PISA-Leiterin: Bildungserfolg in Deutschland hängt immer noch (zu) stark am Elternhaus

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BERLIN. Kurz vor der Veröffentlichung der neuen PISA-Studie am kommenden Dienstag hat die deutsche PISA-Koordinatorin Kristina Reiss auf ein Dauerproblem im deutschen Bildungssystem hingewiesen: «Bildungserfolg hängt in Deutschland stark vom Elternhaus ab, leider», sagte sie dem «Spiegel». Das sei auch im digitalen Bereich so. Reiss sprach sich für guten digitalen Unterricht in der Schule aus, vor allem mit Blick auf Kinder, denen die Eltern nicht die notwendigen Kompetenzen im Umgang mit der Technik mitgeben.

Präsentiert am Dienstag die deutschen Ergebnisse der neuen PISA-Studie: Kristina Reiss. Foto: Astrid Eckert / Wikimedia Commons (CC BY-SA 4.0)

Dass heutzutage fast alle Jugendlichen ein Smartphone besäßen, bringe noch nichts. «Werden die Jugendlichen damit alleingelassen und schauen den ganzen Tag nur Videos, lernen sie nicht, sich kompetent im Netz zu bewegen», sagte Reiss. Im «Spiegel»-Interview äußerte sie außerdem Zweifel an der Wirksamkeit des Digitalpakts Schule, über den Milliardensummen vom Bund bereitgestellt werden, damit die Schulen technisch besser ausgestattet werden. «Die Mittel pro Schule sind begrenzt», sagt Reiss. Es werde schwierig sein zu entscheiden, wie sie das Geld am besten investieren.

Die Professorin der Technischen Universität München wird am Dienstag gemeinsam mit OECD-Vize-Generalsekretär Ludger Schuknecht, Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) und dem Präsidenten der Kultusministerkonferenz Alexander Lorz (CDU) die aktuellen PISA-Ergebnisse für Deutschland vorstellen. Alle drei Jahre werden dafür Hunderttausende 15-Jährige rund um den Globus in den Bereichen Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften getestet. Seit dem «Pisa-Schock» von 2000/2001 ist es die mittlerweile siebte Pisa-Studie. Deutschland hatte sich seitdem immer weiter verbessert. Beim letzten Mal, 2016, gab es bei den Ergebnissen allerdings wieder einen leichten Knick nach unten. dpa

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Neue PISA-Studie: Es geht wieder abwärts – Karliczek: „Mittelmaß kann nicht unser Anspruch sein“

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19 KOMMENTARE

      • Am 12.11. haben in SWR2 Maresi Lassek, Vorsitzende des Grundschulverbandes, und Doro Moritz, Landesvorsitzende GEW, beide Ganztagsschulen in BW für alle Schüler gefordert, damit alle Kinder die gleichen Chancen haben und nicht manche von den Eltern nachmittags zu Hause unterstützt werden.

  1. Wichtig erscheint mir weiterhin, so wie es auch praktiziert wird, dass man die Eltern in der außerschulischen Förderung ihrer Kinder durch genaue Angaben zu einer gezielten Förderung weiterhin anleitet.
    Aber auch gerade Kinder mit einem bildungsfernen Hintergrund benötigen aber um so mehr eine ausgleichende schulische Förderung, etwa im Ganztagsunterricht, damit diese im Mindesten an ihre potentiellen Möglichkeiten der schulischen Bildung und in ihrer Entwicklung an ein gutes sprachliches, mathematisches und schriftsprachliches Niveau herangeführt werden können.
    Dafür benötigt man aber auch weitaus mehr Personal, als dies derzeit zur Verfügung steht.

    • Klingt gut, aber in keinem der bisherigen Tests wurde diese Wirkung von Ganztagsschulen nachgewiesen, die Sie sich wünschen (siehe auch IGLU im Grundschulbereich). Frankreich hat schon lange eine Ganztagsschule, aber die Abhängigkeit von der Herkunft ist dort noch stärker ausgeprägt.
      Dass Frau Reiss indirekt behauptet, PISA habe jetzt gezeigt, dass wir für die Entkoppelung von Herkunft und Bildungserfolg mehr Digitalisierung in den Schulen brauchen nach den Vorstellungen von Bertelsmann & Co, ist wohl eher als Frechheit einzustufen. Vielleicht spielt ja eine Rolle, dass sie den Nixdorf-Stiftungslehrstuhl an der TU München innehat und sich dafür bedanken möchte. In einem berühmt gewordenen Zitat hat sie gemeint, es wäre nicht die Aufgabe der Schule, die Abiturienten studierfertig abzuliefern, und Grammatik von Fremdsprachen wären nicht mehr Thema des Schulunterrichts. Es würde doch genügen, sich verständlich ausdrücken zu können. Am besten mit einer digitalen Übersetzungsmaschine. Das ist dann die neue kompetenzorientierte Bildung. 🙂
      https://www.tagesspiegel.de/wissen/brandbrief-gegen-bildungsstandards-karnevalistisch-verkleidete-aufgaben-woran-selbst-studierende-scheitern/19550928-2.html

      • @ Carsten60: „Vielleicht spielt ja eine Rolle, dass sie den Nixdorf-Stiftungslehrstuhl an der TU München innehat und sich dafür bedanken möchte.“
        Man muss ja nicht die Schlussfolgerungen von Frau Reiss gut finden, man kann sie natürlich kritisieren. Was aber nicht geht in einem erst gemeinten Diskurs, Frau Reiss unterschwellig die Redlichkeit ihrer Aussagen mit unlauteren Mutmaßungen, wie Sie das tun, in Frage zu stellen. Ihre Art der Verunglimpfung gefällt mir nicht und es fällt mir daher immer schwerer, auf Ihre Kommentare einzugehen. Dennoch werde ich Ihnen das Feld nicht überlassen.

        Nun kurz zur Ganztagschule:
        Die Erwartungen an die Ganztagschule sind vielfältig. Sie soll danach die Lernmotivation und Schulfreude erhöhen, den Erwerb von sozialen, kulturellen und kognitiven Fähigkeiten fördern und die soziale Benachteiligung kompensieren. Diese Ziele sind insbesondere für Schulen in schwieriger sozialer Zusammensetzung von besonderer Bedeutung. Darüber hinaus soll sie auch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf erleichtern.

        Aus der STEG-Studie, die Sie wahrscheinlich ansprechen, lässt sich zusammenfassend feststellen, dass die Ganztagsschule zwar keine „Allzweckwaffe“ zur Beseitigung aller möglichen Defizite im deutschen Schulwesen ist und sie sollte daher nicht als alleiniger Innovationsmotor gesehen werden. Aber gerade in sozial schwacher Umgebung kann die Ganztagschule Möglichkeiten bieten, die in Halbtagsschulen nicht vorhanden sind.
        Die ersten Befunde der StEG-Studien belegen mehrfach, dass Ganztagsangebote die Persönlichkeitsentwicklung unterstützen. Dies ist in Schulen mit Kindern und Jugendlichen aus sozial benachteiligten Milieus von besonderer Bedeutung, denn nur die Schule kann die oft fehlende sozial-erzieherische Entwicklungsarbeit in den Familien kompensieren.

        So wurde in der ersten Projektphase der StEG-Studie (2005 bis 2011) festgestellt, dass die Teilnahme am Ganztag das Sozialverhalten (insbesondere bei Jungen), die Schulfreude und die Schulnoten verbessern und die Gefahr der Klassenwiederholung verringern kann. Das gelingt aber nur unter bestimmten Bedingungen, nämlich wenn die Qualität der Angebote gut ist, wenn die Angebote ausreichend häufig genutzt werden und wenn das Beziehungsklima an der Schule stimmt. Gerade der letzte Punkt, eine positive Schüler-Betreuer-Beziehung als Voraussetzung für die genannten Wirkungen, weist auf das große Potenzial von Ganztagschulen hin, das nicht zuletzt in den erweiterten Möglichkeiten von sozialen Beziehungen in einem ganztäglichen Schulbetrieb liegt.
        Auch in der zweiten. Projektphase (2012 bis 2015) der Studie zeigen sich Belege für die Wirksamkeit guter Ganztagsangebote auf Sozialverhalten, Motivation und Selbstkonzept. „Sie zeigen einmal mehr, dass Ganztagsschulen für die Sozialisation von Kindern und Jugendlichen Wichtiges leisten“ (Klieme u.a., 2016).
        Nur in einer Ganztagsschule steht genügend Zeit zur Verfügung, um Kindern und Jugendlichen Anregungen für eine sinnvolle Freizeitgestaltung und aktive Teilhabe am kulturellen Leben zu geben. Mit den außerunterrichtlichen Angeboten kann die Ganztagschule gerade Kindern aus schwierigen sozialen Verhältnissen Zugang verschaffen zu Erfahrungen in künstlerisch-musischen und sportlichen Bereichen, die sie sonst im Unterschied zu Kindern aus privilegierteren Schichten, für die das Normalfall ist, nicht haben würden.

        Mit Lernstunden bzw. Hausaufgabenbetreuung können auch die Schülerinnen und Schüler im Lernen unterstützt werden, die Lernunterstützungen und Hilfen außerhalb der Schule nicht erfahren. Zudem haben hier die Lehrkräfte direkten Diagnose-Zugang zu den Lernschwierigkeiten der einzelnen Kinder und Jugendlichen.

        Bezüglich der Kompetenzentwicklungen der Schülerschaft und des Abbaus sozialer Disparitäten leistet der Ganztag, wie die StEG-Studien zeigen, allerdings – wie Sie mit Recht feststellen – noch nicht genug. Zukünftig müssen Ganztagangebote daher besser auf spezielle Unterstützungsbedarfe ausgerichtet werden und Fachunterricht und außerunterrichtliche Angebote besser verzahnt werden.

        • Aber warum soll denn die Digitalisierung die Entkoppelung von Herkunft und Bildung fördern, wie Frau Reiss andeutet? Es ist doch kein Geheimnis, dass Nixdorf, Bertelsmann usw. Geschäftsinteressen haben und dass die jetzt geplante Digitalisierung der Schulen die bedient. Das DZLM wird (oder wurde) von der Telekom-Stiftung finanziert.
          Überall haben diese Stiftungen im Bildungsbereich ihre Finger im Spiel.
          Zu den Ganztagsschulen: Mich stört auch gewaltig, dass ich immer wieder lesen muss „bei guter Schulqualität sind Ganztagsschulen gut“. Du liebe Zeit, Halbtagsschulen sind also auch bei guter Schulqualität schlecht? Oder ich lese „kann die Ganztagsschule Möglichkeiten bieten“. Ja tut sie das denn nun, und wirken diese Möglichkeiten? Mir scheint immer, man vermischt politische Wunschvorstellungen und empirisch festgestellte Realität. Dabei sind Sie doch gerade ein Anhänger von PISA & Co.; nur empirische Ergebnisse zählen. Warum also haben sich die vielen Ganztagsschulen bei IGLU 2016 und bei PISA 2018 nicht positiv niedergeschlagen? Da schwurbeln die Experten jetzt nur herum. Man will einfach die Illusionen, die man sich gemacht hat, nicht preisgeben.

          • Carsten60:
            „Aber warum soll denn die Digitalisierung die Entkoppelung von Herkunft und Bildung fördern, wie Frau Reiss andeutet?“
            Das deutet Frau Reiss gar nicht an. Sie weist mit Recht darauf hin, dass der Bildungserfolg in Deutschland stark vom Elternhaus abhängt und: „Das sei auch im digitalen Bereich so. Reiss sprach sich für guten digitalen Unterricht in der Schule aus, vor allem mit Blick auf Kinder, denen die Eltern nicht die notwendigen Kompetenzen im Umgang mit der Technik mitgeben.“
            Ihr geht es also darum, dass nicht auch in der Nutzung der Digitalisierung neue Disparitäten in Folge der unterschiedlichen sozialen Lernumgebungen der Kinder in ihren Familien entstehen.

            Was hat das denn mit Nixdorf zu tun?

          • Herr Möller: Sie regen sich jetzt über einen Nebenschauplatz (Nixdorf) auf, wobei es ja wohlbekannt ist, dass z.B. Bertelsmann sich massiv in die Bildungspolitik einmischt. Das gilt auch für andere im digitalen Geschäft. Auch die Telekom-stiftung hat einen Lehrstuhl für Mathematikdidaktik gestiftet.
            Offenbar wollen Sie damit von den mageren PISA-Ergebnissen ablenken. Woran liegen die denn nun, nachdem wir
            — in 15 Jahren die Zahl der Ganztagsschulen massiv erhöht haben,
            — immer weniger Hauptschüler haben und immer mehr Gymnasiasten und Gesamtschüler,
            — die Lehrerausbildung ständig umkrempeln nach den Vorstellungen der Bildungswissenschaft,
            — die Landesinstitute für Schulentwicklung immer mehr aufgestockt haben,
            — das Monitoring immer weiter ausgebaut haben usw. ??
            Die Verantwortlichen in Ministerien, KMK usw. scheinen im dunkeln zu tappen. Aktionismus und schöne Sprüche haben wir genug gehabt, aber nichts scheint zu wirken. Reformen, die nichts bringen, hätte man sich eigentlich sparen können.

        • @Gerd Möller
          Ich danke Ihnen ausdrücklich für ihre sehr sachlich vorgetragenen und sehr aufschlussreichen Kommentare, die einem helfen, mehr von den Hintergründen im Bildungssystem zu verstehen.

          • @Carsten60:
            Ich lenke überhaupt nicht ab. Ich wehre mich lediglich gegen Ihre unanständige Art, Menschen unlauteren Handelns zu bezichtigen (arbeitet im Auftrag von Nixdorf?), wie Frau Reiss, und die von ihr gemachten Aussagen noch falsch widerzugeben.
            Frau Reiss macht sich in dem Text mit Recht Sorgen, dass Schüler aus Familien mit wenig Unterstützung nun auch noch in der Digitalisierung abgehängt werden könnten.

            Ich mache mir auch Sorgen, wenn die neuesten PISA-Befunde ergeben, dass jeder Fünfte lediglich das Grundschulniveau in Lesen und Mathematik erreicht hat (deutliche Verschlechterung gegenüber den letzten PISA-Erhebungen). Es betrifft Schüler, die vorwiegend aus unterprivilegierten Schichten stammen.
            Unser Problem sind nicht Leistungen im oberen Bereich, die natürlich im Vergleich zu den besten Ländern noch steigerungsfähig sind.
            Mein Plädoyer deshalb schon seit Jahren: Wir müssen uns um die Förderung der schwachen Kinder deutlich besser kümmern als bisher. Zur Förderung dieser Kinder müssen zusätzliche Ressourcen für Schulen mit schwierigen sozialen Ausgangslagen (z.B. Brennpunktschulen) bereit gestellt werden: Ungleiches ungleich behandeln.

            Nochmals kurz zu den Ganztagschulen:
            Hier ist Optimierung, wie bereits gesagt, angesagt. Das Potenzial, das ich oben beschrieben habe, wird nicht ausgenutzt. Hierzu zitiere ich Olaf Köller aus dem ZEIT-Interview, das Sie gerade an anderer Stelle genutzt haben:
            „ZEIT-online: Aber die Lerneffekte der Ganztagschulen sind bislang enttäuschend.
            Köller: Weil der Ganztag nicht richtig genutzt wird. Wenn z.B. Ali und Samira oder auch Tom und Marie, vormittags im Unterricht Probleme haben, dann muss die Lehrkraft sie an der Förderlehrer am Nachmittag übergeben, der ganz gezielt mit ihnen übt. An vielen Ganztagschulen werden die Kinder nachmittags aber nur beaufsichtigt, sie lernen nichts.“
            Recht hat er.

          • Zu Ganztagesschulen oder zur Bildungsgerechtigkeit?
            Ich trete seit über 10 Jahren dem Schulträger mehrfach im Jahr auf die Füße, er möchte die Schule offenbar nicht in den Ganztag bringen, auch wenn Lippenbekenntnisse gerne etwas anderes besagen.

            Wenn es an allen Halbtagesschulen wenigstens _schulischerseits_ eine rechtlich saubere Möglichkeit gäbe, Hausaufgabenbetreuung anzubieten, wären wir schon ein Stück weiter. Dass man sich dabei auf Elternvereine verlässt, finde ich ein Armutszeugnis, wobei es sicherlich Elternschaften gibt, die diese Aufgabe hervorragend übernehmen.

            Das eine Problem ist damit, dass die Förderung über den Ganztag (alternativ über einen Hort) nicht erreicht wird, da diese Möglichkeit nicht flächendeckend und in ausreichendem Maß zur Verfügung steht, das Angebot also gar nicht vorhanden ist oder nur zahlungskräftigen Eltern zur Verfügung steht (Hort).

            Das zweite Problem sehe ich in der Qualität bzw. Qualifikation der Betreuenden im Ganztag: Geht es dort um eine Beaufsichtigung oder gibt es innerhalb des Ganztages tatsächlich die Möglichkeit einer gezielten Förderung?
            Ist es den Schulen möglich, qualifiziertes Personal einzustellen, oder muss angesichts der knappen Finanzierung weniger qualifiziertes Personal eingestellt werden, um die vorgegebenen Zeiten besetzen zu können? Auf welche Weise wird im Ganztag eine Vertretung realisiert?

            Ist es den Betreuenden möglich, den Kindern bei den Hausaufgaben zu helfen, oder sind die Kinder auf sich gestellt?
            Diese Frage erstreckt sich m.E. nicht allein auf den Ganztag an sich, sondern vielmehr auf die Schule als solche.
            Warum wird die multiprofessionelle Zusammenarbeit zwischen Gesundheitsamt, KiTa sowie Therapeuten, die im vorschulischen Bereich möglich ist, nicht innerhalb der Schule fortgeführt, sodass die erfolgte Förderung fortgesetzt oder im Bedarfsfall bei anderen Kindern eingesetzt werden kann?
            An welcher Stelle erhalten Schulen tatsächlich Ressourcen um von Beginn an notwendige Förderung einsetzen zu können?
            Gerade im Elementarbereich benötigen die SchülerInnen Begleitung beim Üben und Lernen, kommt es zu Problemen im Lesen, Schreiben oder Rechnen, ist neben einer gut strukturierten Förderung auch eine enge Betreuung notwendig. Dafür reicht in Klassen mit vielen benachteiligten SuS die ohnehin unerlässliche Differenzierung im Unterricht nicht aus.

            Das dritte Problem, eher ein Aufgabenbereich, ist vielleicht die Stärkung der Elternschaft.
            Diese erfolgt aus meiner Sicht durchaus, vielleicht könnte man sie auf unterschiedliche Weise noch professionalisieren.
            Es gibt Eltern, denen nicht klar ist, wie sie selbst ihre Kinder mit einfachen Maßnahmen unterstützen können. Schulen erwarten einiges von Eltern, müssen dies aber deutlich kommunizieren und tatsächlich viele Eltern an die Hand nehmen. Das allein reicht aber nicht aus, vor allem nicht bei den Eltern der Kinder, die besonders wenig Beachtung erhalten.
            Dafür bräuchte es Beratung und Beratungszeit oder gar Personal.
            Es gibt Initiativen, wie gemeinsame Leseprojekte, Elterncafes uvm., die von manchen Schulen mit immensem Aufwand betrieben werden, aber auch dies ist die Mehrarbeit der KollegInnen, die viel zu wenig gefördert oder entlohnt wird, oder die Initiative Ehrenamtlicher, auf die man sich hierzulande verlässt.

            Gerade Eltern, die entweder selbst nicht lesen können oder die nicht in der Lage sind, sich und den häuslichen Alltag zu organisieren, brauchen viel Anleitung und Hilfe, wenn zu Hause eine Begleitung der Kinder erfolgen soll. Hierfür gibt es Familienhilfen und andere Einrichtungen, aber die Hürden sind oftmals zu groß, diese Hilfe zu erhalten oder anzunehmen.

            Ist es schon so weit, dass große Schwierigkeiten auftreten, sind Eltern allein nur bedingt in der Lage, dies aufzufangen. Es ist mir auch nicht klar, warum man dies gerade in der Bildung erwartet. In anderen Bereichen sagt man doch auch nicht, dass man sich selbst helfen muss, wenn es zu Problemen kommt.

            Zur Digitalisierung muss man sicher einen eigenen Beitrag schreiben. Meiner Meinung nach zeigen sich die Unterschiede dort ebenso wie bei der Sprachbildung, beim Lesen, bei der Förderung anderer Kenntnisse und Fähigkeiten. Ein digitales Endgerät in der Familie bedeutet noch nicht, dass ein sorgsamer Umgang mit der Spielfunktion oder gar der sinnvolle Einsatz von Medien zur Information erfolgt.

          • „Aber an vielen Ganztagsschulen werden die Kinder nachmittags nur beaufsichtigt, sie lernen nichts.“
            Auch ich denke, Herr Köller hat hier Recht.
            Herr Möller: Sie verschweigen aber, dass genau dieses (nämlich Nachmittagsbetreuung statt Nachmittagsunterricht) von Anfang an DAS KONZEPT der spezifisch deutschen Version einer Ganztagsschule war, denn mehr Lehrer wollte oder konnte man ja nicht aufbieten. Von nichts kommt nichts. Man wollte ja bewusst Sportvereine, Musikschulen, Kirchen usw. für die Nachmittagsbetreuung einspannen mit billigen Hilfslehrern (möglichst zum Nulltarif). Das steht doch sogar bie StEG. Und alles geschah in voller Absicht der zuständigen Bürokraten in den Schulministerien, bitte tun Sie nicht so naiv.

  2. Läuft es nicht immer bei diesen Gerechtigkeitsüberlegungen darauf hinaus, dass gute Schüler (egal aus welchem Elternhaus!) im Vergleich zu den schwächeren in ihrem Potential vernachlässigt werden?
    Wird bei den besonderen Fördermaßnahmen auch ein Schüler berücksichtigt, der trotz fehlender elterlicher Unterstützung gute Leistungen zeigt? Sagt man dann auch: Er muss besonders gefördert werden, weil er zu noch mehr fähiger wäre, wenn er ein anderes Elternhaus hätte?

    • Richtig! Es geht in der Extra-Förderung einfach nur nach guter und schlechter Lernfähigkeit und nicht nach Elternhaus, also nicht um einen Ausgleich elterlicher Hilfe durch mehr schulische Förderung.
      Aus typischer Gleichmacherei wird so ein edler Nachteilsausgleich mit der Begründung “ soziale Gerechtigkeit“.

      • @Carsten60:
        Wieder arbeiten Sie mit Unterstellung („tun Sie nicht so naiv“). Können Sie nicht mal sachlich und ruhig argumentieren. Ihr unnötig immer auf Krawall gebürsteter Argumentationsstil macht wirklich keinen Spaß, das geht sicherlich nicht nur mir so. Machen Sie das auch, wenn Sie nicht incognito auftreten?
        Nun zur Sache: Ich habe schon immer die Position vertreten, dass Ganztagschulen in gebundener Form geführt werden müssen, damit eine Rhythmisierung des Ganztags auch möglich ist. Hierzu benötigt man aber mehr zusätzliche Ressourcen als in allen Ländern in D zur Verfügung gestellt werden. Das gilt auch für die Gesamtschulen, die zum großen Teil als gebundene Ganztagschulen geführt werden. Wir brauchen ein stimmiges Ganztagkonzept, sonst wird das nichts.
        Ich stimme hierin Palim voll zu.

  3. Zum Lesen:
    Ich möchte hier einmal von einem praktischen Beispiel berichten. In Halbtagesklassen gibt man bei uns zu den normalen Hausaufgaben bis zum Anfang der 3. Klasse noch zusätzliches ein regelmäßiges, lautes Lesen von ca. 5-10 Minuten auf, am besten (wochen)täglich. In der 3. Klasse ist das schon etwas individueller. Als übliche Motivation dazu nutzt man Systeme, wo es für das häusliche Vorlesen eine schulische Belohnung (Leseraupe, Leseschlange, Lesekönig und wie diese ganzen Sachen heißen) gibt. Obwohl auch die meisten meiner Schülereltern arbeiten, machen sie dies weitgehend wie empfohlen. Dazu machen wir im Unterricht noch die Leseübungen (z.B. Lautlesetandems), die zeitlich möglich sind. Ich kann von meinen Klassen berichten, dass sie lesetechnisch am Ende des 4. Schuljahrs ganz gut aufgestellt sind. Sie haben allerdings schon die richtigen Voraussetzungen im 3. Schuljahr aus den ersten beiden Klassen mitgebracht, wo ähnlich verfahren wurde.

    Worauf ich hinaus will: Schon vor 25 Jahren wurde das genauso gehandhabt. Ich kenne das gar nicht anders: Regelmäßiges lautes Lesen zuhause, 5-10 min.

    (Zusätzlich besuchen wir noch regelmäßig alle 4 Wochen eine Bücherei, wo ein Buch ausgeliehen, zuhause leise gelesen und das dann der Klasse vorgestellt wird. Denn ich halte auch das leise Lesen, das sich in eine Geschichte hineinvertiefen zu können als eine wichtige Kompetenz.)

    Nur berichten jetzt verstärkt Lehrer aus dem gebundenen Ganztageszug, dass dieses 5-10 minütiges häusliches Lesen von einer Mehrzahl der Eltern nicht mehr gemacht werden will. Die Kinder kämen um 16 Uhr zu müde nach Hause um hier überhaupt noch etwas, was mit der Schule zu tun hat, machen zu können. Demensprechend sieht bei schwächeren Kindern auch die Leseleistung (und nebenbei auch die Gesamtleistung) aus.
    Die Kinder des Ganztageszugs haben umgerechnet in der Woche 6 Unterrichtsstunden mehr Übungszeit als die Halbtagesschüler.
    Bei Halbtagesschülern geschieht die Übung über Hausaufgaben und freiwilliger Zusatzübung für Leistungsüberprüfungen.
    Rein theoretisch müssten die 6 Zusatzstunden der Ganztagesschüler ausreichen, aber es reicht wohl für Kinder, die sich schwer tun, nicht aus, da unsere Ganztagesklassen in nur 5 Stunden in der Woche von 2 Lehrkärften doppelbesetzt sind.

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