didacta-Debatte: Wird die Schule nun ruckzuck digital? Praktiker warnen vor Illusionen

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KÖLN. Auf der Bildungsmesse didacta prallen Lernwelten der Zukunft und der reale Schulalltag aufeinander. Die Frage, wie der digitale Wandel gestaltet werden kann, wird in Foren, Diskussionsrunden und beim Mittagsessen heiß diskutiert. Dabei geht es nur am Rande um die technische Ausstattung.

Didacta 2019: Lehrkräfte informieren sich über die neuste Technik und digitale Unterrichtsstrategien. Foto: Koelnmesse GmbH, Hanne Engwald

Einmal träumen und zurück. So fühlt es sich wahrscheinlich für viele Lehrkräfte an, die morgens um 9 Uhr in die Messehallen strömen, um sich auf der didacta unter anderem über technische Neuerungen zu informieren, – und am nächsten Tag wieder in ihrem altbekannten Klassenzimmer stehen.

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Mehr als 800 Aussteller aus rund 50 Ländern zeigen in diesen Tagen in Köln, wie sie sich die Zukunft der Bildung vorstellen. Wie schon im vergangenen Jahr ist die Digitalisierung der Schulen das Hauptthema der Messe. Ginge es nach den Ausstellern, würde die Digitalisierung schon im Kindergarten anfangen und die Kleinsten bereits spielend programmieren lernen. Weiter ginge es dann mit digitalen Schulbüchern, Erklär-Videos im Unterricht, Lernrobotern, Virtual-Reality-Brillen und natürlich Tablets in Klassensätzen.

Bei all diesem Zukunftsgerede geben die verschiedenen Vorträge, Podiumsdiskussionen und Workshops der didacta einen wichtigen Rahmen. Die Frage, über die Experten und Besucher diskutieren: Wie kann die Digitalisierung an Schulen bald ermöglicht werden – unter den aktuellen Bedingungen?

Digitalpakt: Ja, aber…

„Es wird noch ein langer Weg“, stellte Hamburgs Schulsenator Ties Rabe (SPD) während einer Diskussion des Forums Bildung am Mittwoch fest. Man solle sich keine Illusion machen: Eine schnelle Lösung, die alle Schulen sofort auf ein neues Level hebt, werde es nicht geben.

Daran wird wohl auch der Digitalpakt nichts ändern, der nun endlich in trockenen Tüchern ist, nachdem sich der Vermittlungsausschuss von Bundesrat und Bundestag am Mittwoch auf einen Kompromiss einigen konnte. „Es ist viel Geld, keine Frage“, sagte Ties Rabe nachdrücklich. Doch das Geld aus dem Digitalpakt sei vor allem eins: eine Anschubfinanzierung. Nicht mehr und nicht weniger. Soll die Digitalisierung an Schulen jedoch nachhaltig gelingen, brauche es – wie immer wieder gepredigt wird – mehr als die richtige technische Ausstattung.

Digitale Revolution für Deutschlands Schulen: Fünf-Milliarden-Euro-Paket endlich in trockenen Tüchern

Diskussion: Wo bleiben die guten Schulkonzepte?

Über die Frage „Digitaler Wandel: Wo bleiben die guten Schulkonzepte?“ diskutierten am Eröffnungstag der didacta Dr. Birgit Eickelmann von der Universität Paderborn, Anne Cathrin Nübel, Grundschullehrerin der Schillerschule in Unna, und Peter Silbernagel, Vorsitzender des Philologenverbands Nordrhein-Westfalen, zusammen mit der Moderatorin und freien Journalistin Tanja Schulz.

Peter Silbernagel stellte in der Diskussion eine Prämisse auf: „Alles muss sich dem Primat des Pädagogischen unterordnen!“ Gleichzeitig könne das Ziel der digitalen Bildung natürlich nicht erfolgreich umgesetzt werden, wenn Schulen nicht mit der entsprechenden Technik ausgestatten seien. Ein Medienkonzept – basierend auf pädagogischen Überlegungen – sowie die notwendige Technik seien damit die ersten zwei von fünf notwendigen Gelingensbedingungen. Als weitere drei Punkte nannte der Vorsitzende des NRW Philologenverbands: eine sichere Finanzierung auch für Folgekosten, ein Konzept für die Wartung der Technik und den technischen Support sowie schließlich Weiter- und Fortbildungen für Lehrkräfte.

„Noch werden digitale Medien häufig als zusätzlicher Aufwand empfunden“, stellte Silbernagel fest. Erst wenn der Funke in den Kollegien übergesprungen sei und digitale Medien als Bereicherung empfunden würden, kämen auch das nötige Engagement und Gelassenheit hinzu.

Engagement von Einzelnen noch immer entscheidend

Wie es aussieht, wenn Schulleitung und Lehrkräfte engagiert den digitalen Wandel vorantreiben, davon konnte Anne Cathrin Nübel berichten. „Es hat bei uns an der Schule eigentlich nie eine Zeit des Stillstands gegeben“, so die Lehrerin der Schillerschule in Unna während der Diskussion. „Die Arbeit an unserem Medienkonzept ist ein ständiger Prozess.“ Alle Kolleginnen und Kollegen würden viel ausprobieren und seien bereit, aus Fehlern zu lernen. Hinzukomme der Austausch untereinander, auch in Form von internen Mikrofortbildungen oder informellen „Tür-und-Angel-Gesprächen“. Nach und nach sei das Engagement immer weitergewachsen.

Beim Forum Bildung wurde über Herausforderungen und Bedingungen des digitalen Wandels diskutiert: (v.l.n.r.) Peter Silbernagel, Anne Cathrin Nübel, Tanja Schulz und Prof. Dr. Birgit Eickelmann. Foto: Laura Millmann

Anne Cathrin Nübel übt dennoch Kritik: Schulen bräuchten insgesamt mehr Unterstützung durch die Politik. „Es kann nicht sein, dass es von Einzelpersonen und Glück abhängt, ob Kinder mit digitalen Medien lernen oder nicht.“ Bei ihr an der Schule waren die treibenden Kräfte von Anfang an der Schulleiter, der Gelder für die Ausstattung akquirierte, und der Konrektor, der sich selbst fortgebildet und die Wartung der Technik übernommen hat. „Es braucht noch immer einzelne Menschen, die die Digitalisierung vorantreiben und dafür auch ihre Freizeit opfern“, so das Fazit der Grundschullehrerin.

Deutschland hinkt hinterher

Birgit Eickelmann, Professorin für Schulpädagogik der Universität Bonn, richtete ebenfalls einen Appell an die Politik: „Gute Schulen kosten einfach Geld.“ Hier komme die Politik nicht drum herum zu investieren – weit über die im Digitalpakt vereinbarten fünf Milliarden Euro hinaus. „Die Frage, was wir dringender brauchen, neue Toiletten oder Digitalisierung, ist eine Schande für unser Land!“, empörte sich Eickelmann. Gleichzeitig formulierte sie aber auch einen Wunsch an die anwesenden Schulleiterinnen und Schulleiter: „Sie müssen Visionen vorgeben!“ Natürlich sei es schwierig, wenn die Technik fehle, aber Forschungen hätten gezeigt, dass die Schulen, die lieber abwarten, ins Hintertreffen geraten.

An dieser Stelle schloss sie den Kreis zu ihrem Diskussionspartner Peter Silbernagel und dem Primat der Pädagogik: Es gehe nicht darum, auf Teufel komm raus alles zu digitalisieren, sondern Technik sinnvoll einzubinden. Es gehe um die Schülerinnen und Schüler, denen durch digitale Bildung neue Chancen eröffnet würden. „Wir sollten insgesamt mehr auf unsere Nachbarländer schauen“, sagte Birgit Eickelmann zum Ende der Podiumsdiskussion. Denn: „Wir hinken eindeutig hinterher.“

Die Professorin endete dann jedoch mit einem ermutigenden Gedanken: Der von der Kultusministerkonferenz (KMK) beschlossene Kompetenzrahmen „Kompetenzen in der digitalen Welt“ sei ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Dieser sei eine gute Voraussetzung, damit sich digitale Bildung im Unterricht durchsetzen könne – wie das Beispiel Tschechien zeige. Das Land habe es mit einer nationalen Strategie und konkreten Verpflichtungen für die Schulen, digitale Kompetenzen zu vermitteln, an die Spitze der ICIL-Studie (International Computer- and Information Literacy Study) geschafft. „Wir müssen aufhören, immer nur Löcher zu stopfen. Wir müssen Bildung mehr von der Zukunft her denken und mutig vorangehen!“ Laura Millmann, Agentur für Bildungsjournalismus

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1 KOMMENTAR

  1. Wo bleiben die guten Schulkonzepte?
    Vielleicht gibt es die gar nicht.
    Deutschland hinkt hinterher
    Vielleicht laufen die anderen in die falsche Richtung.

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