Josef Kraus zur Debatte um Bildungsgerechtigkeit: “Vorsicht mit dem Hartz-IV-Horrorgemälde!”

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MÜNCHEN. Josef Kraus, Ehrenpräsident des Deutschen Lehrerverbands und Bestseller-Autor (“Helikopter-Eltern: Schluss mit Förderwahn und Verwöhnung”), hat sich in der auf News4teachers entbrannten Diskussion um Bildungsgerchtigkeit zu Wort gemeldet – und dazu aufgefordert, den PISA-Befund nicht als Indikator absolut zu setzen. “Nicht erfasst wird das wirklich Entscheidende, nämlich welchen Bildungsabschluss Zwanzig- oder Zweiundzwanzigjährige im Endeffekt haben”, so betont Kraus in einem Kommentar.

Mann der deutlichen Worte: Josef Kraus, 30 Jahre lang Präsident des Deutschen Lehrerverbands. Foto: Deutscher Lehrerverband
Mann der deutlichen Worte: Josef Kraus, war 30 Jahre lang Präsident des Deutschen Lehrerverbands. Foto: Deutscher Lehrerverband

Er schreibt: “Vielleicht sollte man endlich zur Kenntnis nehmen, dass PISA als Indikator für ‘Bildungsgerechtigkeit’ völlig ungeeignet ist. Seit PISA 2000 werden hier nämlich Artefakte verbreitet. Zur Sache: PISA testet Fünfzehnjährige inmitten ihrer Schullaufbahn. Der Status der Eltern wird zum Beispiel über die Zahl der im Haushalt der Eltern vorhandenen Bücher erfasst. Und daraus entstehen dann die seltsamen ‘Korrelationen’ zwischen häuslichem Buchbestand und Gymnasialbesuch!” Würden stattdessen Bildungsabschlüsse in späterem Alter erfasst, “dann käme zum Tragen, dass Deutschland mit seinem Bildungswesen eine hochkarätige vertikale Durchlässigkeit hat, dass zum Beispiel rund 45 Prozent der Studierberechtigten kein Gymnasium besuchten bzw. keinen Gymnasialabschluss haben.”

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Kraus: “Und wenn man Bildungspolitik denn schon sozialpolitisch diskutieren und beleuchten möchte, dann bitte auch im Vergleich mit den Quoten an arbeitslosen Jugendlichen! Sozial ist nicht, ob einer Abitur hat, sondern ob er in Lohn und Brot kommt. Deutschland steht hier hervorragend da: mit Arbeitslosenquoten in diesem Bereich von rund fünf bis sechs Prozent – in Bayern, BaWü und Hessen mit rund zwei Prozent. Also Vorsicht mit dem Hartz-IV-Horrorgemälde! Wo in den angeblich so viel gerechteren PISA-Ländern gibt es diese Daten? Im hochgerühmten Finnland gewiss nicht, dort sind mehr als 20 Prozent der jungen Leute arbeitslos. Also bitte zukünftig etwas weniger Schleicher-Nachbeterei!”

In die Mottenkiste?

In einem ironischen und scharfzüngigen Kommentar hatte zunächst News4teachers-Gastautor und Bildungswissenschaftler Prof. Rainer Dollase dargelegt, warum der “greisenhaft”-alte Befund von der “Bildungsungerechtigkeit” in Deutschland seiner Meinung nach in die Mottenkiste der Schulpolitik gehört. “Programme, mit denen wir aus jedem Kind einen Vollakademiker machen, kann es nicht geben”, meint Dolllase. News4teachers-Herausgeber Andrej Priboschek hat dazu eine Gegenrede verfasst. Er meint in seinem Beitrag: “Die Tatsache, dass unsere Gesellschaft sowohl geistig als auch materiell auseinanderdriftet, macht eine Politik, die auf Chancengerechtigkeit in der Bildung zielt, wichtiger denn je.” bibo / Agentur für Bildungsjournalismus

Gastkommentar: Gegen das Dogma von der Bildungsgerechtigkeit – Programme, mit denen wir aus jedem Kind einen Vollakademiker machen, kann es nicht geben

 

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