Tonne will Lehrer entlasten – GEW meint: “Pflaster auf Knochenbrüche”

2

HANNOVER. Zu wenige sollen zu viel machen: Niedersachsens Lehrer beklagen sich seit langem über eine Arbeitsverdichtung – unter anderem auch durch eine überbordende Bürokratie. Der niedersächsische Kultusminister Tonne reagiert nun darauf. Und bekommt Lob von ungewohnter Seite. „Die Richtung, die der Kultusminister hier einschlägt, stimmt”, so stellt der Philologenverband fest, der ansonsten mit Kritik an dem SPD-Politiker nicht zimperlich ist. Andere Verbände zeigen sich kritischer.

Erntet Kritik, aber auch Lob von ungewohnter Seite: Kultusminister Grant Hendrik Tonne. Foto: Foto-AG Melle, derivative work Lämpel – Own work / WIkimedia Commons / CC BY 3.0

Nach den Zeugnisferien will Niedersachsens Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD) ein Maßnahmenpaket mit elf Punkten zur Entlastung der Lehrer von bürokratischen Aufgaben beraten. Ein Runder Tisch mit den Lehrerverbänden sei für März geplant, kündigte er am Mittwoch in Hannover an. Zu den vorgelegten Maßnahmen gehören demnach eine nur noch freiwillige, anlassbezogene Schulinspektion, das Aussetzen von Vergleichsarbeiten oder die Möglichkeit von Korrekturtagen bei kurzen Fristen im Abitur.

Anzeige


„Der heute verkündete 11-Punkte-Plan des Kultusministers zur Streichung von Dokumentationspflichten und zum Bürokratieabbau an unseren Schulen ist ein wichtiger und richtiger Schritt zur Entlastung unserer Lehrkräfte. Die vorgeschlagenen Maßnahmen, insbesondere das Aussetzen der VERA-Vergleichsarbeiten, eine nur noch freiwillige anlassbezogene Schulinspektion sowie die Gewährung von Korrekturtagen bei kurzen Fristen im Abitur entsprechen unseren langjährigen Forderungen nach konkreten Entlastungen im Schulalltag, erklärte der Vorsitzende des Philologenverbandes, Horst Audritz.

Anders sieht es die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). «Der Minister versucht hier, offene Knochenbrüche mit einem Pflaster zu verarzten», sagte Niedersachsens Landeschefin, Laura Pooth. Auch wenn sie einige der vorgeschlagenen Punkte wie das Aussetzen der Vergleichsarbeiten positiv siehe, rügte sie: «Die vorgeschlagenen Einzelmaßnahmen bringen Lehrkräften jährlich Zeitersparnisse im Minutenbereich, was keineswegs ausreicht.» Neben einer besseren Bezahlung der Grund-, Haupt- und Realschullehrkräfte forderte sie die Einführung von Entlastungsstunden. Auch der Verband Niedersächsischer Lehrkräfte VNL/VDR äußerte sich kritisch (siehe Beitrag unten)

Zum Start des zweiten Schulhalbjahres am 1. Februar wurden nach jüngstem Stand 1137 von 1250 ausgeschriebenen neuen Lehrerstellen besetzt, davon 99 Stellen oder 8,7 Prozent mit Quereinsteigern. Allerdings sei das Einstellungsverfahren noch nicht abgeschlossen. Die Unterrichtsversorgung erreiche nun landesweit im Schnitt 99,4 Prozent – 0,7 Prozentpunkte mehr als im Schuljahr 2017/18, so Tonne.

«Die Durchschnittswerte zur Unterrichtsversorgung sagen nichts über die Situation vor Ort aus», sagte Pooth und nannte vor allem die Unterschiede zwischen Stadt und Land sowie zwischen den Schulformen besorgniserregend. Die Landtagsfraktionen von SPD- und CDU sprachen dagegen von einer erfreulichen, moderaten Verbesserung, die aber noch keinen Anlass zum Optimismus darstelle. Beide begrüßten die geplante Lehrer-Entlastung. «Wir wollen, dass so viel Zeit wie möglich beim Kind ankommt», sagte die CDU-Landtagsabgeordnete Mareike Wulf. Dafür müssten die Verbände und Gewerkschaften noch stärker als bislang berücksichtigt werden.

Die oppositionelle FDP dagegen nannte die Unterrichtsversorgung «lediglich statistisch geschönt». «Ohne die Verlagerung der vorschulischen Sprachförderung und den Rückgang der Schülerzahlen wäre der Wert erneut gesunken», sagte der FDP-Abgeordnete Björn Försterling. Die angekündigten Entlastungsmaßnahmen für Lehrkräfte seien längst überfällig, müssten schleunigst umgesetzt werden und dürften nicht an Runden Tischen «zerredet werden».

Mehr Lehrer von Abordnungen betroffen

Von den Abordnungen werden 540 mehr Lehrer betroffen sein als im 1. Schulhalbjahr 2018/19. Insgesamt steigt die Stundenzahl von Lehrern, die an anderen Schulen aushelfen, auf rund 22.000 an. Dennoch habe sie gegenüber dem Vergleichszeitraum vor einem Jahr um 2450 Stunden reduziert werden können, erklärte der Kultusminister.

Bei den vorgeschlagenen Entlastungen nannte er unter anderem die Dokumentation der individuellen Lernentwicklung der Schüler, die künftig nur noch bei bestimmten Anlässen nötig wird. Zudem soll die Anzahl der Fachkonferenzen reduziert, die Archivierung von Klassenarbeiten erleichtert und die Dokumentation beim Übergang von der Grundschule an eine weiterführende Schule «verschlankt» werden. dpa

Das Statement des VNL/VDR

HANNOVER. Der Verband Niedersächsischer Lehrkräfte – VNL/VDR vermisst nach eigenen Angaben den „erfreulichen Sprung nach oben“ bei der Unterrichtsversorgung im 2. Schulhalbjahr 2018/2019, den Kultusminister Grant Hendrik Tonne heute (30.01.19) versucht habe, medienwirksam zu verkaufen. „Trotz zahlreicher Neueinstellungen und weiterhin zahlreicher Abordnungen wird die Unterrichtsversorgung insbesondere an den nicht-gymnasialen Schulformen im Sekundarbereich I mehr als unbefriedigend bleiben“, meint Torsten Neumann, VNL/VDR-Landesvorsitzender in einer ersten Reaktion auf die Verlautbarungen des Kultusministers.

Es ist schon erstaunlich, dass die „Oberschule“ in der Pressemitteilung lediglich im statistischen Bereich zweimal erwähnt wird. Bei der Ausführung zur aktuellen Unterrichtsversorgung spricht der Kultusminister nur von der unbefriedigenden Lage an Haupt-, Real- sowie Förderschulen. „Weiß unser Kultusminister nicht, dass es in Niedersachsen 256 öffentliche Oberschulen gibt, deren Unterrichtsversorgung mit durchschnittlich 96,2 Prozent alles andere als gut ist?“, stellt Neumann mit einer gewissen Verärgerung fest.

Viele Ober-, Real-, Haupt- und Förderschulen hätten aufgrund der schlechten Bedingungen Schwierigkeiten, einen ausgewogenen Stundenplan für ihre Schülerinnen und Schüler zu erstellen. Zum einen fehlten nicht nur Lehrkräfte überhaupt, das zeige sich an den niedrigen Durchschnittswerten der statistischen Unterrrichtsversorgung von 93,7 % bis maximal 97,4 %, sondern auch Fachlehrer. Abordnungen von vorwiegend Gymnasien, insbesondere die stundenweisen, könnten nur bedingt helfen. In der Regel herrsche auch an den Gymnasien der gleiche Fachlehrermangel wie an den aufnehmenden Schulen. „Abordnungen bringen außerdem Unruhe für alle Seiten und sollten nur die allerletzte Möglichkeit sein. Abordnungen dürfen nicht dazu dienen, die Unterrichtsversorgung optisch anzuheben“, so Neumann weiter.

Der VNL/VDR sieht in dem vom Kultusminister heute vorgelegten Maßnahmenkatalog zur Entlastung von Lehrkräften seinen guten Willen, aber eine spürbare Entlastung der Lehrkräfte müsse mehr bringen. Die heute genannten Maßnahmen würden nur punktuell Entlastungen für einen Teil der Lehrkräfte bringen. Sie griffen zu kurz. „Wir werden den Kultusminister am „Runden Tisch“ beim Wort nehmen“, so Neumann. Der Verbandschef betont: „Niedersachsen benötigt gut versorgte Schulen mit hochmotivierten Lehrkräften, damit unsere Schülerinnen und Schüler gut vorbereitet ins Berufsleben einsteigen können.“

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.

“Hanebüchen”: Philologen weisen Studie zur Arbeitszeit zurück – und fordern Entlastung für Gymnasiallehrer

 

Anzeige


2 KOMMENTARE

  1. “Pflaster auf Knochenbrüche” … der Spruch gefällt mir.

    Die ersten Entlastungen auch, aber es muss weitergehen.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here