Debatte: An der Fremdsprache in der Grundschule scheiden sich die Geister

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STUTTGART. Wann sollen Schulkinder mit dem Lernen von Fremdsprachen beginnen? Die Fachwelt ist sich uneinig. Einige Experten sehen Vorteile, andere Nachteile, wenn der Start – wie jetzt in Baden-Württemberg – von der ersten auf die dritte Klassen verschoben wird.

Ist Englisch in der Grundschule vielleicht sogar schädlich? Illustration: Wikimedia Commons.
Sind Grundschüler mit Englischunterricht überfordert? Illustration: Wikimedia Commons.

Der verschobene Start von Englisch oder Französisch an Grundschulen in Baden-Württemberg stößt bei Fachleuten auf ein geteiltes Echo. Der Anglist Holger Hopp etwa hält die Verschiebung nicht für gerechtfertigt. «Man gibt hier vorschnell Potenziale des frühen Fremdsprachenunterrichts auf, um Deputate zu verschieben», sagte der Professor für Englische Sprachwissenschaft von der Technischen Universität Braunschweig auf Anfrage in Mannheim. Ein Deputat entspricht einer Lehrerstelle.

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Baden-Württembergs Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) hat zum neuen Schuljahr den Einstieg in die erste Fremdsprache auf Klasse drei verlegt, um Stunden für Lesen, Schreiben und Rechnen in den beiden ersten Klassen zu schaffen.

Anders als Hopp kann der Leiter des Instituts für Deutsche Sprache (IDS) in Mannheim, Henning Lobin, den Schritt gut nachvollziehen. «Beim sehr frühen schulischen Zweitsprachenerwerb ging man von der These aus, dass Deutsch schon beherrscht wird», sagte er. Heute gebe es darüber keine Gewissheit mehr. «Es kann zu Verwirrung führen, wenn Migrantenkinder die deutsche Sprache noch nicht können, aber mit einer weiteren Sprache beginnen sollen.»

Voraussetzung für den Fremdsprachenerwerb sei, die deutsche Sprache möglichst gut zu beherrschen. Ansonsten sollten junge Migranten nicht mit einer neuen Sprache anfangen. «Die durch die Verschiebung gewonnene Zeit ist sehr gut investiert im Bereich der deutschen Sprache», betonte Lobin, der das Mannheimer Institut seit Anfang August leitet.

Chance auf Erfolgserlebnisse

Der Braunschweiger Linguist Hopp jedoch sieht gerade für Schüler mit Migrationshintergrund keine Nachteile bei dem frühen Start – im Gegenteil: «Er bietet ihnen die Möglichkeit, mit den anderen Schülern gleichzuziehen und Erfolgserlebnisse zu verbuchen.» Auch haben nach Ansicht Hopps Schüler mit Migrationshintergrund und einer weiteren Herkunftssprache bei vergleichbaren Bedingungen Vorteile im Fremdsprachenlernen gegenüber nur deutschsprachigen Kindern. «Mehrsprachigkeit erleichtert den weiteren Spracherwerb.» Hopp war an der Universität Mannheim tätig, bevor er 2016 als Professor für Englische Sprachwissenschaft an die TU Braunschweig wechselte.

Das Ministerium verkenne die Effekte des frühen Fremdsprachenerwerbs, wenn er von qualifizierten Lehrern vermittelt werde. Die Hoffnung, dass der Wegfall des frühen Einstiegs sich langfristig nicht bemerkbar mache, sei zwar bei bislang mäßiger Unterrichtsqualität verständlich. Aber Studien etwa in dem Niederlanden und in deutschen bilingualen Grundschulen zeigten, dass früher Fremdsprachenunterricht mit altersgerechten Materialien zu guten Ergebnissen führe. Insofern dürften ein – qualitativ hochwertiger – Fremdsprachenunterricht ab Klasse eins und die Stärkung der Grundlagen in Deutsch und Mathematik nicht gegeneinander ausgespielt werden.

Das in Baden-Württemberg dominante Klassenlehrerprinzip im frühen Englischunterricht habe keine optimalen Resultate gebracht, erläuterte Hopp. Das sei auch aus Sicht des Kultusministeriums womöglich ein Manko gewesen. Denn der auf Klasse drei verschobene Unterricht in Englisch oder Französisch an der Rheinschiene solle künftig von Fachlehrern erteilt werden. dpa

Philologenverband fordert Englisch-Unterricht erst ab Klasse 3 – „dann aber richtig“

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8 KOMMENTARE

  1. Die Verlegung auf Klasse 3 ist begrüßenswert und richtig.

    Meinetwegen reicht auch Englisch als Fremdsprache für alle ab Klasse 5 und alle weiteren Fremdsprachen nur noch freiwillig oder wahlobligatorisch. Alle heutigen Erwachsenen mit sehr guten Englischkenntnissen zeigen, dass das geht.

  2. Arabisch, Polnisch und Türkisch wären auch noch Alternativen, um die Lernerfolge und die Motivation der betroffenen Personengruppen zu steigern.

    • Das finde ich unsinnig. Wenn jeder eine andere Fremdsprache lernt, kann am Ende doch wieder keiner mit keinem kommunizieren.

      Es macht hingegen Sinn, wenn alle die gleiche (erste) Fremdsprache lernen, in allen Ländern der Welt, dann können alle auf der Welt miteinander kommunizieren. Da Englisch bereits die weiteste Verbreitung hat, kann Englisch das übernehmen.

      Wer daneben welche andere Fremdsprache auch noch lernt, sollte weitestgehend freiwillig sein, ggf. wahlobligatorisch. Solche Angebote bereitzustellen, fände ich wiederum gut.

    • Das wage ich mal zu bezweifeln. Deutsche und Migranten aus derselben sozialen Gruppe sprechen ein ähnlich gutes oder schlechtes Deutsch. Insbesondere sprechen Migranten und nicht-Migranten der entsprechenden Klientel dasselbe “Asi-Deutsch”. Warum sollen sie dann ein astreines arabisch, polnisch oder türkisch sprechen? Das finde ich wenig plausibel. Abgesehen davon würde das die anderen Herkunftssprachen diskriminieren und der offizielle Lehrplan in arabisch, polnisch und türkisch müsste nach ähnlichen Maßstäben unterrichtet werden wie Englisch. Ob eine Gedichtanalyse in der Herkunftssprache gelingt, hängt auch von den generellen Fähigkeiten ab, Gedichte analysieren zu können, nicht von der gewählten Sprache.

    • Es scheint ungemein viele freie Zeit und nicht genug Auslastung in der Grundschule zu geben. Eigentlich sollen die Kinder ja Deutsch lernen, schriftlich wie auch mündlich ein korrektes Deutsch. Daran hapert es ja doch oft schon. Dann noch Englisch und dann Türkisch dazu, alles in der Grundschule? Sie trauen die türkischen Kindern ja viel zu. Und Türkisch statt Englisch? Wie soll das dann in den weiterführenden Schulen weitergehen? Was soll da die erste Fremdsprache werden? Und je mehr Zersplitterung im föderalen Staat, desto schwieriger wird ein Wohnortwechsel. Polnisch an Oder und Neiße, Französisch am Oberrhein, Dänisch bei Flensburg, da wird es schwierig, mit Kindern von dem einen Teil in den anderen zu ziehen.

  3. Die Erstklässler sollen ja laut Medienberichten immer schlechter Deutsch können. Da ist es in der Tat eine Überforderung für Schulanfänger, wenn sie neben Deutsch dann auch noch Englisch oder Französisch lernen sollen. Von daher ist das schon in Ordnung, dass Schüler erst ab der 3. Klasse Englisch lernen (das mit Französisch ist eh Quatsch, so sehr ich die Sprache auch mag).

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