Hochschulrektoren-Präsident sieht drastische Verschlechterung der Studierfähigkeit – und macht Digitalisierung dafür verantwortlich

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BERLIN. Der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, Peter-André Alt, stellt große Defizite bei Abiturienten fest. „Es gibt gravierende Mängel, was die Studierfähigkeit zahlreicher Abiturienten angeht“, sagte er dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. „Wir leben in der Fiktion, dass mit dem Abitur die Voraussetzungen für das Studium erfüllt sind. Die Realität zeigt: Viel zu oft stimmt das nicht.“ Alt macht vor allem eines für die Entwicklung verantwortlich: die Digitalisierung.

Prof. Peter-André Alt sieht eine erhebliche Verschlechterung der Studierfähigkeit innerhalb der vergangenen fünf Jahre: Foto: David Ausserhofer – Hochschulrektorenkonferenz / Wikimedia Commons (CC BY-SA 4.0)

Das gelte insbesondere für die Fächer, in denen Mathematik die Grundlage ist. «Die Studienanfänger erfüllen die Voraussetzungen deutlich schlechter als früher.» Aber auch in Sachen Textverständnis und Schreibfähigkeiten gebe es kritische Rückmeldungen aus den Hochschulen. „Selbst Literaturwissenschaftler sagen: Es wird immer schwieriger, die jungen Menschen in den Seminaren zum Lesen zu bringen. Längere Texte zu lesen und zu schreiben falle den Studierenden schwerer.“ Es habe offenbar eine erhebliche Verschlechterung innerhalb der vergangenen fünf Jahre gegeben.

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Was ist in diesem Zeitraum passiert? Laut Alt zeigen sich hier die Folgen einer im Alltag und im Berufsleben explodierenden Digitalisierung. „Auch die meisten Erwachsenen merken, dass sich in Zeiten der Digitalisierung ihre Lesegewohnheiten verändert haben. Es werden heute im Alltag vermutlich sogar mehr Texte gelesen als früher, aber sie werden vom Einzelnen oft nur noch selektiv durchgescannt. Wie oft lesen wir wirklich noch einen Text vom Anfang bis zum Ende? Junge Menschen, die mit einer solchen Lesekultur aufwachsen, tun sich schwerer, sich auf einen Text zu konzentrieren“, sagt der Professor für Literaturwissenschaft – und fordert ein Gegensteuern.

“Dazu müssen wir die Schüler zwingen”

Alt wörtlich: „Es ist pädagogisch wichtig, darauf zu bestehen, dass das Handy auch mal für längere Zeit ausgeschaltet ist. Junge Menschen sind heute sicherlich besser fähig, mehrere Dinge nebeneinander zu tun, als wir es je waren. Das finde ich gut. Aber jeder sollte sich auch intensiv und ohne Ablenkung auf eine Sache konzentrieren können, ob beim Lesen oder auch in der Mathematik. Dazu müssen wir die Schüler zwingen. Oder, freundlich ausgedrückt: Wir sollten ihnen die Chance dazu geben.“

Ein weiterer Grund für den von ihm beschriebenen Niveauverlust ist der ungebrochene Ansturm auf das Gymnasium. „Es wäre naiv zu glauben, es würde sich nichts dadurch ändern, dass bald die Hälfte eines Jahrgangs Abitur macht“, meint Alt.

Eine Konsequenz der Entwicklung: Es müsse ein Debatte darüber geführt werden, wie die Bildung aussehen soll, die die Schulen vermitteln. Alt übte in diesem Zusammenhang Kritik am Konzept der Kompetenzorientierung, wie es PISA-Chef Andreas Schleicher vertritt. „Das klingt beim ersten Hören überzeugend, aber ganz so einfach ist es nicht“, meint Alt. „Studiengänge bauen gerade in der Bachelor-Phase auf Wissen auf, das die Studierenden aus der Schule mitbringen sollten. Und: Die Studierenden brauchen zwingend die Fähigkeit, Faktenwissen auch in großen Mengen auswendig zu lernen. Anders geht es in Naturwissenschaften, in der Medizin, in Jura, aber auch in den Geschichtswissenschaften gar nicht. Das Wissen ist wie ein Rohbau, auf dem das restliche Gebäude errichtet wird. Wenn es zu viele Lücken gibt, fehlt es an den Grundlagen. Daran scheitern viele.“

“Die Reproduktion von Fachwissen verliert an Bedeutung”

Schleicher hatte im Interview mit News4teachers zur Zukunft der Bildung in Zeiten der Digitalisierung erklärt: „Das Wissen wird weiterhin von Bedeutung bleiben. Aber auch hier sehen wir eine Verschiebung. Die Reproduktion von Fachwissen verliert ganz klar an Bedeutung. Das kann Google besser und schneller. Wichtiger wird ein epistemisches Verständnis: Kann ich denken wie ein Mathematiker? Kann ich denken wie ein Naturwissenschaftler? Kann ich denken wie ein Historiker? Wenn wir zum Beispiel an die Geschichte denken: Im Zeitalter der Digitalisierung macht es wenig Sinn, sich Namen oder Plätze zu merken. Denn das ist im Grunde totes Wissen. Wichtiger ist: Kann ich erkennen, wie sich das Narrativ der Gesellschaft entwickelt hat? Warum hat es sich so entwickelt? Kann ich die historischen Prozesse verstehen? Übertragen auf die Naturwissenschaften heißt das: Kann  ich ein Experiment konzipieren? Oder Grundsätzlicher: Kann ich unterscheiden zwischen Erkenntnissen, die man wissenschaftlich verstehen kann und Behauptungen, an die man glauben muss. Ich denke, dass ist das Entscheidende. Nicht das Anhäufen von Fachwissen, sondern die Kenntnis der Strukturen.“ News4teachers / mit Material der dpa

Hier geht es zum vollständigen Interview mit Prof. Peter-André Alt.

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.

Schleicher im Interview: “Eine Technologie des 21. Jahrhunderts passt nicht mit einer Pädagogik aus dem 20. Jahrhundert zusammen”

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7 KOMMENTARE

  1. Ich denke zwar auch das die Medien / Handy eine große Rolle spielen, doch ich sehe auch, das im G8 das Bulimie-Lernen inzwischen extrem ist. Vieles wird nicht vertieft und es wird von Teenagern (wer einen zu Hause hat weiß was ich me8ne) erwartet dass sie sich Lernstoffe vollständig selbstständig beibringen, als wären sie bereits Studenten. Mir fehlen im Gymnasium Menschen / Lehrer, die tatsächlich Wissen so aufbereiten, dass auch Teenager mitgerissen werden. (Es gibt sie und gab sie, doch leider viel zu wenige)

    • Nennen Sie mir eine Lehrkraft, die ihren Schülern sagt: Lernt bloß nicht im Voraus, lernt alles am letzten Tag!!! Ich kann dieses Gerede vom Bulimie-Lernen nicht mehr hören. Das Problem ist, dass in einer Klasse nur noch höchstens die Hälfte ihre Hausaufgaben gewissenhaft erledigt, damit fehlt es an Übungszeit mit allen sich daraus ergebenden Folgen.
      Müssen Teenager immer mitgerissen werden??? Wenn man die bocklosesten dieser Teenager fragt, welche Hobbies sie haben, dann kommt meist nur chillen. Solche Teenager werden also nicht mal von Hobbies mitgerissen, wie soll das dann in der Schule funkionieren?

  2. deutschlandfunk.de, 18.06.2019

    Deutscher Lehrerverband
    Forschung soll klären, welche Bundesländer und welche Schulformen die besseren Studierenden ausbilden
    Gymnasium, Gesamtschule, Stadtteilschule: Viele Wege führen zum Abiturzeugnis

    Seit jeher wird darüber gestritten, ob Bayern die besseren Abiturienten ausbildet oder Gymnasien tatsächlich Gesamtschulen qualitativ überlegen sind.

    Der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Meidinger, fordert nun mehr Transparenz über die unterschiedlichen Wege zum Abitur. Meidinger sagte im Deutschlandfunk, es müsse untersucht werden, welche Auswirkungen auf den Studienerfolg es habe, in welchem Bundesland oder welcher Schulart jemand Abitur mache. Dazu hätten die Hochschulen genug statistisches Material. Oft würden aber Datenschutzgründe vorgeschoben.

    Meidinger reagierte damit auf ein Interview des Präsidenten der Hochschulrektorenkonferenz, Alt mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Alt hatte vielen Abtiturienten gravierende Mängel bei der Studierfähigkeit attestiert. Meidinger hält Alts Kritik für berechtigt und macht für die Probleme unter anderem die mangelnde Vergleichbarkeit des Abiturs verantwortlich. Genau dazu gebe es aber zu wenige Studien.

    Der Lehrerpräsident forderte außerdem strengere Maßstäbe. Eine „1“ im Abitur dürfe es nur bei einer „wirklich auch sehr guten Leistung“ geben, so Meidinger. Stattdessen hätten manche Bundesländer bald im Durchschnitt aller Abiturienten eine eins vor dem Komma. Und Schulen würden für ihre Durchfallquoten kritisiert. Das dürfe nicht sein.

  3. Da zeigt sich doch, dass der Professor eine sehr eingeschränkte Sichtweise auf die Problematik hat und damit die Realität verklärt. Die Digitalisierung für etwas Verantwortlich zu machen, was schon viel früher begonnen hat, trifft nicht den Kern des Problems. Seit fast 30 Jahren ist zu beobachten, dass die Lehrpläne in den Regelschulen und Gymnasien immer weiter ausgedünnt werden und die Anforderungen gesenkt werden, damit man den Anforderungen der guten Notendurchschnitte gerecht wird. Dadurch kommt mit dem Abi ein Ergebnis zustande, welches weit weg ist von der Studier- und Ausbildungsfähigkeit. Aber bitte keine Diskussion zur Digitalisierung oder zu G8/G9. Bitte beachten, dass es Bundesländer gibt, die nie ein G9 hatten und mit an der Spitze im Deutschlandranking stehen. Die Lernfähigkeit der Schüler steigt mit den Anforderungen, senkt man diese, nimmt die Lernfähigkeit ab. Dies ist wie im Sport – ohne Training keine Leistung. Ein ganz großes Problem und mit ein Hauptgrund für diese Entwicklung ist die immer stärkere Einflussnahme der Eltern, die gegen jedes und alles vorgehen aber entweder die Kinder vernachlässigen oder selbst zu sehr belasten mit 5 oder mehr AGs…

  4. Es gibt eine Interview mit einem Hochschulrektoren-Präsidenten von 1953, der bescheinigte auch bereit damals, dass 30% der Abiturienten nicht studierfähig waren.

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