Nach hohen Durchfaller-Quoten: Scheeres macht Lehrern Druck, damit Schüler besser lesen und rechnen lernen

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BERLIN. Wer im Leben etwas aus sich machen will, braucht sogenannte Kernkompetenzen. Lesen und Rechnen gehören dazu. Doch dabei hapert es bei so manchem Berliner Schüler. Der Senat will nun gegensteuern. Die GEW übt Kritik.

"Blicken wir doch einmal in die anderen Bundesländer": Berlins Bildungssenatorin Sandra Scheeres. Foto: Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie
Hat eine “Qualitätsoffensive” angekündigt: Berlins Bildungssenatorin Sandra Scheeres. Foto: Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie

Berliner Schüler sollen besser lesen und rechnen lernen. Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) stellte dazu am Mittwoch zahlreiche Vorhaben für eine «Qualitätsoffensive» vor. Unter anderem soll es für Grundschüler eine zusätzliche Deutschstunde pro Woche geben. Die Gesamtzahl steigt also auf sieben (Klasse 1) beziehungsweise acht (Klassen 2-4) Wochenstunden.

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Ziel sei es, den Schülern vor allem flüssiges Lesen und damit auch besseres Textverständnis beizubringen, sagte Scheeres. Dazu sollen ein einem ersten Schritt 90, perspektivisch bis zu 200 zusätzliche Lehrer eingestellt werden. Im Bereich Mathematik soll es mehr Fortbildung für Lehrer und neue Unterrichtsmaterialien geben.

Scheeres kündigte außerdem jährliche verbindliche «Sachstandstests» an. Die Schüler müssen dann nach Brandenburger Vorbild eine Art Fragebogen ausfüllen, um deren jeweiliges Niveau in Deutsch und Mathe festzustellen. Auf dieser Grundlage soll der individuelle Förderbedarf festgelegt werden. Geplant sind darüber hinaus Verträge zwischen Schulaufsicht und Schulen, um mehr Verbindlichkeit bei den Lerninhalten zu erreichen.

Kritik kam von der GEW. “Qualitätsverbesserung gelingt nur, wenn Lehrkräfte nicht permanent überlastet sind. Die Bildungsverwaltung muss endlich die Arbeitsbelastung reduzieren! Wo sollen die zusätzlichen Stunden herkommen? Wenn die Sprachförderung herhalten muss, dann geht das zu Lasten der Schwachen”, so heißt es auf dem Twitter-Kanal der Lehrergewerkschaft.

Schlechte Ergebnisse

Hintergrund der Qualitätsoffensive sind schlechte Ergebnisse Berliner Grundschüler in bundesweiten Vergleichstests – obwohl Berlin Scheeres zufolge im Ländervergleich das meiste Geld pro Schüler ausgibt. So ergab der Test Vera für Schüler der dritten Klassenstufe, dass rund die Hälfte der Berliner Teilnehmer bei der Rechtschreibung nicht einmal die Mindestanforderungen erfüllt. Beim Lesen waren es ebenso wie in Mathematik rund ein Drittel.

Die Defizite lassen sich bis zum Ende der Schulzeit durchdeklinieren: Sieben Prozent der Berliner Schulabgänger hatten im vergangenen Jahr nach der 10. Klasse keinen Abschluss. An den Gymnasien erwarben zwar alle Schüler am Ende der Jahrgangsstufe 10 einen Abschluss, an den Integrierten Sekundarschulen und Gemeinschaftsschulen hingegen gelang das 13 Prozent nicht (2017: 10 Prozent). News4teachers berichtete.

«Diese Lernergebnisse stellen uns nicht zufrieden», sagte Scheeres. «Wir müssen da ran.» In Berlin sei in den letzten Jahren schon viel getan worden, um die Qualität des Unterrichts zu verbessern. Aber der hohe Anteil von Kindern aus armen Familien oder aus Familien mit ausländischem Hintergrund seien eine besondere Herausforderung.

Das Paket für mehr Schulqualität sieht auch neue Ansätze für ganztägiges oder jahrgangsübergreifendes Lernen oder Maßnahmen für ein besseres Schulklima vor. So sollen laut Scheeres künftig «Respekt-Teams» aus Sozialarbeitern an Problemschulen mit viel Gewalt, religiösen Konflikten oder vielen Schulschwänzern zum Einsatz kommen, um eine Besserung zu erreichen.

Das Paket umfasst zudem mehr Qualifizierungsmaßnahmen. Im Fokus stehen dabei nicht zuletzt die Quereinsteiger, also Lehrkräfte ohne pädagogisches Studium. Sie haben wegen des Lehrermangels inzwischen einen Anteil von fünf Prozent an den Lehrern, Tendenz steigend.

CDU fordert Scheeres’ Rücktritt

Die Oppositionsparteien CDU, FDP und AfD übten harsche Kritik an der «Qualitätsoffensive» und Scheeres’ Agieren als Bildungssenatorin im allgemeinen. Sie tue einfach zu wenig für mehr Qualität des Unterrichts und gegen den Lehrermangel. Die CDU-Bildungspolitikerin Hildegard Bentele sieht die Zeit gekommen für einen Rücktritt der Senatorin: «Wie lange darf Scheeres noch auf Kosten der Berliner Schüler improvisieren?»

Die Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg (UVB) begrüßten hingegen, dass Scheeres Schulqualität und Lernergebnisse verbessern will. «Hier gibt es viel zu tun – immer häufiger bemängeln Unternehmen, dass Bewerbern in Berlin Schlüsselqualifikationen fehlen», so Hauptgeschäftsführer Christian Amsinck. «Deshalb ist es richtig, an der Sprach- und der Rechenkompetenz anzusetzen.»

In Berlin werden wegen der wachsenden Stadt und Abgängen aus Alters- und anderen Gründen jedes Jahr 2500 bis 3000 neue Lehrer gebraucht. Die sind schwer zu finden. Um den Lehrerberuf attraktiver zu machen, setzen viele Bundesländer neben anderen Maßnahmen auf Verbeamtung. Der Senat prüfe «ergebnisoffen», ob das Instrument auch für Berlin in Frage komme, sagte Scheeres dazu. News4teachers / mit Material der dpa

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.

 

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3 KOMMENTARE

  1. Ich finde es gut, wenn Frau Scheeres merkt, dass man hier ‘was tun muss. Liegt es aber an der Stundenzahl? Welche Einstellungen und Gewohnheiten gibt es an Berliner Schulen? Nein, ich weiß nichts darüber, aber das wäre eine Betrachtung wert.

  2. Eine Stunde mehr Deutsch ist gut. Zwei wären besser. Das darf aber nicht zu insgesamt mehr Unterricht führen, also wo soll gekürzt werden?

    Grundsätzlich gibt es natürlich viele Faktoren, die eine Rolle spielen. Wird da auch etwas getan? Meiner Meinung nach gibt es zu viel Unterrichtsausfall a) direkt durch Projekte, Wandertage und etliche sonstige Veranstaltungen während der Unterrichtszeit und b) indirekt durch viele Störungen, die Zeit kosten (pi mal Daumen 1 Monat pro Schuljahr).

    Insgesamt müssen die Bedingungen geschaffen werden, die besseren Unterricht ermöglichen. Da ist noch viele zu nennen. Es geht auch um Methoden, auch um Inklusion usw.-usf.

  3. Die Einstellungen und Gewohnheiten dürften einen größeren Einfluss haben als die Einsatzbereitschaft der Lehrkräfte. Daran trauen sich die Bildungsforscher aber wahrscheinlich nicht.

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