Interview zur schulischen Inklusion: “Es wird massiv gebremst – und es gibt keine Anzeichen, dass sich dies ändern könnte”

34

BERLIN. Streitthema Inklusion: Gemeinsames Lernen erfordert Ausdauer und Investitionen, sagt Raúl Aguayo-Krauthausen, Gründer des Vereins Sozialhelden – und Streiter für ein inklusives Bildungssystem. Das Engagement der meisten Bundesländer dabei sieht er allerdings kritisch. Auf der Bildungsmesse didacta geht der Autor und Moderator mit Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, in den Clinch. Der hatte ein Aussetzen der Inklusion gefordert (News4teachers berichtete).

Raúl Aguayo-Krauthausen ist Gründer des Vereins “Sozialhelden”. Foto: Esra Rotthoff / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0 DE)

Herr Aguayo-Krauthausen, wo gibt es in Deutschland in puncto Inklusion an meisten Aufholbedarf?

Anzeige


Aguayo-Krauthausen: Die Frage kann man nicht so eindeutig beantworten, weil sich die Bundesländer sowohl in der Frage unterscheiden, wie inklusiv das Schulgesetz ist, als auch anschließend noch in der Qualität der Umsetzung. Im groben Überblick haben wir aber ein Gefälle von Nordwest (Hamburg, Bremen, Schleswig-Holstein) nach Süd und West.

Unsere persönlichen Lieblingsfeinde sind Sachsen, Bayern, Baden-Württemberg, aber auch Hessen. Sachsen hat sich bis zur erst kürzlich erfolgten Schulgesetzänderung der Verpflichtung der UN-BRK (Behindertenrechtskonvention der UN, Anm. der Red.) komplett entzogen. Bayern hat die Inklusion zwar im Schulgesetz verankert, verzettelt sich aber in wenig inklusiven Modellen wie Kooperationsklassen und hat nach jüngsten Statistiken demografie-bereinigt heute mehr Sonderschüler als vor zehn Jahren. Eine offensive Entwicklung der inklusiven Bildung sehen wir in Hamburg und Bremen, zum Teil in Berlin, aber da unter extrem schlechten personellen Bedingungen, und bisher in Schleswig-Holstein. Dort deutet sich aber seit dem Regierungswechsel eher der Rückwärtsgang an. Auch in Nordrhein-Westfalen befürchten wir inzwischen ein Rollback.

Fast jedes Bundesland geht bei der Inklusion einen anderen Weg. Wie kann mehr Vereinheitlichung erreicht werden?

Aguayo-Krauthausen: Dies ist eigentlich Aufgabe der Kultusministerkonferenz. Die dortigen Diskussionen über Standards für inklusive Qualität sind aber sehr zäh. Darin spiegelt sich natürlich, dass viele der beteiligten Länder die inklusive Entwicklung nicht gerade mit Begeisterung vorantreiben. Es wird massiv gebremst. Es gibt keine Anzeichen, dass sich dies ändern könnte.

Unserer Auffassung nach ist dies trotz Länderhoheit in der Bildung inzwischen ein Fall für die Bundesregierung. Die ist schließlich der UNO gegenüber verpflichtet, die UN-BRK im ganzen Land umzusetzen. Das Bundesbildungsministerium stellt sich jedoch bisher tot. Hoffnung könnte man mit einem Nationalen Bildungsrat verbinden, den der Bund ja plant. Allerdings müssten in diesem Nationalen Bildungsrat dann auch Experten zum Thema Inklusion vertreten sein, und vor allem auch Betroffene. Dies ist von der Bundesbildungsministerin aber bisher nicht vorgesehen.

Ist die Diskussion rund um die Inklusion eher ideologisch oder finanziell geprägt?

Aguayo-Krauthausen: Es gibt beide Strömungen. Viele Diskutanten haben große Schwierigkeiten, Schule als Orte der individuellen Förderung ganz unterschiedlicher Schülerinnen und Schüler zu denken. Und halten stattdessen am Konstrukt der homogenen Jahrgangsklassen fest, in denen alle in derselben Zeit denselben Stoff mit derselben Methode lernen. Das ist natürlich der größtmögliche Gegensatz zu inklusiver Schule. Eine inhaltlich skeptische Meinung zur inklusiven Bildung wird aber auch oft hinter finanziellen Aspekten verborgen. Man bekennt sich zur Inklusion, aber nur unter der Bedingung, dass völlig utopische sächliche und personelle Rahmenbedingungen vorhanden seien. Die finanzielle Diskussion wird auch völlig oberflächlich geführt. Dann werden angeblich zusätzliche Kosten der Inklusion beklagt und dabei völlig vergessen, welche hohen Mittel bis heute in die Sonderschulen fließen.

Raúl Aguayo-Krauthausen

Als Autor, Moderator und Inklusions-Aktivist arbeitet der studierte Kommunikationswirt seit über 15 Jahren in der Internet- und Medienwelt. Aguayo-Krauthausen hat Osteogenesis imperfecta (umgangssprachlich als „Glasknochen“ bezeichnet) und ist selbst auf einen Rollstuhl angewiesen. Er ist Gründer und Sprecher der des gemeinnützigen Vereins SOZIALHELDEN, dessen Projekt Mernschen mit Berhinderungen den Alltag erleichtern sollen. 

2013 wurde Raul Aguayo-Krauthausen mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet und im Januar 2014 veröffentlichte er seine Biographie „Dachdecker wollte ich eh nicht werden – Das Leben aus der Rollstuhlperspektive“. Seit 2015 moderiert er mit „KRAUTHAUSEN – face to face“ seine eigene Talksendung zu den Themen Kultur und Inklusion auf Sport1. Auf der didacta, der weltweit größten Bildungsmesse vom 19. bis 23. Februar 2019 in Köln, tritt Aguayo-Krauthausen zum Thema Inklusion auf.

Forum Bildung
Inklusion in der Schule: Welcher Weg führt zum Erfolg?

  • Raúl Aguayo-Krauthausen, Inklusions-Aktivist und Autor
  • Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes
  • Eva-Maria Thoms, 1. Vorsitzende mittendrin e. V.

21.02.2019
11:00 – 12:00 Uhr
Halle 7, D040/ E041
Veranstalter: Verband Bildungsmedien e.V.

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.

Gymnasien verabschieden sich von der Inklusion – Gutachten attestiert NRW Rückschritte auf dem Weg hin zum gemeinsamen Unterricht

Anzeige


34 KOMMENTARE

  1. Inklusion ja, aber nicht unter diesen Bedingungen:
    Verschleppung von Anträgen auf Schulämtern,
    zum wenige Stunden Teamteaching mit Sonderpädagogen,
    unzureichende Ausstattung,
    nicht ausreichende Fortbildungen,
    zu große Klassen mit Inklusionskindern,
    keine Entlastung der Klassenlehrer für Lernentwicklungsgespräche,
    ….
    Schade ist, dass das alles auf dem Rücken der Kinder ausgetragen wird.
    Für die Politik war die Inklusion nur eine einzige Sparnummer. Schicke alle Kinder in die Grundschule, dann kannst du die Förderschulen schließen. Das spart eine Menge. Zu notwendigen Investitionen ist man kaum bereit, schindet Zeit und findet ausreden. Notfalls werden sonderpäd. Überprüfungsverfahren in Frage gestellt oder immer wieder Termine für die Verfahren verändert und Dokumente verändert, damit gar nicht erst so viele Anträge gestellt werden können.
    Traurig!

    • Selbst der Inklusions-Aktivist Aguayo-Krauthausen spricht in seinem obigen Interview davon, “dass völlig utopische sächliche und personelle Rahmenbedingungen” von den Inklusionsbefürwortern (auch unter den Lehrern) gefordert würden.
      Der Mann hat Recht. Es ist eine Illusion zu meinen, an den Bedingungen würde sich künftig Entscheidendes ändern, wenn man nur immer wieder Besserung fordert. Es müssten Unsummen an Geld aufgebracht und eine Unmenge an fähigem Personal gefunden werden.
      Sie geben sich falschen Hoffnungen hin, wenn Sie Ihr Ja zur Inklusion an unrealistische Erwartungen bezüglich der Rahmenbedingungen knüpfen.

  2. Da habe ich auch einige Fragen: Wie soll Inklusion in letzter Konsequenz z. B. bei schwer Geistigbehinderten funktionieren? Wenn ein Schüler ein spezifisches Setting braucht? Nur in einer Klassengröße von höchstens acht Schülern unterrichtet werden kann? Alle anderen ohne Behinderung, damit er nicht diskriminiert ist? Wohnortnah? Alle passen sich an, ein bestehender Klassenverband wird aufgelöst. Nach einiger Zeit zieht der Schüler weg oder ist sonst was. Die Kleinklasse wird wieder aufgelöst. Ist das für den Rest der Klasse alles pädagogisch zumutbar? Nur ein Szenarium von unzähligen, das einem als Lehrer und betroffenen Elternteil einfällt. Ressourcen allein schaffen keine Inklusion. Es ist schlichtweg nicht alles pädagogisch machbar und zumutbar. Das ist doch der Punkt!
    Bestimmte Bundesländer als “Lieblingsfeinde”? Geht’s noch? Was ist das für ein Chargon? Ich dachte, solche Ausdrucksweisen gehörten längst vergangenen Zeiten an? Selbst Toleranz fordern, aber neue Feindbilder schaffen? So eine Art der Inklusion mit mir nicht.

    • Cornelia Blaich schrieb (als betroffene Mutter):
      “Ressourcen allein schaffen keine Inklusion. Es ist schlichtweg nicht alles pädagogisch machbar und zumutbar. Das ist doch der Punkt!
      Bestimmte Bundesländer als ‘Lieblingsfeinde’? Geht’s noch? […]
      Ich dachte, solche Ausdrucksweisen gehörten längst vergangenen Zeiten an? Selbst Toleranz fordern, aber neue Feindbilder schaffen?”

      Danke, Frau Blaich. Vielen, vielen Dank!

    • Ganz einfach, so wie es Italien seit über 30 Jahren auch macht. Umgekehrt könnten wir auch sagen, passen sich doch alle Nichtbehinderten den Behinderten an und machen Unterricht zusammen an den Sonderschulen oder? Solange man selbst von Behinderung nicht betroffen ist, kann kein Verständnis für diese Menschen entwickelt werden. Außerdem muß darüber nicht mehr gestritten werden. Deutschland hat die UN-Behindertenrechtskonvention 2009 unterzeichnet. Da gibt es kein zurück, ob es allen gefällt oder nicht. Wir haben uns unsere Kinder mit Behinderungen nicht ausgesucht.Sie weiter in Einrichtungen wegzusperren ist rechtswidrig und passt nicht mehr in unsere Zeit. Im übrigen wird nur ein sehr kleiner Teil mit einer Behinderung geboren. Der größte Teil erlangt durch schwere Krankheiten und Unfällen eine Behinderung. Es könnte also jeden von uns irgendwann treffen. “Lieblingsfeinde” ist hier vermutlich nicht so gemeint, wie es von Ihnen verstanden wird. Vielleicht fühlen nur Sie sich dadurch in dieser Form angesprochen. Wir sind es gewohnt mit Anfeindungen, Ausgrenzungen, Unverständnis, Mobbing zu leben in einer Gesellschaft wo nicht ganz gesunde Menschen aus der Gesellschaft ausgeschlossen werden.

      • “Sie weiter in Einrichtungen wegzusperren ist rechtswidrig ”
        Ob das wirklich so ist, darüber sollen doch mal höchste Gerichte (z.B. Bundesverfassungsgericht) entscheiden. Die Entscheidung muss dann jeder akzeptieren.

      • @Susan und Guido Dohm
        Die Uno-Behindertenrechtskonvention sollte die Beschulung von lernbeeinträchtigten Mitmenschen in den Unterzeichnerstaaten sichern. Das war und ist nicht in jedem Staat gesichert.
        Diese Konvention war schon vor deren Ratifizierung durch Deutschland hier umgesetzt, weil die Förderschulen zum allgemeinbildenden Schulsystem gehören und gehörten, dort aber auch eine sehr viel intensivere Förderung in kleineren Klassen mit dem entsprechend ausgebildeten Lehrpersonal für die verschiedenen Formen der Lernbeeinträchtigung vorhanden war, um diese Förderung zu gewährleisten. Zumindest sollten diese Schüler in angegliederten kleineren Klassen speziell mit ständigen Unterstützung des entsprechend geschulten Personals weiter gefördert werden.
        Ansonsten dienen ihre Kinder als Anschauungsobjekte für soziales Lernen, werden nicht ernst genommen oder als außergewöhnliche Anschauungsobjekte wahrgenommen.

      • Ich teile Ihre Meinung nicht, Susann und Guido Dohm, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der nicht ganz gesunde Menschen ausgeschlossen werden.
        Nicht gesund oder behindert zu sein, bedeutet zwangsläufig Einschränkungen, oft sogar in einem selbstständigen, eigenbestimmten Leben. Dies dem Staat und der Gesellschaft anzulasten, ist wohlfeil und klingt selbstgefällig.
        Keinem wird geholfen durch moralische Anklagen und fromme Sprüche. Es dürfte kaum einen Staat geben, der bereit ist, so viel an Sozialem für benachteiligte Menschen zu tun wie der deutsche.
        Die Frage ist und bleibt, wo behinderte Kinder besser gefördert werden und sich wohler fühen, ob in einer Regelschule oder Förderschule. Hier sind die Meinungen geteilt, übrigens auch unter den Eltern behinderter Kinder.
        Eine weitere wichtige Frage ist, welche Schule sie am besten vorbereitet auf ihr späteres Leben, das viel länger ist als die paar Schuljahre.
        Spezielle Förderschulen oder Regelschulen, die immer mehr auf “Eine Schule für alle” zugesteuert werden?

        • Bemerkenswert, mit welcher Selbstgerechtigkeit (man könnte auch sagen: Hybris) Lehrer hier Eltern von Kindern mit Behinderungen gute Ratschläge geben.

          Es gibt eine UN-Behindertenrechtskonvention, die in Deutschland Gesetzeskraft hat – und die ein “inklusives Schulsystem” fordert. Das Versagen der Politik, diese auch umzusetzen, jetzt zum Anlass zu nehmen, Eltern zu erklären, dass sie mit ihrem Wunsch nach Gleichberechtigung ja sowieso daneben liegen, ist geradezu perfide. Nach dem Motto: Der Staat tut nichts – und das ist der Beweis, dass es nicht besser gehen kann.

          Ja, ABC, es ist eine berechtigte Frage, ob Kinder in Gemeinschaft oder ausgesondert besser auf das spätere Leben vorbereitet werden – wenn Eltern sich aus wohlüberlegten Gründen für die Gemeinschaft entscheiden, dann ist das kein “frommer Wunsch”, sondern ihr gutes Recht.

        • @Anna
          Bemerkenswert sind immer wieder ihre realitätsfernen Beurteilungen und Stellungnahmen zu schulpolitischen Themen. Da sie weder als Mutter eines lernbehinderten Kindes , wie andere hier, von der Inklusion selbst nicht betroffen sind, noch zum Lehrpersonal gehören, kann man ihre empörten Bemerkungen gut einordnen.

    • Dass einige Bundesländer ihrer Pflicht nur sehr verhalten nachkommen, Schritte in diese Richtung zu unternehmen, ist sicherlich bekannt. Ich würde die Wortwahl hier nicht auf die Goldwaage legen.
      Problematischer finde ich den Hinweis auf das Nord-Süd-Gefälle, das im Text aber auch wieder – glücklicherweise – relativiert wird. Man kann den seperaten Lernort abschaffen und setzt sich damit gewissen Kritiken nicht mehr aus, das Fördersetting an Regelschule muss aber natürlich auch weiter entwickelt werden.
      Dennoch: Es wäre heute für viele Kinder und Jugendlichen mehr möglich – da muss Regelschule und Regelschullehrkraft selbstkritischer sein. Viele Beeinträchtigungen lassen sich mit viel Verständnis, Hilfen, Zeit und einer engen Begleitung kompensieren. Aber sicherlich nicht alle. Und das sprechen Sie ja an. Danke dafür

      • Sie haben hundertprozentig recht: Es wäre heute für viele Kinder und Jugendlichen mehr möglich….Danke für die Ergänzung. Das soll keinesfalls außer Acht gelassen werden.

  3. Kosten in Hessen STand Schülerzahl 2017: 486.000.000 Euro nur für die fehlenden Sonderpädagogen bei identischem Schlüssel in stationären und inklusiven System.

  4. Die Kosten an den Sonderschulen/Förderschulen und sonstigen Behinderteneinrichtungen sind viel höher. Es wäre genug Geld vorhanden, aber die Kosten der Sonderschulen kommen aus einem ganz anderen Fördertopf und daran hängt ein eigenes System deren Struktur natürlich nicht verändert werden möchte, da viele Institutionen, Träger etc. eng miteinander verwoben sind. Diese müssen natürlich auf die Regelschulen umgelagert werden, genau wie es in Italien probemlos gemacht wird und es kommt ALLEN Schülern zu Gute, da individuell gelernt werden kann. Dort gehen alle Kinder bis zu 6. Klasse gemeinsam zur Schule. Erst dann findet ein Wechsel statt. Warum ist das in Deutschland nicht möglich? Weil es nicht gewünscht wird. Wieso schafft es in Italien seit über 30 Jahren? Weil ein Mann das ganze System dort verändert hat und dies ging auch nicht ganz freiwillig.

      • Das ist definitiv falsch. Meine Tochter wäre in der Zeit vor der Inklusion an einer Sonderschule versauert – sie besucht jetzt eine (auch) inklusiv arbeitende Regel-Grundschule und hat dank der tollen Arbeit der Lehrerinnen und Lehrer dort, passabler (sicherlich nicht optimaler) Bedingungen und einer ergänzenden privaten Therapie den Anschluss so gut geschafft, dass sie im Sommer auf eine normale Realschule wechselt. Also hätten wir schon mal eine, der die Inklusion genützt hat.

        • Da muss ich mich oben wohl korrigieren.
          Wir machten im Regelschulsystem einer Grundschule gemeinsam mit anderen Betroffenen ganz andere Erfahrungen.
          Hörbeeinträchtigte Kinder, ein autistisch veranlagtes Kinder, sowie emotional gestört und in der Sprachentwicklung beeinträchtigte Kinder sollten zusammen mit sogenannten normalen Kindern im Laut orientierten Schreiben unter den Bedingungen einer methodenbedingten Lärmerhöhung sich selbstständig die Phonem-Graphem-Beziehung erarbeiten.
          Viel Spaß am auflautierenden Schreiben nach Gehör mit möglichst vielen Fehlern, denn da sind die Kleinen so richtig motiviert und nehmen bestimmte keinen Schaden.

        • Wo lagen denn die Schwerpunkte dieser sonderpädagogischen Einrichtung ?
          Wenn man die Sprachförderschulen negativ als Sonderschulen aburteilt , im denen die Schüler versauern, so wird diesen Schulen ein derartig entworfenes Bild bestimmt nicht gerecht. Lernen in kleinen Klassen mit gut ausgebildeten Sonderpädagogen, die eine direkte Förderung ermöglichen.
          Da sind die Verhältnisse in einer Regelgrundschule einfach sehr viel schlechter und bergen die Gefahr, dass die Kinder mit den auditiven Störungen vollständig untergehen und eben noch Schäden in der Sprachentwicklung davon tragen werden.

          Es ist einfach erbärmlich was hier an Scheinargumenten für die gescheiterte Inklusion vorgetragen wird.

          • Sie vergleichen wieder einmal eine gut ausgestattete Schule mit einer schlecht ausgestatteten.
            Das ist kein Argument für oder gegen Inklusion, sondern für oder gegen eine gute Ausstattung.

            Wenn die Förderschule als Sondereinrichtung gar keine Förderschullehrkräfte in den Klassen hat, die eine zusätzliche spezifische Ausbildung genossen haben, und/oder wenn keine zusätzlichen Therapeuten mit den Kindern arbeiten, dann erfolgt auch dort keine gute Förderung.
            Schulen sind nur mit 1-stündiger Anfahrt erreichbar oder Klassen bestehen eben nicht aus kleinen Gruppen, weil die Erlasse anderes vorgeben oder die Lehrkräfte-Versorgung dies nicht ermöglicht.

            Letztlich plädieren Sie für gute Verhältnisse, dafür dass Schulen mit SonderpädagogInnen und TherapeutInnen ausgestattet sind, die mit den Kindern speziell auf ihre zusätzlichen Bedarfe hin arbeiten können.

            Dazu gehört übrigens auch, dass die Schulen generell so ausgestattet sind oder aber die Bedarfe der SuS anerkannt und sie darüber die Berechtigung zur Förderung erhalten.

            DAS ist aber kein Selbstläufer, denn auch da kann man hervorragend einsparen: keine Überprüfung, kein Status, keine notwendige Förderung.
            oder aber die FöS definiert die Kriterien selbst immer neu, sodass nur wenige Kinder in den Genuss der Förderung kommen, andere bleiben außen vor.

            Ein inklusives System geht dagegen davon aus, dass die Förderung ohne Weiteres vorhanden und möglich ist – keine Überprüfung, kein Status, ABER Förderung!

          • In NRW existieren noch die Sprachförderschulen. Die Schulen für Schüler mit einer starken Lernbeeinträchtigung werden jetzt eben auch nicht mehr geschlossen. Was sollen die auch auf Gymnasien.
            Die praktizierte klassenweise Inklusion von unterschiedlich starken Schülern, zeigt den Schwächeren ihre Grenzen mehr als deutlich auf, da die Leistungsunterschiede mit zunehmendem Alter weiter zunehmen. So dienen die Kinder mit einer Lernbehinderung letztendlich als Aushängeschild für eine soziale Integration im Schulsystem, ohne dass diesen Kindern ausreichende Förderung zur Verfügung steht. Hinzu zu den Leistungsunterschieden tritt noch die unterschiedlich ausgeprägte Fähigkeit zum eigenständigen Lernen. Eine klassenweise Inklusion schadet letztendlich allen Schülern.

            Jeder kann eben jetzt selbst entscheiden, was er besser für seine betroffenen Kinder erreichen will, frühe schulische Integration mit einer schlechten schulischen Förderung in stark durchmischten Klassen, oder eine gute schulische Unterstützung und Förderung für ein selbstständiges Leben im Erwachsenenalter bis zum Lebensende.

        • Wir haben uns um fünf Kinder zu kümmern; und da reichen mir schon die eigenen Aktivitäten und Anstrengungen an Arbeit mit den Kindern , um die Defizite der bescheidenen Ergebnisse der reformpädagogischen Methoden auszugleichen und die Basis für die Automatisierung im Lesen und Schreiben zu legen, damit wir diese in Lage versetzten eine Selbstständigkeit im Denken und Schreiben zu entwickeln, während andere Kinder eben noch mühsam sich in diese Richtung bewegen, da man sich auf falsche Methoden des viel zu früh initiierten eigenständigen Lernens festlegte, so als seien diese kleine Erwachsene.

    • In meiner 8. Klasse ist eine Schülerin, die sich nicht kontrollieren kann und ihre Medikamente nicht nimmt. Ihre Störungen strahlen auf die Klasse aus. Es gelingt mir zwar, die Kontrolle zu behalten, aber es ist äußerst anstrengend, der Lärmpegel ist höher als üblich (obwohl ein anderer Asperger-Schüler dringend Ruhe bräuchte) und ich komme mit der Gesamtklasse langsamer voran.
      So viel zu Ihrer Erzählung “Diese müssen natürlich auf die Regelschulen umgelagert werden, genau wie es in Italien probemlos gemacht wird und es kommt ALLEN Schülern zu Gute, da individuell gelernt werden kann.”

    • “Es bleibt den Schulen jedoch vorbehalten, mehrfach schwerbehinderte Schüler vom Unterricht auszuschließen.” (aus: Bildungssystem in Italien, Wikipedia). Auch gibt es in Italien weiterhin spezielle Bildungseinrichtungen für Blinde und Taubstumme. Außerdem werden “besonders schwierige Schüler” in sogenannten ” Kompetenzzentren” untergebracht. Ich vermute, dass das den Ansprüchen unserer Inklusionsaktivisten nicht genügen würde. Die Grenzen werden so also nur verschoben, aber ALLE werden nicht inkludiert. Die italienische Inklusion überzeugt mich leider gar nicht.
      Auch kann ich die negativen Einschätzungen der Förderschulen und anderer Sondereinrichtungen (“Schonraumfallen”!!) in unserem Land, die sich immer weiter im Netz verbreiten, absolut nicht teilen!

      • Die Bertelsmann Stiftung gibt in der Broschüre: PodiumSchule 1.10 auf Seite 2 für das Jahr 2008 bzgl. Italien eine Quote von 0,00 % Schülern in segregierten Schulformen an, 0,01% in integrativen Schulformen an. Das würde mir in Deutschland vorerst auch reichen! Einfach ein Gesetz gemacht (Gesetz vom 5. Februar 1992, Nr. 104) und deren Inklusionsbemühungen bringt o.g. Zahlen. Schon 1977 haben die das Gesetz Nr. 517 zur Integration gemacht. Und Schwups waren die segregierenden Schulen zu 99,9% weg. Wenn man dazu noch bedenkt, dass Italien im BIP weitaus schlechter dasteht als Deutschland (D: 4,211 Bio$ – I: 2,848 Bio$), ist unser Zögern einfach nur beschämend und deutet auf Unwilligkeit hin.

        Und zu den Hilfsschulen in unserem Land, sowie zu deren historischen wie aktuellem Wirken, hat Prof. Dr. Dagmar Hänsel, Uni Bielefeld, (Texte dazu auf der HP der Uni) sowie Brigitte Schumann (https://www.pedocs.de/volltexte/2012/5479/pdf/Schumann_2007_Ich_schaeme_mich_ja_so_D_A.pdf) transparent und luzid ausgeführt.

        Schönes Wochenende
        Marco Riemer

        • Edith Brugger Paggi, Bildungswissenschaftlerin aus Bozen, beschreibt differenziert die Situation der italienischen Inklusion. Als Fazit bemängelt sie die Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis, also den großartigen Gesetzen, die eine vollständige Inklusion vorschreiben,sind der mangelhaften Umsetzung dieser. Nirgends findet man präzise Beschreibungen, wie z.B. Schüler mit geistiger Behinderung in Italien in Regelschulen gefördert werden. Das wäre interessant für Lehrkräfte anderer Länder, man könnte konkret davon lernen.
          Wenn Sie von Hilfsschulen reden, was es ja schon lange nicht mehr gibt, meinen sie wohl Förderschulen für Schüler mit Lernbehinderungen. Der Text, den sie empfehlen, bezieht sich nur auf Förderschulen für Schüler mit Lernbehinderungen. Ich gebe Ihnen insofern Recht, dass , wie auch in diesem Forum schon diskutiert wurde, Schüler im Graubereich zwischen Regel-und Förderschule oft zu rasch auf die Förderschulen abgeschoben wurden. Es wurde in den Grundschulen zu sehr auseinandergedröselt. Mittlerweile werden aber ALLE Eltern mit dem Vorwurf der Schonraumfalle bezichtigt, auch die, die Kinder mit Behinderungen haben, oft in Kontext mit fragiler Gesundheit und der Unfähigkeit, sich verbal und nonverbal auszudrücken. Hier ist Förderschule kein Schonraum sondern Bewahrung vor Stress u.v.m. Das betrifft viele Schüler und in diesem Zusammenhang wurde auch schon durch Unbedachtheit und Voreiligkeit Eltern falsche Hoffnungen gemacht sowie Schülern geschadet.

          • Mir auch!

            Michael Felten beschreibt in seinem Buch “Die Inklusionsfalle” die Inklusionspraxis in Italien (konkret: Südtirol) übrigens so:

            Zitat: “Offiziell scheint in Südtirol alles gut geregelt: Im Falle kindlicher ‘Störungsbilder’ erstellen nicht die Lehrer, sondern Fachkräfte der Sanitätseinheit beim Gesundheitsamt zunächst ‘Funktionsbeschreibungen’ oder ‘Funktionsdiagnosen’. Sodann werden individuelle Erziehungspläne formuliert, die Schule kann auch Integrationslehrer, -mitarbeiter oder Sozialpädagogen beantragen, bei Bedarf werden Räumlichkeiten und Hilfsmittel zugewiesen.

            Dino Capovilla, hochgradig sehbehindert, heute Lehrstuhlinhaber am Institut für Rehabilitationswissenschaften der HU Berlin, sieht die tatsächliche Lage in Südtirol in scharfem Kontrast dazu. Er hat das oberitalienische System der schulischen Inklusion am eigenen Leib erlebt, 13 Jahre als Schüler und 6 Jahre als Lehrer. […]

            Inklusion – vor 40 Jahren eingeführt, vorwiegend aus Kosten- und Organisationsgründen, keineswegs aus Behindertenfreundlichkeit – sei ein mächtiges ‘Trial-and-Error-System’, vielfach nicht mehr als eine altersgerechte Aufbewahrung.

            Die Bildung Behinderter sei damit nicht nur billiger geworden, sie wurde so auch der wissenschaftlichen Diskussion entzogen. Denn das italienische Inklusionssystem unterscheide nicht mehr zwischen Menschen, die man früher aufgrund ihrer Behinderung trotz kognitiver Eignung vom Schulbesuch ausgeschlossen habe (z.B. Autisten), und jenen, die aus prinzipiellen Gründen gewisse Lernniveaus nicht bewältigen könnten (z.B. Schüler mit Down-Syndrom).”

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here