Aus der Praxis: Wie Schulen kulturelle Bildung für die Demokratie-Erziehung nutzen

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DÜSSELDORF. Die Vorzüge kultureller Bildung wurden bereits durch zahlreiche Forschungsergebnisse bestätigt. Doch reichen Theaterbesuche oder Kunst-Projekte aus, um jungen Leuten echte Teilhabemöglichkeiten zu eröffnen? Oft verfehlen die Angebote ihre Zielgruppe – und vergeben damit zugleich wertvolle Chancen für die politische Bildung. Dass es auch anders geht, zeigt das Beispiel einer Bremer „Problemschule“, dargestellt in einem MOOC, der Lehrkräften Demokratiebildung nahebringen soll.

Kulturelle und künstlerische Bildung führt unter anderem zu besseren Bildungsabschlüssen, einer höheren Lese- und Rechtschreibfähigkeit und einem verbesserten Sozialverhalten, stellte die von der UNESCO in Auftrag gegebenen Studie „The Wow-Factor“ bereits 2006 fest. Als Teil von politischer Bildung kann sie darüber hinaus demokratische Prozesse in Gang setzen: „Kulturelle Bildung ist Persönlichkeitsbildung“, sagt die Stellvertretende Geschäftsführerin der Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung e. V. (BKJ) Kirsten Witt. „Durch künstlerische Ausdrucksformen und im Spiel, durch die Auseinandersetzung mit dem Unbekannten, aber auch mit dem eigenen Erleben, Fühlen und Denken werden Fähigkeiten und Persönlichkeitsmerkmale ausgebildet, die Voraussetzung für politische Urteils- und Handlungsfähigkeit sind.“

Demokratiebildung: Kostenloser Online-Kurs für Lehrer
„Schule ist ein zentraler Ort, an dem junge Menschen Demokratie und Engagement lernen, erfahren und gestalten können.“ Foto: Shutterstock

Die Demokratiebildung in der Schule hat im Zuge der aktuellen politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen an Bedeutung gewonnen. Schülerinnen und Schüler sollen lernen, sich als Part der Gesellschaft zu begreifen, der diese aktiv verändern kann. Doch wie können Lehrkräfte dies erreichen? Unterstützung bietet der kostenlose Online-Kurs „Citizenship Education – Demokratiebildung in Schulen“, den die Bertelsmann Stiftung zusammen mit dem Institut für Didaktik der Demokratie an der Leibniz Universität Hannover entwickelt hat.

Hier gibt es weitere Informationen.

Doch die kulturelle Teilhabe junger Menschen hängt weiterhin häufig vom Bildungshintergrund und den finanziellen Möglichkeiten ihrer Eltern ab. Das zeigte beispielsweise die repräsentativen Studie „Eltern/Kinder/Kulturelle Bildung. Horizont 2017“, die das Institut für Demoskopie Allensbach (IfD) im Auftrag des Rates für Kulturelle Bildung erstellt hat. Noch dazu fehlen oft wichtige Bedingungen für das Gelingen echter Teilhabe, wie Kirsten Witt gemeinsam mit Jens Maedler, Leiter des BKJ -Bereiches Freiwilliges Engagement, in einem Beitrag auf „Kulturelle Bildung Online“ ausführt. Es sei wichtig, dass Kinder und Jugendliche in Angeboten zur kulturellen Bildung einen Bezug zu ihrem eigenen Leben erkennen können. Um Selbstwirksamkeitserfahrungen gehe es.

Gesamtschule Bremen Ost: „Wertschätzen, beteiligen, zuhören!“

Was können Schulen tun, um die Chancen kultureller Bildung besser auszuschöpfen? Eine exemplarische Antwort liefert die mehrfach für ihr Engagement ausgezeichnete Gesamtschule Bremen Ost (GSO). Die mit 1.300 Schülerinnen und Schülern größte Schule in Bremen steht für die gelungene Förderung kultureller und gesellschaftlicher Teilhabe. „Wertschätzen, beteiligen, zuhören“, so lauten die Grundsätze an der Brennpunkt-Schule im wenig privilegierten Stadtteil Osterholz-Tenever. Im Neubaugebiet am Rand von Bremen ist Kinderarmut häufig Realität. SchülerInnen aus 60 verschiedenen Nationen besuchen die GSO, viele davon aus sogenannten bildungsfernen Elternhäusern.

„In diesem Stadtteil bedeutet gute Schule zu machen,  dass man erstmal versucht, Beziehung aufzubauen. Das ist das allererste – und  dann kommt lange gar nichts. Erst dann kommt der Unterricht“, sagt Schulleiter Hans-Martin Letz in einer Praxisreportage zur Demokratiebildung. Der Film ist Teil der kostenlosen Online-Weiterbildung „Citizenship Education – Demokratiebildung in der Schule“, die die Bertelsmann Stiftung und die Deutsche Gesellschaft für Demokratiepädagogik gemeinsam für Lehrerinnen und Lehrer entwickelt und frei zugänglich veröffentlicht haben.

Kunst und Musik helfen Kindern dabei, sich selbst auszudrücken – das unterstützt die Demokratiebildung. Foto: Shutterstock

Deshalb, so der Schulleiter weiter, gebe es an seiner Schule keine Gewalt, keinen Vandalismus, wenig Schulabbrecher und wenig Schulabstinenz. Die Lehrer der GSO sähen sich als eine Art „Möglichmacher“ für demokratische, kulturelle, gesellschaftliche Teilhabe sehen. Sie wollen den Schülern zeigen, „was man überhaupt machen kann“, sagt Kunstlehrer Wolfgang Russek im Film. Denn dass es tatsächlich verschiedene Wege gebe, sich einzubringen, die eigenen Talente zu entdecken und zu erproben, sei vielen jungen Leuten zunächst nicht klar.

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Besonders die Profilklassen Theater, Kunst, Naturwissenschaften und Musik – Markenzeichen der Schule – eignen sich dazu, Persönlichkeit zu entwickeln und Neigungen zu fördern. Gerade SchülerInnen mit sozialpädagogischem Förderbedarf profitierten davon, so Musiklehrerin Imke Howie. Sie seien in ihrem Unterricht oft besonders leistungsfähig. Jeder habe die Möglichkeit, sich mit seinen Fähigkeiten einzubringen.

Schule kooperiert mit der Kammerphilharmonie

Differenzieren, um jeden mitzunehmen, gehört zur Haltung, die sich das GSO-Kollegium bereits seit den 70-er Jahren aufgebaut hat. Dieses Menschenbild macht das „GSO-Feeling“, wie es LehrerInnen und SchülerInnen im Film beschreiben, aus. Dazu gehört auch, Probleme sofort anzugehen und Neues auszuprobieren – das Handeln also in den Mittelpunkt zu stellen.

Seit 2007 bekommt die GSO einzigartige Unterstützung dabei: Sie ist eine Kooperation mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen eingegangen, die prompt mit dem Zukunftsaward als beste soziale Innovation ausgezeichnet wurde. Das Projekt habe SchülerInnen und MusikerInnen verändert, heißt es im Film. Die MusikerInnen nehmen nicht nur an gutbürgerlichen Events teil, sondern gehören zum Leben dazu. Und umgekehrt eröffnen sich den Kindern und Jugendlichen Chancen, die sie in ihrem „Problemviertel“ wohl sonst nicht in dieser Art bekommen hätten.

Das Orchester hat einen Proberaum in der Schule bezogen. SchülerInnen können während der Proben im Orchester sitzen, man trifft sich täglich in der Mensa, MusikerInnen übernehmen Patenschaften und besuchen Musikklassen im Unterricht. Schule und Orchester haben unter dem Titel „Melodie des Lebens“ ein gemeinsames Format entwickelt. Das Orchester spielt darin zum Beispiel Stücke, die SchülerInnen komponiert haben. Alle zwei Jahre findet eine gemeinsame Stadtteil-Oper mit 600 Mitwirkenden, darunter 400 Akteuren aus der GSO, statt. Es ist eine echte Gemeinschaftsproduktion: Eltern kümmern sich um das Catering, SchülerInnen komponieren, singen, tanzen, gestalten die Bühne oder nähen die Kostüme.

Der Zeitfaktor sei einer der Schlüssel zur Wirksamkeit, erklärt der Geschäftsführer der Kammerphilharmonie Albert Schmitt und stimmt damit Witt und Maedler zu: „Ohne diese Verlässlichkeit ist die Arbeit bedeutungslos, aber wenn die Verlässlichkeit gegeben ist, dann kann man wirklich Leben verändern. Man kann erreichen, dass Kinder, die sich als Opfer des Lebens gesehen haben, dahin finden, sich als Schöpfer ihres Lebens zu begreifen. Und das ist ein Quantensprung, den kann man mit Worten gar nicht beschreiben.“ Sonja Mankowsky / Agentur für Bildungsjournalismus

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