GEW: Gebauer „protegiert“ Gymnasien – auf Kosten der Grund- und Gesamtschulen

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DÜSSELDORF. Alle sprechen vom G9 und Abitur. Die Grund- und Gesamtschulen aber befürchten, gegenüber den Gymnasien ins Hintertreffen zu geraten. Nun schlagen die GEW und zwei weitere Verbände Alarm.

Steht in der Kritik: NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer. Foto: Martin Kraft / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0 DE)

Lehrermangel, schlechtere Bezahlung – die Bildungsgewerkschaft GEW und Schulverbände haben der schwarz-gelben Landesregierung eine Benachteiligung der Grund- und Gesamtschulen in NRW vorgeworfen. Die Gesamtschule dürfe nicht länger die Schulform sein, die gescheiterte Schüler von Realschulen und Gymnasien auffange, sagte die GEW-Landesvorsitzende Maike Finnern am Donnerstag in Düsseldorf. Die Schulen müssten ihre Schüler selbst ausreichend fördern und zum ersten Bildungsabschluss führen.

Pro Jahr müssten rund 10.000 Schüler Realschulen oder Gymnasien verlassen, sagte Behrend Heeren von der Gesamtschul-Gesellschaft GGG. «Auf zehn Absteiger kommt ein Aufsteiger.» Das Gymnasium werde von der Landesregierung als Schulform «gezielt protegiert». Das zeige sich auch an der schlechteren Bezahlung von mehr als der Hälfte der Gesamtschullehrer im Vergleich zu deren Kollegen an Gymnasien. Auch der Lehrermangel sei gravierend, besonders an Schulen in problematischen Vierteln. «Schulen an schwierigen Standorten bekommen Stellen, aber keine Lehrer.» Die Gesamtschulen feiern dieses Jahr ihr 50-jähriges Bestehen (News4teachers berichtete).

Sozialindex für Schulen in sozialen Brennpunkten gefordert

Die Verbände forderten erneut einen schulscharfen Sozialindex, auf dessen Grundlage Schulen in schwierigen sozialen Lagen mehr Lehrerstellen zugewiesen werden sollen. Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) hatte im Sommer erklärt, dass ihr Haus an einem solchen Index arbeite. Gebauer erwägt auch einen Gehaltsbonus, um Pädagogen an Brennpunktschulen zu locken.

Lernspiele im shop.4teachers.de

Die versprochene bessere Qualität des gemeinsamen Lernens von Kindern mit und ohne Handicap ist nach Ansicht der Gesamtschul-Gesellschaft nur eine «Mogelpackung». Die Gesamtschulen berichteten über mehr Förderschüler und noch größere inklusive Klassen bei gleichzeitig weniger Förderlehrern.

G9 ist teuer – geht aber schnell

Christina Mika vom Grundschulverband NRW kritisierte, dass die kostspielige Umstellung auf das neunjährige Gymnasium schnell gehe, während die Grundschulen weiter unterfinanziert seien. Die Lehrer litten angesichts immer neuer Aufgaben unter einer hohen Arbeitsbelastung. Die Pflichtstundenzahl müsse von 28 auf 23 gesenkt werden. Rund 1000 Stellen in Grundschulen blieben unbesetzt, weil es keine Bewerbungen mehr gebe.

Im Kampf gegen den Lehrermangel müsse die Zahl der Studienplätze für das Grundschullehramt dringend weiter erhöht werden, sagte Mika. Auch gegen die hohe Studienabbrecherzahl müsse etwas getan werden. Der Grundschulverband will Ministerin Gebauer am kommenden Dienstag beim Grundschultag in Dortmund einen «Denkzettel» mit sechs Forderungen überreichen. dpa

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.

Für die Grundschulen ist kein Geld da, das Gymnasium wird gepäppelt – wie Schwarz-Gelb die Zukunft verspielt

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2 Kommentare
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xxx
3 Jahre zuvor

Von den 10000 Ab- und 1000 Aufsteigern möchte ich mal die Schulformempfehlung sehen. Bei den Absteigern müsste man alle rausrechnen, die keine wenigstens eingeschränkte Empfehlung für die abgebende Schulform hatten.

Carsten60
1 Jahr zuvor

„Auf zehn Absteiger kommt ein Aufsteiger.“
Das muss aber keine Gemeinheit oder Ungerechtigkeit sein, sondern das ist mehrfach durch die Logik des Systems begründet:
1. In Zweifelsfällen werden Kinder ja eher auf die höhere Schulform geschickt als auf die niedrigere. Ausnahme: von 100 Arbeiterkindern MIT Gymnasialempfehlung werden merkwürdigerweise nur ca. 50 auch aufs Gymnasium geschickt. Aber viele landen auf dem Gymnasium, obwohl von vornherein Zweifel an ihrer Eignung bestehen. Folglich gibt es von vornherein viele potentielle Abstiegskandidaten und weniger Aufstiegskandidaten.
2. Die Realschulen sperren sich im Eigeninteresse dagegen, zu viele ihrer „guten“ Schüler an die Gymnasien zu „verlieren“. Das ist nicht richtig, hier könnte aber die Schulbehörde eingreifen. Warum tut sie das nicht?
3. Da gibt es noch ein psychologisches Moment: wer das Gymnasium Richtung Gesamtschule oder Realschule verlässt, kann ziemlich sicher sein, dass die Noten sich verbessern und damit eine Entspannung des Alltags eintritt. Umgekehrt aber ist ein Aufstieg natürlich mit dem Risiko behaftet, dass die Noten sich verschlechtern. Vorher weiß man das nicht, es ist also ein gewisser Angstfaktor und kann zu Stress führen. Wenn dann dem Aufstieg wegen zu vieler Fünfen ein Rückabstieg folgen sollte, wäre das psychologisch verheerend. Also ist das nur was für robuste Leute mit starken Nerven.
4. Etwas anderes macht mehr Sinn: Mit einem guten MSA kann man in eine Oberstufe gelangen und schließlich doch Abitur machen oder wenigstens die Fachhochschulreife erwerben. Das zählt dann in der Statistik aber nicht als „Aufstieg“, nehme ich an. Entsprechend beim MSA nach einem guten Hauptschulabschluss. Wenn das stimmt, dann bildet diese Auf- und Abstiegsstatistik nicht wirklich die Durchlässigkeit unseres Schulsystems ab.
5. Auch in obligatorischen Gesamtschulsystemen bilden sich Schulen unterschiedlichen Anspruchsniveaus heraus. Da gibt es dann versteckte Auf- und Abstiege, und leistungsstarke SuS bleiben am Ende doch unter sich. Zu Gesamtschulen in Schweden stand schon mal in der Zeitung, es gebe einige, die unseren Gymnasien ähneln und andere, die unseren Hauptschulen ähneln. Die letzteren gibt’s dann genau in jenen Bereichen, die auch bei uns als Problemzonen gelten (Vorstädte mit hohem Migrantenanteil). Sogar aus Finnland wurde dieses Problem berichtet.