. Den Rang der renommiertesten Privatschule Deutschlands hat Salem übrigens schon vor längerer Zeit an andere verloren.

    • haben sie eine quelle dafür?

      die laut homepage 40 Nationalitäten würden zumindest bestätigen, dass jeder zahlungskräftige kunde gleich welcher herkunft genommen wird. Über das generelle unterrichtsniveau sagt das freilich überhaupt nichts aus.

      bei 270 mitarbeitern für 600 Schüler zu je 35000€ jahresgebühr ergeben sich nach abzug der mwst 18000€ Jahresgehalt pro Person im schnitt. viel ist das nicht, zumal ein guter Teil des Budgets nicht für die Gehälter drauf gehen. ein äquivalent zum tvl o. ä. ist das weder für Lehrer noch Erzieher.

  2. Die Gebühren sind mit Sicherheit nicht die einzigen Einnahmen mit der die Schule regelmäßig planen kann.
    Unter Umständen sind Spenden ehemaliger Schüler ein bedeutsamer Faktor.
    Ist jetzt aber ohne Quelle oder eine vernünftige Grundlage nicht besonders zielführend.

    Mich würde aber auch die Quelle für den ersten Kommentar interessieren? Vielleicht kommt da noch was…

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