Missbrauch durch Lehrer – Schulaufsicht beteuert: „Es wird nichts vertuscht“

13

MAINZ. Die rheinland-pfälzische Landtagsabgeordnete Helga Lerch (FDP) – selbst ehemalige Schulleiterin – warf unlängst den Schulbehörden vor, mitunter nur halbherzig gegen Lehrer vorzugehen, denen Missbrauch von Schülern vorgeworfen wird. Ist da etwas dran? Auf Antrag der CDU tagte dazu extra der Bildungsausschuss des Landtages in Mainz. Ergebnis: Unklar – die Akten geben kaum noch Informationen her. Der Präsident der Schulaufsicht im Land beteuerte jedoch: «Es wird nichts unter der Decke gehalten oder vertuscht.»

Missbrauch von Schülern ist ein besonders schwerwiegender Vorwurf an Lehrer. Foto: Shutterstock

Was war geschehen? Die frühere Schulleiterin Lerch, mittlerweile bildungspolitische Sprecherin der Fraktion der mitregierenden FDP, hatte im Landtagsausschuss für Gleichstellung und Frauenförderung erklärt, dass die Schulaufsicht nach ihrer Erfahrung lange zögere, Kollegen nach Vorfällen aus dem Schuldienst zu entfernen (News4teachers berichtete). Oft komme es zu Versetzungen an andere Schulen, später kehrten Lehrer wieder an eine Schule in der Region zurück, in der die Betroffenen wohnten. Das Beamtenrecht biete wenig Spielraum, Lehrer aus dem Schuldienst zu entfernen. Sie würde sich wünschen, dass genauer hingeschaut werde.

Aktuell wird gegen 14 Lehrer ermittelt

Das sorgte für einen gehörigen Wirbel – der wiederum nun in einem Auftritt von Thomas Linnertz, Präsident der Schulaufsicht ADD, in einer Sondersitzung des Landtags-Bildungsausschusses in Mainz mündete. Linntertz listete auf: Wegen sexuellen Übergriffe an rheinland-pfälzischen Schulen wird derzeit in 14 Fällen disziplinarrechtlich ermittelt. Mindestens 34 weitere solcher Verfahren seien seit 2008 abgeschlossen worden. Sie hätten dazu geführt, dass 20 Beschuldigte aus dem Schuldienst entfernt worden seien. Nicht in allen 34 disziplinarrechtlichen Verfahren hätten die Ermittlungen jedoch zu einer Anklage der Staatsanwaltschaft geführt.

Ob es in den vergangenen rund zehn Jahren mehr als die 34 Fälle gegeben habe, lasse sich nicht genau beantworten, weil aus rechtlichen Gründen bereits einige aus den Akten gelöscht werden mussten. Insgesamt gebe es mehr als 48.000 Lehrer und anderes Personal an den Schulen. Die Zahl der Verfahren sei also vergleichsweise gering. Über Verdachtsfälle gebe es keine Statistik. «Aber es ist keine Masse», betonte Linnertz. Die Schulen und Schulleitungen seien sehr sensibilisiert. «Es wird nichts unter der Decke gehalten oder vertuscht.» Alle Fälle würden zur Anzeige gebracht und sofort Maßnahmen ergriffen.

Hubig: Schulen müssen ein sicherer Raum sein

Bildungsministerin Stefanie Hubig (SPD) erklärte, sie habe sich nach den Äußerungen mit Lerch getroffen und diese habe zwei Fälle aus den Jahren 2012 und 2014 genannt, die in den 34 Verfahren enthalten seien. In beiden Fällen sei die Staatsanwaltschaft eingeschaltet worden und es habe disziplinarrechtliche Maßnahmen gegen die Lehrer gegeben. «Es geht nicht um aktuelle Fälle», betonte Hubig. Lerch nannte im vertraulichen Teil der Ausschusssitzung – unter Ausschluss der Öffentlichkeit – Einzelheiten zu den beiden Fällen. Dazu hatte sie nicht zuletzt ihre eigene Fraktion zuvor aufgefordert.

Ministerin Hubig hatte zuvor betont: «Sexueller Missbrauch ist ein Verbrechen an der Seele des Kindes.» Die Schulen müssten ein sicherer Raum sein. Auch Verdachtsfälle seien keine Bagatelle, sondern ernst zu nehmen, es gebe dafür keine Toleranz. Die Schulen hätten für sexuelle Übergriffe Notfallpläne. «Jede Schule weiß genau, wie sie sich verhalten muss.»

Schule muss für Trennung von potenziellem Täter und Opfer sorgen

In jedem Fall, in dem ein Lehrer über den Verdacht von sexuellem Missbrauch informiert werde, müsse er die Schulleitung verständigen und diese dies dokumentieren und an die Schulaufsicht weitergeben. In jedem Fall müsse die Schule sofort für eine Trennung von potenziellem Täter und Opfer sorgen. Die Information von Polizei und Staatsanwaltschaft dienten dem Schutz der Kinder und Jugendlichen, aber auch zu Unrecht Beschuldigten. Über die Entlassung aus dem Dienst müssten Gerichte entscheiden. Beamten- und Disziplinarrecht seien bundesweit verfassungsrechtlich verankert und ermöglichten auch die vorläufige Dienstenthebung bis zum Abschluss eines Verfahrens. An den Schulen gebe es auch zahlreiche Präventionsmaßnahmen, eine Handreichung für Verdachtsfälle werde seit längerem erarbeitet und solle bis zum Sommer fertig sein. News4teachers / mit Material der dpa

Realschullehrer gesteht: Nacktaufnahmen von sich an Schülerinnen geschickt

 

Anzeige


13 KOMMENTARE

  1. Auch erschreckend an den Zahlen ist: Wenn es 34 abgeschlossene Fälle gibt, aber nur 20 Anklagen, dass sind doch auch 14 Kollegen zu unrecht beschuldigt worden.

    • Naja, nicht zwingend. Es kann auch sein, dass es schlicht keine Beweise gab. Trotzdem ist natürlich nicht auszuschließen, dass ein Lehrer auch zu unrecht beschuldigt werden kann.

      Schwierig ist die Situation in der Grundschule, wo ein Lehrer Kinder auch mal trösten muss. Da hat es tatsächlich meines Wissens schon Fälle gegeben, wo Unschuldige öffentlich bezichtigt wurden – und sich im Nachhinein herausstellte, dass an den Vorwürfen nichts dran war. Der Ruf war dann allerdings schon ruiniert.

        • xxx reduziert das komplexe thema missbrauch auf erziehung in der grundschule…ist das wieder eine der extra peinlichen provokationen?

          • Wenn sich kleine Mädchen auf den Schoß eines nicht mit ihm verwandten Mannes setzen oder ihn umarmen, steht mittlerweile leider ein Pädophilenverdacht im Raum. Das hat nichts mit Missbrauch oder Erziehung in Grundschule oder KiTa zu tun.

          • Mein Kommentar bezog sich natürlich auf den dümmlichen Beitrag von xxx, liebe unverzagte, ihr Kommentar war noch nicht eingeblendet, als ich meinen schrieb.

  2. jeder missbrauch vernichtet leider nicht “nur” den ruf und das lebenslänglich: wer schweigt, macht sich mitschuldig!

    • Bei einem gegenüber der Polizei geäußerten Verdacht auf einen sexuellen Missbrauch, sind die Justizbehörden und die Polizei dazu verpflichtet, diesem Verdacht nachzugehen.
      Die Konsequenzen sind unangenehm, weshalb man sich an Hand von eindeutigen Hinweisen und Indizien schon sehr sicher sein muss, ob man die Polizeibehörden informiert.
      Letztendlich dient eine Anzeige aber dem Schutz von Jugendlichen.
      Das Gros der Missbrauchsfälle findet aber im näheren privaten Umfeld der Schüler statt.

    • Jeder falsche Vorwurf ruiniert das Leben von Lehrkräften, Filmproduzenten usw. nachhaltig. Was meinen Sie, weshalb besonders Männer nicht mehr mit Schülerinnen alleine in einem Raum sprechen sollten?

      • Es gilt aber auch, dass jeder Missbrauchsfall dem betroffenen Kind nachhaltig ein Leben lang in seiner Persönlichkeitsentwicklung, in Partnerschaftsbeziehungen und im Vertrauen anderen gegenüber schadet !

        • Richtig, aber spätestens seit der #MeToo-Geschichte ist der Missbrauchsbegriff extrem überdehnt worden. Damit haben diese Gestalten den tatsächlichen Missbrauchsopfern einen Bärendienst erwiesen.

          • Einmal mehr zeigen Sie hier die Empathie eines Toastbrots. Die “Gestalten” sind Frauen, die über sexuelle Belästigung und sexuelle Übergriffe berichten. Und als Vater von zwei Töchtern habe ich entschieden etwas dagegen, dass junge Frauen ständig erleben müssen, von hergelaufenen Idioten angegrabscht zu werden, sobald sich ihnen irgendwo eine Gelegenheit bietet. Und nein, das hat mit Migrationshintergrund nichts zu tun (weil das natürlich jetzt wieder von Ihnen kommt) – die letzte Szene dieser Art hat eine meiner Töchter in einer Kirche erlebt.

            Sie sollten sich wirklich fragen, ob Ihre Sozialkompetenz für den Beruf eines Lehrers ausreicht. Es gibt ja keine gesellschaftliche Gruppe in diesem Land außer Ihrer eigenen (alter weißer nerdiger Mann), über die Sie in diesem Forum noch nicht hergezogen haben – Schüler inklusive.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here