Ist Goethes „Faust“ im Abitur verzichtbar? Neuer Prüfungskanon sorgt für Grundsatzdiskussion: Welche Inhalte müssen Schüler heute unbedingt lernen?

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DÜSSELDORF. Für Abiturienten in Nordrhein-Westfalen fällt Goethes „Faust“ aus dem Prüfungskanon für das Fach Deutsch. „Um über die Jahre hinweg die ganze Breite der Fächer im Abitur berücksichtigen zu können, wechseln die Fokussierungen in allen Fächern regelmäßig – in etwa im Abstand von drei bis vier Jahren“, teilt das Schulministerium laut einem Bericht der „Rheinischen Post“ dazu mit. Eine Petitesse? Keineswegs – um den Faust ist nun ein Kulturkampf entbrannt, der ins Grundsätzliche geht und um die Frage kreist: Welche Inhalte sind in Deutschlands Schulen eigentlich unverzichtbar?

Johann Wolfgang von Darf in der Oberstufe nicht fehlen: Goethe, Ölgemälde von Joseph Karl Stieler, Quelle: Wikimedia Commons
Kommen Abiturienten ohne Goethe aus? Ölgemälde von Joseph Karl Stieler, Quelle: Wikimedia Commons

Nordrhein-Westfalen ist nicht das einzige Bundesland, das Goethes „Faust“ aus den Vorgaben fürs Zentralabitur gestrichen hat, und es tut dies auch nicht zum ersten Mal. Genau genommen ist Bayern das einzige Bundessland in Deutschland, in denen der Klassiker noch verbindlicher Prüfungsstoff ist, wie die „Rheinische Post“ berichtet.  Trotzdem regt sich heftiger Widerstand.

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“Schule hat die Aufgabe, kulturelle Identität zu vermitteln”

„Ich bin fassungslos. Schule hat auch die Aufgabe, kulturelle Identität zu vermitteln, da gehört ein Werk wie Goethes ‚Faust‘ unbedingt dazu“, meinte Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (und Direktor eines Gymnasiums in Bayern), gegenüber dem Blatt. Dies müsse auch bundesweit Konsens sein. Goethe sei ein Humanist und Universalgenie; er müsse jedem Abiturienten nahe gebracht werden. Die im „Faust“ behandelten Fragen seien zeitlos und stellten sich im Leben eines jeden Menschen. „Sie können junge Menschen dazu anregen, sich mit Themen zu beschäftigen, die jeden angehen“, befand Meidinger.

Hintergrund der Regelung in Nordrhein-Westfalen (und andernorts) ist, dass das Werk von 2021 an für mindestens drei bis vier Jahre aus dem verbindlichen Prüfungskanon für das Fach Deutsch herausrotiert. An die Stelle des „Faust“ soll nun Lessings „Nathan der Weise“ treten, wie es in den neuen Abiturvorgaben heißt. Dass überhaupt ein Wechsel der Inhalte stattfindet, hängt mit der Kompetenzorientierung der Lehrpläne seit einigen Jahren zusammen. Es geht vorrangig nicht mehr darum, einen verbindlichen Kanon im Unterricht abzuarbeiten (der Prüfungskanon dient nur der besseren Vorbereitung für Lehrer und Schüler), sondern Bildungsstandards zu  vermitteln, die sich am Ergebnis – dem erworbenen Wissen und Können der Schüler – messen lassen sollen.

Bereits 2012 kritisierte Meidingers Vorgänger Josef Kraus, heute Ehrenpräsident des Deutschen Lehrerverbands, gegenüber „Focus Schule“, dass „Bildung nicht mehr als kultureller Akt verstanden wird, sondern als reine Informationsentnahme“. Tests im Fach Deutsch seien zur Multiple-Choice-Ausfragerei verkommen, die von Schülern verlange, Lückentexte zuzustöpseln. Lehrer arbeiteten mit Texthäppchen statt mit Ganzschriften. „Heute geht es um Download-Knowledge und Just-in-Time-Knowledge, statt um vertiefte Allgemeinbildung“, schimpfte Kraus. Statt Schüler zum Denken anzuregen, indem sie sich eben mit Goethes‘ Faust auseinandersetzen, sollten sie nun mehr einfach nur die Texte verstehen können, die sie lesen. Schuld am Qualitätsverlust des Unterrichts sei das „PISA-mäßige durchstylen“ der Lehrpläne.

Für Kraus steht die bundesweit (also auch in Bayern) erfolgte Umstellung der Lehrpläne auf Kompetenzorientierung im Gegensatz zur Aufgabe einer Schule, nämlich der, Schüler zu urteilsfähigen Menschen heranzuziehen. Kraus: „Wer nichts weiß, muss alles glauben.“ Mit Blick auf den neuen bayerischen „LehrplanPLUS“ im Fach Deutsch stellt er beispielsweise fest: „70 Seiten, 300 Mal ‚Kompetenz‘, ein Dichtername.“

“Mal einig werden: Was soll Schule denn eigentlich leisten?”

Also doch wieder zurück zum strengen Lehrplan-Kanon? In eine völlig andere Richtung denkt die Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV), Simone Fleischmann. Sie hat eine Grundsatzdebatte um die Bildung im digitalen Zeitalter  angeregt und sagte anlässlich der Landesdelegiertenversammlung des BLLV in Würzburg unter dem Motto: „Herz. Kopf. Hand. – Bildung ist Zeit für Menschen“ im Mai: „Wir sollten uns in der Gesellschaft mal einig werden: Was soll Schule denn eigentlich alles leisten?“

Junge Menschen, so Fleischmann, müssten neben dem obligatorischen Grundlagenwissen lernen, empathisch zu sein, sich schnell neues Wissen und neue Fertigkeiten anzueignen und diese lösungsorientiert und kritisch anzuwenden. Es müsse um die individuelle Förderung der Persönlichkeit und der Fähigkeiten der Schüler gehen. Dazu seien nicht nur – wie geschehen – die Lehrpläne auf Kompetenzerwerb auszurichten, sondern auch die Prüfungen, die bislang noch immer hauptsächlich Wissen abfragten. Sie erwartet einen hitzigen Richtungsstreit um die Schule der Zukunft. „Es wird ganz viele geben, die immens festhalten an diesem ‚Leistung muss wehtun‘-Begriff“, meinte sie.

In Sachen Goethe plädiert die GEW derweil für Pragmatismus. NRW-Landeschefin Maike Finnern hält laut „Rheinischer Post“ den „Faust“ zwar für ein „wegweisendes Werk“, aber dennoch für verzichtbar im Abitur. Sie sagt: „Es gibt ja auch viele andere gute literarische Werke; da ist es in Ordnung, wenn die Themen von Zeit zu Zeit wechseln.“ Agentur für Bildungsjournalismus

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.

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4 KOMMENTARE

  1. Petitesse? Schönes Wort. 🙂 Bedeutet es “Kleinigkeit”?

    Für mich es ganz einfach:

    (1) Die Grundschule soll Grundlagen vermitteln. Lesen, Schreiben, Rechnen stehen da an erster Stelle. Anderes gehört natürlich auch noch dazu.

    (2) Die weiterführenden Schulen sollen Allgemeinbildung vermitteln. Das ist platt formuliert von allem ein wenig. Was man später mal braucht, kann man nicht für den Einzelnen vorhersagen. Was den Einzelnen interessiert, kann er selbstständig vertiefen.

    (3) Die Abiturstufe soll Studierfähigkeit vermitteln, also vor allem das selbstständige Lernen.

    Die Inhalt für 1, 2 und 3 sind eigentlich fast egal. Es sollte eine gute Mischung sein. Gut wäre vielleicht wirklich, wenn das variabel ist derart, dass der Lehrer, mindestens das Ministerium da auch immer mal andere Inhalte “benutzen darf”.

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