Sicher können deutsche Schüler mehr! Ein Kommentar zum mäßigen Abschneiden bei der PISA-Studie – aus Lehrersicht

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BERLIN. Die Ergebnisse waren – mal wieder – ernüchternd: Die deutschen Schüler haben bei der in dieser Woche veröffentlichten PISA-Neuauflage in allen drei getesteten Kategorien (Leseverständnis, Mathematik und Naturwissenschaften) schlechter abgeschnitten als bei der vor drei Jahren veröffentlichen Vorgängerstudie (News4teachers berichtete). Michael Felten, der über 30 Jahre lang als Lehrer an einem Kölner Gymnasium gearbeitet und sich als Autor einen Namen gemacht hat („Die Inklusionsfalle“), kommentiert für News4teachers das Abschneiden Deutschlands bei PISA aus Praktikersicht.

„Gelernt, ihre Kräfte nicht mehr als nötig einzubringen“: Gastautor Michael Felten meint, dass es bei der Anstrengungsbereitschaft hapert. Foto: Shutterstock

Eigentlich ist die Botschaft ja alle paar Jahre eine ähnliche: Deutsche Schülerleistungen liegen international nur im mehr oder weniger guten Mittelfeld. Wir wollen oder sollen aber besser sein, also wird dann regelmäßig ein paar Tage lang bildungspolitische Abhilfe versprochen oder gefordert. Diesmal hieß es vor allem: Einheitlichere Standards – und doch einen Nationalen Bildungsrat.

Ebenso wird zur Pisa-Verkündigung regelmäßig gekontert, dabei würden ja Äpfel mit Birnen verglichen. Andere Länder ließen am Testtag ihre schwächsten Schüler zuhause, zudem seien die Zuwanderer andernorts ganz anders geschichtet – und die Sache mit der Bildungsungerechtigkeit sei ohnehin ein statistisches Fake.

Jedem Lehrer hierzulande ist indes klar, dass deutsche Schüler durchaus besser sein könnten. Dass aber neue Papiere oder Institutionen kaum weiterführen. Dass erstens die Finanzminister dem Land einfach viel mehr Lehrer gönnen müssten – die Hoffnung, diese durch Digitalisierung einsparen zu können, wäre ja nur absurd. Dass man zweitens aber nicht an den Strukturen ansetzen müsste, sondern im konkreten Unterricht.

Man stelle sich doch einmal vor, Lehrer würden zügig mit dem Unterricht beginnen

Man stelle sich doch einmal vor, deutsche Lehrer würden sich alle als selbstbewusste Führungsfiguren verstehen – statt verschämt nur als Lernbegleiter. Sie würden klar strukturierte anspruchsvolle Lehr-Lern-Sequenzen planen – und der verbreiteten Selbstlernidyllik abschwören. Sie würden nicht eine Viertelstunde warten, bis auch der letzte Schüler seinen Pausentratsch beendet hat – sondern zügig mit dem Unterricht starten. Sie würden bei drei unerledigten Hausaufgaben nicht groß lamentieren – sondern eine Stunde verpflichtende Nacharbeit ansetzen. Und sie würden mangelhafte Leistungen auch wirklich mangelhaft nennen und Versetzungen nur bei echter Eignung aussprechen – allerdings auch frühzeitig Unterstützung bei Defiziten anbieten.

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Michael Felten. Foto: privat

Ein solches Szenario wäre nicht nur weitgehend kostenneutral zu haben, es wäre auch weitaus bildungsgerechter. Denn schon 2003 warnte der Erziehungswissenschaftler Hermann Giesecke: „Nahezu alles, was die moderne Schulpädagogik für fortschrittlich hält, benachteiligt die Kinder aus bildungsfernem Milieu.“ Bei direct teaching hingegen profitieren gerade die schwächeren Lerner, wie die Hattie-Studie zeigte.

Es sind nicht die Strukturen, die die Schulen im Mittelmaß halten

Allerdings müssten für eine solche Bildungswende einige pädagogische Dogmen überdacht werden. Es sind eben nicht die Strukturen, die Deutschlands Schulleistungen im Mittelfeld fixieren. Es ist die unheilige Allianz zwischen einer Erziehergeneration, die mit Heranwachsenden unbedingt gut Freund sein wollte, und einer Jugendkohorte, die von Eltern wie Lehrern daran gewöhnt wurde, ihre Kräfte nicht mehr als unbedingt nötig einzubringen. Wie sagte Royston Maldoom im Tanzprojekt Rhythm is it!? „Man muss sie die Erfahrung machen lassen, dass sich durch harte Arbeit etwas erreichen lässt.“

Michael Felten, Pädagoge und Publizist (www.eltern-lehrer-fragen.de), freier Lehrerweiterbildner (www.initiative-unterrichtsqualitaet.de)

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.

Steinmeier rechnet nach PISA mit der Bildungspolitik ab: „Es gibt kaum ein Politikfeld, in dem Reden und Handeln so beschämend weit auseinanderklaffen.”

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18 KOMMENTARE

  1. Eigentlich bräuchte man mehr Lehrer. Eigentlich bräuchte man die Besten für den Job. Felten hat Recht, wenn er besonders den Finanzministern die Schuld gibt: Seit Jahrzehnten wird der Lehrerberuf systematisch unattraktiver gemacht, sowohl die Arbeitsbedingungen als auch die Bezahlung verschlechtern sich immer weiter.

    Bezahlung: In Schleswig-Holstein betrug seit der Euro-Einführung die Inflation etwa 24%, die Gehälter von A13-Beamten stiegen nur um 23%, der Durchschnittslohn stieg um 45%.

    Arbeitsbedingungen: Grundschullehrkräfte müssen 28 Stunden arbeiten, ein Wahnsinn angesichts der Belastungen im Klassenraum (Lärm, Inklusion) bei den aktuellen Klassengrößen und Zusammensetzungen. Die Gymnasiallehrer sind mit 25,5 Stunden am Start, da bleibt bei den Korrekturbelastungen keine Zeit für innovative Unterrichtsvorbereitung mehr, man versucht nur noch, von Tag zu Tag über die Runden zu kommen.

    Wenn die Bedingungen stimmen würden, sowohl finanziell als auch die Arbeitsbedingungen, und zwar für alle Schulformen, und wenn man die von Felten zu Recht kritisierten Dinge nebenbei noch umsetzen würde, würden sich die PISA-Probleme im Luft auflösen.

  2. Da sind sie wieder. Die vielen Kritiker mit ihren Büchern, die genau wissen, wie es überall zu laufen hat. Ist es das, was Pisa hervorbringt? Ist das das Ziel einer Studie?

    Man kann die Zusammenfassungen lesen oder die genaue Darlegung der Studienhinhalte. Natürlich gibt es auch gute Leistungen im Bildungssystem, die Werte liegen über dem Durchschnitt. Die Zahlen können genauestens analysiert werden. Und sicher gibt es eine Menge Forderungen, die man erheben kann.

    Wir messen uns oder werden gemessen an anderen Ländern und anderen Schulsystemen, mit gleichen Aufgaben, aber unterschiedlicher Schülerschaft. Es gibt auch Fragen dazu, wie gut die Kommission in jedem Land die „richtigen“ SuS auswählen kann.

    Die Stimmen, die beim ersten Vergleich dargelegt haben, dass ganz unterschiedliche Bildungskonzepte zu Grunde liegen, verstummen immer mehr. Wie wäre es, wenn ganz andere Kriterien gesetzt würden, wenn freie Meinungsäußerung zählte, Kreatives oder der Umgang mit kulturellen Unterschieden? Das wird nicht gemessen und Unterricht richtet sich vermehrt daran aus, was einfacher erhoben und ausgewertet werden kann. Darüber verändert sich der Bildungskanon. Dadurch wird das, was bis vor 20 Jahren noch üblich war, zurückgedrängt, zu Gunsten von Fähigkeiten, die per Mulitple-Choice abfragbar sind, zu Gunsten von Testverfahren, denen jedoch nie etwas folgt, weil alles auf Diagnose, aber nichts auf Förderung ausgerichtet ist.

    Schlechte Ergebnisse z.B. im Lesen, zeigen sich wieder – und das, trotz aller Anstrengungen und Programme, über 20 Jahre hinweg.
    Wird erhoben, wie viele Möglichkeiten der zusätzlichen Förderung unterschiedlichster Bereiche in den anderen Ländern zur Verfügung stehen?
    Wie ist die Lehrende-Lernende-Relation in sämtlichen teilnehmenden Ländern quer durch die Schuljahre?
    Wie viele Personen anderer Professionen sind in Schulen zugegen und kümmern sich um das Wohl der SchülerInnen?
    Wie viele weitere Professionen werden in anderen Ländern beschäftigt?
    Wie eng oder wie weit sind die Aufgaben der Lehrkräfte gesteckt?

    Felten ist derjenige, der als Kritiker bekannt ist, immer aber seine Oberstufen-zentrierte Pädagogik als allein seligmachende Weisheit anpreist oder geschickt verpackt und alles andere nicht gelten lässt. So zeichnet ER das Bild, dass der Lernbegleiter die SuS sich selbst überlassen würde, dass er verschämt sei. Ist das so? Nein. Das genau ist nicht seine Aufgabe. Die Aufgabe des Lernbegleiters ist, die Lernenden _zu begleiten_, sie nicht allein zu lassen, sie genau zu beobachten, sie zu unterstützen und ihnen zu helfen. Da geht es weniger um den einen einseitig ausgerichteten Unterricht, sondern um die Berücksichtigung der Vielfalt im Klassenraum. Auch um die 20%, die immer wieder mit mangelnden Leistungen auffallen. Wo bleiben die bei Felten? Sind sie dabei, wenn Hattie in seiner Zusammenschau der Studien eine bestimmte Methode herausfiltert, sodass diese die alleinige Antwort auf alle Probleme sein wird?

    Das, was mir sauer aufstößt, ist, dass Felten sein eigenes Vorgehen auf alle übertragen möchte, gleich welche Schülerschaft welchen Alters und welcher Herkunft sie beschulen, und dass er denen, die an anderen Schulen arbeiten, Konsequenz und Klassenführung abspricht, um deren Unfähigkeit zu begründen, um auf ihre Kosten ein Argument für sein Schulsystem zu finden. Ein Schlag ins Gesicht für alle Lehrkräfte mit viel Engagement und Konsequenz an allen möglichen Schulformen, ob sie sich nun als „LehrerIn“ oder „LernbegleiterIn“ verstehen.

    Vielleicht ist es denen, die Feltens Meinung anhängen, wert, die Erfahrung selbst in anderen Schulformen zu sammeln. Der Lehrermangel ermöglicht halbjährliche oder jährliche Abordnungen mit wenigen Stunden oder dem gesamten Deputat in anderen Schulformen. Denn dort, wo die die Schülerschaft besonders benachteiligt ist, sind die Verhältnisse an den Schulen besonders prekär und der Lehrkräftemangel am größten. Warum nur?
    Gehen Sie mit Ihren hervorragend strukturiert geplanten Unterrichtsstunden in eine heterogene Klasse und führen Sie ein paar Wochen konsequent auf Ihre Weise Ihren Unterricht! Beginnen Sie den Unterricht zügig, klären Sie Konflikte nach der Stunde außerhalb der Unterrichtszeit und übernehmen Sie die Aufsicht am Nachmittag über die Nacharbeit! Aber bedenken Sie dabei, dass Sie ALLE SchülerInnen dieser Lerngruppe mitnehmen werden, über Jahre, dass niemand zurück bleibt und niemand mehrfach sitzen bleibt, weil er selbst bei Wiederholung die gesteckten Ziele nicht erreicht, aus welchen Gründen auch immer.

    Wirklich schlimm ist aber, dass der Kritiker ins das Horn der Kostenneutralität stößt: Lehrer, gebt euch einfach nur ein bisschen mehr Mühe, seid konsequent und fordert Leistung, dann klappt es auch mit der Integration und Inklusion (ach nein, Herr Felten war ja dagegen), mit der Beschulung von Kindern mit und ohne besondere Belange unterschiedlichster Art, mit und ohne Sprachvermögen, mit und ohne häuslicher Unterstützung…

    Das, was Felten vorschlägt, ist genau das, was die soziale Benachteiligung bringt.

    Ja, ich finde es richtig, konsequent im Unterricht zu sein und Leistungen einzufordern. Dabei kann ich aber Schüler begleiten, differenzieren, jeden unterschiedlich fordern und fördern und die Schüler im Blick behalten. Das schließt sich überhaupt nicht aus. Es reicht aber nicht aus, die Latte allgemein möglichst hoch zu halten, wenn 20% der SuS stetig darunter durch laufen, weil ihnen sämtliche Voraussetzungen fehlen. Dann muss man an diesen Voraussetzungen arbeiten, miteinander, und die Ziele so stecken, dass sie gleichzeitig herausfordern und erreichbar erscheinen, sodass sich Erfolge einstellen, die auch für diese Lernenden zu erkennen sind und motivieren. Dass dies überhaupt möglich ist, dazu muss man Schulen befähigen und auch schon im vorschulischen Bereich weit mehr Anstrengungen übernehmen, um besagte 20% von Beginn an zu stützen.

    Und ja, ich finde es wichtig, angesichts der Heterogenität Leistungen in unterschiedlichem Maße einzufordern und auf jeden Schüler genau einzugehen, samt Integration und Inklusion, ABER von Kostenneutralität würde ich nie ausgehen:
    Wer Bildung wichtig findet, wird sie finanzieren müssen. Wer das nicht tut, wird in Zukunft damit leben dürfen, dass ein Großteil der Gesellschaft weit weniger als möglich und ggf. auch nötig gebildet ist.

    Schön wäre, wenn Lehrkräfte einfach mal konsequent in der Hinsicht wären, den Schwarzen Peter nicht in der Lehrerschaft zu verteilen, sondern ihn außerhalb abzugeben, bei denen, die für das Schulsystem zuständig sind und für die Ausstattung desselben Sorge tragen müssten, dies aber sträflich vernachlässigen.

    Wünschenswert, dass KollegInnen – an welchen Schulformen auch immer – sich gegenseitig zuhören würden, die unterschiedlichen Belange erfragen und erkennen, sich der gemeinsamen Herausforderung stellen und füreinander für Verbesserung eintreten würden und miteinander denen auf die Füße treten, die sich in den letzten 20 Jahren nicht darum gekümmert haben, die Schulen besser auszustatten und selbst das, was in Vorgaben und Erlassen genannt ist, zu realisieren.

    • Vielen Dank für diese tollen Worte. Sie beschreiben mein Verständnis vom LehrerIn sein, wie ich es täglich versuche, wie es tägliche Realität an so vielen Schulen in Deutschland ist (vielleicht an den Gymnasien nicht, aber selbst das kann ich mir nicht vorstellen). Danke. Ihre Ansicht gehört abgedruckt und der KMK auf den Tisch gelegt. Danke, dass sie solch einen Artikel so differenziert auseinandernehmen. Danke.

    • Trotz aller Ausführlichkeit zeigt der Kommentar von ‚palim‘ (und später auch der von ‚ysnp‘), dass über „klar strukturierte anspruchsvolle Lehr-Lern-Sequenzen“ und „direct teaching“ allerlei Missverständnisse in Umlauf sind – um plumpen, nicht differenzierenden Frontalunterricht oder gar „oberstufenzentrierte Pädagogik“ geht es dabei jedenfalls nicht.
      Spätestens nach Hattie führt indes kein Weg daran vorbei: Die Euphorie um das selbstgesteuerte Lernen lässt sich nicht aufrechterhalten – schon gar nicht im Hinblick auf Lernschwächere. Hatte nicht bereits 2004 niemand Geringeres als Hilbert Meyer eingestanden, er müsse in dieser Hinsicht auf seine alten Tage umlernen? Die positive Perspektive hat Ewald Terhart formuliert: „Im Zentrum steht ein Lehrer, für den allerdings seine Schüler im Zentrum stehen.“

      • @ m.felten selbstbewusste lernbegleiterinnen arbeiten konsequent subjekt- also schülerinnenorientiert und zwar nicht erst seit hattie, der schlussendlich auch „nur“ herausgefunden hat, dass der wesentliche lernerfolg hauptsächlich auf beziehungsorientierter kommunikationsebene stattfindet.

        vielmehr abschreckend als beschämend finde ich, wenn lehrende sich nicht mehr als leitung begreifen geschweige denn definieren (wollen), sondern ernsthaft glauben, sich neudeutsch als eher weniger erfreuliche „führungsfigur“ präsentieren zu müssen.

        abschließend bemühen sie vermeintliche „eingeständnisse“ von h. meyer ohne diese ansatzweise seriös zu zitieren, schade.

    • @Palim
      Ich hatte beim gestrigen Elternabend meiner ältesten Tochter das Erlebnis, mit einer an der Uni- Münster ausgebildeten Germanistin und Förderschullehrerin meiner Tochter, ein Gespräch über die weitere Entwicklung und Förderung dieser im Bereich Mathematik zu führen.
      Das Gespräch verlief, ausgehend vom inzwischen sehr gut ausgebildeten automatisierten Lese- und Sprachverständnis meiner Tochter, auf den verpassten Grunderwerb dieser Fähigkeiten im Grundschulunterricht der ersten und zweiten Klasse zu, der, wie bei den meisten mir bekannten Kindern, die nach Sommer-Stumpenhorst eigen initiativ mit einer Anlaut-Tabelle in Anlehnung an die Methodik von 1525,die über eine eigenständige Anwendung falscher Grapheme zu nachhaltigen Problemen beim Schriftspracherwerb und des Leseerwerb geführt hat.
      Die Münsteraner Grundschulpädagogik ist bekannt für die starke Einbindung der Methodik des sogenannten „Spracherfahrungsansatz“ des umstrittenen Herrn Brügelmann, wobei hier im Raum die Anwendung der Rechtschreibwerkstatt des in Beckum lebenden Norbert Sommer-Stumpenhorst erfolgt und von der Uni unterstützt wird, wobei Herr Sommer-Stumpenhorst in seiner unkritischen Art Kinder sich die Schriftsprache und das Lesen selbstständig unter der Anwendung falscher Zwischenstufen in den Verschriftlichungen wie zum Beispiel Pleta, Bleta, Bläta etc. und schließlich Blätter, erarbeiten lässt.
      Dass ein nachhaltiges neuronales Abspeichern in synaptischen Strukturen stattfindet und sich schädigend auswirkt, wird unter der Zitierung der Versuche eines Professors für Sportmedizin abgelehnt, der einigen heranwachsenden Versuchspersonen falsche Bewegungsabläufe beigebracht hatte, und oh wunder, die entwicklungsphysiologisch natürlich vorgegebene Bewegungsabläufe wie das Gehen und Laufen entwickelten.

      Kulturtechniken, wie die Sprache, entstanden aber erst in der Zeit der von Sprachelementen unterstützten organisierten Großtierjagden größerer Jagdgruppen in der Steinzeit an unterschiedlichen Orten, und die aus den phönizischen Buchstabenschrift hervorgegangene Schrift entstand erst um 1.100 vor Christus.
      Aus Versuchen der Grundlagenforschung der Medizin und der Psychologie wissen wir aber, dass die sich manifestierende Abspeicherung von Fehlern durch organisch nachweisbare synaptische Verbindungen, den Lernprozess und die weitere Automatisierung der Lernfortschritte verlangsamen (siehe auch Stanislav Dehaene, Stroop).

      • @AvL
        Sie haben mit einer Germanistin über die mathematischen Fähigkeiten Ihrer Tochter gesprochen und sind letztlich bei Ihrem Lieblingsthema gelandet?

        Ja, das kann ich mir gut vorstellen.

        • Die Förderschullehrer unterrichten Fächerübergreifend.
          Interessant war aber zu erkennen, dass der die Methodik eines Herrn Brügelmann hier im Westen weiterhin betrieben und gelehrt wird.
          Man ergänzt sich blendend mit den nationalkonservativen Kreisen, die gar kein Interesse an der schulischen Bildung von sozialschwachen und Migranten haben.
          Das sind die Beiden negativen Seiten der Bildungspolitik, die Skylla und die Charybdis der Bildungspolitik.
          Beide wirken sich negativ synergistisch in ihrer Wirkung auf alle Risikogruppen der Bildungslandschaft aus.

  3. „Sicher können deutsche Schüler mehr! Ein Kommentar zum mäßigen Abschneiden bei der PISA-Studie – aus Lehrersicht“

    Aus Lehrersicht? Meine Lehrersicht ist das nicht! Der Kommentar ist mir zu schwarz- weiß, zu polarisierend. Man kann nicht das eine verteufeln und das andere hervorheben. Man muss die Nuancen sehen und von jedem Unterrichtskonzept das, was funktioniert im Hinblick auf die jetzige Schülergeneration, mit der wir es zu tun haben, übernehmen.

    • Bei der Einschulung der Grundschüler sind diese in ihren Grundkenntnissen des Sprachverständnisses, der motorischen Fähigkeiten und deren Konzentrationsfähigkeit schon sehr verschieden. Diese vorgegebenen Bedingungen machen es aber aus meiner Sicht erforderlich, sich sehr viel enger auf den Schüler bezogen mit ihm zu befassen und mehr anleitend und unterstützend die Vermittlung des Erwerbs der Schrift, der Fähigkeit zu Lesen und der Grundlagen der Mathematik zu vermitteln. Dafür bedarf es aber auch deutlich mehr Personal.
      Die Methoden der Selbstalphabetisierung überfordern schlichtweg einen Großteil der Schüler, denen in Teilen einfach die sprachlichen Grundlagen fehlen, um sich die Schrift und das Lesen selbst beizubringen.
      Strukturierte Leselernmethoden, wie das Intra-Akt-Konzept und der Kieler Leseaufbau, die auch in kleinen Gruppen die Lesefähigkeit strukturiert in eine Automatisierung überführen, sind dazu wichtige Hilfsmittel, um den unterschiedlichen Lernvoraussetzungen zu begegnen.

      • Darum ging es doch gar nicht in meinem Kommentar. Wie Sie wissen, unterrichte ich in Bayern und da gibt es das von Ihnen abgelehnte Konzept so oder so nicht.
        Aber ich bin dagegen, dass wir nur noch instruierenden, lehrerzentrierten Unterricht machen, was bei dem Kommentar von Herrn Felten klar herauskommt. Der selbst entdeckende Unterricht mit seinen Methoden hat ebenso seinen Platz, nämlich bei den Themen, wo er sinnvoll ist.
        „Direct teaching“ – das neue Zauberwort. Das kommt von Amerika und ich habe in einer Fortbildung Beispiele gesehen, was das heißen soll. Es ist auf jeden Fall nicht DIE Lösung. Es ist methodisch einen Tick interessanter als der fragend entwickelnde Unterricht, weil Schüleraktivitäten wie mitmachen lehrerzentriert gesteuert werden und viel mit Anschauungsmaterial gearbeitet wird. Das ist wie wenn man bei einer Liedeinführung eine Melodie übt. Da zeigt der Lehrer den Melodieverlauf, der irgendwo noch optisch präsentiert wird, mit, die Schüler singen und zeigen ebenso mit. Eine Medodie kann man nur durch direkte Instruktion lernen.
        Was bei der direkten Instruktion völlig fehlt, ist eine Aufgabe, bei der die Schüler selbst einmal intensiv denken müssen. Es wird ihnen alles präsentiert und vorgegeben. Ihre einzige Aktivität besteht durch das Mitmachen/ Mitdenken. Man arbeitet übrigens in der Grundschule bei der Einführung bei manchen kognitiv orientierten Themen ähnlich – eine Einführung mit viel Anschauungsmaterial und verschiedenen Methoden, die die Schüler zum Mitmachen animieren, allerdings nicht ganz so direkt vor die Nase gesetzt. Ich betone: bei manchen Themen, aber bei allen! Allerdings empfand ich an den Beispielen, die ich gesehen habe, einige Schüleraktivitäten gekünstelt und aufgesetzt.
        Es gibt auch den umgekehrten Weg, den man dann mit einem kontruktivistischen Ansatz verfolgt, nämlich eine Aufgabe so gestalten, dass sich die Schüler erst einmal alleine über das Thema Gedanken machen und damit ihr Vorwissen aktivieren, sich austauschen, reflektieren und dann mit Unterstützung der Lehrkraft zum springenden Punkt kommen. Es ist noch gar nicht lange her, dass man sagte, dass der Weg über das selbst entdeckende Lernen nachhaltiger sei.
        Was wollen wir? Wollen wir, dass sich die Schüler selbst Gedanken machen oder ihnen alles zum Nachvollziehen präsentieren? Mechanische Dinge wie Rechenarten kann man ihnen gern präsentieren, aber es gibt auch andere schulische Inhalte!
        Wer direkte Instruktion in der Reinform machen möchte, der braucht gute Nerven, denn er ist die ganze Zeit physisch und mental gefordert. Außerdem muss er klar durchstrukturieren und benötigt viel Anschauungsmaterial und viele Ideen, wie er die Schüler während seiner Aktivität zum Mitmachen animieren kann.

        • Danke für die anschaulichen Beispiele, ysnp.

          Was sicher auch immer zu bedenken ist:
          Es gibt Kinder, die NUR über das Nachahmen lernen können, weil sie in der Entwicklung stark verzögert sind und anderes nicht gelingt.
          Andere aber benötigen ganz andere Anreize, damit sie nicht unentwegt vor Langeweile in einen Dämmerschlaf kommen.

          Dies in einer Klasse umzusetzen, ist das eigentliche Kunststück, das täglich vielfach zu bewältigen ist. Dafür bräuchte es Hilfen, damit diejenigen, die viel Begleitung und Erklärung benötigen, diese auch immer wieder erhalten können, während sich die anderen selbstständig beschäftigen und dann die erzielten Ergebnisse unter Anleitung reflektieren lernen.

  4. Der Autor spricht mir aus dem Herzen.
    Und: Bildungspoliker, die nur mittelmäßig in Bildung investieren können auch nur Mittelmäßigkeit im Ergebnis erwarten!

  5. Der Kommentrar von Hrn. Felten entspricht absolut meiner Sichtweise, er bringt das ganze große Problem an der Sache auf den Punkt. Nur leider… wird es nicht viel bringen. Schade.

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