Lehrer wegen angeordneter Mehrarbeit in Aufruhr – Forscher warnen, dass die Moral in den Kollegien massiv leidet

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MÜNCHEN. Bayerns Grundschul- und Mittelschullehrer müssen mehr arbeiten – und sind deshalb stinksauer. Ist der Lehrermangel hausgemacht? Bildungsforscher nehmen die Kultusministerien in Schutz – so einfach, wie es scheint, ist es nicht, auf Schwankungen bei der Schülerzahl zu reagieren. Allerdings: Zwangsmaßnahmen wie die jetzt im Freistaat sehen die Experten kritisch – der Schuss dürfte nach hinten losgehen. Sie empfehlen, Anreize zu setzen, um Teilzeitkräfte und Pensionäre zum Ausgleich für unbesetzte Stellen zu gewinnen. 

Bringt Mehrbelastung Auftrieb? Das darf bezweifelt werden. Illustration: Shutterstock

In Bayerns Lehrerzimmern kochen die Emotionen. Vor allem aus den Grundschulen hört man allerorten von maximalem Frust, zerstörten Lebensplanungen und Vertrauensverlust. Anlass ist die Anordnung, dass die meisten Grundschullehrer in Vollzeit künftig eine Stunde pro Woche zusätzlich unterrichten müssen (News4teachers berichtete). Der vorgezogene Ruhestand wird – auch für Mittel- und Förderschullehrer – nach hinten geschoben, für Teilzeitler steigt die Mindeststundenzahl, Sabbatjahre sind passé. Ziel ist die Bekämpfung des Lehrermangels. Was von den Betroffenen als Zumutung empfunden wird, ist dem Kultusministerium nach Ansicht von Bildungsforschern aber nicht anzulasten.

Hauptfaktor für den Lehrermangel: die seit Jahren steigende Geburtenzahl

Periodische Schwankungen zwischen Lehrermangel und Lehrerüberschuss gibt es seit Jahrzehnten. Doch warum bekommen die Kultusministerien diesen sogenannten Schweinezyklus nicht in den Griff? Schließlich weiß man doch, wie viele Kinder geboren und entsprechend sechs Jahre später eingeschult werden. Auch die Altersstruktur der Lehrkräfte ist bekannt. Müsste man da nicht rechtzeitig die entsprechende Zahl an Nachwuchskräften einstellen können? Ganz so einfach ist es nicht.

«Bayern macht es schon exemplarisch gut», lobt etwa Bildungsforscher Dirk Zorn von der Bertelsmann-Stiftung mit Blick auf die jährliche Lehrerbedarfsanalyse. Auch die Einstellungspraxis sei im Freistaat ungewöhnlich großzügig. «Dass es dennoch nun zu diesen drastischen Maßnahmen kommt, zeigt einfach die Schwierigkeit der Materie.»

Hauptfaktor für die aktuelle Misere: Die seit nunmehr sieben Jahren rapide steigende Geburtenzahl. Jahrelang war sie vergleichsweise stabil, 2011 gab es knapp 104.000 Neugeborene im Freistaat. Doch 2015 waren es schon mehr als 118 000. Und im Jahr 2018 verzeichnete das Statistische Landesamt gar 127 616 Babys. «Wir haben seit Jahren eine familienfreundliche Politik gemacht, und oh Wunder – es hat funktioniert! Doch die Politik war nicht darauf eingestellt», resümiert der Essener Bildungsforscher Klaus Klemm mit spitzer Zunge.

Das System der Lehrerausbildung ist schwerfällig

Er räumt allerdings ein, dass er diesen gewaltigen Anstieg trotz jahrzehntelanger Erfahrung so ebenfalls nicht vorhergesehen habe. Außerdem dürfe man nicht vergessen, wie schwerfällig das Ausbildungssystem sei. «Selbst wenn die Politik bereits 2014 reagiert und die Ausbildungskapazitäten erhöht hätte, hätten wir frühestens 2021 eine höhere Zahl von ausgebildeten Lehrkräften. Die Politik hat in dem Sinne nicht geschlafen.»

Schließlich dauere es, bis ein stabiler Aufwärtstrend bei den Geburten zu erkennen sei. Dann müssten neue Lehrstühle geschaffen und besetzt werden – was schonmal zwei Jahre dauern kann, wie der emeritierte Professor der Universität Duisburg-Essen aus Erfahrung weiß. Dann müsse es genügend motivierte Bewerber geben – ein Numerus clausus (NC) wie in Bayern, wo nur gute Abiturienten Grundschullehramt studieren dürfen, sei da nicht gerade hilfreich. Zu guter Letzt müssten die Kandidaten dann sechs bis sieben Jahre studieren – so sie denn ihr Studium überhaupt erfolgreich beenden.

Daran hapert es erschreckend oft. Rund 42 Prozent beträgt die «Schwundquote» nach einer Auswertung des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV) allein bis zum ersten Staatsexamen. Bei den Grundschulen seien es nur knapp 30 Prozent; unter anderem, weil Wechsler aus anderen Schularten die Lücken der Abbrecher auffüllten.

Migration, Inklusion und Ganztag treiben den Lehrerbedarf nach oben

Neben Geburtenzahl und Schwundquote gibt es weitere Faktoren, die es schwer machen, den tatsächlichen Bedarf an Lehramtsstudenten vorherzusagen. Dazu zählt zum Beispiel die Migration, und zwar sowohl innerhalb Deutschlands als auch aus dem Ausland – wobei letztere mit Blick auf die Schülerzahlen aktuell keine allzu große Rolle spielt. Auch politische Entscheidungen wie der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung für Grundschüler erhöhen den Bedarf. Und dann ist da noch die Inklusion: Wenn Regelschulen Kinder mit Behinderung unterrichten, bekommen sie dafür einen höheren Personalschlüssel zugewiesen.

Unterm Strich fehlt dem Münchner Kultusministerium zufolge der Umfang von 1400 Vollzeitstellen für das nächste Schuljahr. «Wir haben jetzt eine Durststrecke, in der wir nur mit Notmaßnahmen zurechtkommen», betont Klemm deshalb. Experte Zorn sieht dies genauso. Er nennt drei Hebel, um den Unterricht dennoch zu gewährleisten. «Man sollte angehende Ruheständler, so sie rüstig sind und das wollen, ermutigen, noch ein paar Jahre länger zu unterrichten.» Andere Bundesländer hätten dazu bereits die Hinzuverdienstgrenzen erhöht.

«Dann sollte man den Teilzeitkräften Anreize geben, ihr Deputat aufzustocken», schlägt Zorn vor. Allerdings nicht verpflichtend, wie in Bayern gerade angeordnet, «weil das die Attraktivität des Berufs und auch die Moral der Belegschaft zu unterhöhlen droht». Deshalb hält Zorn auch nichts von der vorübergehenden Anhebung der Stundenzahl für Vollzeit-Grundschullehrer von 28 auf 29 Stunden, auch wenn die Mehrarbeit in Form eines Arbeitszeitkontos in einigen Jahren zurückgezahlt werden soll.

Seiteneinsteiger? Kritik an „Mini-Crashkursen“ in den Lehrerberuf

Trotz aller Bemühungen müssen laut Zorn zudem Lehrkräfte gewonnen werden, die nicht für den Unterricht von Grundschülern ausgebildet sind. Bayern setzt derzeit noch auf eine nachträgliche Qualifizierung von Real- und Gymnasiallehrern. In anderen Bundesländern reicht dies längst nicht aus: So sind in manchen Berliner Bezirken zwei Drittel aller Neu-Lehrer keine Pädagogen. Sie bekommen oftmals nur einen Mini-Crashkurs, bevor sie vor die Klassen gestellt werden.

Wissenschaftler, Kultusminister und Lehrerverbände halten das für keine gute Lösung. Um langfristig den Schweinezyklus zu durchbrechen, müsse man deshalb auch über Studienstrukturen nachdenken, mahnt Zorn – und über eine höhere Besoldung. Denn Grund- und Mittelschullehrer werden in Bayern weiterhin schlechter bezahlt als Real- und Gymnasiallehrer. Doch ein solcher Schritt ist für viele Landtagspolitiker derzeit noch undenkbar. Von Elke Richter, dpa

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5 KOMMENTARE

  1. Sehr treffsichere Analyse. Ich wäre auch für eine variablere Stundenverteilung, allerdings auf freiwilliger Basis – mit Anreizen. Wer seine Teilzeitstelle aufstocken MÖCHTE, sollte dazu ermutigt werden, wer sich eine 29. und vllt sogar eine 30. Stunde zutraut, sollte ebenso dazu ermutigt werden, wer länger arbeiten will, ebenso.
    Aber dazu zu zwingen, darunter dürfte letzlich die Qualität leiden.

    Und letzlich muss auch und gerade das reiche Bayern sich mal überlegen, ob ein Land mit Regelbeföderung der Gymnasiallehrer auf A14, Grundschul- und Mittelschullehrer immernoch mit A12 abspeisen will, damit weiter ein Run aufs Gymnasium besteht.

    • Ich glaube nicht, dass die Entscheidung für die Schulform alleine aufgrund des Gehalts getroffen wird. Das Alter der Zielgruppe, die Klientel und den Grad der Fachlichkeit halte ich für viel relevanter. Sogar bei Mittelschule oder Gymnasium mit der weitgehend gleichen Altersgruppe halte ich mittlerweile die Klientel für ausschlaggebender als das Gehalt.

      • Natürlich fühlt sich nicht jeder in allen Schulformen wohl – Berufsschule oder Förderschule hätte ich mir beispielsweise nie vorstellen können, trotz der besseren Besoldung. Aber: Es ist sehr verlockend, Gymnasiallehramt zu wählen, weil der durchschnittliche Student diese Schulform am besten zu kennen meint und die Besoldung nicht unerheblich besser als an Grundschulen ist.
        Nichtsdestotrotz besteht in Hessen ein Hauptschullehrermangel, obwohl dort die Besoldung wie am Gymnasium nach A13 erfolgt und das Studium etwas kürzer ist. Insofern scheint wirklich auch die Klientel, mit der nicht jeder klarkommt eine Rolle zu spielen.
        Fakt ist: Ein Grundschullehrer muss sich auf einen Studienplatz bewerben, braucht daher gute Abinoten, wird dann in Bayern munter durchs Land geschickt (okay, das ist dort auch bei anderen Schulformen so) UND soll jetzt noch mehr arbeiten, VERPFLICHTEND?
        Ich glaube nicht, dass solche Maßnahmen attraktivitätsfördernd sind.

    • Wer seine Teilzeitstelle aufstocken MÖCHTE, kann dies bei uns halbjährlich tun.
      Im Notfall ist es sogar kurzfristig möglich, indem man mit dem entsprechenden Dezernat Kontakt aufnimmt und über eine schnelle Aufstockung den Ausfall einer Lehrkraft in der eigenen Schule auffängt.

      Das ist aber nicht gleichbedeutend mit einem verpflichtend eingesetzten Arbeitszeitkonto oder dem generellen Heraufsetzen der Unterrichtsverpflichtung.

      • Geht in Bayern so gut wie gar nicht. Man muss sich auch ein halbes Jahr vor dem neuen Schuljahr festlegen. Anscheinend wird ganz knapp kalkuliert und man ist deswegen unflexibel. Einige von den Teilzeitkräften wären bereit, notfalls eine Stunde mehr zu machen, wenn man damit irgendetwas für verbessert, z.B. wenn man dadurch in seiner Klasse oder in seiner Schule bleiben kann. Doch das braucht man schon gar nicht signalisieren. Oft stellen sich solche Fragen erst, wenn der Stundenplan gemacht wird. Und in Bayern wird alles genau von den Schulämtern geplant, da wird dann Personal, wenn es von den Stunden her nicht mehr passt, in Nachbarschulen versetzt, abgeordnet oder mobil gemacht – nicht immer zur Freude der Beteiligten.

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