“Unpassend”: Kultusminister entschuldigt sich vor Schulleitern für seine Schulbehörde

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CELLE. Die Klage der Schulleiter über Überlastung bleibt nicht unerhört – in Niedersachsen jedenfalls nicht. Der dortige Kultusminister Tonne will zumindest Grundschulleiter entlasten und weitere Lehrer einstellen. Für die Schulleiter hatte er bei deren Verbandstagung auch eine Entschuldigung dabei – für eine “unpassende” Mail seiner Schulbehörde. Zuvor war die von Schulleitungen wegen fehlender Wertschätzung kritisiert worden.

Dass sich ein Kultusminister für seine Schulbehörde entschuldigt, kommt auch nicht alle Tage vor: Niedersachsens Kultusminister Grant Hendrik Tonne. Foto: Foto-AG Melle, derivative work Lämpel – Own work / WIkimedia Commons / CC BY 3.0

Für den Kultusminister gab es zwar eine bunte Torte, doch die alljährliche Herbsttagung der Schulleiter in Celle war erneut kein Zuckerschlecken für Grant Hendrik Tonne (SPD). Auf ihn prasselten am Mittwoch massive Klagen über Überlastung und fehlende Wertschätzung ein. Tonne sagte den Schulleitern schnelle Unterstützung zu, zunächst solle die Unterrichtsbelastung von Grundschulleitern verringert werden. Mangelndes Vertrauen der Behörde, wie es der Verband beklagte, dürfe es nicht geben. «Das ist eine Fehlentwicklung und die gilt es aufzuhalten», sagte Tonne.

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Gängelei, Misstrauen und Argwohn in der Schulbehörde?

Ein Wust von Aufgaben habe die Behörde auf die Schulleiterinnen und Schulleiter übertragen, klagte die Geschäftsführerin des Verbandes, Katharina Badenhop. Außerdem gebe es Gängelei, Misstrauen und Argwohn seitens der Behörde. «Es fehlt eine Anerkennung guter Arbeit.» Die Lage treibe etliche Schulleiter in den Burnout.

Administrative Aufgaben müssten wieder von der Landesschulbehörde übernommen werden. «Unsere Arbeitsbedingungen müssen kurzfristig den hohen Anforderungen gerecht werden.» Schulleiter hätten die Stundenpläne bereits geschrieben gehabt, als die Behörde Lehrer zur Vertretung an andere Schulen schickte, sagte Vize-Verbandschefin Andrea Kunkel. «Fürsorgepflicht sieht anders aus.»

Forderung: Schulleitung soll ein eigenständiges Berufsbild werden

Mit der bunten Torte, die in Celle auch auf die Leinwand hinter dem Rednerpult projiziert wurde, illustrierte der Verband seine Forderung nach einem eigenständigen Berufsbild des Schulleiters mit besserer Qualifizierung und besseren Rahmenbedingungen. Der Kultusminister griff diese Forderung auf. Bis zum Sommer werde ein Berufsbild für Schulleitungen erarbeitet, das die besonderen Herausforderungen hervorheben soll. Im zweiten Halbjahr dieses Schuljahrs sollten 1350 neue Lehrerstellen ausgeschrieben werden. Unter dem Strich könnten dadurch 500 Lehrerinnen und Lehrer mehr eingestellt werden als altersbedingt ausscheiden.

Bei weitem nicht an allen Schulen sei die Lage akzeptabel, räumte Tonne vor den mehr als 300 in Celle zusammengekommenen Schulleitern ein. Insbesondere an Haupt-, Real- und Oberschulen im ländlichen Raum gebe es einen spürbaren Bewerbermangel. Und auch der Ton zwischen Lehrern und Schulbehörde sei nicht immer angemessen, waren sich die Pädagogen und Tonne einig. Einer der Direktoren zitierte in einer Diskussionsrunde aus einer Mail der Schulbehörde, die auch Tonne als «in Wortwahl und Form unpassend» bezeichnete. «Das tut mir leid.»

Tonne stärkt Schulen den Rücken – gegen das AfD-“Meldeportal”

Den größten Applaus erhielt der Kultusminister, als er den Schulen bei ihrem Einsatz gegen Rassismus und Populismus und für Demokratie den Rücken stärkte. «Wir erleben im Moment offene Versuche der Einschüchterung und der Beschneidung der Meinungsfreiheit», sagte Tonne. Schulen, die sich für Menschenrechte und gegen Rassismus einsetzten, würden auf unverschämte Weise angegangen. «Sie haben alles richtig gemacht», sagte Tonne an die Adresse einzelner Schulen. Die Schulen seien ein Bollwerk gegen Demokratieverdrossenheit.

Schon zu Beginn der Schulleitertagung hatte die Vizevorsitzende Kunkel sich bei Tonne für dessen Unterstützung bedankt. «Herr Minister, Sie stärken uns in der Auseinandersetzung mit der AfD ausdrücklich den Rücken. Wir werden diese Unterstützung weiter brauchen und zählen auf Sie.» Tonne hatte das von der AfD eingerichtete Meldeportal für Lehrer, die angeblich im Unterricht gegen das Neutralitätsgebot verstoßen, einige Male kritisiert. In Wahrheit wolle die AfD Zensur ausüben – aber das werde man nicht zulassen. Von Michael Evers, dpa

“Näher ran an Schulleitungen und Lehrkräfte”: Tonne köpft die Schulaufsicht

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4 KOMMENTARE

  1. Und wieder bleibt der Lehrkräftemangel an Grundschulen unerwähnt, obwohl der Minister neulich erst zur Kenntnis genommen hat, dass die Geburtenzahlen gestiegen und diese Kinder in weniger als 6 Jahren in die Grundschulen kommen werden, dass es bis 2025 eng bleiben wird.

    Hinzu kommt die Rückkehr zu G9, die im kommenden Jahr eine Mehrzahl an Lehrkräften benötigt, sodass diese nicht länger in den anderen Schulformen aushelfen können, es sei denn, es wird über den Bedarf für G9 hinaus eingestellt.

    Das Erarbeiten eines Berufsbildes hilft nicht, wenn nicht umgehend die Forderung nach mehr Entlastung für SL an Grundschulen umgesetzt wird und dann auch Lehrkräfte bereit stehen, die diese Stunden übernehmen können. Ansonsten sind die SL als nächstes wieder mit der Rekrutierung von Vertretungslehrkräften beschäftigt, die, einmal eingestellt, auch abgeordnet werden können.

  2. Lehrer sollten sich politisch zurückhalten!

    Zitat: “Tonne hatte das von der AfD eingerichtete Meldeportal für Lehrer, die angeblich im Unterricht gegen das Neutralitätsgebot verstoßen, einige Male kritisiert. In Wahrheit wolle die AfD Zensur ausüben – aber das werde man nicht zulassen.”

    Beim derzeitigen links-grünen Zeitgeist ist die Gefahr der Manipulation von Schülern hoch. Von meinem links-grünen Bekannten- und Freundeskreis kenne ich die Versuchung, die eigene politische Meinung anderen Menschen aufzudrängen.

    Joachim Datko – Ingenieur, Physiker

  3. Natürlich ist der Lehrermangel ein ungemein wichtiges Thema. Und die Entlastung der in Schulleitung tätigen, gerade im Grundschulbereich, auch. Das betrifft oft auch Lehrkräfte, die Aufgaben übernommen haben und dafür z.T. gar keine Entlastung erhalten. Eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit.
    Dennoch haben andere Probleme auch das Recht, benannt zu werden. Ich finde die Forderung schon sehr wichtig. Ďenn nur, wenn genau benannt ist, was Aufgabe des Schulleitung ist und was nicht, kann erfasst werden, was da in Schule geleistet wird. Momentan bekommt man einfach eine Mail mit einer neuen Anweisung und muss die erledigen – egal wie schulfremd/leitungsfremd sie einem erscheinen mag. Immer wieder werden Listen oder Statistiken eingefordert und man kann es nicht ablehnen, da es keinen klar formulierten Rahmen gibt.

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