Junge Männer! Ergreift den abwechslungsreichsten und lustigsten Beruf der Welt! Werdet: Grundschullehrer! – Eine Kolumne

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BERLIN. Martin Beer ist einer der wenigen Männer, die sich als Lehrer in die Grundschule gewagt haben – und möchte diesen Zustand verändern. Sein Aufruf: »Junge Männer, strömt in die Grundschulen! Ergreift den lustigsten und abwechslungsreichsten Beruf der Welt. Bewaffnet euch mit Zackenschere und Klebestift und sammelt Paninibildchen statt Aktienfonds!« In seinem jetzt erschienenen Buch „Lebenslang Morgenkreis“, dem „ultimativen Ratgeber für Grundschullehrer/innen“, gibt er (selbst-)ironische Einblicke in seinen Berufsstand, die schonungslos lustig alle Klischees bestätigen. Wozu, so fragt der Autor, sind Klischees denn sonst da? News4teachers veröffentlicht Auszüge.

Hier lässt sich das Buch bestellen oder herunterladen (kostenpflichtig).

Allein unter Frauen – schon an der Uni wurde dem Autoren klar, was das bedeutet. Illustration: Shutterstock
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Ich habe Post bekommen. Ein Schulbuchverlag schickt neue Prospekte. Der Inhalt interessiert mich nicht. Werbung. Nur ein flüchtiger Blick auf das Adressfeld, bevor das Schreiben wie selbstverständlich im Altpapier verschwindet: Natürlich. Es ist wieder da. Das kleine a. Nur ein einziger Buchstabe, der doch so viel verändert. Sie haben es wieder falsch gemacht! Seit achtzehn Jahren der gleiche Fehler. Man kann es ihnen nicht verübeln. Sie wissen einfach nicht, dass es uns gibt: Grundschullehrer.

Richtig, Lehrer. Männer, die Kindern das Lesen, Rechnen und Schreiben beibringen. Ganz kleinen Kindern. Erstklässlern! Und die heißen eben nicht Martina Beer. Aber warum ist das so? Warum weigern sich so viele Männer beharrlich, den besten Beruf der Welt zu ergreifen? Grundschullehrer/in. Vormittags wird gebastelt und nachmittags hat man frei. Ein Halbtagsjob, ohne Aussicht auf Karriere und gesellschaftliche Anerkennung. Nicht gerade männlich. Kann man bewaffnet mit Klebestift und Zackenschere ernsthaft seinen Lebensunterhalt bestreiten? Die Antwort ist ebenso einfach wie wahr: Ja, man kann. Und es macht einen Heidenspaß.

Das Buch

„Ursprünglich sollte mein Buch ganz anders heißen: Allein unter Frauen – Ein Mann in der Grundschule“, so berichtet Martin Beer. „Aus einem mir nicht begreiflichen Grund war der Verlag dagegen. Es gäbe da ein klitzekleines Problem mit der Zielgruppe. An wen solle sich der Text denn richten? »Na, an zukünftige Grundschullehrer«, antwortete ich keck. Daraufhin war es lange still am Telefon. »Zukünftige Grundschullehrer …« Noch heute wird viel gelacht im Verlag.

Lebenslang Morgenkreis richtet sich ausdrücklich an werdende Grundschullehrer/innen. Natürlich sind das ausnahmslos Frauen. Wer sollte das besser wissen als ich selbst. Dennoch habe ich die Hoffnung nicht aufgegeben. Vielleicht kann dieses Buch ja einen kleinen Beitrag leisten und, wer weiß, die zehnte oder elfte Auflage dann unter dem ursprünglichen Titel erscheinen.“ Seit 1996 unterrichtet Martin Beer als einer der wenigen Männer an verschiedenen Grundschulen in Frankfurt und Offenbach.

Hier lässt sich sein Buch bestellen oder herunterladen (kostenpflichtig).

Mein Buch soll dazu beitragen, alle Vorurteile über unseren Beruf zu bestätigen, denn dazu sind Vorurteile schließlich da. Dennoch wird es Zeit, etwas zu ändern. Junge Männer, strömt in die Schulen! Ergreift den lustigsten und abwechslungsreichsten Beruf der Welt und überlasst die Erziehung der nächsten Generation nicht allein dem weiblichen Geschlecht. Das rächt sich. Lest dieses Buch, verschenkt oder verleiht es an andere Unentschlossene und stellt eure Weichen für eine glückliche Zukunft. Bevölkert die Lehrerzimmer dieses Landes und lasst uns in den Pausen dann ausschließlich über Fußball reden! Es wäre mir eine Freude, euch kennenzulernen.

(…)

Am Anfang war ich wie ihr – suchend, unentschlossen. Nachdem sich die kindlichen Tagträumereien beruflicher Karrieren als Zoodirektor, Astronaut oder Fußballprofi in Luft aufgelöst hatten, folgten ebenso wenig realistische Vorstellungen, als Rockstar oder Schauspieler zu Ruhm, Ehre und Geld zu gelangen. Die Arbeit in einem Getränkemarkt konnte mich für kurze Zeit wieder erden, doch wusste ich nach dem Abitur immer noch nicht, in welche Richtung es einmal gehen sollte, bis auf die Gewissheit, dass ich den Getränkefachhandel für alle Ewigkeit ausschließen konnte.

(…)

Aus Mangel an Ideen machte ich es wie die Mehrheit meiner Freunde, die anfingen, irgendwas zu studieren. Der Rest würde sich finden. Im Studienführer der Johann Wolfgang Goethe-Universität entdeckte ich schließlich die entscheidende Seite: Lehramt an Grundschulen, Regelstudienzeit sechs Semester. Das klang überschaubar. Drei Jahre. Ich hatte drei Jahre lang Getränkekisten gestapelt, was sollte an der Uni schlimmer sein? Überglücklich, eine Entscheidung getroffen zu haben, schrieb ich mich ein. Zur selben Zeit hatten hundertzehn Frauen und drei Männer die gleiche Idee.

(…)

Hundertzehn Frauen sind verdammt viel. Das wurde mir bei der Einführungsveranstaltung klar. Der Saal war voller Frauen. Mit meinen ein Meter neunzig hatte ich den perfekten Überblick. War ich wirklich im richtigen Raum? Die Uni ist groß und verwinkelt. Da kann es leicht passieren, dass man sich verläuft. Und tatsächlich war es schwieriger als gedacht. Die meisten Fachbereiche waren nicht an der Hauptuni angesiedelt. So war das Fach Kunst in einer stillgelegten Fabrik untergebracht. Das alte Gemäuer hatte unzureichend schließende Fenster und keinerlei Heizkörper. Die perfekte Vorbereitung auf eine innerstädtische Schule, aber das wusste ich damals noch nicht. Sind das viele Frauen, dachte ich stattdessen und blickte weiter suchend um mich.

Über hundert Frauen und keine schenkte mir nur ein Promille ihrer Aufmerksamkeit. Hier war irgendetwas faul. Überall im Raum wurde aufgeregt getuschelt. Ich versuchte zuzuhören, doch ich verstand kein einziges Wort. Neben mir machte man sich eifrig Notizen. Ich suchte verzweifelt nach einem Stift, als mich jemand unvermittelt am Ärmel zog. »Hey!«, sagte der Fremde. »Komm mit!« Der Typ war in etwa so groß wie ich und zerrte mich entschlossen hinter sich her. Wir bahnten uns eine Schneise durch die weiterhin aufgewühlt vor sich hin schwatzenden Frauen. Erst in einer Ecke des Raumes ließ er wieder von mir ab. »Wie heißt du?«, fragte er hastig. »Martin«, antwortete ich wahrheitsgemäß. »Gut«, sagte er und zeigte mit dem Finger auf einen Dritten. »Das ist Ritschi.« Dann verschwand er, so schnell wie er gekommen war, wieder in der Menge.

Ritschi hieß eigentlich Peter, wurde aber aufgrund seines Nachnamens, der überraschend oft den Buchstaben Y enthielt, von allen nur Ritschi genannt. Er war zehn Jahre älter als ich und hatte bereits ein Studium abgeschlossen. Aufgrund der geringen Verdienstmöglichkeiten im sozialen Bereich hatte er sich dazu entschlossen, nun doch auf Lehrer umzusatteln. Die Aussicht auf ein besseres Gehalt, kürzere Arbeitszeiten und mehr Urlaub hatten ihn dazu bewogen, noch einmal komplett von vorn anzufangen. Ganz so falsch konnte ich es also nicht gemacht haben. Keine fünf Minuten später war der Fremde wieder da. Im Schlepptau hatte er einen weiteren verwirrt vor sich hin starrenden Geschlechtsgenossen. Thomas hatte Oberarme wie andere Leute Oberschenkel und war sichtlich erleichtert, uns gefunden zu haben. Er nickte einmal freundlich in die Runde. Dann ergriff der bislang noch Unbekannte wieder das Wort.

»Wieʼs aussieht, sind wir vollständig«, hob er an. »Bin jetzt zweimal komplett durchgelaufen. Mehr sind wir nicht. Was habt ihr nächste Woche vor?« Wir blickten ihn ratlos an. Das war unsere erste Studienwoche, was sollte man da vorhaben. »Gut«, sagte er. »Dann gehen wir zelten.« Wir verbrachten die erste Woche des Semesters am Langener Waldsee und legten uns einen Schlachtplan für die nächsten drei Jahre zurecht. Gunther, der uns alle zusammengebracht hatte, organisierte Verpflegung und Getränke. Wir saßen am Grill, tranken Bier und redeten sinnloses Zeug. Ohne diese Woche hätte ich mein Studium niemals durchgezogen. Schon nach wenigen Wochen an der Uni stand fest: In meinem Paradies muss es auch Männer geben.

(…)

Ich weiß nicht, wie oft ich es getan habe, aber ich habe es getan. Ich schäme mich ein wenig, wenn ich darüber schreibe, aber es ist die Wahrheit. Während andere Studenten sich mit der komplizierten Weltwirtschaftslage auseinandersetzten oder lernten, wie man am offenen Herzen operiert, warfen wir ein buntes Wollknäuel durch die Luft und erzählten von unseren Hobbys. »Hallo, mein Name ist Melanie. Ich fahre gern Fahrrad und lese historische Romane.«

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