Lehrer am Limit: Immer mehr Aufgaben werden an die Schulen delegiert, ohne dass dafür Personal bereitgestellt würde

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MÜNCHEN. Bewegungsmangel, Rechtsradikalismus, überkommene Geschlechterrollen: Fast täglich werden neue Forderungen erhoben, wogegen die Lehrerschaft in Deutschland pädagogisch anarbeiten soll. Zusätzlich zum Lernstoff natürlich – und ohne, dass ihnen dafür Ressourcen (also vor allem Personal) zur Verfügung gestellt würden. Dieser Erwartungsdruck an Schule, alle gesellschaftlichen Probleme zu lösen, überfordere die Kollegien, meint die Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV), Simone Fleischmann. Immer mehr Lehrer kommen „ans Limit“.

Immer mehr Schulleiter und Lehrkräfte fühlen sich überlastet - im hessischen Kultusministerium stapeln sich die Überlastungsanzeigen. Illustration: Shutterstock
Immer mehr Lehrer fühlen sich überlastet – auch deshalb, weil es für ihre Arbeit keine Grenzen zu geben scheint. Illustration: Shutterstock

„Es geht nicht an, dass ständig neue Aufgaben an Schule herangetragen werden, ohne dass auch nur einmal etwas wieder abgenommen wird“, sagt VBE-Chef Udo Beckmann. Aktueller Anlass seiner Klage: Ab 1. März gilt bundesweit die Masernimpfpflicht an Schulen und Kitas – und die Schulen haben den Impfstatus der Kinder zu kontrollieren. Eine zusätzliche Aufgabe von vielen, die den Kollegien aufgebürdet werden.

Fast täglich, so ist der Eindruck von Lehrern, wird eine neue Sau durchs Dorf getrieben, genauer: in die Schule hinein. Ob es die Idee der neuen KMK-Präsidentin Stefanie Hubig (SPD) ist, Mädchen und Jungen zeitweilig getrennt zu unterrichten, um überkommene Rollenbilder aufzubrechen, ob nach dem Terror von Hanau mehr Präventionsarbeit von Schulen gegen Diskriminierung und Rechtsextremismus gefordert wird (wie vom hessischen Ausländerbeirat) oder ob Wissenschaftler mehr Sporteinheiten im Unterricht verlangen, um der zunehmenden Bewegungsarmut von Kindern entgegenzuwirken – die Beispiele stammen allein aus den vergangenen zehn Tagen.

„Wann sollen Lehrer diese Aufgaben erledigen?“

Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV), schlägt jetzt Alarm. In einem Interview mit der „Nürnberger Zeitung“ beklagt sie: „Der Lehrer hat immer mehr Aufgaben zu bewerkstelligen, die Eltern und die Gesellschaft ihm auferlegen.“ Dies überfordere viele Kollegen. Dazu komme der Lehrermangel. Wenn dann noch – wie in Bayern – Mehrarbeit angeordnet werde, sei „das Limit“ überschritten.

„Der Lehrer soll Vieles leisten. Der Lehrplan gibt ihm vor, welches Wissen er wann vermitteln soll. Wenn es nur das wäre, würde ich nicht von Limit sprechen! Die Gesellschaft ist sich ziemlich einig, dass Schule mehr ist als Mathe, Deutsch und Chemie. Schule soll Kindern und Jugendlichen Alltagskompetenzen beibringen. Schule soll sie auf die Welt von morgen vorbereiten, in der teamfähige, agile und empathische Persönlichkeiten gesucht werden, die sich immer wieder neues Wissen aneignen. Die Schüler sollen Kenntnisse in der Informatik haben und politisch gebildet sind. Wann sollen die Lehrer diese Aufgaben erledigen? Diesen Anspruch und Druck spüren die Lehrer permanent“, sagt sie.

Fleischmann betont: „Die Bedürfnisse überfordern die Lehrer, die nicht wissen, was sie zuerst machen sollen.“ Die Forderung der BLLV-Präsidentin: „Es müsste klar definiert werden, was der Auftrag von Schule ist.“ Dann würde eben auch klar, was Lehrer – ohne zusätzliche Ressourcen – nicht leisten können.

Dutzende Aufgaben im Schulgesetz festgelegt

Das Problem: Die Grenzenlosigkeit der pädagogischen Aufgaben ist schon in den Schulgesetzen angelegt. Beispiel Nordrhein-Westfalen: In Paragraf 2 des NRW-Schulgesetzes widmen sich elf Absätze dem Bildungs- und Erziehungsauftrag der Schule – von der „Ehrfurcht vor Gott“ über „Lernfreude“ bis zur Hochbegabtenförderung reicht der Katalog dessen, was Schule vermitteln und leisten soll. Allein Absatz 6 wiederum enthalt neun Punkte, die beschreiben, was Lehrer ihren Schülern beizubringen haben – vom „eigenverantwortlichen Handeln“ bis zur Medienkompetenz. Und dabei ist im Schulgesetz von den eigentlichen Unterrichtsinhalten noch gar nicht die Rede. Die werden dann in den Lehrplänen abgehandelt.

Bereits im Dezember hatte sich Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbands, angesichts der Inflation von Forderungen an Lehrer und Schulen mit einem ähnlich lautenden Appell wie Fleischmann an die Öffentlichkeit gewandt (News4teachers berichtete). „Die Politik hat die Angewohnheit, alles an die Schulen zu delegieren, woran sie selbst scheitert”, sagte Meidinger. Reflexartig würden neue Fächer gefordert. In den Achtzigerjahren sei das etwa das Schulfach Aids gewesen, heute eben Glück, Umwelt oder Alltagskompetenz (er spielte damit auf den kürzlich ergangenen Beschluss der bayerischen Landesregierung an, den Schulen Projektwochen zur „Alltagskompetenz“ zu verordnen, in denen auch Umweltthemen eine Rolle spielen sollen).

„Schule wird zunehmend als ‚Dienstleister‘ gesehen“

Das ist zwar kein Wunder. Denn Schule, so Meidinger, sei heute die letzte gesellschaftliche Instanz, die alle Schichten erreiche, die letzte Chance, um Werte und Grundlagen des Zusammenlebens „in Köpfen und Herzen zu verankern“.

Die Folge ist ihm zufolge aber fatal: Schule werde zunehmend als „Dienstleister“ gesehen. Das wirke sich auf Stimmung und Arbeitsmoral in der Lehrerschaft aus. Und weil die Erwartungen immer größer würden, könne Schule nur scheitern. News4teachers

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.

Schulen werden mit Erwartungen überfrachtet – und müssen daran scheitern. Deshalb: Lasst Lehrer endlich mal in Ruhe arbeiten!

 

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3 KOMMENTARE

  1. Aus welchem vernünftigen Grund, bitte, sollten Lehrer gegen „überkommene Geschlechterrollen“ arbeiten?? Eine Schule vermittelt Bildungsinhalte, keine weltanschaulichen Schemata.

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