Zehn Jahre Behindertenkonvention: Der Streit um die Inklusion wird grundsätzlich – ist gemeinsamer Unterricht eine Idee von Träumern?

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BERLIN. Es jährt sich zum zehnten Mal, dass die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen in Deutschland in Kraft trat und damit Gesetzeskraft erlangte. Umgesetzt ist die Inklusion damit noch lange nicht – im Gegenteil: Der gemeinsame Unterricht von behinderten und nicht-behinderten Schülern ist längst nicht überall verwirklicht; der Umsetzungsprozess scheint bundesweit ins Stocken geraten zu sein. Das hat einerseits mit unzureichenden Bedingungen zu tun, unter denen die Lehrer arbeiten müssen. Andererseits aber auch mit einem wachsenden Widerstand gegen eine “Radikal-Inklusion”, die das tatsächlich realisieren möchte, was die Behindertenrechtskonvention (Artikel 24) vorschreibt: ein “integratives Schulsystem auf allen Ebenen”. Exemplarisch setzt sich unser Gastautor Prof. Hans Wocken im Folgenden mit einer solchen Grundsatzkritik auseinander. 

In jüngster Zeit werden die Stimmen derjenigen lauter, die im gemeinsamen Unterricht kein erstrebenswertes Ziel sehen. Foto: Shutterstock

Schmäh über Inklusion – Wider eine missratene Inklusionskritik

Ewald Kiel hat in der Online-Ausgabe des Magazins „Cicero“ unter dem Titel „Inklusion – Die säkulare Religion“ einen kritischen Beitrag zum Inklusionsdiskurs publiziert (2018). Der Artikel kündigt schon im Titel eine skeptisch-distanzierte Sicht der Inklusion an und lässt auch im Weiteren keinen Zweifel an der kritisch-oppositionellen Haltung des Autors. Der dreiseitige Aufsatz enthält nicht eine einzige Aussage, die Inklusion mindestens im Grundsatz positiv wertet oder gar als eine wünschenswerte bildungspolitische Option ansieht. Aus der geballten Zusammenstellung von uninformierten Missverständnissen, tendenziösen Unterstellungen, radikalisierenden Übertreibungen und antiinklusiven Ressentiments sollen hier in Auswahl einige Sentenzen aufgegriffen und in bündiger Kürze antikritisch beantwortet werden.

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1.     Die Idee der Inklusion propagiert nach Kiel pädagogische Prinzipien, „die jede Form von Vergleichen im Sinne von besser oder schlechter ablehnt, da dieses stigmatisiere.“

Die Formulierung „jede Form von Vergleichen“ ist kompromisslos und lässt keine Ausnahme zu. Der Artikel verzichtet gänzlich – wohl der Kürze wegen – auf irgendwelche Belege, die man sich für derart starke Behauptungen wohl doch gewünscht hätte. Richtig ist, dass pädagogische Inklusion dem sozialen Vergleich mit erheblicher Skepsis begegnet und sie als alleinige Norm (!) nicht gelten lässt. Die soziale Bezugsnorm, also das Vergleichen der Schüler miteinander, führt unweigerlich zu einer fortgesetzten Abwertung und negativen Sanktionierung der leistungsschwachen Schüler. Vergleiche „stigmatisieren“, aber nicht alle, sondern nur die Schüler mit Leistungsschwächen und Behinderungen. Eine systematische Beschämung und Geringschätzung von Schülern mit individuellen Leistungseinschränkungen kann keine Pädagogik wirklich ernsthaft wollen.

Es ist eine schwerlich begründbare und kaum akzeptable Zumutung der inklusiven Pädagogik, die sich als Anwalt der Schwachen und Beeinträchtigten versteht, eine despektierliche Beurteilungspraxis als konzeptionell angeblich unverzichtbares Zugeständnis an die Leistungsgesellschaft abzufordern. Die Anwendung der sozialen Bezugsnorm ist keineswegs durch den pädagogischen Förderauftrag der Schule zwingend geboten, sondern primär dem gesellschaftlichen Selektionsauftrag der Schule geschuldet. Pädagogik hat aber in erster Linie dem Wohl der Kinder zu dienen und erst nachgeordnet den durchaus berechtigten Anforderungen und Erwartungen der Gesellschaft. Deshalb heißt es bei Pestalozzi: „Man vergleiche ein Kind nie mit anderen, sondern nur mit sich selbst!“

2.     “In der Inklusion wird überhaupt nicht kategorisiert, weil jede Kategorie andere ausschließt.“

Wiederum diese radikale Sprache: Überhaupt nicht! Die dogmatische Gnadenlosigkeit der Aussage schreckt ab und macht Angst. Angst vor einem angeblich totalitären System der Inklusion.

Richtig ist: Jede Kategorie schließt andere aus. Die Kategorie „Katzen“ schließt alle „Hunde“ „kategorisch“ aus. Kategorien ordnen die Vielfalt der Welt. Sie fassen Objekte, die durchaus verschieden sind, aber doch etwas Gemeinsames haben, unter einem einzigen Begriff, einem Oberbegriff, einer Kategorie zusammen. Kategorien reduzieren die Komplexität der Welt, indem sie diese systematisch in „Schubladen“ ordnet und dadurch die Komplexität übersichtlicher macht. Das ist die großartige und absolut unverzichtbare Leistung von Kategorien! Kategorien sind für wissenschaftliches Arbeiten, für den Aufbau geordneter Wissenssysteme, für alltägliche Erkenntnisbemühungen wie auch für eine erfolgreiche Bewältigung lebensweltlicher Herausforderungen ebenso hilfreich wie unverzichtbar. Das Problem sind nicht die Kategorien an sich, sondern die möglichen Folgeprobleme.

Kategorien diskriminieren. Diskriminieren bedeutet unterscheiden. Kategorien unterscheiden Giftstoffe von Lebensmitteln, Werkzeuge vom Waffen, Wahrheit von Lügen und Krankheit von Gesundheit.  Aber die begrifflichen Unterscheidungen sind vielfach nicht nur deskriptiv, neutral und wertfrei, sondern unauflöslich mit Wertungen und Bewertungen verknüpft. Und mit diesen unvermeidlichen Konnotationen fangen die Probleme an. Das Label „Nazi“ ist keineswegs nur eine wertfreie Beschreibung einer Person, sondern will an den Pranger stellen. Das Etikett „behindert“ wird auf den Schulhöfen immer wieder als Schimpfwort gebraucht. Und wer der Kategorie „Harzt-IV-Empfänger“ zugerechnet wird, muss mit mancherlei Vorurteilen als Faulenzer und sozialer Schmarotzer leben. Die Beeigenschaftung von Inklusionsbefürwortern als „links-grün“ will nicht primär Auskunft geben über ihre politische Heimat, sondern intendiert bewusst und willentlich ihre Diskreditierung als obskure „Ideologen“, denen man besser aus dem Wege geht. Kategorien beschreiben nicht nur, sie bewerten, erniedrigen, spalten, verletzen und grenzen aus. Diese mögliche, wahrlich nicht seltene stigmatisierende Wirkung von kategorialen Diagnosen und Zuschreibungen ist das wirkliche Problem.

Inklusion will diese unerwünschten Stigmatisierungen von Kategorien wenn möglich vermeiden, so gut es denn überhaupt geht. Inklusion plädiert eben nicht für einen gänzlichen Verzicht auf Kategorien, sondern für einen sparsamen, reflektierten und verantwortungsvollen Gebrauch von Kategorien. In den Förderschwerpunkten Lernen, Sprache und Verhalten, und nur dort, scheint sogar ohne jeglichen Verlust ein völliger Verzicht auf die persönliche Adressierung von Förderetiketten möglich zu sein, wie die Erfahrungen des Hamburger Schulversuchs „Integrative Regelklasse“ lehren. Näheres dazu in mehreren einschlägigen Publikationen, zuletzt Wocken (2019).

Die Ausdeutung von Dekategorisierung als totale Nonkategorisierung hingegen ist ein völliges Missverständnis der Inklusionskritik, wenn nicht gar eine übelwollende Radikalisierung. Die sog. „moderate“ Inklusion plädiert für eine radikale Kategorisierung, die sog. „radikale“ Inklusion plädiert dagegen für eine „kategoriale Bescheidenheit“, für eine zurückhaltende, maßvolle und reflektierte Benennung mit selbstwertgefährdenden Etiketten. Die Äußerung von Bernd Ahrbeck: „Was ist so unerträglich an einem besonders langsamen und wenig erfolgreich lernenden Kind, dass es sich verbietet, seine Schwierigkeiten kategorial zu benennen?“ (Ahrbeck 2011a, 73) darf man wohl als wenig empathisch einstufen. Sie lässt auf eine grobfahrlässige Ignoranz von stigmainduzierten Persönlichkeitsverletzungen schließen. Das unterstellte „Überhaupt nicht!“ ist jedenfalls ein misslungener und verleumderischer Missgriff der Inklusionskritik, die jeden verifizierenden Beleg für ihre derbe Missinterpretation von Dekategorisierung schuldig bleibt.

3.     „In der von radikalen Inklusionsproponenten erträumten schönen neuen inklusiven Welt spielen Leistung, Normen und Kategorien keine Rolle.“

In der Zusammenfassung des thematischen Blocks holt der Autor zum ganz großen Schlag aus. Inklusion wird in das Reich der Träume und Phantasien verschoben und als schöne, neue Welt verulkt und belächelt. Man muss über Inklusion nicht mehr ernsthaft nachdenken, weil sie etwas Irreales und völlig Unmögliches beschreibt. Und nun wird alles zusammengepackt und zu einer einzigen Wahnvorstellung verschmolzen: Keine Leistung, keine Normen, keine Kategorien!

Keine Leistung? Falsch! Sehr wohl optimale Leistungen, aber nicht nur Leistung, sondern auch Bildung; nicht nur individuelle Leistungen, sondern auch soziale Kompetenzen! Nicht nur Konkurrenz, sondern auch Kooperation!

Keine Normen? Falsch! Aber nicht nur die soziale Bezugsnorm, sondern auch die individuelle Bezugsnorm! Nicht nur Produktorientierung, sondern auch Prozessorientierung! Nicht nur Fremdbewertungen, sondern auch Selbsteinschätzungen!

Keine Kategorien? Falsch! Dekategorisierung heißt nicht Nonkategorisierung! Kategorisieren ja, Diskriminieren nein! Und Kinder nicht nur nach Schema „F“ der Kategorie „F“ behandeln, sondern alles Erziehen und Unterrichten in jedem einzelnen Fall immer auch personalisieren und individualisieren!

Mit dem Totalverriss der Inklusion verlässt der Autor den Boden des Hier und Jetzt und entschwebt in eine Sphäre, in dem über Wahrheit und Unwahrheit nicht mehr durch rationales Argumentieren entschieden werden kann, sondern nur noch mittels Glauben und Meinen. Der Totalverriss der Inklusion ist die subjektive Theorie, die „säkulare Religion“ des Kritikers Ewald Kiel, dem selbstverständlich im Sinne der Glaubensfreiheit seine persönliche Weltanschauung von Inklusion zugestanden werden muss. (Teil zwei des Textes erscheint in den nächsten Tagen auf News4teachers).

Hier geht es zum kritisierten Beitrag „Die säkulare Religion“ von Prof. Dr. Ewald Kiel, Ordinarius für Schulpädagogik an der LMU München, Direktor des Departments für Pädagogik und Rehabilitation.

Der Autor
Hans Wocken. Foto: privat

Hans Wocken ist gelernter Sonderschullehrer und hatte von 1980 bis 2008 an der Universität Hamburg eine Professur für Lernbehinderten- und Integrationspädagogik inne. Er war ein Pionier der integrativen Pädagogik und hat die schulische Integration bzw. Inklusion von Anfang an mitgestaltet und mitgeprägt. In den 80er Jahren initiierte er in Hamburg zwei Schulversuche zur Integration und hat sie wissenschaftlich begleitet. In der Inklusionspädagogik vertritt er eine „dialektische“ Position. Inklusionspolitik und -pädagogik fordern u.a.

  • eine Balance von Philosophie und Pragmatismus;
  • eine Balance von Freiheit und Gleichheit;
  • eine Balance von Vielfalt und Gemeinsamkeit;
  • eine Balance von Anpassung der Schule und Anpassung der Kinder;
  • eine Balance von gemeinsamen und individuellen Lernsituationen;
  • eine Balance von angeleitetem und selbstgesteuerten Lernen.

Homepage: www.hans-wocken.de

Eine Grundschullehrerin schreibt Klartext: Warum die Inklusion von “W- und E-Kindern” in Regelklassen so nicht gelingen kann

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5 KOMMENTARE

  1. Eine Idee von Träumern? Nein, eher “sozialromantische Schwärmerei”, aber auch nur in Teilen.

    Zum Teil ist es sicherlich machbar, vor allem körperlich behinderte Schüler gemeinsam mit anderen lernen zu lassen. Bei geistigen Behinderungen, aber auch bei massiven Verhaltensauffälligkeiten ist es schon eher Träumerei, und zwar auf Kosten aller anderen, die auch ein Recht auf Lernen haben.

    Der größte Fehler ist es daher, Sonder- bzw. Förderschulen ganz abschaffen zu wollen. Dass manchem Politiker dies in erster Linie als Einsparmodell angenehm ist, ist hingegen perfide.

  2. “… Boden des Hier und Jetzt und entschwebt in eine Sphäre”???
    Hansgünter Lang: Das Bildungsangebot für Behinderte.: Verfassungsrechtliche Anforderungen an das System der sonderpädagogischen Förderung. 2016.
    Mal eine rein rechtliche Betrachtung, in dem einiges, was oben kritisiert wird, auf den -rein – rechtlichen Boden der Tatsachen bringt.

  3. Ja, die derzeit praktizierte Art der Inklusion ist eine Idee von Träumern, Idealisten, Sparern aus dem Bereich der Schulpolitik, praxisfernen Theoretikern, Menschen, die die reale und praktizierte Lebenswelt positiv verändern wollen und vielen anderen. Darf man die alle verurteilen, kategorisieren, ihnen den Glauben an eine bessere Integration beeinträchtigter Geschöpfe nehmen ?
    Wohl nicht, denn ihr Ziel ist eine bessere Integration von Menschen mit Beeinträchtigungen zu erreichen, als dies Teile der Förderschulen früher taten und anstrebten. Man benötigt aber auch mehr Personal in kleineren Klassen, um dieses Ziel umzusetzen, und nicht jeder kann von jedem etwas lernen, oder möchte nicht immer als der dümmere dastehen. Deshalb sind Leistungsdifferenzierungen in den Schwerpunktfächern allemal besser als eine heterogene Durchmischung.

  4. Der ganze Artikel ist ebenso wie der Cicero-Artikel ein einzes “Bla-Bla” und irrelevant, da die Politik nicht Willens oder in der Lage ist, Inklusion richtig (d.h. mit den notwendigen personellen Ressoursen) umzusetzen. Die völlig überforderten Kollegen, die jahrelang weit über der Belastungsgrenze arbeiten, verliert man für das Ziel (Umsetzung der Inklusion) bzw. hat sie längst verloren.
    Nur klappt die Umsetzung eines pädagogischen Ziels niemals ohne den Rückhalt der (großen Mehrheit der) Lehrkräfte.
    Das ist zu dem Thema die eizige Wahrheit und alle anderen Artikel darüber kann man sich sparen.

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