Drängender denn je: Warum wir mehr Chancengerechtigkeit im Schulsystem brauchen – eine Gegenrede

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BERLIN. Chancengleichheit und Bildungsgerechtigkeit – diese Begriffe prägen die bildungspolitische Debatte. Seitdem die PISA-Studie ergab, dass in kaum einem anderen Industrieland die Bildungschancen so stark von der familiären Herkunft abhängen wie in Deutschland, kommt keine schulpolitische Sonntagsrede ohne ein Bekenntnis gegen die (vermeintliche?) Ungerechtigkeit aus. In einem Kommentar hat unser Gastautor Rainer Dollase dargelegt, warum der “greisenhaft”-alte Befund seiner Meinung nach in die Mottenkiste der Schulpolitik gehört. Hier ist jetzt eine Gegenrede von News4teachers-Herausgeber Andrej Priboschek.

Der Bildungsjournalist Andrej Priboschek. Foto: Tina Umlauf
Der Bildungsjournalist Andrej Priboschek. Foto: Tina Umlauf

In einem Punkt hat Prof. Dollase recht: Der Befund ist alt. Spätestens seit PISA 2000 ist der Begriff „Bildungsgerechtigkeit“ in der Welt – ausgehend von dem Befund, dass in Deutschland eben keine herrscht. In keinem anderen der mehr als 40 untersuchten Staaten war der Zusammenhang zwischen sozialem Status des Elternhauses und dem Bildungserfolg größer als in Deutschland. Trotz zwischenzeitlicher Erfolge hat sich daran hierzulande, wie die IGLU-Studie unlängst aufzeigte, im Großen und Ganzen wenig geändert. Noch immer gehören Migrantenkinder und/oder Kinder aus armen Familien überproportional häufig zu den leistungsschwachen Schülern. Und: Es gibt immer noch viel zu viele Schüler, die an einfachsten Aufgaben scheitern. Zwischen 15 und 20 Prozent, je nach Studie, dürften absehbar später kaum in der Lage sein, auf dem Arbeitsmarkt zu bestehen.

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Und hierin liegt das größte Problem mangelnder Bildungsgerechtigkeit – nicht in der Berufswahl zwischen Literaturwissenschaftler und Dachdecker, wie Dollase glauben macht. Es geht darum, dass Hundertausende von jungen Menschen in Deutschland (und jedes Jahr kommen rund 50.000 Schulabbrecher hinzu) ungebremst auf eine Hartz-IV-Karriere zusteuern, ohne dass der Staat ihnen ein angemessenes Förderangebot macht.

Was ist in diesem Zusammenhang angemessen? Angemessen heißt, die Nachteile, die aus dem Pech einer Geburt in ein bildungsfernes Umfeld hinein resultieren, so weit wie möglich auszugleichen. Nicht bei jedem wird es gelingen, eine gute Bildung als Grundlage für die Zukunft zu legen. Der internationale Vergleich zeigt jedoch, dass hier wesentlich mehr möglich ist, als heutzutage in Deutschland geschieht. Eine frühzeitige und gute Förderung wäre nicht nur aus Sicht des betroffenen Schülers „nett“, sondern auch volkswirtschaftlich geboten. Schließlich ist es am Ende viel teurer, einen Menschen sozialstaatlich zu alimentieren, als ihm dazu zu verhelfen, sein Leben aus eigener Kraft zu bestreiten. Die Tatsache, dass unsere Gesellschaft sowohl geistig als auch materiell auseinanderdriftet, macht eine Politik, die auf Chancengerechtigkeit in der Bildung zielt, wichtiger denn je.

Wer – wie Dollase – nahelegt, eine bessere Förderung von Kindern aus sozial schwachen Familien funktioniere nur auf Kosten der „normalen“, bürgerlichen Schüler, der hält Bildung für ein Nullsummenspiel. Es geht aber um eine bedarfsgerechte Förderung. Während es für ein Kind, dessen Eltern zum Beispiel kaum Deutsch sprechen, überaus sinnvoll sein kann, ganztags in der Schule sprachlich gefördert zu werden, muss ein Bürgerkind, dessen Eltern für den Nachmittag Musikschule, Reitkurs und Schwimmverein organisieren und bezahlen können, ja nicht staatlich zwangsbeglückt werden.

Allerdings ist für die sozial Schwächeren eine echte Förderung geboten – mit der unterfinanzierten Halbtagsschule plus flexiblem Betreuungsangebot am Nachmittag (das vor allem für berufstätige Eltern geschaffen wurde) ist solchen Kindern kaum geholfen. Kein Wunder also, dass der real existierende Ganztag in Deutschland bislang in Sachen Bildungsgerechtigkeit wenig erfolgreich war.

Nun zum Argument, dass der Mensch ja nicht beim Akademiker anfängt – unabhängig davon, dass Ihnen, lieber Prof. Dollase, ein Dachdecker nach dem Sturm Friederike lieber war als ein Literaturwissenschaftler: Die Frage ist doch nicht, welcher Beruf „wertvoller“ ist oder für Sie nützlicher. Die Frage ist, ob ein junger Mensch – das intellektuelle Potenzial vorausgesetzt – überhaupt die Wahl hat, sich für das eine oder andere zu entscheiden. Das ist Bildungsgerechtigkeit: die Möglichkeit nämlich, unabhängig vom finanziellen und sozialen Status des Elternhauses eine Bildungskarriere machen zu können, wenn Fähigkeit und Willen dafür gegeben sind. Ohne eine staatliche Förderung, die Nachteile ausgleicht, haben wir eine Klassengesellschaft, nämlich die des 19. Jahrhunderts, deren Spuren im gegliederten Schulsystem in Deutschland ja noch immer zu finden sind. Ein Gymnasium nur für Bürgerkinder – und der große Rest auf die Volksschule? Dahin will doch niemand ernsthaft wieder zurück.

Noch ein Wort zum Leistungsgedanken: Die Behauptung, bessere Bildungserfolge für benachteiligte Kinder ließen sich nur durch Senkung des Durchschnittsniveaus erreichen, ist ein Märchen. Natürlich können mit entsprechend mehr Ressourcen auch individuelle Potenziale entwickelt und erschlossen werden – andere Staaten machen es ja vor.

Das Gegenteil ist richtig: Ein sozial selektives Bildungssystem ist leistungsfeindlich! Nicht Begabung und Ehrgeiz stehen dabei im Vordergrund, sondern geerbte Vorteile. Das lässt sich heutzutage gut an den Gymnasien beobachten, die mittlerweile von rund 40 Prozent der Schülerschaft besucht werden – vor allem von Bürgerkindern eben, die durch die Freigabe des Elternwillens zuhauf auf die Schulform wechseln, die die besten Karrierechancen verspricht, und die dann mitunter mit teurer Dauernachhilfe bis zum Abitur gepeitscht werden. Es sind, überspitzt gesagt, vor allem überforderte Anwalts- und  Arztsöhne,  die das Niveau am Gymnasium drücken. Gerecht ist das, übrigens auch diesen Kindern gegenüber, nicht.

Gastkommentar: Gegen das Dogma von der Bildungsgerechtigkeit – Programme, mit denen wir aus jedem Kind einen Vollakademiker machen, kann es nicht geben

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53 KOMMENTARE

  1. Au weia! Da sind dem ehemaligen Leiter der Öffentlichkeitsarbeit im Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen, Herrn Priboschek, aber ganz schön die Gäule durchgegangen: “Es sind, überspitzt gesagt, vor allem überforderte Anwalts- und Arztsöhne, die das Niveau am Gymnasium drücken. Gerecht ist das, übrigens auch diesen Kindern gegenüber, nicht.”

    2015 sprach die nds. Grüne Anja Piel auch schon mal von “Unternehmerkindern, die sich an Gymnasien zusammenrotten”. (http://www.haz.de/Nachrichten/Politik/Niedersachsen/Gruenen-Attacke-gegen-Gymnasiasten)

    Dafür hat sie sich wenig später in aller Form entschuldigt. (http://www.haz.de/Nachrichten/Politik/Niedersachsen/Anja-Piel-entschuldigt-sich-fuer-Attacke-auf-Gymnasien)

  2. Ihre Überspitzung am Ende, Herr Priboschek, trifft die Sache ziemlich genau auf den Punkt, weil gerade die Eltern solcher Kinder neben der Nachhilfe auch den Helikopterführerschein locker bezahlen können.

    Das lässt sich aber ganz einfach lösen: Man hebt das Niveau auf dem Gymnasium so weit an, dass es auch mit Dauernachhilfe nicht schaffbar ist, also entweder (Begabung vorausgesetzt) ohne Nachhilfe oder gar nicht. In diesem Fall würde die soziale Komponente komplett entfallen bzw. in die Hände der Eltern gelegt werden, die allerdings unabhängig von der eigenen Mentalität gemessen an den Fähigkeiten die höchstmögliche Schulform für ihr Kind auswählen sollten.

    Insgesamt muss es in der deutschen Gesellschaft ein Umdenken hin zu einem positiveren Bild der Institution Schule und schulischer Leistung(-sfähigkeit) geben. Mit PISA, Kompetenzen, Selbstorganisation, Potenzialblabla ist das aber kaum möglich, wovon in erster Linie der Bildungsmittelstand profitiert hat. Die Spitze nicht, der untere Rand noch viel weniger.

    • @Lieber Herr Priboshek,XXX
      Irgendwie scheinen Sie beide ein Problem mit Ärzten und Anwälten zu haben, da deren Kinder von der Zahl her schon nicht das allgemeine Niveau eines Gymnasiums drücken können, brechen sich in Ihren Äußerungen populistische und vorurteilsbeladene Denkstrukturen Bahn.
      Den Helikopterführerschein besitzen im übrigen meist Eltern aller Schichten mit verwöhnten Einzelkindern, dem diese ihre ganze Fürsorge witmen, so dass es auch in anderen Berufsfeldern Berührungspunkte mit diesem Klientel an Eltern gibt.
      Und die Tatsache , dass ein Großteil der Eltern sich nur auf ein Kind konzentriert führt dazu, dass Eltern sich gegen bestimmte Methoden nicht entschiedener öffentlich zur Wehr setzen.
      Ich stimme mit Ihnen überein, dass es die Aufgabe der Schulen ist, aber auch der Kindergärten ,
      Kindern durch ein geeignetes Bildungsangebot mit validen und strukturierten Methoden, unter Vermittlung der wichtigsten Kulturtechniken , einen sozialen Aufstieg zu ermöglichen.
      Dazu müsste sich aber einiges an der derzeit praktizierten Methodik ändern, weg vom sogenannten selbsterforschenden Lernen. Denn damit kommen die Risikogruppen schon gar nicht klar.
      Und XXX, wenn sie in der Schule den Druck erhöhen , so stört das in keiner Weise, weil die Grundvorraussetzungen der Kinder des Bildungsbürgertums , vorrausgesetzt diese werden nicht verhätschelt, immer noch deutlich besser sind, als die der Risikogruppen.

      • Lieber Herr AvL,

        mir geht es nur darum, dass eine Abiturquote von 30% vollkommen ausreicht, die aber ein Niveau erreicht, das mit Studierbefähigung treffend umschrieben werden kann. _Wer_ das Abitur ablegt und wer nicht, ist mir egal und ich weiß in der Regel auch nichts vom Beruf der Eltern. Der Druck kann dann auch wieder abnehmen, weil unter diesen Voraussetzungen kein Schüler nur durch Nachhilfe und Helikopterelterntum zum Abitur getrieben werden kann.

        Ich unterscheide wahrscheinlich viel stärker als Sie zwischen (tatsächlich erbrachter) Leistung und (vermutetem) Potenzial. Ich ärgere mich aber auch sehr über Schüler, die trotz erheblichem Potenzial keine Lust haben, etwas für die Klassenarbeit zu tun und daher nur eine “3” statt der problemlos möglichen “1” abliefern.

        • XXX1. Sie kennen die Berufe der Eltern nicht, lassen sich aber zu derart populistischen Äußerungen über die Kinder von Ärzten und Rechtsanwälten hinreißen. Scha…, aufgefallen.
          2.Wenn diese eine 3 erreichen, an Hand der Klausur und der erfolgten Nachkorrektur aber dennoch nachhaltige die Inhalte beherrschen, so kann man dennoch zufrieden sein. Darauf kommt es doch an.
          3. Wir alle wissen, dass wir Menschen bequem sind . Zum äußersten kann man sich noch im Studium steigern. Hauptsache das Grundverständnis ist gelegt.
          Allerdings besteht bei Begabten durch eine Absenkung des Leistungsniveaus nicht gerade der Drang sich anzustrengen und zum äußersten in Punkto Leistungsbereitschaft zu gehen.

  3. Sehr geehrter Herr Priboschek,
    in einem Punkt sind Prof. Dollase und sie doch einer Meinung: Mehr Bildungsgerechtigkeit wäre wünschenswert. Die Frage ist doch nur, ob sie herzustellen ist und wenn ja, zu welchem Preis. Sie haben vollkommen recht wenn sie sagen, dass wie zu viele Kinder haben, die auf Hartz IV zusteuern, aber ich galube, dass Prof. Dollase dies ähnlich sieht (es ist ja auch kaum ernsthaft zu bezweifeln). Nur scheint er anders als Sie den Glauben daran verloren zu haben, dass seitens der Politik und auch der Gesellschaft der Wille vorhanden ist, die Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern zu fördern, ohne etwas den Kindern aus Akademikerhaushalten zu nehmen.

    Prof. Dollase und auch Sie sehen – und da stimme ich vollständig zu – eine deutliche Senkung des Niveaus und des Könnens und ja, ein Faktor sind auch die “überforderte Anwalts- und Arztsöhne”. Ich gehe aber mal von meinem Bundesland (Schleswig-Holstein) aus und da ergibt sich eben auch ein anderes Bild:
    Aus dem Boden gestampft wurden von der Rot-Grünen Koalition (samt SSW) die Oberstufen an Gemeinschaftsschulen. An diese Schule gehen aber keine “überforderte Anwalts- und Arztsöhne”, die sind schon vorher am Gymnasium. Die Folge dieser neuen Oberstufen: Im Fach Mathematik ist dort seit Jahren die Durschnittsnote aller Mathematik-Abiturarbeiten zwischen 3 und 4 Punkten, also nicht einmal im wirklich ausreichenden Bereich. Abitur bekommen aber trotzdem fast alle Schüler, weil sie über “Laberfächer” (Prof. Dollase formuliert es ausführlicher) und erheblich bessere Vornoten auch in Mathe zum Abitur kommen. Wenn im Fach Mathe die Vornoten um (wie an einer Schule geschehen) 6 Punkte IM DURCHSCHNITT (!!!!!) besser als die Abiturnote waren – und es war die einzige Schule, wo ich den Einblick hatte, also nicht unbedingt ein Einzelfall – dann kann man von geschönten Noten ausgehen.
    Um diesen Schüler überhaupt eine Chance zu geben, wird im Zentralabitur Englisch das Niveau soweit abgesenkt, dass die 6 vollständig und die 5 nahezu abgeschafft werden. In konkreten Zahlen bedeutet dies: Von 6800 Schülern, die in Englisch die Abiturprüfung abgelegt haben, hat nicht einer 0 Punkte erreicht, die Note 6 ist also selbst bei dokumentierter Ahnungslosigkeit quasi abgeschafft. Nur 2 schafften eine 5- (1 Pkt.), die Zahl der mangelhaften Arbeiten lag insgesamt unter 100.

    Sie sehen: Zumindest in Schleswig-Holstein drücken nicht in erster Linie die überforderte Anwalts- und Arztsöhne das Niveau, sondern es wird einfach viel mehr Schülern das Abitur zugesprochen, ohne das diese den Hauch von Studierfähigkleit besäßen. Diese Entwicklung geht dann sehr wohl zu Lasten des Handwerks. Betrachtet man die Schwierigkeiten, auf dem Land einen Handwerker einigermaßen zeitnah zu bekommen, dürften die Auftragsbücher voll sein und der Nachwuchs an neuen Meistern stocken (kann ich nicht belegen, aber die Vermutung liegt nahe). Eine Folge davon, dass die Mehrheit mit einem 3,7-Abitur eben nicht Dachdecker und später Meister wird, dem Handwerk jedenfalls nicht zur Verfügung steht.

    • Danke für die Anmerkungen zur Gemeinschaftsschule und den Anmerkungen zum Abiturniveau.

      Die Schüler mit einem Abischnitt von 3,7 werden aber auch kein “sinnvolles” Fach studieren, von dem die Gesellschaft etwas hat, sprich irgendetwas im MINT-Bereich, weil das mit den mathematischen Vornoten einfach nicht geht. Die Abiturnote in Mathematik spielt gemessen an Ihrer Äußerung dabei keine aussagekräftige Rolle.

      • Stellt sich noch die Frage, was “sinnvolle” Studienfächer sind. Ich persönlich kenne einen Haufen ingenieurwissenschaftlicher Abschlüsse, die nicht sinnvoll, da zu spezifisch sind.

        • Das stimmt. Die Universitäten könnten die Anzahl Studiengänge tatsächlich wieder runterfahren. Die Absolventen spezialisieren sich ohnehin erst später im eigentlichen Beruf.

      • XXX
        Zu meiner Abiturzeit nach 1980 studierten die 3,5 Abiturienten Sozialpädagogik,BWL oder Grundschulpädagogik, oder sie machten eine Lehre in der Industrie und wurden Meister. Was ist daran verwerflich. Die konnten sich aber besser ausdrücken als heutige Abiturienten. Nur 2 von 87 Abiturienten hatten einen Schnitt besser als 2,0, und heute, da sind das zum Teil um die 50. Waren also alle dümmer, nein, aber wesentlich kritischer eingestellt und solidarischer.

      • @XXX
        Ohne eine Wertung abgeben zu wollen stimme ich Ihnen in diesem Punkt der Wahl des Studiums dieser 3,5 Kandidaten zu, denn zu meiner Zeit haben diese Schülermit einem 3,5 Abitur Soziologie, Politik, Pädagogik oder an der PH studiert. Wenn wir mittags von den Vorlesungen zurückkamen, entstiegen diese gerade den Schlafgemächern und wurden einmal sogar im WDR mittags von Klaus Jürgen Haller mit einem ermunternden” Guten Tag meine Damen und Herren, guten Morgen liebe Studenten ” begrüßt.
        Teile dieser Zunft brachten es auf ganze 28 Semester Studienzeit und mehr.
        Was ist aus denen wohl geworden ?

  4. Die 1+ hatte in der neunten Realschulklasse der afghanische Junge, der super Deutsch spricht und sich anstrengt. In der anderen Klasse hatte der indische Junge eine 1,5; bei einem Schnitt von 4. Die Aspekte Einsatz- und Anstrengungsbereitschaft kommen mir zu kurz.Eine gewisse Verantwortung für den eigenen Erfolg darf nicht aus dem Blick der Diskussion geraten.

    • Richtig. Bei den Kindern mit Migrationshintergrund ist die persönliche Einsatz wichtig. Aktuell habe ich ein Kind, das erst seit 3 Jahren Deutsch spricht, aber so begabt ist, dass es von den Noten her das Gymnasium schafft. Noch ein Beispiel: Vor ein paar Jahren wollte ein türkischer Junge unbedingt auf die Realschule. Er hatte aber ein Hausaufgaben- und Arbeitshaltungsproblem und ihm fehlte dadurch einiges an Übung. Die Aufnahmeprüfung hatte er nicht geschafft. In der Mittelschule war ihm dann schnell klar, dass er mehr Arbeitseinsatz bringen muss und dann hat er den Übertritt auf die Realschule im 2. Anlauf geschafft.
      Ich finde, dass bei Migrationshintergrund schon noch einiges dazukommt.
      Auf jeden Fall braucht man das Bewusstsein, dass man Arbeitseinsatz bringen muss. Wer begabt ist und den Arbeitseinsatz erkannt hat (auch die Eltern), der wird es auch schaffen.

      Gerade bei den türkischen Kindern war das in der Vergangenheit vielen Eltern nicht klar. Unser Türkischlehrer hat mir einmal gesagt, dass in der Türkei es so sei, dass die Schule Sache der Schule und des Lehrers sei und die Eltern zuhause sozusagen keine große Rolle dabei spielen.

      Bei sprachlichen Problemen ist für die meisten ein Zusatzunterricht erforderlich, der noch viel zu wenig angegangen wird. Dieser Unterricht müsste meiners Erachtens außerhalb des regulären Unterrichts stattfinden oder dort, wo man die Stunden entbehren kann. Das ist aber oft organisatorisch nicht leistbar.

    • “Die Aspekte Einsatz- und Anstrengungsbereitschaft kommen mir zu kurz.”
      Völlig richtig, mir kommen sie auch zu kurz! Stattdessen wird so getan, als sei alles Aufgabe des Staates und seiner Bediensteten – auch das, was bei jedem unverzichtbare Lernvoraussetzung ist, nämlich das eigene Wollen und Bemühen.

      • “Die Aspekte Einsatz- und Anstrengungsbereitschaft kommen mir zu kurz.”
        Aber das ist doch ein ganz entscheidender Aspekt der Chancengelichheit! In Akademikerhaushalten wird oft kontrolliert, ob Hausaufgaben gemacht werden, ob Vokabeln gelernt werden, die Kinder werden mit dem Leistungsgedanken und zu einer gewissen Anstrengungsbereitschaft erzogen. In Haushalten der sogenannten bildungsfernen Schichten fehlt dies oft.

        Deshalb ist auch der Afghane, der möglicherweise aus einem leistungsorientierten Haushalt kommt, ein denkbar schlechtes Beispiel im dem Kontext.

        • Sein Vater ist Taxifahrer und eine Korrelation von Akademikarhaushalt und Leistungsbereitschaft kann ich nicht nachvollziehen. Oftmals verhält es sich auch umgekehrt proportional…

          • Zum Beispiel bei dem anderen Jungen in der Klasse, dessen Vater Astrophysiker” ist und der nichts auf die Reihe bekommt.

      • Meiner Erfahrung nach hätten die Eltern von bildungsnahen Schichten es zwar gerne, wenn ihre Kinder etwas leisten oder sich anstrengen würden, sie sind aber genauso inkonsequent wie andere Eltern, weil sie es nicht leisten können (wegen ihrer eigenen beruflichen Karriere). Eltern von bildungsnahen Schichten, die Zeit haben, können ihre Kinder vielleicht gezielter unterstützen, wenn es drauf ankommt, denn sie haben wesentlich mehr eigene Schulerfahrung.
        Bei bildungsfernen Schichten kann man auch Unterstützungswillen bis hin zur Unterstützung erkennen, nur fällt es da manchen Eltern schwerer, gezielt zu unterstützen.
        Letztendlich ist bei allen – egal aus welchen Schichten – der Stolperstein die Berufstätigkeit (oder manche haben viele Kinder) und somit der Mangel an Zeit und Nerven. Das Ziel und die Notwendigkeit einer möglichst guten Schulbildung haben bzw. sehen alle Eltern durch alle Schichten. Ich glaube nicht, dass heutzutage bis auf wenige Ausnahmen Eltern von ihrer Einstellung her die Schulbildung ihrer Kinder egal ist.
        Es gibt von beiden Schichten aber auch positive Beispiele der Unterstützung, was die Arbeitshaltung betrifft.
        Für mich ist das Problem eher, dass die Arbeitenden einfach keine Nerven mehr haben, sich mit Schulischem zu beschäftigen. Am besten sieht man das bei den Ganztagesklassen. (Da geht es auch durch alle Schichten.)

  5. Mal weitergedacht:
    Was wäre denn eine echte ChancenGLEICHHEIT für alle? Dann müsste man alles gleich machen:
    langes gemeinsames Lernen, nur noch Ganztagesschule. Es könnte vielleicht funktionieren, wenn es mindestens das Doppelte an Personal gebe. Wenn man will, dass wieder mehr junge Leute Lehrer werden möchten, müsste man am Ruf und am Stand der Lehrer in der Gesellschaft einiges verbessern.
    Irgendwann müsste man aber doch auf die individuellen Begabungen Rücksicht nehmen und entweder im Schulsystem oder innerschulisch differenzieren. Man müsste darüber diskutieren, wann dies am sinnvollsten ist.
    Bayern hat ein ziemlich ausdifferenziertes Schulsystem mit dem harten Einschnitt nach dem 5. Schuljahr. Allerdings bietet dieses Bundesland ganz viele Möglichkeiten an, diejenigen, die später schulisch weitermachen wollen und können und auch Schulabbrecher, aufzufangen.

    Wir bieten an unserer Schule alle 3 Möglichkeiten an: Ganztagesklassen, Nachmittags- und Hausaufgabenbetreuung und Halbtagesklassen. Die Kinder mit Migrationshintergrund sind bei diesen Typen ziemlich gleichmäßig verteilt – es bleibt sich ungefähr gleich. Wir bekommen bei 5 oder 6 Parallelklassen nur eine Ganztagesklasse zusammen. Ablehnen müssen wir keinen. D.h., es wird nicht von allen die Chance auf den Ganztag genutzt.

    • Eine Chancengleichheit wird es nie geben, auch nicht, wenn alle Kinder gleich nach der Geburt rund um die Uhr in staatliche Aufzucht und Betreuung gegeben würden, damit die elterliche Erziehung auch ja nicht mehr für “ungerechte” Unterschiede sorgt.
      Es darf sogar vermutet werden, dass die Kinder noch mehr seelische Störungen und Verhaltensdefizite aufweisen als sie heute bereits haben. Und das haben sie u.a. nicht TROTZ der jahrzehntelangen Bemühungen um mehr Chancengerechtigkeit oder “Erziehung zu sozialer Kompetenz”, sondern WEGEN dieser Anstrengungen mit ihren unnatürlichen Konzepten und Rahmenbedingungen.

      Wenn der Staat sich immer mehr anmaßt, Aufgaben künstlich erfüllen zu wollen, die ihm nur eingeschränkt zustehen, wird die Situation für die allermeisten Kinder nicht besser und gerechter, sondern schlechter und ungerechter. Da können noch so viele Sozialklempner (Erziehungstheoretiker) weitere Ideen zur Chancengerechtigkeit ausbrüten und für eine Reform nach der anderen sorgen, ihre Allmachtsfantasien bleiben unerfüllt und sorgen nur nur für weitere Probleme.

      Leider bezahlen nicht sie oder die von ihnen inspirierten Politiker die Zeche, sondern die Versuchskaninchen, die Kinder. Von der ständigen Senkung des Lernniveaus in den Schulfächern auf Grund schwindender Belastbarkeit und Leistungen der Schüler ganz zu schweigen! Sie hat auch mit den maßlos übersteigerten und darum zum Scheitern verurteilten Gerechtigkeits- und Machbarkeitsvorstellungen staatlicher Bildung und Erziehung zu tun.

  6. Vielleicht müssen wir einfach anerkennen, dass wir nicht alle Schüler zu Einserschülern machen können. Dass es immer eine kleine Spitze, ein breites Mittelfeld und “den Rest” geben wird. Immer !!! Dann ist die Frage, wie man die jeweils am besten fördern kann. Das dreigliedige Schulsystem scheint mir daher gar nicht mehr sooo verkehrt. Es könnte aber auch einfach eine dreigliedrige Schule sein (alle an einer Schule, aber in unterschiedlichen Klassen) oder aber generelles Kurssystem, wo man mal mit denen und mal mit denen in einem Kurs sitzt (je nach Begabung) und auch einige Fächer nicht entsprechend getrennt sind. Oder, oder, oder …

    • Es bleibt die Frage, ab wann man stärker eine äußere Differenzierung betreiben muss und die innere nicht ausreicht bzw. nicht mehr machbar und nicht mehr sinnvoll ist. Erschwerend dazu kommen mit der Inklusion die L- Schüler. Im Prinzip hat man dann 4 Niveaustufen, die bedient werden müssen.

      • Das derzeitige Problem ist, dass viel zu viele aus dem zweithöchsten Niveau das Gymnasium besuchen. Für die anderen Schulformen bleiben wenige Schüler auf Niveau 2, aber alle Schüler von Niveau 3 und 4 übrig.

    • Ergänzung:
      Erstrebenswert ist eine gute Bildung und das, was bei den einzelnen machbar ist. Indem wir für die Besten das Niveau herunterschrauben, damit mehr einen “Augenwischereiabschluss” für mehr junge Menschen haben, tun wir uns bzw. unserer Gesellschaft keinen Gefallen. Der Abschluss wird weniger Wert, weil er an niedrigeren Maßstäben gemessen wird.

      Außerdem brauchen wir mehr denn je schulisch eine Erziehung/Bewusstmachung zur Demokratiefähigkeit. Früher (im Westen) haben Gymnasien dies am meisten geleistet, als der humanistische Gedanke diese noch geprägt hat. Solche Impulse wären sehr wichtig für unsere Gesellschaft.

      • Ihrem ersten Absatz stimme ich zu. Diese Maßnahme ist für die Politik das kostengünstigste Verfahren, um dem Wahlvolk ein gutes Schulsystem vorzugaukeln.

        Der zweite Absatz ist für mich immer mehr bewusste Strategie. Ein dummes Volk stellt weniger Fragen, lässt sich einfacher kontrollieren und mit geringen Löhnen abspeisen. Der humanistische Gedanke wurde den Kompetenzen geopfert.

        • Bewusste Strategie könnte sein.
          Ich sehe 2 Ursachen:
          Viele sehen den humanistischen Gedanken nicht mehr hinter der Demokratie, weil sie ihn überhaupt nicht so erfahren haben und ihn deswegen für unwichtig erachten.
          Dann denke ich, dass viele Politiker von Wirtschaftslobbyisten beeinflusst sind. (Das trifft Ihre Analyse.)

  7. Lieber Herr Priboschek,

    Ich weiß nicht, ob es taktisch günstig ist, gleich zu Beginn einer Replik auf die Gegenrede dessen Verfasser zu loben. Da taktische Überlegungen bei mir als parteilosem Wissenschaftler keine Rolle spielen, tue ich es einfach mal.

    Abgesehen davon, dass Sie sachkundig und sehr klar und flüssig formulieren können, trägt ihre Gegenrede auch dazu bei, dass der zugrunde liegende Sachverhalt besser geklärt werden kann.

    Ich nenne Ihnen und den Lesern vier Punkte, an denen Ihre Gegenrede zur Klärung des Sachverhaltes beiträgt. Samt und sonders haben sie allerdings mit Statistik zu tun, nämlich mit der Schwierigkeit statitische Kennzioffern in geeignete verbale Formulierungen für den bildungspolitischen Diskurs umzusetzen.

    1. Bildungsgerechtigkeit ist für Sie ein Ziel mit absoluten statt relativen Kriterien. Sie empören sich zurecht darüber, dass 15$-20 % in absehbarer Zeit kaum in der Lage sein werden, auf dem Arbeitsmarkt zu bestehen. Das war überhaupt nicht mein Thema. Ich würde mich freuen, wenn alle das Abitur tatsächlich schaffen können und alle Anforderungen erfüllen könnten und alle Berufe ergreifen, die sie möchten. Der “soziale Gradient“ aber, der in IGLU oder Pisa und wo immer, eine Rolle spielt, ist aber ein relativer Koeffizient. D. h. er ist klein oder gleich null wenn man vom Bildungsstatus der Eltern nicht auf die Leistung der Kinder schließen kann: Eltern mit hohem Bildungsstatus haben gleich viel schlaue wie weniger schlaue Kinder verglichen mit Eltern mit niedrigem Bildungsstatus. Er hat nichts damit zu tun, wie viel Prozent der Kinder in unserem Bildungssystem gewisse Standards nicht erreichen. Nur wenn man dieses relative Kriterium des sozialen Gradienten versteht, kann man meine Ausführungen verstehen. Wenn wir den Gradienten senken wollen, dann müssen die Kinder aus den bildungsnahen Schichten im Bildungssystem absteigen und die aus den bildungsfernen Schichten aufsteigen. Was Sie, lieber Herr Priboschek möchten und was auch ich möchte, ist, das alle gute Schüler werden. Nicht ich verstehe Bildung als Null-Summen-Spiel sondern die Verwendung eines relativen Maßes (nämlich des sozialen Gradienten und dessen Interpretation) legt dieses Null-Summen-Spiel nahe. Deswegen glaube ich auch nicht, was Sie mir interpretativ unterstellen, dass eine bessere Förderung von Kindern aus sozial schwachen Familien nur auf Kosten der normalen bürgerlichen Schüler möglich ist.

    2. Dass man Kinder beliebig und angemessen fördern kann, glaube ich als Autor eines schon Jahrzehnte zurückliegenden Buches von der grenzende Erziehung nur insofern, als man diese absoluten Förderkriterien zugrunde legt. Solange relative Kennziffern (wie der soziale Gradient) vorliegen, gilt der Matthäuseffekt: wer hat, dem wird gegeben. Förderung führt dazu, dass auch die guten Schüler davon profitieren. Den guten Grundschülern schlechte Förderung angedeihen zu lassen ist genauso unrealistisch, wie nur denen, die ein belastetes Elternhaus haben, optimale Förderung angedeihen zu lassen. Was Ihnen vorschwebt, kann man durchaus schon als einen Einstieg in das gegliederte Schulsystem (oder ich sage besser: das gegliederte Fördersystem) interpretieren, d. h. jeder soll in den Schulen, die seinem Bedarf an Förderung am besten entsprechen, beschult werden. Ich kann mir vorstellen, dass dies eine heikle bildungspolitische Schlussfolgerung sein könnte.

    3. Für Sie ist ein ” sozialselektives Bildungssystem leistungsfeindlich”. Das muss nicht sein. Wenn alle bedarfsgerechten Schulformen, sowie das in einem Kommentar meines Kollegen Brügelmann angedeutet wurde, durch Modularisierung des Lernens auf die unterschiedlichen Voraussetzungen angepasst werden und gleichzeitig alle Gruppen von gesellschaftlichen Leistungen bis auf Universitätsniveau (man würde sagen höhere berufliche Bildung) entwickelt werden, dann gibt es keine Diskriminierungen irgendwelcher Tätigkeiten, weil in allen (zum Beispiel: Stadtreinigung, Kochen und Gourmandise, Holzverarbeitung, Metallverarbeitung etc.In Frankreich gab’s zum Beispiel eine Universität für Coiffeure) dasselbe hohe Niveau erreicht werden kann. In meinem Beitrag habe ich versucht, das zugrunde liegende Problem, nämlich die Definition von Bildung, aus dieser einseitigen Vereinnahmung durch Bildungsspießer und deren eigene Vorstellung von höherer Bildung, heraus zu holen.

    4. ich hätte keinerlei Schwierigkeit damit, wenn der Abiturientenanteil in unserer Gesellschaft bei 100 % liegt. Nur muss dann von vornherein klar sein, das nach dem Abitur die Frage gelöst werden muss, wer welche Arbeiten macht. Viele Abiturienten haben es längst durchschaut und entscheiden sich für eine Lehre in einem Handwerksneruf. Auch manche Absolventen der Universitäten landen in Berufen, die sie auch mit einer weniger lang andauernden Ausbildung hätten erreichen können. Wenn das allen klar ist, dann haben wir kein Problem. Dann hat man die Wahlfreiheit – allerdings eingeschränkt durch die unterschiedlichen Nachfrage nach Berufen – alles zu machen, was man möchte. Sehr schön. Leider motiviert man große Teile der Bevölkerung zu mehr Bildung und längerer Schulzeit nur mit dem Versprechen eines höheren Einkommens während der gesamten Lebenszeit. Das habe ich ja in meinem Beitrag auch noch mal relativiert, wenngleich es in meinem Alter gegolten hat.

    Ich hoffe das meine Aussagen nunmehr etwas transparenter geworden sind.

    Mit herzlichen Grüßen
    Ihr Rainer Dollase

    • Die 100 Prozent Abitur weitergedacht:
      Es ist die Frage, was man unter Bildung bzw. Bildungsqualität versteht.
      Wenn wir für alle das Abitur erreichen wollen, dann müssen wir entweder das Anspruchsniveau so senken, dass jeder – auch der potentielle Förderschüler – dies in einer angemessenen Zeit erreichen kann. Nur ist das dann kein Abitur mehr, sondern ein allgemeiner “Volksschulabschluss”, egal wie wir dieses Konstrukt nennen.
      Allerdings sind Begabungen, Abstraktionsvermögen, sprachliche Fähigkeiten usw. eben bei jedem unterschiedlich, wie es auch unterschiedliche handwerkliche, musische und sportliche Begabungen bzw. “Vermögen” gibt.
      Wir könnten natürlich aber auch ein “Abitur” schaffen, wo mehr die praktischen /musischen Begabungen gefragt sind. Es ist alles relativ.
      Für ein Studium im herkömmlichen Sinne braucht man eben gewisse intellektuelle Voraussetzungen, deren Grundlagen durch die entsprechenden Schularten bzw. deren qualitativen Abschlüsse geschaffen wurden.
      Fazit: Eine Bildungsgleichheit kann es einfach nicht geben, weil alle Menschen unterschiedlich sind. Es kann höchstens eine Bildungsgerechtigkeit geben, wo jeder die Chance hat, aus seinen Grundlagen etwas zu machen. Leider ist eher die Leistung in intellektuellen Fächern gefragt.
      Praktische Fächer laufen so nebenher. Es täte praktisch begabten Schülern gut, wenn hier eine Aufwertung stattfände. Bedauerlicherweise muss in vielen praktischen Berufen inzwischen auch ein gutes theoretisches Verständnis verlangt werden, was die Praktiker ins Hintertreffen bringt.
      Und – es ist immer persönlicher Einsatz gefragt, wie oben angeklungen.

  8. In der Gegenrede heißt es: “Ein sozial selektives Bildungssystem ist leistungsfeindlich!”
    Die Aussage ist insofern falsch, als unser Bildungssystem mitnichten sozial selektiert. Es selektiert höchstens (und das auch nur noch eingeschränkt) nach Lernfähigkeit und Leistung.
    Die zeitgenössische und beliebte Ideologie behauptet allerdings, dass es in der Lern- und Leistungsfähigkeit der Kinder keine Unterschiede gäbe und unser “ungerechtes” Bildungssystem nur Unterschiede schaffe durch Bevorzugung der Kinder aus sog. bessergestellten Elternhäusern und Benachteiligung aus schlechtergestellten.
    Für mich ist das eine Verdrehung der Tatsachen. Wenn es heutzutage etwas gibt, das von der Bildungspolitik mehr bekämpft und als Feindbild von Bildungsgerechtigkeit dargestellt wird, so sind das gutbürgerliche, bildungsbewusste Elternhäuser.

    Aber nur zu: Wer Tatsachen ignoriert und lieber auf den Zug populärer und selbstdienlicher Behauptungen aufspringt, darf sich nicht wundern, wenn er damit Privatschulen stärkt.
    Sowohl Italien als auch Frankreich haben uns vorgemacht, wohin die Reise führt, nämlich zu einem gigantischen Privatschulsystem, weil Eltern nicht mehr bereit waren, die Bildung und Zukunft ihrer Kinder dem Altar trügerischer Gerechrigkeitsvorstellungen zu überlassen.
    Übrigens betraf das nicht nur Gymnasien, sondern mindestens ebenso Förderschulen. Eltern, die es sich leisten konnten, drängten auf private Sonderschulförderung.
    Ich werde nie begreifen, wie man die Realität so verdrängen und ignorieren kann.

    • Das Märchen vom gegliederten Schulsystem, das nur nach Leistungskriterien selektiert, ist doch längst widerlegt. Schon Ihre Aussage ist unlogisch: Ihnen zufolge wird “höchstens (und das auch nur noch eingeschränkt) nach Lernfähigkeit und Leistung” selektiert. Nach sozialen Kriterien ja angeblich auch nicht. Wonach denn dann? Würfelt jemand aus, wer auf welche Schulform kommt?

      Nein, natürlich nicht. Die Eltern entscheiden – ob direkt oder indirekt -, und welchen Druck bürgerliche Eltern dabei entwickeln können, hat sich in der Debatte um G8 gezeigt. G8 ist nicht an Leistungskriterien gescheitert, sondern an den Ängsten der bürgerlichen Mittelschicht, dass der eigene Nachwuchs in einem wirklich auf Leistung basierenden Gymnasium nicht mehr mithalten kann. Es hätte ja jeder G8-Gegner, in den meisten Bundesländern jedenfalls, sein Kind an der Gesamtschule anmelden können, wo immer G9 angeboten wurde – aber die Gesamtschule entspricht nunmal nicht dem bürgerlichen Selbstverständnis (man könnte auch Dünkel dazu sagen).

      Wieso allerdings Eltern ihre Kinder massenhaft auf Privatschulen anmelden würden, wenn die Schulen personell in die Lage versetzt würden, sich mit einer besseren Förderung benachteiligter Schüler besser anzunehmen (wovon doch letztlich alle profitieren würden), erschließt sich mir nicht. Braucht der Dünkel immer auch welche, die schlechter dastehen und auf die man herabsehen kann? Sollte das der Fall sein, würde ich sagen: Dann lasst solche Eltern doch ziehen. Ein Staat, der ein gutes schulisches Angebot macht, bräuchte sich mit diesem nicht zu verstecken.

      • @Anna
        Der Staat macht aber kein gutes Angebot mit der praktizierten Inklusion an die betroffenen Lehrer und Schüler.
        Alle leiden unter Inklusion, am stärksten aber noch jene, denen die Inklusion zu mehr Teilhabe in der Gesellschaft verhelfen soll. Wird sie diesem Anspruch gerecht ?

        In Ihrem eileitenden Satz stützt eine These die andere und somit entsteht ein sophistisch ausgeklügeltes Konstrukt, das sich nicht auf valide Daten stützt, sondern ihrem glückselig machenden Horizont entspringt.
        Natürlich entscheiden Eltern bei der Schulwahl ihrer Kinder mit, was auch deren gutes Recht ist.
        Ob dies im Interesse der betroffenen Schüler ist, mag dahingestellt sein.
        Dieses Prinzip gilt aber auch für jene Eltern, die ihre Kinder mit großem Förderbedarf in Gymnasien oder andere Schulformen stecken. Diese Entscheidungen entspringen wohl auch mehr dem Wunsch der Eltern ,als dem Sinn ,den Kindern eine geeignete Förderung zukommen zu lassen.
        Ihre Ausführungen zum scheitern von G8 entspringen ebenso ihrer Denkweise, allein Ihre Sprache verrät Sie und macht Sie als ideologisch gefestigte Person leicht ausrechenbar.
        Sollte Ihnen eine Eigenreflektion entgangen sein, so sein Sie versichert, dass auch Sie in Fragen ihrer sozialen Sicherheit mindestens genauso spießig erscheinen werden, wie das von so von Ihnen anscheinend so verachtete Bürgertum.
        Und zum Schluss noch ein allgemeiner Hinweis an Sie.
        Wenn die Sonne dem Zenit entgegen strebt, so werfen auch geistige Zwerge weite Schatten voraus.

        • Interssant – und völlig richtig -, dass Sie hier die Inklusion zur Sprache bringen, Herr von und zu Lintig. Denn der überkommene Sonderschulzwang betraf weit überproportional Kinder aus sozial schwachen und/oder eingewanderten Familien. Sich dieser Kinder per Abschulung zu entledigen, hat sich ja jetzt auch erledigt.

          • @Anna
            Offensichtlich haben Sie als Nichtbetroffene immer noch nicht verstanden, dass jene Eltern, die von Inklusion betroffen sind oder waren , nicht die selben positiven Emotionen und Erfahrungen teilen, die Sie hier verallgemeinernd postulieren.
            Ist einem einmal dieses Erlebnis zuteilgeworden, so darf man sich auch nicht über die Reaktionen der Betroffenen mehr wundern.
            Bei einem dürfen Sie sich aber sicher sein: Sie haben es hier mit Personen zu tun, die aus eigenen Erfahrungen und Erlebnissen ihrer Kinder schöpfen und in der Lage sind , geeignete Methoden sich zu eigen machen, die deutlich wirksamer sind als die gescheiterten Methoden aus der Frühzeit der Schulpädagogik.
            Wenn Sie hier auf eine Gegnerschaft zu “modernen Methoden” unsererseits reflektieren, so werde ich Ihnen die Erstanwendungen dieser Methoden mit Datum und Erstanwender beschreiben.
            Denn alles das, was hier als moderne Pädagogik immer wieder beschrieben wird, gab es bereits schon lange vorher.
            Und so erscheint das Sammelsurium am Methoden des “Spracherfahrungsansatzes” Ihres geistigen Vordenkers vom Grundschulverband nur als billige Replik im neuen Gewandt.
            Schlimmer als die vermeindlichen Erfinder dieser Methoden sind die nachäffenden Epigonen einer längst gescheiterten Pädagogik der Endachtundsechziger. Ich wünsche Ihnen von hier aus weiterhin beglückende Stunden in heterogenen Klassen, mit einem viel zu breiten Leistungsspektrum innerhalb dieser Klassenverbände.
            Sie sind es doch, die sich über die Folgen der selbstgewählten Strukturen auch noch öffentlich beschweren.
            In meinem Berufszweig setzt man auf eine Spezialisierung.
            Diese Situation entspricht genau dem Gegenteil Ihrer Situation;
            aber Sie haben es so gewollt. Man verweigert sich der Entwicklung einer auf Evidenz basierten Pädagogik, in der es nicht mehr auf die Meinungen vermeindlicher Experten ankommt und deren Wertigkeit zunehmend durch Leitlinien in den Hintergrund gedrängt werden.
            Auch fehlt vielen Ihrer geistigen Vordenker der praktische Bezug zur praktischen Schulpädagogik, und um so erstaunlicher ist der Einfluss dieser Personen auf die Kultusministerkonferenz.
            Da sind diese Personenkreise auch nicht alleine. Schließlich gibt es bei einer anstehenden Digitalisierung in den Schulen eine Menge Geld zu verdienen, ohne dass eine Evidenz in großen Studien nachgewiesen wäre.
            Da wird die Schulpädagogik zur “Glaubenslehre” und kein vermeintlicher Fachmann stellt den anderen offen in Frage.
            Allein auf argumentativer Ebene werden Meinungen und zum Teil weltanschaulich und zum Teil erfahrungsgeprägte Meinungen ausgetauscht.

          • Woher wollen Sie wissen, dass ich von der Inklusion nicht betroffen bin, Herr von Lintig?

            Kommen Sie mal runter von Ihrem hohen Roß. Es gibt auch Menschen mit anderen Erfahrungen und mit anderer Expertise, als Sie sie in die Bildung einbringen – Sie sind Arzt, nicht Lehrer. Als Pädagoge sind Sie Autodidakt und Theoretiker. Sie haben nie vor einer Klasse gestanden. Wie würden Sie gegenüber einem Laien auftreten, der Ihnen den Arztberuf erklären wollte, wie er sich’s irgendwo angelesen hat? Und genauso wenig, wie Sie für den Lehrerberuf sprechen können, haben Sie die Qualifikation oder das Mandat, für andere Eltern von behinderten Kindern (oder die, die man frührer zu “lernbehinderten” erklärt hat) zu sprechen. Sie sprechen für sich selbst. Das ist völlig legitim. Aber hören Sie auf, den dicken Max hier zu machen. Machen Sie den meinetwegen in Ihrem Beruf, wenn Sie’s so nötig haben.

          • @Anna
            Ich finde es gut, wenn Eltern hier mitreden.
            Sie, Anna, treten doch auch als Elternsprecherin auf, warum wollen Sie dann Herrn v. Lintig dieselbe Rolle verweigern und ihm wegen angeblicher Laienhaftigkeit den Mund verbieten?
            Außerdem finde ich nicht, dass er auf dem hohen Ross sitzt oder den dicken Max markiert. Seine Kommentare lese ich meist sogar gern und finde sie weder arrogant noch aggressiv, was ich von Ihren oft nicht sagen kann.
            Von Herrn v. Lintigs Beiträgen fühle ich mich in der Regel sachinformiert, von Ihren ideologisiert.

          • Anna
            Nach Ihrer Lesart dürften Sie sich auch zu keinem anderen Thema mehr äußern, als zu dem beruflichen Umfeld einer Lehrerin, vorausgesetzt Sie sind eine. Ansonsten müssten auch Sie sich geschlossen halten, wenn es um fachfremde Themen ginge.
            Ich habe kein Problem damit kritische Themen aus meinem Berufsfeld mit fachfremden Personen zu besprechen, und ich tue gut daran diese ernst zu nehmen.
            Auf Grundlage Ihrer Argumentation, wird es dann aber für Sie selbst schwierig mit Ihrer und der anderer Personen Meinungsbildung, sowie der politischen Entfaltung ihrer Mitbürger, wenn man Ihre Gedankengänge weiterspinnt.
            Aus dem wilhelminischen Zeitalter scheinen Sie nicht zu stammen, aber die Denkweise kommt sehr an diese heran.
            Auf dem hohen Ross sitzen Sie, weil Sie anderen nicht nur unterstellen, sich nicht sachlich mit fachfremden Themen auseinandersetzen zu können, nein Sie sprechen diesen die Berechtigung dazu ab. Hoch lebe der Kaiser ?
            Aber wenn einem die Argumente ausgehen , so erscheint es wohl einfacher auf derartige Denkmodelle zurückzugreifen, diese stammen aber aus dem Gruselkabinett der Geschichte.
            Eine gute Nacht wünscht Ignaz Wrobel

          • PS @ Anna
            Ihr Schreiben könnte man ohne eine Veränderung vorzunehmen ,auch an ihren Geistesverwandten Herrn Hans Brügelmann richten, denn dieser deckt genau ihre Vorurteile 1:1 ab.

      • Mit Ihrem Kommentar bestätigen Sie mestros Meinung. Seine Feststellung: “Wenn es heutzutage etwas gibt, das … mehr bekämpft und als Feindbild von Bildungsgerechtigkeit dargestellt wird, so sind das gutbürgerliche, bildungsbewusste Elternhäuser.”

  9. mestro schrieb: “Wer Tatsachen ignoriert und lieber auf den Zug populärer und selbstdienlicher Behauptungen aufspringt, darf sich nicht wundern, wenn er damit Privatschulen stärkt.
    Sowohl Italien als auch Frankreich haben uns vorgemacht, wohin die Reise führt, nämlich zu einem gigantischen Privatschulsystem, weil Eltern nicht mehr bereit waren, die Bildung und Zukunft ihrer Kinder dem Altar trügerischer Gerechrigkeitsvorstellungen zu überlassen.
    Übrigens betraf das nicht nur Gymnasien, sondern mindestens ebenso Förderschulen.”

    So wird es wohl (leider) kommen, solange die Vertreter einer bestimmten bildungspolitischen Ideologie nicht erkennen, dass “gut gemeint” schon immer das Gegenteil von “gut gemacht” war.

    • Kennen Sie das Buch “Es war doch gut gemeint” von Sarah Diefenbach (Professorin für Wirtschaftspsychologie) und Daniel Ullrich (Medieninformatiker)?
      Ich kann es nur wärmstens empfehlen.

  10. “Es sind, überspitzt gesagt, vor allem überforderte Anwalts- und Arztsöhne, die das Niveau am Gymnasium drücken.”

    So steht es in dem Artikel von Herrn Priboschek. Andernorts habe ich gelesen, dass man die Bildungsungerechtigkeit heute sogar daran misst, dass weniger Arbeiterkinder Stipendien bekommen als Akademikerkinder. Da verwechselt man wohl Chancengerechtigkeit mit Erfolgsgleichheit. Hat man schon mal beklagt, dass es weniger Olympiasieger aus sportfernen Familien gibt als aus sportaffinen Familien?

    Beides könnte man beheben, wenn man das Leistungsprinzip in der Schule ernst nähme (unabhängig von der Herkunft). Aber wer will das denn? Die genannten Freiberufler wollen es vielleicht — im Eigeninteresse — nicht, aber die progressiven Pädagogikprofessoren wollen es doch auch nicht! Wer war es denn, der die Ansprüche an den Übergang aufs Gymnasium immer weiter heruntergeschraubt hat? Waren das die Anwälte und Ärzte? Ich glaube nicht. Die wurden auch nie gefragt und hätten sich fügen müssen. Gegen konsequente Schulbehörden hätten sie nicht viel machen können. Nein, es waren die progressiven Pädagogikprofessoren und natürlich die Bildungspolitiker der “progressiven” Parteien, die breitere Teile des Volkes zum Abitur führen wollten. Die letzteren haben es als Neuerung erfunden, dass man mit dem bloßen “Elternwillen” aufs Gymnasium kommt (früher undenkbar). In meiner Schulzeit blieben etliche schwache Ärztekinder jedenfalls sitzen, während etliche Kinder aus sehr einfachen Verhältnissen zu den besten zählten und dann auch erfolgreich studierten. Und die genannten 10-15 % Problemfälle sind — so oder so — ohnehin nicht aus dem Gymnasium.
    Also nochmal: Wo sind die Feinde des Leistungsprinzips? Was meint Herr Priboschek?

  11. Artikel-Zitat: “Ein sozial selektives Bildungssystem ist leistungsfeindlich!”
    Wohl wahr, aber haben wir denn ein solches System oder wird dies nur behauptet?

    “Suche nicht nach Fehlern, um ein Heilmittel zu finden” lautet eine von vielen klugen Aussagen Henry Fords.

    • Michael Felten beschreibt es hier bei News4Teachers so:

      “In Deutschland herrscht Bildungsungerechtigkeit, diese Klage weht alle Jahre wieder über die Schullandschaft. Arbeiterkinder seien an unseren Gymnasien weitaus dünner gesät als Arztkinder – und sie studierten seltener als in anderen Ländern. Um es gleich vorweg zu sagen: Der mit Vorliebe ausgemachte Übeltäter – die Mehrgliedrigkeit des hiesigen Schulsystems – scheint eher unschuldig zu sein: Laut Langzeitstudie des Unterrichtsforschers und Gesamtschulfreundes Helmut Fend erhöht die Einheitsschule die Bildungsgerechtigkeit jedenfalls nicht. […]

      Was hilft sozial benachteiligten Kindern am besten, sich aus ihrem Status zu befreien? Die Antwort klingt nur altmodisch, ist aber forschungsbasiert: ein direkt anleitender und anregender, geduldiger und ermutigender Unterricht. Lernsequenzen klar strukturieren, hohe Erwartungen haben, individuelle Unterstützung anbieten, mit Feingefühl und Führungsfreude leiten – in solchen Klassen lernen alle Schüler nachweislich am meisten, auch die starken. Nur so lassen sich wirklich Rückstände kompensieren, Potentiale entfalten, Überbrückungsarbeit leisten. Natürlich braucht es dazu auch genug Lehrer.

      Kontraproduktiv dagegen die zeitgeistige Unterrichtsparole ‘je eigenverantwortlicher, (gemeint ist Einzellernen mit Arbeitsblattstapeln), desto erfolgreicher’. Das Ergebnis solcher Selbstlernidyllik ist nämlich keineswegs Tiefgang, sondern Oberflächlichkeit.”

      Aber das werden Menschen wie Anna wohl niemals akzeptieren können.

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