Noch vor dem Start: 16-Stunden-Betreuung für Kita-Kinder droht das Aus

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OFFENBACH. Ein Offenbacher Kindergarten will endlich mit extra langen Betreuungszeiten starten. Für berufstätige Eltern würde das die Lösung mancher Probleme und weniger Stress bedeutet. Wenn sich genügend Erzieherinnen fänden.

Sieht nett aus - ist aber tatsächlich harte Arbeit: der Erzieherinnen-Alltag. Foto: Thomas Pompernigg/Flickr (CC BY-SA 2.0)
Viele ErzieherInnen möchten in Teilzeit arbeiten.                         Foto: Thomas Pompernigg/Flickr (CC BY-SA 2.0)

Ein Kindergarten, der zwischen 6 Uhr morgens und abends 22 Uhr durchgehend geöffnet hat: Dieses Angebot plant die städtische Kita «Am Hafen» seit ihrer Eröffnung im Sommer 2017. Die vorgesehene Langzeitgruppe ist auf 25 Plätze für Kinder im Alter von null bis sechs Jahren ausgelegt. Doch wann es losgeht, steht weiter in den Sternen. Den Grund beschreibt Jugendamtsleiter Hermann Dorenburg mit einem einzigen Wort: «Personalknappheit». Es fehlen schlicht Erzieherinnen. Das Projekt droht zu scheitern.

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Schon um den normalen Betrieb der Kita sicherzustellen, mussten andere Einrichtungen Mitarbeiterinnen abgeben. Nach Monaten der Suche stellt Dorenburg enttäuscht fest: «Wir können nicht anfangen. Am Personalmangel hat sich nichts geändert und wird sich nichts ändern.» Der Markt scheint leergefegt. «Es gibt diese Fachkräfte praktisch nicht mehr», sagt eine Sprecherin der Arbeitsagentur in Hessen. In der Arbeitslosenstatistik Dezember tauchten 588 arbeitslose Erzieher auf. Dem standen fast 747 freie Jobs gegenüber.

Dass Angebot und Nachfrage nicht zusammenfinden, kann an unterschiedlichen Vorstellungen liegen. Kindergärten suchen vielfach Vollzeitbeschäftigte. Ein Großteil der Erzieherinnen bevorzugt laut Arbeitsagentur und Arbeitgebern jedoch Teilzeitarbeit: Rund 62 Prozent des Kita-Personals in Hessen arbeitete einer Studie zufolge weniger als 38,5 Stunden die Woche. «Teilzeitkräfte möchten am liebsten von 8 bis 12 Uhr arbeiten», hat Dorenburg festgestellt. Berufstätige Mütter und Väter wünschten sich jedoch eine möglichst lange, flexible Betreuung ihres Nachwuchses. Hinzu kämen lange Ausbildung, eine für “Frauenberufe” schlechte Bezahlung und geringe Aufstiegschancen, sagt Angela Köth von der Arbeitsagentur: «Leiter, Leiterin einer Einrichtung und dann ist Schluss.»

Lange Öffnungszeiten machen das Arbeiten in Kindergärten noch unattraktiver. Denn es gibt kaum mehr Geld. Laut Tarifvertrag stehen Erziehern in kommunalen Einrichtungen in der Regel Zuschläge erst ab 20 Uhr zu. In betrieblichen Kitas, wie sie Kliniken in Offenbach und Frankfurt zusammen mit beiden Städten anbieten, beteiligen sich die Arbeitgeber der Eltern an der Finanzierung der Plätze. Frankfurt versucht, mit Hilfe bei der Wohnungssuche, Stipendien und Teilzeitangeboten Kita-Personal zu gewinnen. Mehr als 140 Einrichtungen haben nach Auskunft des Bildungsdezernats länger als neun Stunden geöffnet.

Die Bedingungen müssen stimmen

Die GEW in Hessen schätzt, dass sich trotzdem Fachkräfte finden ließen – wenn denn die Bedingungen wie Bezahlung und Freizeitausgleich stimmten. Die Suche sei allerdings «sehr schwer», erklärt die stellvertretende Vorsitzende Karola Stötzel. Zudem sei zu bedenken: «Die Entgrenzung der Arbeitszeit der einen, zieht die Entgrenzung der Arbeitszeit der anderen nach sich.» Auch Erzieher hätten Kinder.

Selbst Eltern sehen sehr lange Öffnungszeiten kritisch: «Das Problem ist, dass meistens Angebot und Nutzer an einer Stelle schwer zusammenfinden», sagt Norman Heise, Sprecher der Bundeselternvertretung der Kinder in Kitas. Arbeitgeber sollten eher die extremen Arbeitszeiten so organisieren, dass Erziehende nicht betroffen seien. «Dass das Wunschdenken ist, ist uns bewusst», sagt er. Praktikabeler sei ein Modell in Berlin. Dabei wenden sich betroffene Eltern an das Jugendamt, das dann nach Prüfung eine Tagesmutter organisiere.

Solche Möglichkeiten gibt es laut Antje Proetel vom Dachverband freier Kindertageseinrichtungen auch in Hessen. Lange Öffnungszeiten seien dagegen vor allem für Betriebskindergärten sinnvoll, deren Unternehmen lange Arbeitszeiten haben, beispielsweise Kliniken. «Bei normalen Kitas ist die Nachfrage nur so vereinzelt, dass es sich nicht rechnen würde», erklärt sie. Zudem seien sehr lange Aufenthalte in der Kita aus Sicht des Kindeswohls nicht gut.

In Kassel probierten freie Träger sehr lange Öffnungszeiten aus. Das Ergebnis war ernüchternd. «Die Plätze wurden nicht belegt, so dass mangels Interesse diese Versuche wieder beendet wurden», teilte die Stadt mit. Einen neuen Anlauf will die Kommune nicht nehmen.

In Offenbach ist unklar, wie groß das Interesse von Eltern überhaupt ist. Anmeldungen seien erst bei ausreichendem Personal möglich, heißt es. Auch das für kommenden Sommer in einem anderen Kindergarten geplante zweite Testangebot der Betreuung von frühmorgens bis spätabends steht wegen fehlender Erzieherinnen auf der Kippe. Eltern brauchen viel Geduld. dpa

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