Wenn Seiteneinsteiger in den Lehrerberuf ohne pädagogische Qualifikation vor der Klasse stehen… Verband bak Lehrerbildung schlägt Alarm

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BERLIN. Eine aktuelle Meldung wirft ein Schlaglicht auf eine Situation, deren Folgen noch gar nicht absehbar sind: Nur wenige Seiteneinsteiger in den Lehrerberuf, so bestätigte eine Sprecherin des Bildungsministeriums in Schwerin, sind vor dem gerade begonnen Schuljahr in Mecklenburg-Vorpommern mit einem Grundkurs qualifiziert worden. Lediglich 41 der 220 vom Land neu eingestellten „Lehrer ohne Lehrbefähigung“ – also weniger als ein Fünftel – hatten danach den eigentlich vorgesehenen „Kompaktkurs“ absolviert, bevor sie den Unterricht übernahmen. Dass Menschen ohne jegliche pädagogische Qualifikation als Lehrer arbeiten, ist offenbar kein Einzelfall in Deutschland. „Wir haben hier ein großes, ernsthaftes Problem“, sagt Helmut Klaßen, Bundesvorsitzender des bak Lehrerbildung, gegenüber News4teachers.

Der Lehrermangel macht’s möglich: Immer mehr Menschen ohne Lehramtsstudium kommen in den Schuldienst. Foto: Shutterstock

Der in Mecklenburg-Vorpommern vorgesehene „Grundkurs“ zur Vorbereitung kann, selbst wenn er absolviert wird, bei weitem nicht den pädagogischen Standard gewährleisten, den ausgebildete Lehrerinnen und Lehrer mitbringen. Zum Vergleich: Ein Lehramtsstudium für die Grundschule dauert mindestens vier Jahre, dazu kommt ein Referendariat von in der Regel anderthalb Jahren. Der „Kompaktkurs“ hingegen lief lediglich während der sechswöchigen Sommerferien (und soll bei denjenigen, die ihn verspasst haben, im Lauf des Schuljahres nachgeholt werden). Seiteneinsteiger stellen in Mecklenburg-Vorpommern rund ein Drittel der zum laufenden Schuljahr neu eingestellten Lehrer. Damit liegt das Land bundesweit nicht mal an der Spitze: In Berlin beispielsweise sind aktuell fast zwei Drittel der 2.734 zum neuen Schuljahr eingestellten Lehrkräfte Quer- oder Seiteneinsteiger (News4teachers berichtete).

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Wie sieht es grundsätzlich mit deren Qualifikation aus? „Wir haben hier ein großes, ernsthaftes Problem“, sagt Helmut Klaßen, Bundesvorsitzender des Bundesarbeitskreises (bak) Lehrerbildung, gegenüber News4teachers, mit Blick auf die bundesweite Situation. Er muss es wissen: In seinem Verband sind Lehrerausbilder organisiert, die sich vor allem um Referendare kümmern, aber eben auch zunehmend um Berufsfremde, die aufgrund des Lehrermangels in den Schuldienst augenommen werden.

Der Seiteneinstieg in den Lehrerberuf ist nicht einheitlich geregelt

Doch die Rahmenbedingungen unterscheiden sich von Bundesland zu Bundesland. „In den Ländern gibt es viele verschiedene Modelle für die Qualifizierung von Seiteneinsteigern oder Quereinsteigern – von einem vollwertigen Referendariat mit ergänzendem pädagogischen Seminar bis hin zu einer eigenen Ausbildung über zwei Jahre, die dann aber nebenher geschieht, während die Arbeit in der Schule schon läuft“, erklärt Klaßen. Dass Seiteneinsteiger ohne jegliche Vorbereitung eine Schulklasse unterrichten müssen, ist also keine Seltenheit.

„Verschärfend“, so Klaßen, kommt hinzu: „Der Lehrermangel hat in einigen Regionen bereits ein solches Ausmaß angenommen, dass dort eigentlich jeder Kandidat in den Schuldienst durchgewunken wird. Selbst diejenigen, die am Ende durchfallen, bekommen hinterher eine unbefristete Stellte im Lehramt.“

“Teils herrschen skandalöse Missstände an deutschen Schulen”

In einem Positionspapier bezieht der bak Lehrerbildung Stellung zum Seiteneinstieg. „Mit großer Sorge sind klare Tendenzen einer Deprofessionalisierung der Lehrerausbildung festzustellen, teils herrschen skandalöse Missstände an deutschen Schulen – und dies in vielen Bundesländern. Als Bundesverband der Lehrkräfte in der 2. Phase der Lehrerbildung (Referendariat bzw. Vorbereitungsdienst) beobachten wir, dass in sehr vielen Bundesländern der Lehrermangel dazu führt, dass Schüler*innen von Studierenden ohne Staatsexamen oder von Quereinsteiger*innen ohne entsprechende Zusatzqualifizierungen unterrichtet werden bzw. zukünftig unterrichtet werden sollen.“ In keinem ähnlich verantwortungsvollen Beruf – etwa unter Ärzten – wäre es denkbar, den Personalmangel mit dafür nicht ausreichend qualifizierten Kräften zu beheben.

„Nach Auffassung des bak gilt für alle Lehrämter, angefangen von der Primarstufe bis hin zur beruflichen Bildung, dass die Durchführung der Kernaufgaben eine hohe Anforderung darstellt, die auf jeden Fall eine qualifizierte Lehrerbildung erfordert. Diese Qualität der Lehrerbildung sieht der bak durch die flächendeckend steigende Zahl der Quereinstei-ger*innen erheblich gefährdet“ – insbesondere eben dann, wenn es zu keiner wirklich qualifizierten Auswahl und Nachqualifizierung komme. Aus Sicht des Verbands hat diese mindestens zwei Jahre zu dauern und beinhaltet in dieser Zeit keine ergänzenden Aufgaben im Arbeitsumfeld Schule. „Damit die Nachqualifizierung gelingt, müssen Schulen und die Seminare bzw. Studienseminare dafür mit den notwendigen Ressourcen ausgestattet werden.“ News4teachers

Der Forderungskatalog des bak Lehrerbildung

Folgende Mindeststandards müssen aus Sicht des bak Lehrerbildung beim Seiteneinstieg eingehalten werden:

  • Grundvoraussetzung: ein qualifiziertes universitäres Hochschulstudium in einem Fach (Zuordnung zu einem in der jeweiligen Schulform unterrichteten Fach muss gegeben sein); – Möglichkeit zur Entwicklung eines zweiten Fachs (mindestens 30% der erforderlichen Studienanteile vorhanden);
  • Mindestens 3 bis 4-jährige berufliche Praxis im studierten Fach;
  • Auswahlverfahren, das neben der Prüfung der Voraussetzungen auch die Eignung und das Vorhandensein der erforderlichen professionsbezogenen personalen Kompetenzen berücksichtigt;
  • Sicherstellung der aktiven Verfügbarkeit der deutschen Sprache (schriftlich und mündlich);
  • Beteiligung und deutliches Mitspracherecht (Vetorecht) der Ausbildungsinstitution an den Auswahlverfahren;
  • Zweijährige begleitende Qualifizierung (fachliche und überfachliche Ausbildung im Umfang von 8 Stunden) durch die lehramtsbezogenen Seminare;
  • Ausbildung in enger Kooperation zwischen Schule und Seminar, Orientierung der Ausbildung an den Standards und Kompetenzen der KMK.

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers kommentiert.

Zwei Lehrerinnen diskutieren auf der Facebook-Seite von News4teachers:

“Das ist nicht mal eben zu machen”: Warum der schulpraktische Teil der Lehrerausbildung so wichtig ist – ein Interview

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5 KOMMENTARE

  1. Als Seiteneinsteiger habe auch ich mich mit diesem Thema auseinanderzusetzen.
    AUSGANGSSITUATION: In vielen Schulen führte Lehrermangel zu regelmäßigem Unterrichtsausfall selbst in Hauptfächern, also musste gehandelt werden.
    Quereinsteiger müssen sich eben ENTWICKELN, von den Kollegen lernen, in den Qualifizierungen lernen.
    Die Grundqualifizierung, an der ich teilgenommen hatte, war ein guter Start.
    Die Unterrichtserlaubnis wurde auch nicht irgendwie großzügig erteilt oder gar “verschenkt”, so soll es auch sein.
    Aber zurück zum Thema Bildungskrise: Nach allem, was ich selbst in den 3 Schuljahren an 3 Regionalen Schulen (davor ein Jahr an einer beruflichen Schule) beobachtet oder erlebt habe, kann ich nur bestätigen, was erfahrene Kollegen auch sagen, es fehlen im System die HAUPTSCHULEN.

    Ein zweiter Punkt, der gerade QUEREINSTEIGER hart trifft: So wie aktuell INKLUSION umgesetzt werden soll … dabei kommt der Zustand heraus, der jetzt anliegt und auch der Quereinsteiger fragt sich, was ist eigentlich los, was ist mit mir, bin ich überhaupt in der Lage, hier und heute zu unterrichten wie es der Auftrag ist, mit dem was ich einbringen kann, liegt es wirklich ausschließlich am fehlenden pädagogischen Rüstzeug, liegt es nur an meiner Qualifikation?

    Ich bin sicher, dass man das, was man vor der Klasse braucht, auch nur zu einem gewissen Teil in irgendeiner noch so guten Ausbildung lernt.
    Ich habe alles beherzigt, was meine Mentoren und Ausbilder mir nahegelegt haben (ich hatte die besten, die ich mir wünschen konnte!) und bin immer noch am Lernen.
    Aber ich bin mir auch sicher, wenn sich alles wieder näher zum Gleichgewicht hinbewegen soll, muss es wieder Hauptschulen geben und Inklusion muss überdacht werden. So wie ich es an den Regionalen Schulen erlebe, das kann es irgendwo wirklich nicht sein. Da hab ich wahrscheinlich den Blickwinkel des “Außenstehenden”, weil Quereinsteiger – aber das kann ja auch für das Gesamte gut sein.

  2. Die im Kasten genannten Mindeststandards finde ich vernünftig.

    Man darf nicht vergessen, dass die Qualifizierungen erst nach und nach eingeführt wurden, als man merkte, ohne geht es zu oft schief. Davon haben dann weder Schüler noch Seiteneinsteiger etwas, die wir so dringend brauchen (und die sich übrigens nicht an den Gehälter stören, lange auch für deutlich weniger arbeiten!).

    • … und Busfahrer, Frisör, Verkäufer?

      Ich meine, es gibt schon Unterschiede zwischen den Berufen. Deshalb werden sie ja übrigens auch unterschiedlich vergütet.

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