Pädagogik-Studenten lernen von behinderten Dozenten, was Inklusion bedeutet

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STUTTGART. Wie leben und arbeiten eigentlich Menschen mit Handicap? Was wünschen sie sich? Nicht-Behinderte wissen häufig kaum etwas über ihre Nöte und Sorgen – auch angehende Pädagogen und Sozialarbeiter nicht. Ein Projekt will das ändern. Das Land Baden-Württemberg fördert nun sogenannte Bildungsfachkräfte.

Gibt es Grenzen für die schulische Inklusion? Foto: Shutterstock
Die Inklusion ist in Deutschland ein mühsamer Prozess (Symbolbild). Foto: Shutterstock

Sieben Jahre lang hat Hartmut Kabelitz in einer Werkstatt für behinderte Menschen Schläuche für Pumpen aufgerollt und in Plastikbeuteln verpackt. Mehr als 100 Stück am Tag. Einzige Abwechslung: Mal waren die Schläuche dicker, mal schmaler. «Ich fühlte mich total unterfordert», erzählt der 52-jährige Heidelberger, der bei einem Unfall in seiner Jugend ein Schädel-Hirn-Trauma erlitt und seitdem als geistig behindert gilt. Nur beim Schachspielen in der Freizeit erlebte er Anerkennung.

Doch 2017 kam überraschend die berufliche Wende: Unter mehr als 40 Bewerbern für eine neuartige Qualifizierung als Bildungsfachkraft wurde er als einer von sechs Anwärtern ausgewählt. «Das war wie ein Sechser im Lotto», sagt Kabelitz. Vor allem schätzt er, dass er der Monotonie der Werkstatt entfliehen und sich intellektuell betätigen kann.

Sicht von Behinderten auf die Arbeits- und Lebenswelt vermitteln

Der Kern des Projektes ist, dass Menschen mit Behinderungen angehenden Sozialarbeitern und Pädagogen ihre Sicht auf die Arbeits- und Lebenswelt vermitteln. Die Studenten sollen ihr bislang theoretisches Fachwissen durch den Austausch mit den Bildungsfachkräften erweitern. «Sie sollen aus erster Hand lernen, was es heißt, mit Handicaps zu leben», betont Projektleiter Stephan Friebe. Ziel sei, die Begegnung gemäß dem Motto «Nichts über uns ohne uns» zum regulären Bestandteil der Lehre an Hochschulen zu machen. Ähnliches gebe es bundesweit nur in Schleswig-Holstein.

Für Friebe ist der Mangel an Teilhabe von Menschen mit Behinderung ein gesamtgesellschaftliches Thema. «Das Spektrum von Menschen, die mit Menschen mit Behinderung zu tun haben, ist unendlich groß.» Es umfasse Politik, Verwaltung, Verbände und Unternehmen. «Aber die andauernde Trennung der Lebens- und Arbeitsbereiche führt zu Verunsicherung.»

Die angehende Bildungsfachkraft Kabelitz gibt auch während der Ausbildung Seminare. Das methodische Rüstzeug dazu ist Teil des Lehrplans. Schon zum fünften Mal sitzt er mit seinem Kollegen Michael Gänsmantel vor 30 Studierenden der Sozialarbeit, der inklusiven Pädagogik und Heilpädagogik der Evangelischen Hochschule in Ludwigsburg. Heute dreht sich alles um das Thema Arbeit. Selbstverwirklichung, freie Berufswahl, Existenzsicherung oder Sinn und Spaß verbinden die überwiegend weiblichen Studierenden mit dem Begriff Arbeit.

Bauer: Schutzräume für manche Menschen unentbehrlich

Viele dieser zum Teil in der UN-Behindertenrechtskonvention festgeschriebenen Werte konnte Kabelitz in der Werkstatt nicht umsetzen. Nur 0,5 Prozent von 300.000 Werkstätten-Beschäftigten schaffen es nach seinen Angaben, im ersten Arbeitsmarkt Fuß fassen. Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne), die das Projejkt unterstützt, erinnert allerdings daran, dass Werkstätten als Schutzräume für manche Menschen unentbehrlich seien. Sie lehne da ein Schwarz-Weiß-Denken ab.

Zu diesem geringen Anteil gehören bald Kabelitz und Gänsmantel. Mit Ende der Ausbildung im Oktober diesen Jahres werden die beiden und ihre vier Kollegen sozialversicherungspflichtig arbeiten. Nach der Förderung des bundesweit ungewöhnlichen und im Südwesten einzigartigen Projektes durch die Dieter Schwarz Stiftung steigt das Land in die dauerhafte Finanzierung ein. Das Wissenschaftsministerium stellt 2020/21 mehr als eine halbe Million Euro für «Inklusive Bildung Baden-Württemberg» bereit.

Schon im Schulsystem wird aussortiert – Förderschüler haben keine Chance

In den Werkstätten erhalten die Beschäftigten nur wenig Gehalt und sind damit auf Grundsicherung angewiesen. Gänsmantel, der früher Schrauben sortierte, empfindet das magere Entgelt als diskriminierend. «Damit kann man keine großen Sprünge machen.» Der 23-Jährige, der unter den Folgen eines offenen Rückens leidet, verlangt mehr berufliche Chancen für Menschen mit Behinderung. Schon im Schulsystem werde aussortiert. Junge Leute mit Handicap und ohne anerkannten Schulabschluss hätten keine Alternativen zu den Werkstätten. Doch für den Absolventen einer Förderschule eröffnen sich mit dem neuen Job neue Möglichkeiten, auch privat. Vielleicht kann der Mosbacher sich bald seinen Traum von einem Urlaub auf den Kanarischen Inseln erfüllen.

Was bringt der Austausch mit den beeinträchtigten Menschen den Studierenden? Student Markus findet die Idee super. Er bewundere die Offenheit der beiden Männer. «Das ist ein Perspektivwechsel», findet er.

Veränderungen sieht Wissenschaftsministerin Bauer auch bei den Lehrenden, die sie zu Beginn der dreijährigen Qualifizierung 2017 in Heidelberg besucht hatte. «Sie haben seither durch ihre Ausbildung eine enorme Entwicklung durchlaufen und enorm an Selbstsicherheit, Reflexionsvermögen und Kompetenz gewonnen. Ich habe sie kaum wiedererkannt.» Von Julia Giertz, dpa

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1 KOMMENTAR

  1. Bei den Anforderungen für Bildungsfachkräften bin ich ratlos, weil ich nur auf entsprechenden Lobbyseiten lande, teilweise Beschreibungen in leichter Sprache. Von Verdienstmöglichkeiten sehe ich nichts, ebenso nicht, wie solche Fachkräfte im privatwirtschaftlichen Bildungssektor ohne öffentliche Förderung finanziell gesehen produktiv eingesetzt werden können. So oder so bleibt es für Menschen mit geistigen Behinderungen srhr schwer, im ersten Arbeitsmarkt Fuß zu fassen.

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