Rechtsextremismus-Experte im Interview: “Radikalisierung überfordert Schulen”

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DORTMUND. Provokation durch Tabubruch oder rechtsextreme Gesinnung: Was steckt dahinter, wenn ein Schüler im Unterricht zum Beispiel den Hitlergruß zeigt? Wie sollten Pädagogen auf rechtsradikales Verhalten von Schülern und Schülerinnen reagieren? Das hänge vor allem von der Motivation der Schüler ab, sagt Dierk Borstel, Professor für praxisorientierte Politikwissenschaften an der Fachhochschule Dortmund, im Interview – und warnt vor oberflächlichen Urteilen. Borstel forscht zum Thema Rechtsextremismus und Demokratieerziehung.

Die Zustimmung wächst: Rechtsextremer auf einer Demonstration in Düsseldorf 2014. Foto: Die Grünen / flickr (CC BY-SA 2.0)
Wie lässt sich Rechtsextremismus in Schulen bekämpfen? (Teilnehmer einer Demonstration in Düsseldorf 2014). Foto: Die Grünen / flickr (CC BY-SA 2.0)

Wollen Schüler, die sich rechtsextremistisch äußern, nicht oft einfach nur provozieren und Grenzen austesten? Wie findet man heraus, was dahinter steckt?

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Borstel: Am Anfang steht für den Lehrer immer die Analyse: Was ist eigentlich Sache? Will der Jugendliche durch eine rechtsextreme Äußerung nur im Mittelpunkt stehen? Oder steckt dahinter ein ernsthafter Gedanke? Das kann man nur im Gespräch herausbekommen.

Was kann es denn sein?

Borstel: Die Motivationen sind unterschiedlich: Einige sind ideologisch überzeugt, den nächsten fasziniert die Kameradschaft in rechtsradikalen Gruppen. Wieder andere haben eine Sehnsucht nach Übersichtlichkeit, andere suchen den Adrenalin-Kick bei gewalttätigen Auseinandersetzungen. Man muss die Jugendlichen fragen: Wie kommst du darauf? Was willst du damit? Wohin führt das? Steckt eine Erfahrung dahinter? Daraus ergibt sich dann, welche pädagogischen Konsequenzen der Lehrer zieht.

Sind Lehrer auf rechtsextremes Verhalten von Schülern und Schülerinnen vorbereitet?

Borstel: Das kann man so pauschal nicht sagen, manche ja, manche nein. Aber grundsätzlich überfordert Radikalisierung Schulen. Radikalisierung passiert im Kopf, das müssen Lehrer erst einmal erkennen. Sie sehen oft eine Klasse von 30 Schülern nur 45 Minuten die Woche – der zeitliche Rahmen, das zu erkennen, ist oft gar nicht da. Dazu kommt, dass die Jugendkultur sich extrem ausdifferenziert. Bei Neonazis denken viele Lehrer an Springerstiefel und Glatze. Sie tragen heute aber Sneaker und Kapuzenpulli wie andere auch. Man kann es oft nur noch erkennen, indem man den Menschen genau zuhört.

Was würden Sie sich von den Schulen wünschen?

Borstel: Schule könnte ein Ort sein, um Frühradikalisierung zu erkennen. Sie erfüllt die Funktion als Ort aber noch nicht so, wie sie es könnte. Es müsste Zeit da sein, um neben der reinen Wissensvermittlung mit den Schülern ins Gespräch zu kommen. Schule allein kann außerdem kaum etwas ausrichten. Die Schulen müssen eingebunden sein in demokratische Communitys, sie müssten viel enger verbunden sein mit ihrer Nachbarschaft, den Sportvereinen und den Eltern. Interview: Kristin Kruthaup, dpa

Hintergrund: Wie das Gesetz rechtsextreme Symbolik ahndet

Rechtsextreme demonstrieren ihre Gesinnung gerne in der Öffentlichkeit. Bestimmten Symbolen kommt dabei eine hohe Bedeutung zu, einige von ihnen sanktioniert der Gesetzgeber mit den Paragrafen 86 und 86a des Strafgesetzbuchs. Danach kann das «Verbreiten von Propagandamitteln» wie auch das «Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen» mit bis zu drei Jahren Haft oder einer Geldstrafe geahndet werden.

Für junge Menschen wird Jugendstrafrecht angewandt. Es gilt für Täter von 14 bis 17 Jahren. Für junge Erwachsene, die in ihrer Entwicklung verzögert und Jugendlichen vergleichbar sind, kann ein Gericht auch im Alter bis 20 das Jugendstrafrecht anwenden. Dort steht der Erziehungsgedanke im Vordergrund. Es sieht zunächst Weisungen oder Auflagen vor, die erzieherisch wirken sollen. Das können gemeinnützige Arbeit oder ein sozialer Trainingskurs sein. Diese Sanktionen kommen auch bei Propagandadelikten infrage, insbesondere wenn der Jugendliche erstmals straffällig wird.

Im Fokus der Strafgesetze stehen Zeichen, die für eine Partei oder Vereinigung mit verfassungswidriger Gesinnung typisch sind: wie Fahnen, Abzeichen und Parolen. Zu den bekanntesten verbotenen Symbolen und Grußformen gehören hierzulande das Hakenkreuz und der auf Augenhöhe erhobene gestreckte rechte Arm, der sogenannte Hitlergruß.

Werden im Nationalsozialismus adaptierte und instrumentalisierte Zeichen – wie die aus dem Germanischen stammenden Runen – in ihrer ursprünglichen Bedeutung verwendet, muss dies keine Strafe nach sich ziehen. Unbedenklich ist es, wenn rechtsextreme «Propagandamittel» zur Aufklärung über das NS-Regime eingesetzt werden, der Kunst, Satire oder Wissenschaft dienen.

Der Gesetzgeber hat aber nicht nur das Arsenal der Nazi-Propaganda im Blick: Auch Symbole verbotener islamistischer Organisationen zum Beispiel dürfen in Deutschland nicht verbreitet werden.

Das Jugendstrafrecht gilt für Täter im Alter von 14 bis 17 Jahren. Für junge Erwachsene, die in ihrer Entwicklung verzögert und Jugendlichen vergleichbar sind, kann ein Gericht auch im Alter von 18 bis 20 Jahren das Jugendstrafrecht anwenden. Das Gesetz spricht hier von Heranwachsenden. Im Jugendstrafrecht steht der Erziehungsgedanke im Vordergrund. Es sieht zunächst Weisungen oder Auflagen vor, die erzieherisch auf junge Straffällige einwirken sollen. Das können etwa gemeinnützige Arbeitsstunden oder ein sozialer Trainingskurs sein. Diese Sanktionen kommen auch bei Propagandadelikten infrage, insbesondere wenn der Jugendliche erstmals straffällig wird.

Hakenkreuz im Klassenzimmer: Wie Rechtsextremismus Schulen verunsichert

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18 KOMMENTARE

  1. laut Verfasdungsschutz gab es in Deutschland 2017 rund 9000 Linksextreme mit Gewaltpotenzial (vonn 77 Mio), 12000 Rechtsextreme mit Gewaltpotenzial (von 77 Mio) und 25000 Islamisten mit Gewaltpotenzial (von 5 Mio). Ich hoffe, Herr Borstel kümmert sich auch um die in absoluten Zahlen anderen 3/4 der Extremen. Die mindestens 8-fache Überrepräsentation der Islamisten macht die politische Radikalisierung nicht besser, kommt aber noch erschwerend dazu.

    • Die von Ihnen genannten Zahlen sind – mal wieder – falsch.

      Circa 11.300 Personen bundesweit rechnet der Verfassungsschutz dem Salafismus zu (Stand November 2018). Zur Zahl der gewaltbereiten Salafisten macht das Bundesamt für Verfassungsschutz keine Angaben. In Nordrhein-Westfalen stuft das Landesamt für Verfassungsschutz circa 870 Personen aus der Szene als gewaltbereit ein – bei insgesamt 3.100 Szeneangehörigen in ganz NRW (Stand September 2018). Quelle: https://www.bpb.de/politik/extremismus/radikalisierungspraevention/265409/zahlen-zur-salafistischen-szene-in-deutschland

      Etwa 24.000 Rechtsextremisten zählen die Sicherheitsbehörden in Deutschland, mehr als die Hälfte sei gewaltbereit. Quelle: https://www.t-online.de/nachrichten/deutschland/id_85686496/innenministerium-spricht-von-12-700-gewaltbereiten-neonazis.html

      Nur die geschätzte Zahl der gewaltbereiten Linksextremisten stimmt. Quelle: https://www.verfassungsschutz.de/de/arbeitsfelder/af-linksextremismus/zahlen-und-fakten-linksextremismus/gewaltbereite-linksextremisten-2017

      Sie haben eine seltsame Neigung, das Problem des Rechtsradikalismus kleinzureden. Recht haben Sie allerdings damit, dass Radikalisierungstendenzen unter Jugendlichen nicht isoliert betrachtet werden sollten – die Ursachen, warum sich junge Menschen von Extremisten gewinnen lassen, dürften doch sehr ähnlich sein: mangelnde Perspektive, fehlendes Selbstbewusstsein, schlechte Bildung.

    • Wenn es um Zahlen geht, die polit-ideologische oder auch pädagogische Standpunkte untermauern sollen, traue ich inzwischen keinen Angaben mehr über den Weg. Jeder kann Statistiken und Erhebungen anführen, die seine Meinung bestätigen.
      Ebenso wenig sagen mir noch Bezeichnungen wie “Experte” oder “renommiert”. Auch hier lobt jeder den Menschen, auf den er sich beruft, über den grünen Klee und stellt ihn als über jeden Zweifel erhaben dar.
      Sogar die einst vertrauenswürdigen Bezeichnungen “Wissenschaftler” und “Wissenschaft” haben gelitten durch inflationär viele Studien, die auch noch zu widersprüchlichen Ergebnissen kommen. Jeder kann sich für seine Ansichten die “wissenschaftlichen” Quellen aussuchen, die ihn bestärken und bestätigen.

      • Ein Plädoyer für Ignoranz und Dummheit! So ist das nunmal: Wissenschaft ist kompliziert (wie die Welt) – und liefert nicht immer und nicht immer sofort einfache Antworten.

        Seien Sie mal froh, dass Ihr Arzt nicht genauso denkt.

      • @Stephan
        Sie misstrauen also den offiziellen Zahlen des Bundesverfassungsschutz ?
        Stellen Sie also auch dessen Kompetenz und Wissen um die Erfassung der Mitglieder radikaler Vereinigungen und deren Gewaltbereitschaft in Frage?
        Misstrauen Sie also einem Instrumentarium der parlamentarischen Grundordnung, das sich mit der Erfassung dieser Personenkreise beschäftigt ?
        Was ist wohl ihr Motiv ?
        Die offiziellen Zahlen des Verfassungsschutzes zum Extremismus sind doch für jedermann im Internet zugänglich und nachlesbar.
        Derartige rhetorischen Ablenkungsmanöver sind in ihren Zielen und der Motivationslage als Ablenkungsmanöver erkennbar.
        Gefühle wie auch immer geartet, gehören in eine zwischenmenschliche Beziehung, nicht aber in eine Stellungnahme zum Verfassungsschutzbericht.
        @XXX
        Die von Ihnen genannte Zahlen zu gewaltbereiten Salafisten sind schlicht falsch, weil der Verfassungsschutz andere und deutlich niedrigere Zahlen nennt.
        Man kann sich aber die Frage stellen, warum Sie derartige falsch hochgegriffenen Zahlen nennen, denn damit wird man dem Problem nicht gerecht, sondern man schürt damit bewusst Ängste in einer nicht informierten Bevölkerung vor unbekannten, nun aber vermeintlich gewaltbereiten Fremden.
        Sicherlich ist es nicht sehr angenehm mit Salafisten sich in einen kritischen Diskurs zu begeben. Es macht auch gar keinen Sinn sich mit derartigen Leute zu unterhalten, oder diese hier integrieren zu wollen, da diese ihre Auslegung des Koran höher einstufen als die Freiheiten, die ihnen unsere freiheitliche Grundordnung bietet.
        Man kann diese Leute auch motivieren, in die Golfstaaten zu ziehen, damit sie unsere “verderbtes freies Leben ” nicht ständig ertragen müssen.

          • Der Anteil der gewaltbereiten islamistischen Mitglieder ist gar nicht in der Tabelle erfasst. Es handelt sich lediglich um die Mitgliederzahlen.
            Sie werden aber bei Tabellen der erfassten Links- und Rechtsextremisten Angaben zu den gewaltbereiten Extremisten finden.
            Das Positive ist eben, dass sich diese Szene im Moment ruhig verhält, weshalb es besser ist, wenn man sich von derartigen Mitbürgern verabschiedet.

          • Unten steht dann noch, dass das Personenpotential der Islamisten bei 25.800 liegt, und das ist die von ihnen im ersten Kommentar aufgeführte Zahl.
            Diese Personen alle zu überwachen wäre sehr aufwendig, teuer und vom Personalaufwand gar nicht zu erbringen.
            Man kann aber diese extremistischen Gemeinden schließen, ihre Einpeitscher und Hassprediger ausweisen , denn schließlich sind Flugreisen in die Türkei und auf die arabische Halbinsel deutlich günstiger.
            Erdogan hat die ihm genehmen syrischen Salafisten ebenso wie die guten Fachkräfte und Handwerker schon mit Pässen ausgestattet, damit diese eben den Arbeitskräftemangel an gut ausgebildeten Fachkräften beheben und nebenbei auch sein Wählerpotential vergrößern.

    • Ich habe den Artikel erst jetzt gelesen, und so sieht man wieder, wie man durch entsprechende Kommentarschreiber instrumentalisiert wurde, um vom Hauptthema des Artikels abzuweichen.

      • Da gebe ich Ihnen recht. Mich hat es aber mal wieder gestört, dass es neben dem Rechtsextremismus auch noch andere Arten von Extremismus gibt, die entweder übersehen (links) oder geduldet (Religionen außer Christentum) werden.

        • Bei den salafistisch orientierten Männern dieser religiösen Sekte der Weltreligion, findet durch den ständigen Bezug zu den Deutungen der altvorderen Nachfolger des Religionsgründers, denn diese schrieben dieses Buch, eine ständige Selbstindoktrination statt.
          Man deutet deren schriftliche Umsetzungen als Originalschrift Gottes aus dessen eigener Hand. Deshalb sehen sie dieses Gesamtwerk als unfehlbar in ihrer Deutungshoheit an.
          Und so findet man jetzt wieder vermehrt überall am Arbeitsplatz dessen seitenlang ausgedruckten schriftliche Urtexte in dieser linksgerichteten Schreibschrift, die der sich ständig selbst indoktrinierende Gläubige immer wieder rezitierend und vorlesend dann aneignet, um diese dann den Gläubigen vorzutragen. Das kann zuweilen sehr störend und nervtötend sein.
          Alles widersprechende Wissen wird ausgeklammert und abgelehnt.
          Viel Spaß beim Biologieunterricht, bei Philosophie und im Musikunterricht mit derartigen Eltern. Die Kinder werden sowieso nur dem in der selbst erwählten Gleitzeit lebenden Vater zur Schule oder in den Kindergarten gebracht, da die Ehefrau nie alleine nach draußen geht, weil die Nikab zu unangenehmen Reaktionen der ansässigen Bevölkerung führt.
          Und so wird dieses Leben zu einem selbstgewählten Gefängnis in einer selbst gewählten Unfreiheit, in der ein aufgeklärtes Denken keinen Platz hat, eine selbst auferlegte Abgrenzung zu einer verachteten Umwelt in Deutschland stattfindet, einer als gottlos wahrgenommenen und feindlich gesinnten Umwelt.
          Aus derartigen Familienverhältnissen und Parallelgesellschaften können sich bei entsprechendem beruflichen und sozialen Misserfolg Radikalisierungen der nachfolgenden Generationen ergeben.

        • Sie haben sich in Bezug auf den Islam verrannt.
          Diesen mit einer extremistischen Bewegung von links oder rechts gleichzusetzen verbietet sich schon deshalb, weil er sich nicht gegen das Christen- oder Judentum richtet, eine Orientierung für das menschliche Miteinander nach gemeinsamen Regeln vorsieht und nicht auf die Zersetzung von gesellschaftlichen Strukturen anderer Kulturen ausgerichtet ist.
          Historisch gesehen war beispielsweise unter der arabischen Herrschaft auf der spanischen Halbinsel ein tolerantes Miteinander der Religionen die Regel, während nach der Vertreibung der Araber Juden und Moslems das Land verlassen mussten.
          Der Salafismus bildet bezogen auf alle Moslems nur eine sehr kleine Minderheit in Europa ab.

    • Der Artikel arbeitet durch die Dialogform ganz gut heraus, wie man mit dem bewusst oder unbewusstem Fehlverhalten Heranwachsender beim verwenden nationalsozialistischer Gesten und Symbole umgehen sollte. Unter den Tisch kehren und ignorieren ist auf jeden Fall falsch. Da muss von Seiten der Gesellschaft interveniert werden.

  2. Zitat: “Schule könnte ein Ort sein, um Frühradikalisierung zu erkennen.”
    Sollte laut Amadeu-Antonio-Stiftung nicht sogar schon in der Kita nach früh rechtsradikalisierten Kindern Ausschau gehalten werden?

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