Gymnasialleiter kritisieren Qualität des Abiturs: Allgemeinbildung gerät aus dem Blick

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HAMBURG. Die Schulleiter der Hamburger Gymnasien sehen die Qualität des Abiturs in der Hansestadt in Gefahr. «Die Abiturregelungen tolerieren zu viele schwache Leistungen und unterlaufen so den Anspruch an allgemeine Bildung», schrieben die Direktoren in einem Positionspapier, das am Mittwoch bekannt wurde. Zwar zeige sich, dass sich die Leistungen durch das Zentralabitur eher verbessert hätten, sie beschränkten sich jedoch auf einen schmalen Korridor aus Deutsch, Englisch und Mathematik. Es gebe die Tendenz zur Drei-Fächer-Schule.

Spaß auf dem Abi-Ball. Foto: Avarty Photos / flickr / CC BY-SA 2.0

Andere Angebote wie eine zweite Fremdsprache, Musik oder Chemie/Physik wählten die Schüler kaum, Kurse kämen oft nicht zustande. «Wir haben Bedenken, dass bestimmte Fächer an den Rand gedrückt werden», sagte der erste Vorsitzende der Vereinigung der Leitungen der Hamburger Gymnasien und Studienseminare, Christian Gefert.

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Der Allgemeinbildungsanspruch des Abiturs dürfe nicht aus dem Blick geraten. Der Gedanke, mehrere Fächer thematisch zu einem Profil zu verbinden, sei absolut wichtig. «Wenn wir ehrlich sind, haben wir eine Kernfach-Oberstufe», sagte Gefert zum gegenwärtigen Zustand. Die Schulleiter fordern, dass mehr Kurse für das Abitur gewertet und die Leistungsanforderungen verschärft werden.

Schulsenator Ties Rabe (SPD) bot den Direktoren Gespräche an, fügte aber hinzu: «Viele Forderungen sind in Form und Inhalt neu und ungewöhnlich, beispielsweise die Forderung nach weniger Deutsch, Englisch und Mathe oder die Forderung nach einer Verschärfung des Abiturs.» Die Zeit der Sonderwege einzelner Bundesländer sei vorbei. «Es wäre keine gute Idee, wenn Hamburg ein anderes Abitur und andere Bildungsanforderungen erfindet als die anderen Bundesländer», sagte der Senator und betonte: «Grundsätzlich werde ich darauf achten, dass das Abitur keinen Millimeter leichter wird.» Die Anforderungen an Hamburgs Schüler seien mit den neuen bundesweiten Abituraufgaben eher verschärft worden.

Die Gymnasien hätten sich in den vergangenen 20 Jahren stark verändert, erklärte Gefert. Im zweigliedrigen Schulsystem besuche mehr als die Hälfte eines Jahrgangs das Gymnasium. Die Schülerschaft sei in Bezug auf die Leistungsfähigkeit heterogener geworden. Die Gymnasien müssten sich auch um Schüler kümmern, die nur einen mittleren Schulabschluss machten. Der Ganztagsunterricht und die Inklusion von Schülern mit Behinderungen erforderten mehr Personal. Die neuen Aufgaben mit Honorarkräften zu bewältigen, sei aber schwierig. Das Lehrerarbeitszeitmodell von 2008 berücksichtige die neuen Anforderungen nicht.

Digitalisierung – zu langsam

Auch beim Thema Digitalisierung drücken die Schulleiter aufs Tempo. Bund und Länder hätten einen Digitalpakt angekündigt, doch es sei ungewiss, wann er komme. «Fakt ist, dass wir an den Schulen an vielen Stellen improvisieren, hinterherhinken hinter dem technisch Möglichen», sagte Gefert. Als ersten Schritt fordern die Schulleiter WLAN auf dem gesamten Schulgelände mit externer technischer Unterstützung an allen Schulstandorten.

Die Opposition in der Bürgerschaft unterstützte die Schulleiter. Rot-Grün verschlafe die Digitalisierung, erklärte FDP- Fraktionschefin Anna von Treuenfels-Frowein. «Der Senat ist es den Hamburger Schülern, Eltern und Lehrern schuldig, dass dieses zukunftsentscheidende Thema endlich ganz oben auf die Agenda gesetzt wird.» Sie warf Rabe vor, das Abitur über Jahre konsequent entwertet zu haben. «Seine Bildungspolitik hat zu einer Verflachung des Unterrichts und viel zu einfachen Prüfungen geführt.»

Die CDU-Bildungsexpertin Birgit Stöver meinte: «Dass nun selbst die eigenen Schulleiter gegen Rabe aufbegehren, zeigt schonungslos die verkorkste Bildungspolitik des Senators auf.» Die in Hamburg analog zur Einführung des Zentralabiturs getroffenen Bestimmungen produzierten zwar auf dem Papier gute Noten, führten in der Folge aber zu einer Schwächung anderer Fächer wie Chemie oder Physik.

Auch Linken-Fraktionschefin Sabine Boeddinghaus begrüßte das Positionspapier der Schulleiter. «Die Kritik am stagnierenden Lehrerarbeitszeitmodell ist absolut berechtigt», erklärte sie. dpa

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1 KOMMENTAR

  1. in nrw hat das Abitur spätestens seit Einführung des Zentralabiturs mit Bildung oder Studierbefähigung nicht mehr viel zu tun. Dazu kommt das erklärte Ziel, 50% des Jahrgangs das Abitur zu verleihen. Das geht am einfachsten durch Reduzierung der Anforderungen, nur schlecht getarnt durch Überbetonung von Kompetenzen.

    Weil das Abitur so leicht wurde, wurde zwangsläufig auch der mittlere Schulabschluss sehr einfach. Die sofawolfsche Kuschelpädagogik sorgte leider dafür, dass den Kindern bis einschließlich Klasse 6 nichts mehr zumutet bzw. zutraut.

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