Die Vielfalt der Welt früh entdecken: Warum Bilderbücher sooo wichtig sind!

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BREMEN. Bilderbücher mit drastischen Erziehungsbotschaften á la Struwwelpeter sind out. «Welten öffnen, Grenzen überspringen, Mut machen, stärken, unterhalten» – dazu wollen Bilderbücher heute anregen. Ein Bremer Institut nimmt das Genre unter die Lupe.

Bilderbücher machen Kinder früh mit dem Medium Buch vertraut – und motivieren so zum späteren Lesenlernen. Foto: Shutterstock

Hunderte Bücher stapeln sich in den Regalen. «Tod und Krankheit», «Abenteuer», «Angst», «Philosophieren» sind nur einige der Themenbereiche, in die sich die meist dünnen, aber sehr bunten Bücher mit Titeln wie «Ho Ruck!», «Der Besuch vom kleinen Tod» oder «Begel, der Egel» ordnen. «Die Bücher, die wir hier haben, sind Bücher, die Welten öffnen», sagt Elisa Hollerweger, die das Bremer Institut für Bilderbuchforschung (BIBF) leitet. Leser sind Erwachsene und Kinder – im günstigsten Falle beide gemeinsam, denn Bilderbuch-Lesen geht oft am besten im Dialog.

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Bücher mit Bildern haben eine lange Tradition. Der «Orbis sensualium pictus» («Die sichtbare Welt») des Theologen Johann Amos Comenius war schon im 17. Jahrhundert im Umlauf. «Aber das war eher ein Anschauungs- und Schulbuch – also ein Wort, ein Bild, und sehr religiös geprägt», sagt Hollerweger, die Lektorin für Literaturdidaktik an der Universität Bremen ist, zu der das Institut am Fachbereich Erziehungs- und Bildungswissenschaften gehört.

Hilfe und Angebot für Schulen und Kitas

Auch der Struwwelpeter von Heinrich Hoffmann aus dem Jahr 1844 hat mit heutigen Erziehungserkenntnissen und -methoden wenig bis nichts gemein. «Das Buch hatte die klare Erziehungsfunktion, Fehlverhalten und potenzielle Strafen aufzuzeigen. Ein sehr eingeschränkter Fokus», betont die Dozentin. Allerdings gibt es auch heute noch drastische Geschichten, wenn etwa in einem Bilderbuch die wild radelnde kleine Protagonistin von einem Laster «plattgemacht» und dann inklusive Fahrrad begraben wird – all das aber mit ziemlich viel Sprachkomik und Bildwitz.

Das Bremer Institut, das mit dem Projekt «Vorlesen in Familien» der Phantastischen Bibliothek in Wetzlar jährlich den «Huckepack»-Preis verleiht, versteht sich auch als Hilfe und Angebot für Schulen und Kitas. Studenten suchen sich im Rahmen ihres Studiums Bücher aus und gestalten mit Lehrern und Klassen Projektarbeiten. «Der Schwerpunkt der Bücher ist vielleicht heute nicht mehr der mahnende Zeigefinger. Die Vielfalt der Welt wird abgebildet», sagt Mats Pieper (22) der an der Uni Grundschullehramt studiert und im Institut für die Sichtung der Verlagskataloge zuständig ist.

Vielfalt ist auch für Constanze von Kitzing ein zentrales Thema. Die Kölner Illustratorin hat schon über 40 Bilderbücher gemacht. «Meist mit sehr starken Botschaften», sagt sie. Gleich welche Hautfarbe die Protagonisten haben oder wo sie herkommen, ob sie im Rollstuhl sitzen, Links- oder Rechtshänder sind – die 38-Jährige versucht in ihren Büchern Unterschiede als Selbstverständlichkeit im Alltag zu erzählen: «Im Prinzip sind alle Kinder auf ihre Art anders und einzigartig und das ist genau gut so.»

Das Bilderbuch ist wirtschaftlich seit Jahren auf Wachstumskurs

In Deutschland empfindet sie Kinderbücher oft als vergleichsweise vorsichtig, etwas brav und manchmal ängstlich. In Spanien oder Frankreich seien Kinderbücher viel wilder und abstrakter: «Ich habe das Gefühl, dass wir Kinder fordern und ihnen was zutrauen können.» Dass ein Bild mehr als tausend Worte sagt, ist ein Sprichwort, das für die ganz jungen Leser besonders zutrifft.

In der Warengruppe Kinder- und Jugendbuch ist das Bilderbuch seit Jahren auf Wachstumskurs. Nach dem «Kinderbuch bis 11 Jahre» hatte das Bilderbuch nach Angaben des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels 2018 mit 22,8 Prozent den zweitgrößten Umsatzanteil innerhalb der Gruppe. Aber auch wenn sich das Gros der Bilderbücher an diese Zielgruppe wendet, handelt es sich nicht immer automatisch um Kinderbücher.

Diese Vorstellung aus dem 19. Jahrhundert habe sich eigentlich seit den 1990er Jahren deutlich verändert, seit die Technik eine viel höhere Abbildungsqualität im Druck zu bezahlbaren Preisen ermögliche, sagt Sarah Wildeisen, die Mitglied der Sonderpreisjury für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2019 ist. «Seitdem gibt es immer mehr Bilderbücher, bei denen es eigentlich nicht so klar ist, ob sie ein festes Zielpublikum vor Augen haben.» Einige Autoren und Illustratoren sähen in Bilderbüchern eine ganz eigene Kunstform.

“Das Bild wird zu einem dominanten Kommunikationsmedium”

Bei der Frankfurter Buchmesse wird am 18. Oktober der Deutsche Jugendliteraturpreis in unterschiedlichen Sparten vergeben, auch wieder für Bilderbücher. Zudem entscheidet die Jury des Sonderpreises «Neue Talente» über eine Auszeichnung für Illustratoren. Dem Bild komme in der Kinderliteratur eine wachsende Rolle zu, beobachtet Kunsthistorikern Wildeisen. «Aber das können wir eigentlich für die ganze Gesellschaft sagen. Das Bild wird eben zu einem dominanten Kommunikationsmedium.» Von Helmut Reuter, dpa

Hier geht’s zum Bremer Institut für Bilderbuchforschung (BIBF).

Internationaler Trend: Realität findet sich immer aktueller in Kinderbüchern wieder

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