Die digitale Bildungsrevolution rollt jetzt an – dumm nur: Die meisten Schulen sind darauf noch gar nicht vorbereitet

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BERLIN. Die gute Nachricht: Der Digitalpakt kommt – fünf Milliarden Euro wird der Bund in den nächsten Jahren für die IT-Ausstattung der Schulen ausgeben. Die schlechte Nachricht: Viele Schulen sind auf die bevorstehende digitale Revolution gar nicht vorbereitet. Zwei Drittel der Schulen verfügen noch über kein pädagogisches Konzept zum Einsatz digitaler Medien, so ergab eine aktuelle Studie.

Lernen am Computer? In Deutschlands Schulen immer noch ein seltenes Bild. Foto: shutterstock
Lernen am Computer? In Deutschlands Schulen immer noch ein seltenes Bild. Foto: shutterstock

Reichlich unspektakulär kam ein Ereignis in der vergangenen Woche daher, das die Schulen in Deutschland in den kommenden Jahren dramatisch verändern wird: Die Ministerpräsidenten der Länder einigten sich darauf, sich einer Grundgesetzänderung zur Aufweichung des Kooperationsverbots nicht länger in den Weg zu stellen. Damit machten sie den Weg frei für den Digitalpakt, der den Schulen fünf Milliarden Euro für eine IT-Grundausstattung bescheren soll – das sind umgerechnet immerhin rund 100.000 Euro, die jede Schule im Durchschnitt vom Bund erhält.

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Weil viele Kommunen und einige Bundesländer zusätzliche eigene Mittel für die digitale Infrastuktur der Schulen aufwenden, etwa für Glasfaseranschlüsse, und dazu auch noch Elternbeiträge erhoben werden können (für schülereigene Endgeräte beispielweise), dürfte sich die gesamte Investitionssumme nochmal deutlich erhöhen. Kurzum: Über die Schulen wird in kürzester Zeit geradezu ein Füllhorn ausgeschüttet, dessen Inhalt sie schlagartig aus der Kreidezeit in das digitale Zeitalter katapultiert.

Dumm nur: Viele Schulen wissen offenbar gar nichts damit anzufangen. Die Hälfte der Schulleitungen, so ergab jetzt der Schulleitungsmonitor der Universität Duisburg-Essen im Auftrag der Wübben Stiftung, hält den Nutzen digitaler Medien schlicht für überbewertet. Ebenso viele berichten von Vorbehalten in ihrem Kollegium gegenüber dem Computer-Einsatz im Unterricht. Zwei Drittel der Schulen verfügen noch über kein pädagogisches Konzept zum Einsatz digitaler Medien. Fast 80 Prozent attestieren ihren Lehrkräften sogar, es fehle ihnen an Medienkompetenz.

Digitalisierung? Nur Probleme

Was bringt die Digitalisierung? Dabei nennen die Rektoren und Direktoren nur Herausforderungen – von Chancen ist keine Rede. Als besonders herausfordernd werden von 84,7 Prozent der Schulleitungen die mit der Digitalisierung verbundenen rechtlichen Fragen eingeschätzt, von 83,7 Prozent die Kosten für die technische Ausstattung und die Wartung der Geräte, von 82,7 Prozent die zuverlässige Funktionsfähigkeit der technischen Geräte und Systeme sowie von 80,3 Prozent die fehlende professionelle Betreuung der digitalen Infrastruktur.

Bemerkenswert auch: Vier von fünf Schulleitungen halten die Kosten für die Beschaffung digitaler Lernmittel für zu hoch. Auch wird das Angebot als zu unübersichtlich kritisiert.

Dass die Schulen in Deutschland die Digitalisierung vor allem als Zumutung empfinden, ist nach Ansicht von OECD-Direktor Andreas Schleicher „völlig verständlich“. Er erklärte gegenüber News4teachers: „Weil wir das auf alles andere draufpacken. Wir verändern nichts. Natürlich ist das eine Zumutung. Es gibt zwar Enthusiasten unter den Lehrkräften, aber die sind nicht die Mehrheit“. Der PISA-Koordinator forderte: „Wir müssen Anreize schaffen. Das bedeutet: die Zeit, den Raum für Veränderung geben. Das ist in jedem anderen Unternehmen auch so. Lehrkräfte müssen eben auch was davon haben. Die Digitalisierung wird für sie interessant, wenn sie sehen:  Meine Arbeit verändert sich grundlegend. Sie wird leichter, spannender, durch die Zusammenarbeit mit Kollegen interessanter. Meine Schüler verstehen mich besser. Jeder ändert sein Verhalten nur dann, wenn das für ihn selber auch was bringt. Das ist klar.“

Immerhin: Die Schulleitungen sind laut Studie offenbar in hohem Maße bereit, sich zu informieren – am liebsten auf Lehrgängen oder Seminare nicht-staatlicher Anbieter (82,8 Prozent Zustimmung) und professionellen Netzwerken mit anderen Schulleiterinnen und Schulleitern (81,4 Prozent Zustimmung). bibo / Agentur für Bildungsjournalismus

Das Thema wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers heiß diskutiert.

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12 KOMMENTARE

  1. “Viele Schulen sind auf die bevorstehende digitale Revolution gar nicht vorbereitet?”
    Hae? Hemmschuh sind da eher die Schulträger, das aber auch ungewollt. Die Pflege und EInrichtung der IT-Struktur ist kostenintensiv und personalintensiv, und das über die 5 Jahre hinaus.
    Bisher reicht es noch nicht einmal für WLAN an den Schulen.
    Wie sollen dann die Schulen Konzepte haben, die dem technischen Ausstattungsstand 10 Jahre voraus sind. Es handelt sich um SCHULLEITUNGEN und KOLLEGIEN, nicht um direkte Nachfahren der Gebrüder Grimm, die an Schule versuchen, das beste zu erreichen.

  2. Einer der Hauptpunkte ist ja im Text genannt: ein hauptberuflicher Systembetreuer pro Schule ist die Grundvoraussetzung, dass alles andere zuverlässig gelingen kann. Existieren die Fachleute schon, die man dazu einstellen müsste? Wie viele arbeitslose Computerfachleute gibt es in Deutschland?
    Andernfalls wird die gesamte Digitalisierung wieder wie bisher auf Selbstausbeutung einiger engagierter Lehrer, die kein Privatleben brauchen, beruhen.

    • An manchen Stellen werden Dinge größer gemacht als sie sind. Es wird daran gearbeitet, dass eine IT-Infrastruktur vorhanden ist. Dazu gehört eine schnelle Internetverbindung, W-Lan in den Klassenräumen und ein Beamer. Dazu braucht es keinen Systembetreuer. Was soll dessen Aufgabe sein? Das einzige was passieren kann ist der Ausfall von Routern oder Beamern. Dann sind die Geräte kaputt oder man muss diese neu starten. Das kann jeder und ist an vielen Schulen schon Alltag. Sollte es, warum auch immer größere Probleme mit dem W-Lan geben, könnten die Kommunen auch 1-2 Stellen schaffen, die dann für alle Schulen zuständig sind.

      Systemadmins braucht man erst dann, wenn man anfängt Tablets oder Laptops für die Schule anzuschaffen. Das ist das eigentliche Problem. Da muss man sich nur die Computerräume ansehen. Die Computer sind veraltet und es gibt ständig mit der extern aufgespielten Software Probleme, weil alleine das Betriebssystem schon voll mit Restriktionen ankommt. Im Übrigen kein Phänomen, was es nur in der Schule gibt. Arbeiten sie mal mit einem Firmen-Laptop. Das ist genauso grausig. Die Frage ist nur, warum man die Schüler, wenn schon digitale Endgeräte anschaffen, nicht extern kaufen lässt? Welche Restriktionen braucht man da denn, dass die Schule die Geräte warten soll? Genauso wie beim Taschenrechner gibt man vor welche technischen Geräte zur Auswahl stehen, fertig. Um die “Wartung” kümmern sich die SuS bzw. die Eltern selbst. Wer ein Smartphone hat kann das auch mit einem Tablet oder Laptop hinbekommen.

      Darüberhinaus gibt es aber aktuell keinen Grund solche Geräte anzuschaffen. W-Lan in den Klassen ist ja okay. Dann kann man mit den Smartphones der Kinder arbeiten, aber was will man noch mit weiteren digitalen Endgeräten. Aktuell fehlt es ja auch an entsprechenden Lernmitteln dafür. Von mir aus kann man 1 Klassensatz an Tablets kaufen, aber in den meisten Fällen braucht man diese Geräte für den Unterricht nicht.

      Was könnte noch passieren? Ach ja, Geräte können sich nicht in das Schulnetz einloggen. Tja da würde eine Schüler- und Lehrerschulung helfen. Das ist kein großer Aufwand. Aktuell kriegt man als Informatiklehrkraft die Aufgabe dafür Ansprechpartner zu sein. Was dämlich ist, weil die meisten Probleme innerhalb von 1-2 Minuten jeder selbst lösen kann.

      Manchmal hat man das Gefühl, dass man es mit einem Haufen Vollidioten zu tun hat. Da gibt es einige Schulen, die mit kleinem finanziellen Rahmen, all diese angeblichen Probleme mit links lösen und dann wird da immer wieder ein Fass aufgemacht und es heißt: wir brauchen Systemadmins, Netzwerkbetreuer, etc.

      Zum eigentlichen Thema des Medienkonzepts: was soll denn da bitte drin stehen. Die Konzepte wurden innerhalb von 1-2h erstellt, damit man die Gelder erhält. Die Kritik seitens der Schulen ist einfach berechtigt. W-Lan ist ein Nice-to-Have-Feature. Als Lehrkraft kann ich meinen Unterricht so an manchen Stellen sinnvoll ergänzen. Trotzdem wird sich, stand jetzt, nichts am Unterricht verändern. Ich nutze dann mal ein YouTube-Video, ein GeoGebra-Applet, Tools mit denen SuS kollaborativ arbeiten können. Das war es. Ansonsten gibt es keine Lernplattform, die mir Inhalte so bereitstellt wie es Schulverlage mit Schulbüchern oder Arbeitsheften machen. Deswegen sehe ich auch nicht warum man digitale Endgeräte anschaffen sollte wie Tablets oder auch Smartboards, damit diese in 3-4 Jahren wieder veraltet sind und kaum genutzt wurden.

      • Alles kein Problem? Also warum ist der Techniker, den meine alte Schule (ca. 900 Schüler) zum Glück hat, die ganze Zeit beschäftigt und kommt nicht rum?
        In der wirklichen Welt gibt es Software-updates, Viren, unerklärliche Ausfälle, Schüler, die keine eigenen Geräte besitzen oder keinen Bock, ihren Speicherplatz für schulische Zwecke herzugeben, es gibt seltsame oder vorgeschobene Einzelfallprobleme, und wenn die Lehrerin von Eigengerät zu Eigengerät geht, um auf 3 verschiedenen Betriebssystemen in 10 verschiedenen Versionen die Probleme zu lösen, ist die Doppelstunde im Nu vorbei, und die Schüelr kriegen keine Hausaufgabe, juchhu!

      • Zitat:”Dazu gehört eine schnelle Internetverbindung, W-Lan in den Klassenräumen und ein Beamer. Dazu braucht es keinen Systembetreuer. Was soll dessen Aufgabe sein? ”
        Haben Sie schon mal mit einem Systembetreuer darüber gesprochen?
        Sicher nicht, denn sonst wären solche Aussagen nicht denkbar.

  3. “Smartphones der Kinder”: Aktuell haben bei uns erstaunlicherweise 5% kein Handy. Klein – aber fein die Schülerzahl.
    Laptops, die gestellt werden, haben schlicht einen Vorteil: Es ist die Software (hoffentlich drauf), die benötigt wird.
    Wir haben bei uns in den PC-Räumen noch mit XP Service Pack 1 :=

    • Dann liegen Sie ja schon deutlich über dem Bundesdurchschnitt von 2%. Diese Kinder haben nur halt kein Smartphone, weil die Eltern es so wollen. Da gäbe es genau mit diesen Eltern auch Probleme bei der Anschaffung von Tablets oder Laptops.

      Es braucht aber auch nicht jedes Kind ein Smartphone im Unterricht. Man kann auch in Partner- oder Gruppenarbeit etwas recherchieren.

      “Laptops, die gestellt werden, haben schlicht einen Vorteil: Es ist die Software (hoffentlich drauf), die benötigt wird.”

      Aus eigener Erfahrung kann ich ihnen sagen, dass man damit die selben Probleme hat wie mit den Computerräumen. Die Geräte kommen eben auch mit veraltetem Betriebssystem und Software an. Updates kann man dann als Lehrkraft oder SuS auch nicht ohne weiters durchführen. Besser sind da iPads, weil man an dem Betriebssystem nicht so beliebig rumdoktern kann wie bei Windows.

    • Schauen wir mal, ob das Geld der Engpass ist oder ob nicht vielleicht die Elektriker fehlen, um die ganze Infrastruktur in vernünftiger Zeit zu montieren.

    • Liebe GriasDi,

      es sind die 5 Milliarden, die schon Wanka versprochen hatte, die jetzt endlich fließen sollen.

      Herzliche Grüße
      Die Redaktion

      • Damals wurden die 4 Mrd. von Frau Wanka ja von Herrn Schäuble wieder kassiert. Diese 5 Mrd. von jetzt haben mit den 4 Mrd. von damals nix zu tun.

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