Schulpraktiker zu Lernvideos im Unterricht: „Ihr Potenzial wird echt noch unterschätzt“

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DÜSSELDORF. Seit rund vier Jahren setzen die Lehrerinnen und Lehrer der Oberschule Habenhausen, Bremen, Lernvideos im Unterricht ein. Zuerst nutzten sie dafür die Videoplattform Youtube, seit dem Schuljahr 2018/2019 ermöglicht ihnen zudem eine Kooperation zwischen dem Bundesland Bremen und dem Berliner Unternehmen sofatutor, die Erklär- und Übungsvideos der Online-Lernplattform zu nutzen (News4teachers berichtete). André Sonnenburg, didaktischer Leiter und stellvertretender Schulleiter der Oberschule, ist überzeugt: Lernvideos bereichern den Unterricht.

Die 5c der Oberschule Habenhausen präsentiert ihre Arbeit mit Tablets. Foto: Pressereferat, Die Senatorin für Kinder und Bildung Bremen

News4teachers: Lernvideos haben sich an Ihrer Schule als gängiges Unterrichtsmittel durchgesetzt. Welche Vorteile bieten sie?

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André Sonnenburg: Die sind ganz vielschichtig. Ich kann zum Beispiel im Sinne des Flipped Classroom-Managements meinen Unterrichtseinstieg nach Hause verlagern, sodass die Schüler entsprechend vorbereitet in die Schule kommen und ich mich direkt auf das konzentrieren kann, was wirklich wichtig ist. Die Schüler können sofort mit entsprechenden Übungen beginnen und ich kann sie dabei beraten und begleiten. Ich kann sie auch im Unterricht zur Differenzierung einsetzen und durch unterschiedliche Niveaus, unterschiedliche Themen den Schülern passgenau das bieten, was sie brauchen – und zwar mit relativ wenig Aufwand.

Differenzierung ist ja gerade in Bremen in der Oberschule unheimlich wichtig. Und mithilfe von Lernvideos habe ich eben die Möglichkeit, wirklich gut zu differenzieren und den Schülern auch relativ schnell unterschiedliches Material zur Verfügung zu stellen. Die Schüler können zudem zu Hause auf die Lernvideos zugreifen und dadurch bei Bedarf genau das wiederholen, was sie vor vier, fünf Unterrichtsstunden gemacht haben. Dabei sind sie dann nicht nur von ihren Aufzeichnungen abhängig.

Im Kollegium hat sich ganz schnell herumgesprochen, dass Lernvideos eine große Bereicherung sein können – nicht nur für die Lehrer im Unterricht selber, sondern, wie schon gesagt, auch für die Schüler zu Hause. Sie sind im Prinzip ein kostenloser Nachhilfelehrer, mit dem Vorteil, dass der exakte Unterrichtsstoff noch mal auf dem Schreibtisch liegt. Das ist eine ganz große Bereicherung. Also das Gesamtpaket ist sehr vielfältig. Lernvideos lassen sich wirklich sehr gewinnbringend einsetzen. Aber ich glaube tatsächlich, dass ihr Potenzial echt noch unterschätzt wird.

sofatutor

Geprüfte Erklärvideos und Übungen für Ihren Unterricht?
Gibt es auf sofatutor.com

sofatutor.com ist eine Online-Lernplattform für Schülerinnen und Schüler von der 1. Klasse bis zum Abschluss. Die Lerninhalte werden durch qualitätsgeprüfte Erklär- und Übungsvideos vermittelt und durch interaktive Übungen sowie Arbeitsblätter zum Ausdrucken gefestigt. Die Lernvideos fassen die jeweiligen Lerninhalte prägnant zusammen und orientieren sich an den aktuellen Lehrplänen der Bundesländer. Insgesamt stehen den Nutzerinnen und Nutzern über 12.500 werbefreie Lernvideos in 13 Fächern zur Verfügung.

Das Berliner Unternehmen arbeitet eng mit Schulen, Landesinstituten und Ministerien zusammen, um den pädagogisch sinnvollen Einsatz digitaler Medien in der Schule zu fördern. So wird sofatutor bereits bundesweit von zahlreichen Lehrerinnen und Lehrern sowie Schulklassen im Unterricht eingesetzt. Im Bundesland Bremen haben beispielsweise, im Rahmen einer Kooperation mit der Senatorin für Kinder und Bildung, alle Schulen jederzeit Zugriff auf die Inhalte der Online-Lernplattform. Insgesamt hat die Plattform in Deutschland, Österreich und der Schweiz bereits über 320.000 Nutzerinnen und Nutzer.

Weitere Informationen unter: www.sofatutor.com

News4teachers: Was war zu Beginn die größte Herausforderung?

Sonnenburg: Als wir angefangen haben, Lernvideos vermehrt im Unterricht einzusetzen, konnten wir ein ganz interessantes Phänomen beobachten: Wir mussten den Schülern erst einmal beibringen, wie sie mit ihnen lernen können. Sie kannten zwar diese lustigen Videos, die sie sich per WhatsApp und so weiter hin- und hergeschickt haben, und die sie sich so oft angeschaut haben, wie sie Interesse daran hatten, aber dass sie auch ein Lernvideo an einer bestimmten Stelle anhalten, es noch mal anschauen, im Video hin- und herspringen können, mussten wir ihnen erst vermitteln. Dieser Erkenntnisgewinn war für sie gar nicht trivial – das fand ich ganz interessant.

News4teachers: Seit dem aktuellen Schuljahr können sie die Lernmaterialien der Online-Lernplattform Sofatutor nutzen, darunter über 12.500 Lernvideos. Wie hat sich dadurch der Einsatz von Lernvideos in Ihrem Unterricht verändert?

Sonnenburg: Zum einen ist da die Gewissheit, dass die inhaltliche Qualität stimmt. Die Schüler, die über itslearning (die Lernmanagement-Plattform für Bremer Schulen, Anm. d. Red.) auch auf das Material zugreifen können, können sich dort austoben und – zum Beispiel wenn sie ein Referat vorbereiten müssen – das passende heraussuchen. Ich kann mich darauf verlassen, dass die Kinder die Inhalte anwenden können, also, dass die Fachsprache stimmt, dass die Aufarbeitung altersgerecht ist. Das habe ich bei einem YouTube-Video nicht. Wenn die Kinder selbstständig nach Inhalten auf der Videoplattform suchen, kann es sein, dass sie ein sehr gutes Video finden, aber es kann auch sein, dass es ein Video aus Bayern ist, das teilweise eine andere Fachsprache nutzt und die Schüler dann verwirrt, oder dass es inhaltlich sogar falsch ist.

News4teachers: Ab welcher Altersstufe lassen sich denn Lernvideos sinnvoll im Unterricht einsetzen?

Sonnenburg: Wir nutzen sie ab der fünften Klasse – und das funktioniert problemlos. Mein Sohn ist in der zweiten Klasse, der schaut sich auch schon das eine oder andere Video an – sofatutor bietet ja Material von der ersten bis zur 13. Klasse – und der liebt das. Meiner Meinung nach lassen sich die Materialien von der eins bis zur 13 komplett einsetzen.

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers kommentiert.

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6 KOMMENTARE

  1. Warum nur steht Bremen ganz weit unten im Ranking der Bundesländer? Dieser Artikel lässt die Antwort erahnen…

    • @Küstenfuchs Intelligente Kommentare, die nicht vor Borniertheit triefen, erfreuen das Herz der Leser. Schade, hier wurde diese Gelegenheit verpasst.

      • Der Punkt ist doch der: In dem ganzen Interview erscheint nicht ein einziger Schwachpunkt der Methode, alles ist großartig, “passgenau” und “funktioniert problemlos”. Das ist dermaßen unglaubwürdig, dass man solchen Leuten nicht vertrauen kann. Wer so wenig selbstkritisch mit seinen Methoden umgeht – zumal wenn sie neu sind – kann nicht erfolgreich sein.

        Nebenbei: Das bedeutet in meinen Augen nicht, dass Lernvideos nicht auch eine gute Ergänzung zum Unterricht sein können und auch sollten, aber wer diese Jubelorgie nicht verdächtig findet, ist schlicht zu unkritisch. Ich vermute eher, dass schlechte Schülerleistungen mal wieder mit einem neuen Hype kaschiert werden sollen.

      • @Nele: Haben Sie sich mal Lernvideos angesehen? Aufgrund ihrer Kürze — länger als 5-10 Minuten können sich viele Kinder nicht mehr konzentrieren und mit zwei kurzen Videos verdient man mehr Geld auf YouTube als mit einem langen Video — sind sie gerade im literarischen Bereich meist oberflächlich. Im mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich sind es oft irgendwelche Menschen, die irgendwelche Aufgaben an einer Tafel im Frontalunterricht vorrechnen. Einziger Vorteil ist, dass man pausieren und zurückspulen kann. Über den Anforderungsbereich 1-1,5 geht das aber kaum hinaus. Von durch Schüler selbst erstellte Lernvideos halte ich noch weniger als von durch Schüler selbst erstellte Referate, weil in ersteren noch mehr Effekte untergebracht werden können, die vom kaum vorhandenen Inhalt ablenken. Bei entsprechend gestalteten Schulkonzepten machen aber auch inhaltsarme Videos viel her und sind gut für die Außenwirkung.

    • Nichtsdestotrotz möchte ich in Zukunft Lernvideos in meinem Unterricht einsetzen. Dazu benötige ich aber zunächst einmal die nötigen technischen Geräte – die mir sicher die Schule stellen wird.

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