Philologen planen das Gymnasium der Zukunft: Fächer Informatik und Mehrsprachigkeit sollen Schüler fit für die Globalisierung machen

17

SAARBRÜCKEN. Der Saarländische Philologenverband will die Gymnasien zukunftsfähig machen – und hat dafür ein Konzept für einen neuen Unterricht in Informatik und Mehrsprachigkeit ab Klassenstufe 5 entwickelt. „Globalisierung und Digitalisierung prägen heute jedes Hochschulstudium. Darauf müssen die Gymnasien, die mehr als Dreiviertel der Studienanfänger in Deutschland stellen, ihre Schülerinnen und Schüler vorbereiten. Es ist höchste Zeit, diese Herausforderungen stärker als bisher im fachlichen Profil der Gymnasien abzubilden“, so begründet Philologen-Landeschef Marcus Hahn seine Initiative.

Schüler von heute werden sich in ihrem Berufsleben später vernetzen müssen – wie kann die Schule sie darauf vorbereiten? Illustration: Shutterstock

Nach Vorstellungen des Verbandes sollen Schüler an Gymnasien ab Klassenstufe 5 Lernangebote in Informatik und in Mehrsprachigkeit als reguläre Unterrichtsfächer erhalten. Die Lernangebote sollen in Ergänzung zu Querschnittsaufgaben wie Werteerziehung oder Medienbildung angelegt werden. In beiden Fächern sollen die Schüler fachspezifische Inhalte, Begrifflichkeiten und Zusammenhänge aus den Bezugswissenschaften erarbeiten, festigen und erweitern. „Das Ziel des Gymnasiums muss darin bestehen, den Schülern von Beginn ab eine angemessene Vorstellung von den Fragestellungen, den Themen und den Arbeitsweisen in der Wissenschafts- und späteren Berufswelt zu vermitteln. Dazu gehört natürlich auch die Beschäftigung mit grundlegenden informatischen Kompetenzen wie der Programmierung des Einplatinencomputers Calliope“, so Hahn. Im Interview erläutert er seine Ideen.

Anzeige


Warum ein Konzept für Mehrsprachigkeit und Informatik an saarländischen Gymnasien?

Hahn: Unsere Perspektive lautet: Globalisierung und Digitalisierung sind nicht getrennt voneinander zu betrachten, sondern zwei komplementäre Herangehensweisen an den ein und selben Tatbestand, nämlich eine stark veränderte Welt, in die wir unsere Schüler an Gymnasien entlassen. Daher müssen beide Herangehensweisen didaktisch durchdacht und schulpolitisch in die Praxis gebracht werden.

Das klingt sehr theoretisch…

Hahn: Ganz im Gegenteil: Aus Sicht der Abiturienten, die ein Studium aufnehmen, und beispielsweise einen Online-Kurs in englischer Sprache absolvieren, der von einem spanischen Professor gestaltet wurde, sind Globalisierung und Digitalisierung schon jetzt nicht sinnvoll zu unterscheiden. Daraus erwächst den Gymnasien, die 80 % der Studienanfänger an deutschen Universitäten stellen, eine besondere Verantwortung.

Inwieweit unterscheidet sich Mehrsprachigkeit in Ihrem Konzept von dem Sprachunterricht, der ohnehin angeboten wird?

Hahn: Tatsächlich ist Mehrsprachigkeit im Sinne von mindestens zwei Fremdsprachen seit jeher Tradition des gymnasialen Bildungsgangs, auch im Saarland. Eine Weiterentwicklung stellen bilinguale Angebote mit fremdsprachigem Sachfachunterricht dar, die zum Teil sogar zu Studienberechtigungen im Partnerland führen. Beides ist bewährt und mit Blick auf die Zukunft zu stärken. Einen Ansatz für einen möglichen weiteren Schritt stellt die Mehrsprachigkeitsdidaktik dar, die seit geraumer Zeit in der Fachdidaktik intensiv diskutiert wird. Es dreht sich unter anderem um das vernetzte Sprachenlernen. Auch das ist keine völlig neue Erfindung; auch hierbei kann vieles Bewährte aktiviert werden, nicht zuletzt ist dabei auch an die Alten Sprachen zu denken, die damit schon lange die Gymnasien bereichern. In Zukunft wird es nötig sein, diese Dinge grundständig an saarländischen Gymnasien zu intensivieren und möglichst allen Schülern als einen Weg in die veränderte Welt zugänglich zu machen.

Was aber hat das mit Digitalisierung zu tun?

Hahn: Darauf gibt es zwei Antworten, eine allgemeinpolitische und eine schulpolitische. Die allgemeinpolitische: Globalisierung und Digitalisierung haben das Problem der „fake news“ verschärft. Es ist richtig, die Schüler darin zu unterrichten, wie man damit umgeht. Das ist die Aufgabe der Medienpädagogik als Querschnittsaufgabe aller Fächer. Hinzu kommt aber: Globalisierung und Digitalisierung haben bei Eltern die berechtigte Sorge hervorgerufen, dass ihre Kinder auf eine stark veränderte Welt nicht ausreichend vorbereitet werden, dass sie abgehängt werden. Wir im Saarländischen Philologenverband sagen: Es ist Zeit, durch konkrete, fachbezogene und im Regelunterricht verankerte Maßnahmen dafür zu sorgen, dass die Schüler das Wissen und Können mitbekommen, das sie brauchen, um eine selbstbestimmte, verantwortungsvolle und erfolgreiche Rolle in der durch Globalisierung und Digitalisierung veränderten Welt zu spielen.

Was bedeutet das schulpolitisch?

Hahn: Wir im Saarländischen Philologenverband schlagen vor, das Fach Informatik an saarländischen Gymnasien grundständig (d.h. im Saarland ab Klassenstufe 5) zu verankern und dort den Schülern die heute notwendigen fachinformatischen Kenntnisse und Kompetenzen zu vermitteln, die sie brauchen, um sich in einem künftigen Studium zurechtzufinden. Aus unserer Sicht ist es zentrale Aufgabe des Gymnasiums, den Schülern ein angemessenes Bild und die fachliche Grundlage von den heutigen Themen und der Arbeitsweise der universitären Disziplinen zu vermitteln. Beispiele dafür gibt es genug: Man denke nur an die Veränderungen in der Biologie durch die Bioinformatik, die Simulation dynamischer Systeme in der Meteorologie oder dem Maschinenbau ebenso wie statische Simulationen in der Architektur. Die Informatik ist ja auch Keimzelle neuer wirtschaftlicher Entwicklungen wie z.B. im Bereich künstlicher Intelligenz oder von Sicherheitssystemen.

Ist das in Klassenstufe 5 nicht zu früh?

Hahn: Nein. Auch an saarländischen Gymnasien existieren bereits Vorarbeiten in dieser Hinsicht, meistens in Form von AGs, die sich sehr bewährt haben. Auch Kompetenzstandards dafür liegen vor, z.B. von der Gesellschaft für Informatik. Die Erfahrung lehrt zudem, dass früher einsetzende Wahlmöglichkeiten das Problem des ungleichen Wahlverhaltens von Mädchen und Jungen eingrenzen zu helfen können. Abgesehen davon gibt es keinen Grund, das Fach Informatik weiterhin schlechter zu stellen als die anderen Schulfächer.

Ist Informatikunterricht für alle denn überhaupt machbar?

Hahn: Das ist gar nicht nötig, denn wir im Saarländischen Philologenverband betrachten einen verstärkt auf Mehrsprachigkeit ausgerichteten Fremdsprachenunterricht als gleichwertigen Zugang zur veränderten Wissenschafts- und späteren Arbeitswelt. Der Auftrag des Gymnasiums lautet, die Schüler zu einer allgemeinen Studierfähigkeit zu führen. Im Zeitalter der Digitalisierung gehören Mehrsprachigkeit und informatische Grundbildung unbedingt dazu. Tatsächlich gibt es auch im Saarland praktische Hürden, die zu überwinden sind, wie den Mangel an voll ausgebildeten Informatiklehrern, den Mangel an Ausbildungskapazitäten oder die Sachausstattung der Gymnasien. Das muss bedacht werden. Deshalb ist es umso wichtiger, mit der Umsetzung des Konzepts so bald wie möglich anzufangen. News4teachers

Zur Person
Philologen-Landesvorsitzender Marcus Hahn. Foto: privat

Dr. phil. Marcus Hahn ist verheiratet und hat zwei Kinder. Er hat Germanistik, Geschichte und katholische Theologie in Saarbrücken studiert und ebendort promoviert. Er war wissenschaftlicher Mitarbeiter an derUniversität des Saarlandes, Maître de conférence Sciences Po – Campus européen franco-allemand à Nancy – und ist zur Zeit Studienrat am Peter-Wust-Gymnasium in Merzig mit den Fächern Geschichte und katholische Religion. Marcus Hahn ist seit 2012 Vorsitzender des Saarländischen Philologenverbands.

Anzeige


17 KOMMENTARE

  1. Hört sich so gut an, das es eigentlich für alle noch bestehenden Schulformen eine “Querschnittsaufgabe” werden sollte. Auf keinen Fall ein Alleinstellungsmerkmal nur für das Gymnasium! 😉

    LG
    Marco Riemer

  2. Ich finde es Quatsch, die Kinder auf Krampf eine zweite Fremdsprache lernen zu lassen, nur um sich mit praktizierter Mehrsprachigkeit schmücken zu können, obwohl man doch eigentlich nur eine Fremdsprache wirklich braucht – nämlich Englisch.

    Nachdem die Kinder Deutsch gut beherrschen, sollten sie intensiv Englisch lernen müssen. Eine weitere Fremdsprache finde ich zwar wünschenswert, aber das sollte freiwillig sein für jene, die Deutsch und Englisch gut beherrschen. Es kann dann gerne, sofern es Lehrer dafür gibt, die Herkunftssprache der Eltern oder die Sprache des Nachbarlandes oder irgendeine sonst sein.

    • Gymnasiasten können ruhig drei Fremdsprachen lernen. Irgendwie muss sich ja das Gymnasium vom Rest absetzen. Informatik ist allerdings auch wichtig. Und Wirtschaft.

      • Danke für „den Rest“. Deutlicher kann man eigentlich nicht ausdrücken, was man von den anderen Schulformen und deren „Insassen“ hält.

        • Ach was. Wenn der Professor alle braunäugigen Menschen nach vorne bittet, dann bleibt der Rest, blau- und grünäugige Menschen hinten (und ich habe blaue Augen). Sie interpretieren da zuviel rein.

          • Meine ich auch, Gelbe Tulpe, dass da zuviel hineininterpretiert wurde.

            Aber die Meinung, Gymnasiasten könnten ruhig 3 Fremdsprachen lernen, finde ich wiederum Quatsch. Wozu denn? Alle sollten Englisch lernen und gut beherrschen, damit sich alle Menschen auf der Welt miteinander verständigen können. Welche und wie viele weitere Fremdsprachen man lernt, kann dann freiwillig sein.

    • Im Extremfall könnte man die Mehrsprachlichkeit auch als Alibiveranstaltung nutzen, um Migrantenkindern die für die Qualifikation erforderliche zweite Fremdsprache in der Sek I zu ersparen. Wie gut sie diese in Wort und Schrift beherrschen, steht dann wieder auf einem anderen Blatt.

    • Sagt der, der sich doch immer vehement gegen die Verwendung von englischen Wörtern und Redewendungen ausspricht. Ich bin im Saarland ins Gymnasium gegangen und habe 3 Fremdsprachen gelernt in der Reihenfolge Französisch, Latein und Englisch. Mehrsprachigkeit gehört zur Allgemeinbildung, jedenfalls für Abiturienten. Dass Informatik mehr Gewicht beigemessen werden soll ist mehr als überfällig.

        • Dann haben Sie meine Stellungnahmen (statements) dazu nicht richtig verstanden. Ich habe überhaupt gar nichts gegen Englisch im Allgemeinen und gegen Englisch als internationale Verkehrssprache im Besonderen.

          Ich habe etwas gegen das unnötige (!) Ersetzen vorhandener deutscher Wörter innerhalb der deutsche Sprache durch Englisch. Oder sind Sie jetzt der Meinung, weil alle Englisch beherrschen sollten, kann man ja gleich Deutsch aufgeben?

  3. Das stelle ich mir gut vor: Sachfach-Unterricht in einer Fremdsprache. Die SchülerInnen sind ja schon froh, wenn sie auf Deutsch verstehen, worum es geht.

    • Ein wahres Wort! Es gibt so viele Wörter und Konstruktionen, die sie nicht verstehen und so viele englische Wörter im Deutschen, für die sie nicht mehr wissen, wie sie das auf Deutsch sagen könnten.

  4. An Mückenfuß 19:35 Uhr: Latein ist für viele Studienfächer wichtig, und viele Studenten haben große Probleme mit dem schnellen Lateinkurs an der Uni. Französisch ist die Sprache unserer größten Nachbarlands und erleichtert das Lernen weiterer romanischer Sprachen. Außerdem ist Französisch wichtig bei der EU und für Historiker.

    • Wie gesagt auf freiwilliger Basis gern jede Sprache, für die es einen Sprachlehrer gibt. Aber als Pflicht bin ich nur für Englisch.

      Nicht in jedem Studium braucht man Latein. Französisch und andere romanische Sprachen braucht man nicht, wenn alle Englisch perfekt beherrschen.

    • Dass man im Saarland auch Französisch für wichtig hält, liegt doch auf der Hand. Wäre die Volksbefragung von 1955 anders ausgegangen, dann ginge es vielleicht heute um Deutsch als Fremdsprache. Es gibt aus dieser Zeit noch Briefmarken in französischer Währung. An sprachlichen Gymnasien waren eigentlich drei Fremdsprachen immer Pflicht, an solchen mit anderen Schwerpunkten wohl nicht. Innerhalb der EU wird nach einem Brexit Englisch natürlich etwas an Wichtigkeit einbüßen, und Französisch wird wichtiger werden. In Brüssel wird ohnehin Französisch gesprochen.

      • Nee, Englisch wird auch nach dem Brexit nicht an Bedeutung einbüßen. Englisch IST bereits die internationale Verkehrssprache !!! Daran ändert auch der Brexit nichts.

        Es werden ja jetzt nicht alle Französisch lernen und Französisch miteinander kommunizieren, weil GB nicht mehr in der EU ist (sein wird).

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here