Eine Grundschullehrerin schreibt Klartext: Warum die Inklusion von “W- und E-Kindern” in Regelklassen so nicht gelingen kann

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BERLIN. Verhaltensauffällige Schüler sowie die Inklusion  – dies ergab einmal mehr eine große Lehrer-Umfrage in dieser Woche, wie News4teachers berichtete – gehören zu den größten Belastungsfaktoren für Pädagogen. Tatsächlich hängen beide Problemfelder eng zusammen: Die Einbeziehung insbesondere von “W- und E-Kindern” in den Regelunterricht, also Kindern mit Störungen in den Bereichen Wahrnehmung und Entwicklung, bringt Lehrer oft an Grenzen. Vor welchen Herausforderungen sie stehen, macht jetzt ein Buch anschaulich: Ute Schimmler, erfahrene Grundschullehrerin in Bremen, schildert in “Inklusion – so nicht!” ihre Erfahrungen. Der folgende Beitrag ist dem Buch entnommen. 

Hier lässt sich “Inklusion – so nicht!” bestellen (kostenpflichtig).

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Ute Schimmler arbeitet seit 32 Jahren als Grundschullehrerin – und ist alles andere als eine grundsätzliche Gegnerin der Inklusion. Sie sieht allerdings die Grenzen. Foto: Monique Siwiec / Schwarzkopf & Schwarzkopf

Inklusion – so nicht

Eine Lehrerin berichtet, wie es wirklich ist – eine kritische Bestandsaufnahme aus der Praxis

Bis vor wenigen Jahren gab es Sonder- oder Förderschulen für Kinder mit speziellen Defiziten: Es gab Schulen für lernbehinderte, körperbehinderte oder auch verhaltensauffällige Kinder. In den letzten Jahren war es das Ziel, mehr und mehr Kinder mit Defiziten in den »normalen« Unterricht zu integrieren. Die Förderschulen wurden z. B. im Land Bremen weitestgehend abgeschafft.

Die Situation in meiner Schule

Ich arbeite an einer dreizügigen Grundschule in einem sozialen Brennpunktgebiet. Für unsere 13 Klassenverbände stehen zwei Sonderschullehrerstellen zur Verfügung. Diese müssen die ­gesamte Bandbreite abdecken, die bei uns zur Zeit vorhanden ist: Autismus, Verhaltensauffälligkeiten, Sprachstörungen, Sehstörungen, körperliche Beeinträchtigungen, soweit diese im Rahmen einer Grundschule beschulbar sind. Kinder mit massiver kör­perlicher Beeinträchtigung haben die Möglichkeit zum Besuch einer speziell dafür ausgerichteten Förderschule. Dazu kommen ab und zu auch Kinder mit einer eindeutigen Hochbegabung, denen man auch irgendwie gerecht werden muss und möchte.

Es leuchtet ein, dass zwei Sonderschullehrerstellen (= 54 Unterrichtsstunden) viel zu wenig Förderstunden sind. Aber an »höherer Stelle« weiß man dafür eine Lösung: Damit ein Kind als förderbedürftig anerkannt und damit auch gerechnet wird, werden einfach die Bedingungen verschärft. So gibt es dann weniger Sonderschüler, die Statistik stimmt wieder, und wie den Kindern im Alltag geholfen werden kann, liegt nicht mehr in der Verantwortung der Behörde.

In den Klassen 1 und 2 bemühen wir uns um eine möglichst hohe Doppelbesetzung. Bei mir sieht das im 1. Schuljahr konkret so aus, dass ich an drei Tagen pro Woche eine Kollegin für jeweils zwei Stunden mit im Unterricht hatte, wenn sie nicht vertreten musste. Logisch, dass an einer solchen Schule der Krankenstand relativ hoch ist. Die Arbeit ist ungleich anstrengender und streckt schon mal den einen oder anderen nieder. Doppelbesetzung also nur, wenn alle gesund sind. Aber, wenn ich ehrlich bin: Sechs Stunden sind besser als nichts, sie sind aber auch nicht viel mehr als nichts, wenn man die reale Situation betrachtet.

Das Buch

In der Theorie klingt das alles wunderbar und wünschenswert. Aber können wir wirklich jedes Kind inkludieren? Es ist vielleicht nicht so schwierig, einem lernbehinderten Kind inklusiv zu begegnen. Was aber ist mit den sogenannten »verhaltensoriginellen« Schülern und Schülerinnen, jenen Kindern, die reibungslosen Unterricht fast unmöglich machen? Wie kann es gelingen, diese Kinder sinnvoll in eine Klasse zu inkludieren? Oder sollte man fragen: Kann es gelingen, dies zu tun?

Dr. Ute Schimmler, geboren 1953 in Bremen, hat nach ihrer Promotion weiterhin in der Grundschule gearbeitet und sich dabei besonders für Kinder mit jeder Form von Benachteiligung interessiert. Mit ihrem Buch »Inklusion – so nicht!« möchte sie Mut machen, sich für eine inklusive Beschulung stark zu machen, aber auch die dazu notwendigen Bedingungen einzufordern. Die Autorin beleuchtet die Problemfelder anhand von Beispielen aus ihrer eigenen Unterrichtspraxis.

Hier lässt sich das Buch bestellen (kostenpflichtig).

Ich habe in vielen Jahren als Grundschullehrerin mit sehr viel unterschiedlichen Kindern zu tun gehabt. Da gibt es zum einen die Regelschulkinder – von ihnen wird in diesem Buch nicht sehr viel die Rede sein. Dass ich fiktive Namen verwende und aus datenschutzrechtlichen Rücksichten viele Situationen verfremde, ist selbstverständlich. Zugetragen haben sich aber alle berichteten Ereignisse – so oder so.

Da sind zum einen die behinderten Kinder in den unterschiedlichsten Bereichen. Es gibt stark traumatisierte Flüchtlingskinder. In einer Klasse bekam ich ein Kind mit einem selektiven Mutismus. Aus Kamerun kam ein Kind mit einer genetisch bedingten Erkrankung. Manche Kinder haben extrem überalterte Eltern. Ich hatte viele Kinder mit mindestens einem psychisch erkrankten Elternteil. Manche Kinder kommen durch den Alkoholismus ihrer Mutter bedingt krank in die Schule. Viele Kinder leben zumindest zeitweise in Pflegefamilien. Es gibt Kinder, deren Eltern aus bestimmten Gründen in anderen Schulen Hausverbot haben. Autistische Kinder kommen zunehmend häufig in Regelschulklassen, und an ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) leiden mittlerweile recht viele Kinder. Es gibt Eltern, die ihre Kinder misshandeln, es gibt Missbrauchsfälle. Es gibt Kinder, die von ihren Eltern abgelehnt werden.

Und es gibt die hochbegabten Kinder, die man leider bei dem Wort Inklusion allzu häufig vergisst. Auch ihnen muss ein Lehrer, eine Lehrerin gerecht werden, auch sie haben einen Anspruch auf Förderung, die sie fordert und nicht langweilt.

Problemfeld Kinder

Wann immer ich etwas über diese Thematik lese, fällt mir immer wieder auf, wie weit entfernt dies vom tatsächlichen Unterricht in einer Grundschule ist. Es sind nicht die körperbehinderten oder lernbehinderten Kinder, die das Unterrichten erschweren. Jeder Lehrer, jede Lehrerin weiß heute, dass Differenzierung das A und O im Unterricht ist. Nein, es sind die sogenannten »unangepassten« Kinder, die eine ständige Herausforderung und, um es klar zu formulieren, auch eine Belastung sind für Lehrer und Schüler.

Versuche, mit diesen »W- und E-Kindern«, also Kindern mit Störungen in den Bereichen Wahrnehmung und Entwicklung, umzugehen, gibt es viele. Es gibt zum Beispiel persönliche Assistenzen, die sich ausschließlich um ein solches Kind kümmern, es gibt auch verkürzten Unterricht. Das Einzige, was es nicht oder nur selten gibt, sind Kleingruppen für diese Kinder. Diese würden ja dem Inklusionsgedanken widersprechen.

Ich habe oft den Eindruck, dass es in der Pädagogik immer mal wieder Innovationen gibt, die dann alles andere, bisher Gelebte als vollkommen überholt oder zum Teil sogar als verkehrt ansehen. Die Inklusion ist so ein Fall. Wenn wir inkludieren, dann auch alle und alles, ohne Rücksicht auf individuelle Gegebenheiten. So kann das aber nicht gelingen.

Ebenso wie die Kinder unterschiedlich sind, muss auch die Umgebung an sie angepasst werden. Und wenn Kinder dabei sind, die die Reizüberflutung eines normalen Klassenzimmers an einem ebenso normalen Schultag nicht aushalten, dann muss man eben andere Räume für sie schaffen. Auch das ist – für mich – Inklusion.

Häufig stellen gerade solche Kleingruppen mit maximal vier Kindern für viele der verhaltensauffälligen Kinder die einzige akzeptable Lösung dar: Zum einen können die anderen Kinder ungestörter arbeiten, zum anderen aber, und das halte ich für viel wesentlicher, entfällt das enorme Reizpotenzial einer durchschnittlichen Klasse. Für manche dieser Kinder stellt auch eine ruhige Klassengemeinschaft schlicht durch die Dauer ihres Aufenthalts in diesem Raum eine Folter dar, auf der sie nur in der ihnen bekannten Weise reagieren können. Um diesen Kreislauf zu durchbrechen, müsste umgedacht werden. Es müssen Rückzugsräume geschaffen werden, die gleichzeitig mit klaren Strukturen für eine Durchschaubarkeit und Angstreduzierung sorgen. Dazu gehören unbedingt verlässliche kontinuierlich anwesende Bezugspersonen. Außerdem muss von Fall zu Fall diskutiert werden, ob die zur Zeit so bejubelte Einrichtung der Ganztagsschule für das jeweilige Kind zumutbar ist oder ob andere Formen besser sind, ob nicht auch hier individuelle Lösungen denkbar wären.

Ich las erst kürzlich in unserer Tageszeitung einen Artikel von Ulla Uden (WK vom 26.03.18), in dem das schulische Schicksal eines Kindes mit ADHS geschildert wird, das nach vielen und langanhaltenden Problemen in der Regelschule nun seit einem Dreivierteljahr eine Förderschule besucht und dort deutlich besser zurechtkommt. Es gibt nur sechs Kinder in der Klasse, kürzere Stunden, häufigere Pausen und deutlich mehr Bewegungsangebote. Seine Mutter findet es wichtig, dass die Förderschulen erhalten bleiben. Sie ist sicher nicht die Ausnahme. Ich habe immer wieder mal Unterhaltungen mit Eltern von Förderkindern, die es sehr bedauern, dass ihr Kind auf eine »normale« (sprich Regel-) Schule gehen muss. Diese Eltern hätten es als Entlastung empfunden, wenn ihr Kind in einer kleineren Gruppe hätte lernen dürfen und mit dem Gefühl nach Hause gekommen wäre, »Gleicher unter Gleichen« zu sein. Dieses Gefühl vermitteln die Inklusionsklassen noch nicht immer. Es gibt immer Kinder, die in irgendeiner Weise »besonders« sind und leicht zu Außenseitern gemacht werden.

Was sind besondere Kinder?

Eigentlich ist ja jedes Kind »besonders«, in seiner eigenen Individualität, mit seinen Wünschen, Bedürfnissen und Ängsten. Im vorliegenden Falle meine ich jedoch damit diejenigen Kinder, die aus dem Raster der sogenannten Normalität herausfallen – Kinder mit speziellen Schwächen und Stärken und Verhaltensweisen. Sie gehen heute ja alle gemeinsam in eine Klasse, und ihnen gerecht zu werden, stellt eine große Herausforderung für die Lehrkraft dar. Gleichzeitig ist dies auch eine Quelle eigener Unzufriedenheit vieler Lehrer, weil sie eben merken, dass sie dieses Ziel nicht immer so erreichen, wie sie es möchten. Das beginnt schon bei den Leistungsunterschieden.

Man findet in allen Grundschulklassen Kinder, die vom Lernen her mindestens ein Jahr, manchmal mehr auseinander sind. Um diesen Unterschieden angemessen begegnen zu können, muss eine Lehrkraft über eine hohe Diagnosekompetenz verfügen, um Aufgaben für Pläne zu erstellen, die das individuelle Kind fordern, aber nicht überfordern. Es liegt auf der Hand, dass dies bei einer Klassenfrequenz von 22 Kindern schon eine echte Herausforderung darstellt. Ebenso wird deutlich, dass der alte Frontalunterricht ausgedient hat – in einer Gesellschaft, die Kinder in Klassen zusammenbringt, deren einzige Gemeinsamkeit häufig eine gewisse Altershomogenität darstellt, ist dieser nicht mehr durchführbar, war er im Grunde auch früher nicht. Dass er tatsächlich so lange Zeit funktioniert hat, liegt an den völlig anderen Strukturen, was Erziehung und Gesellschaft und deren Werte und Normen betrifft.

Hier lässt sich das Buch bestellen (kostenpflichtig).

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.

Wozu ist Inklusion in der Schule überhaupt gut? Eine Erinnerung zum Tag der Menschen mit Behinderungen

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8 KOMMENTARE

  1. In interessierender Einblick in das Buch.

    Die Bedingungen in den verschiedenen Ländern sind unterschiedlich – größere oder kleinere Klassen, weniger oder mehr FöS-Stunden für alle, frühere oder spätere Anerkennung der Förderbedarfe.
    Paradiesische Zustände an vorherigen Förderschulen kann ich nicht bezeugen: Lehrkräftemangel, Quereinsteiger ohne sonderpädagogische Ausbildung, große Klassen, viel zu lange Übergangszeit oder schlichtweg keine öffentlichen Förderschulen für bestimmte Bereiche (ESE) waren vor der Inklusion Realität und keine angemessene Förderung der betreffenden SuS.

    Der Kern der geschilderten Zustände ist aber sicher in allen Bundesländern gleich.
    Die Beobachtung, dass selbst die viel zu geringen Zuweisungen, die angesichts des Lehrermangels in den Schulen nicht ankommen, zusätzlich durch Äußerungen, Behauptungen, Verdrehungen oder Verschärfungen in der Begutachtung unterlaufen werden, teile ich auch.

  2. Liebe Anna, Sie werden wahrscheinlich diesen Artikel auh lesen. Bitte nehmen Sie konkret Stellung dazu. Diese Bedingungen werden auch die hartnäckigsten Inklusionsverfechter nicht schön reden können.

  3. Die Problematik ist gut beschrieben. Ich frage mich immer wieder wie Inklusion geschafft werden soll bei diesen Bedingungen. Unsere Förderschullehrkraft kommt drei Stunden in die Klasse zwei davon in Stunden , in denen der Schüler kaum Hilfe braucht. Anders ist die Förderschullehrkraft stundenplanmäßig nicht einsetzbar. Diagnostiziert ist eine Lernbehinderung, wir sehen noch großen Förderbedarf im Bereich SE . Wir bräuchten eigentlich kemanden, der immer mit in der Klasse ist, vielleicht allen Kindern helfen darf. Das wäre Inklusion, diese Einzelbetreuung stigmatisiert dies eine Kind doch nur wieder. Spaß bringt so ein Unterrichten oft nicht mehr, leider!

  4. Also im Vergleich zu Hessen gibt es doch aber erstaunlich viele Foerderlehrerstunden. Das mag aber auch daran liegen, dass die Lehrkräfte im inoffiziellen Bildungsstand Nr. 1 natürlich deutlich besser ausgebildet sind. Wie ließe sich sonst erklären, daß auch GE Kinder ohne weitere Hilfen in Regelklassen beschult werden. Inklusion in Hessen? Läuft!

  5. Immer wieder die Klage über die Bedingungen! Bessere Bedingungen waren doch nie vorgesehen, weil zu teuer und die Inklusion im Bundestag beschlossen wurde unter der Aussage, sie sei im Vergleich zu den Förderschulen eher kostengünstig.
    Klagt lieber über die Abschaffung der Förderschulen, die allen Kindern gerechter wurden, liebe Kollegen, und stellt Euch damit gegen weitere Schließungen.

    • Auch dann stellt sich die Frage nach den Bedingungen,
      denen für inklusiv zu beschulende Kinder an Regelschulen und denen für Kinder an Förderschulen.

  6. Hier noch ein Internet-Fundstück zum Thema Inklusion.
    In diesem Interview vom November 2017 erläutert Michael Felten sehr gut und für jeden verständlich seine Position, der auch ich mich hier im Forum über die Jahre immer wieder angeschlossen habe.

    Man beachte jedoch vor allem den Disput zwischen Felten und dem großen Inklusions-Theoretiker Hans Wocken unterhalb des Interviews. Göttlich!

    https://bildungsklick.de/schule/meldung/2017-hat-eine-wende-in-der-inklusionsdebatte-gebracht/

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