“Meine Berufung habe ich erst als Lehrer gefunden”: Seiteneinsteiger berichten

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STUTTGART. Sie haben kein Referendariat in der Tasche und keine pädagogische Ausbildung: Mehr als 3.000 Seiteneinsteiger wurden zu Schuljahresbeginn in Deutschland als Lehrer eingestellt. Zwei aus der IT-Branche erzählen, wie es ist, plötzlich vor einer Klasse zu stehen.

Was kann ein einzelner Lehrer leisten? Foto: Florian Schwalsberger / flickr (CC BY 2.0)
Plötzlich Lehrer: Immer mehr Seiteneinsteiger kommen in den Schuldienst (Symbolbild). Foto:
Florian Schwalsberger / flickr (CC BY 2.0)

Mit 37 Jahren begann Rüdiger Bergs zweites Leben. So nennt er es selbst, wenn er von der Zeit vor sieben Jahren erzählt, als er sich Bücher-bepackt in einer Dachkammer verkroch. Dort paukte er, der jahrelang als Software-Entwickler gearbeitet hatte, plötzlich Didaktik und Schulrecht. Berg hatte beschlossen, seinen alten Job an den Nagel zu hängen und Lehrer zu werden. Als er das erste Mal vor einer Klasse stand, zitterten ihm die Knie.

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Berg, heute 44, hatte nie Lehramt studiert oder ein Referendariat gemacht. Er hatte sich an der it.schule in Stuttgart als Quereinsteiger beworben. Die gewerbliche und kaufmännische Schule ist auf Informationstechniken spezialisiert. Seine Fachkenntnisse waren hier begehrt.

Dass jemand wie er überhaupt unterrichten durfte, hat Berg dem Lehrermangel zu verdanken. Bundesweit treten immer mehr Quereinsteiger den Schuldienst an. In Baden-Württemberg ist dies derzeit aber nur an beruflichen Schulen und in Fächern mit besonders großem Lehrermangel möglich. In Bergs Fall waren das Informatik und System- und Informationstechnik. In Ausnahmen dürfen Quereinsteiger auch an allgemein bildenden Gymnasien im Fach Physik unterrichten.

In Baden-Württemberg wird zwischen zwei Formen des Quereinstiegs unterschieden: Es gibt Seiteneinsteiger, die erst ihr Referendariat nachholen, bevor sie unterrichten. Und es gibt Direkteinsteiger wie Berg, die sofort ins kalte Wasser geworfen werden. 150 solcher Direkteinsteiger wurden in Baden-Württemberg dieses Schuljahr eingestellt.

“Leben komplett geädert”

Während Berg bereits unterrichtete, machte er berufsbegleitend sein Referendariat. Nach drei Jahren und bestandener Prüfung konnte er so sogar verbeamtet werden. «Mein Leben hat sich komplett verändert«, sagt er. «Früher in der Industrie arbeitete ich an drei bis vier Großbaustellen, hier an der Schule sind es gefühlt über hundert Kleinbaustellen.»

Sein Kollege David Link, 31, steckt noch mitten in der Ausbildung. Am Morgen wurde er in Pädagogischer Psychologie geprüft. «Die Doppelbelastung ist sehr sportlich und bringt einen auch an die Grenzen», sagt er. Ihm macht vor allem der ständige Rollenwechsel zu schaffen. Im einen Moment steht er als Lehrer vorne an der Tafel, im nächsten drückt er selbst wieder die Schulbank.

Wie Berg kam er als Direkteinsteiger an die Stuttgarter Schule, lehrt dort Betriebswirtschaftslehre und Informatik. Vorher arbeitet er unter anderem als Entwickler. Er war gerade geschäftlich in Vietnam, als er die Lehrer-Ausschreibung entdeckte – und sich kurzentschlossen bewarb. «Mich hat das Berufsfeld gereizt, hier kann ich Schüler auf das vorbereiten, was sie in der Praxis erwartet.»

Keiner der beiden möchte seine vorherige Berufserfahrung missen. «Die Schüler profitieren von uns, weil wir wissen, was in der Praxis gebraucht wird», sagt Berg.

Das sieht Schulleiter Florian Leopold ähnlich. «Der Direkteinstieg ist ein Erfolgsmodell», betont er. Seit Jahren mache man gute Erfahrungen mit Lehrkräften aus der Praxis. Ohne sie seien viele Fächer gar nicht mehr zu besetzen, weil es an Referendaren mangele. 28 der 75 Lehrer seiner Schule sind als Direkteinsteiger gekommen, mehr als jeder dritte. Allerdings: Fachkräfte zu bekommen, wird immer schwieriger. Brummt die Wirtschaft, schrumpfen die Bewerberzahlen.

Früher besser verdient

Ein Grund sind die Gehaltsunterschiede. Die Lehrer Berg und Link machen kein Geheimnis daraus, dass sie in der Industrie besser verdient haben. Um überhaupt noch Bewerber für die Berufsschulen zu finden, lockt das Kultusministerium zum Teil mit Zulagen von bis zu 950 Euro brutto im Monat, die es zum Tarifentgelt obendrauf gibt. «Für mich ist das Gehalt nur eine Komponente», sagt Link. «Ich habe Lebensqualität gewonnen und kann mich mit meiner neuen Rolle als Lehrer zu hundert Prozent identifizieren.» Die Aussicht auf Verbeamtung habe natürlich auch eine Rolle gespielt.

Auch Berg betont, dass er seinen Jobwechsel keine Sekunde bereut habe. «Meine Berufung habe ich erst als Lehrer gefunden.» Von Christine Frischke, dpa

Schon jetzt ist jeder 12. neue Lehrer gar kein richtiger: Immer mehr Seiteneinsteiger

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12 KOMMENTARE

    • Romantisch hin — romantisch her. Wenn da ein Schulleiter sich positiv äußert, möchte ich mal wissen, warum die Lehrergewerkschaften und andere Lobbyisten sich grundsätzlich negativ äußern. Offenbar gibt’s da doch Licht UND Schatten.
      Übrigens könnte eine Nicht-Verbeamtung nebenbei dazu führen, dass bei guter Konjunktur eine umgekehrte Entwicklung einsetzt: Lehrer verlassen die Schule, um anderswo als Quereinsteiger zu arbeiten. Bei unserem Rentensystem hätten sie dann keinerlei Nachteile. Irgendwo las ich, dass das in der Schweiz schon ein Problem geworden ist hinsichtlich der Lehrer in naturwiss. Fächern. Dort zahlen alle in dieselben Pensionsfonds ein.

      • Sie schließen hier unzulässig von zwei ausgesuchten Einzelfällen auf die Allgemeinheit. Ich will das auch mal aus meiner Sicht machen, der ständig mit vier Seiteneinsteigern zu tun hat.
        Die Fälle 1 und 2 sind vergleichbar: Sie haben (bewußt) nicht auf Lehramt studiert und das merkt man auch beim Umgang mit den Schülern, wo beide sehr viel Luft nach oben haben. Bei Person 2 kommt noch dazu, dass seine Ergebnisse im Zentralabitur so desaströs waren, dass er keine Abiturkurse mehr bekommt. Folge: Die “richtigen” Lehrer dürften also besonders oft in den arbeitsintensiven Kursen ran.
        Das gilt auch für die 3. Person: Sie darf kein Abitur abnehmen, also wieder Mehrbelastung der anderen Kollegen.
        Nur die 4. Person kann als gleichwertiger Lehrer angesehen werden.

        In meinem Blickfeld ist also nur einer von vier Kollegen voll tauglich für den Job! Keine gute Quote….

        Darum haben Lehrergewerkschaften ein Problem mit Seiteneinsteigern.

        • Diese Probleme gibt es in anderen Berufen auch mit Quereinsteigern aus anderen Kulturen oder mit Kollegen aus dem selben Berufszweig. Da muss man dann nachbessern., darf die schwierigen Fälle selber bearbeiten und trägt die Arbeit für andere mit.

        • @ Küstenfuchs,

          seien wir ehrlich. Haben wir die Totalausfälle und die Überflieger nicht genauso auch unter uns “richtigen Lehrern”, wobei die Bewertung, zu welcher Kategorie man gehört dann auch noch infrage gestellt werden kann und sicherlich je nach Betrachter variiert.

          Keine Frage, die Quereinsteiger / Seiteneinsteiger müssen solide ausgebildet werden. Ob das dann 5 + 2 Jahre sein müssen, bezweifle ich. Die Uni-Phase ist für mich eher die Phase, in der ich gelernt habe, mir Wissen und Fertigkeiten anzueignen; das Referendariat die Phase, in der ich gelernt habe, es zu vermitteln. Phase 1 hatten die anderen Akademiker auch. Phase 2 fehlt ihnen unbedingt !

          • Ist das Ihr Ernst? Sie haben an der Universität nix gelernt, außer wie man sich „Wissen aneignet“? Sind Sie denn in irgendwas geprüft worden?

          • Natürlich bzw. hoffentlich das angeeignete Wissen. Vermittlung von Schulstoff hat aber aufgrund des Studiengangs nicht dazu gehört. Ob Professoren in Didaktik, die noch nie oder nur vor sehr langer Zeit mit Kindern gearbeitet haben, das abfragen können, sei aber auch dahin gestellt. Solche Leute haben ja die so genannten “modernen Methoden” entwickelt und für großartig befunden.

  1. @Cavalieri
    “Übrigens könnte eine Nicht-Verbeamtung nebenbei dazu führen, dass bei guter Konjunktur eine umgekehrte Entwicklung einsetzt: Lehrer verlassen die Schule, um anderswo als Quereinsteiger zu arbeiten.”

    Die meisten Seiteneinsteiger, der Text sagt ja selbst, dass es diese Möglichkeit gibt, werden sich für das Referendariat entscheiden und dann haben diese Seiteneinsteiger natürlich die genau gleichen Möglichkeiten verbeamtet zu werden wie alle anderen auch.

    Wird uns nicht immer erzählt, dass es uns so gut geht wie nie? Wenn das stimmt (ich lasse meine Meinung dazu einmal außen vor), dann würde exakt jetzt genau das was sie beschreiben eintreten. Und? Ist das eingetreten?

    • In vielen (allen?) ostdeutschen Bundesländern wurden die Lehrer nach der Wende jahrelang, teilweise bis heute nicht verbeamtet. Sicherlich gab es Aussteiger (es gibt sie auch unter Beamten), aber das Gros blieb an den Schulen und war froh, bleiben zu dürfen – in Zeiten, als Stellen gestrichen und Tausende Lehrer entlassen wurden (nach der Wende, nein, ich meine nicht nur die “vergangenheitsbelasteten”).

      Wenn die Quereinsteiger / Seiteneinsteiger ein Referendariat absolviert haben, sind sie ganz normale “richtige Lehrer” wie wir anderen auch. Wer über die Lehrergehälter jammert, soll mal unter den Eltern seiner Schüler fragen, was die denn so verdienen. Dass der Lehrerberuf für viele nicht mehr attraktiv war, hat für das Gros nichts mit den Gehältern zu tun. Da sind viele andere Bedingungen dran schuld, die wir hier oft diskutiert / genannt haben, aber natürlich auch der Stellenabbau in der Ausbildung und der Stellenabbau an den Schulen in den letzten Jahrzehnten, schlechte berufliche Perspektive also seinerzeit.

    • “… die genau gleichen Möglichkeiten verbeamtet zu werden wie alle anderen auch.”
      Jaja, aber die anderen werden in bestimmten Bundesländern auch nicht verbeamtet, und progressive Politiker halten das auch für richtig. In Berlin hatte man sich längere Zeit den Trick ausgedacht, Lehrer immer nur für ein Schuljahr einzustellen bis zum Beginn der Sommerferien. Denen wurde dann geraten, sich in den Sommerferien arbeitslos zu melden, bis sie im kommenden Schuljahr wieder einen solchen Vertrag erhielten. Mit Beamten kann man sowas nicht machen. Außerdem habe ich gehört, dass man etliche Quereinsteiger in eine niedrigere Vergütungsgruppe einstuft, weil ihr zweites Fach (Nebenfach) nicht als vollwertig anerkannt wird. Es gibt ja auch Quereinsteiger ohne Refendariat. Schließlich und endlich ist das immer eine Frage der Konjunktur, sowohl im Schuldienst wie auch außerhalb.

      • @Cavalieri
        Nun ja, man muss eben auch mit seine Stärken wuchern können. Das Bundesland braucht dich ganz dringend als Lehrer, weil du zu den Wenigen gehörst, die sich in diesem Fach auskennen? Warum lässt du dich denn auf eine befristete, unterbezahlte (niedrigere Vergütungsgruppe) Tätigkeit ein? Es gibt ja nicht nur Berlin und das ist ja das Gute an der freien Marktwirtschaft: man kann sich seinen Arbeitgeber aussuchen und dann wird es eben ein anderes Bundesland, das einen nicht besch****en will.

  2. Interessant ist die Definition des Begriffes “Seiteneinsteiger” gem. KMK.

    Seiteneinsteiger sind lt. deren Definition nur Lehrkräfte, die weder über ein Lehramtsstudium noch über ein bestandenes zweites StEx verfügen. Wem also ein anderer Abschluss als ein Lehramtsabschluss anerkannt worden ist und wer im Anschluss seinen Vorbereitungsdienst erfolgreich abgeschlossen hat, ist zwar keine grundständige Lehrkraft gem. TV-L – aber eben kein Seiteneinsteiger mehr sondern eine reguläre, staatlich geprüfte Lehrkraft …

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