Schülervertretung fordert Wahlfreiheit für jeden Abiturienten, ob er eine Prüfung möchte oder nicht

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BERLIN. Absagen, verschieben oder wie geplant laufen lassen? Die Schülerschaft in Deutschland ist in der Frage, wie mit den Prüfungen fürs Abitur und den Mittleren Abschluss in der Corona-Krise umgegangen werden soll, zerstritten. Eine Petition, die einen Verzicht auf alle Abschlussprüfungen fordert, verzeichnet riesigen Zulauf. Auf der anderen Seite begrüßen Schülervertreter, dass sich die KMK jetzt bundeseinheitlich darauf verständigt hat, die Prüfungen – Stand: jetzt – stattfinden zu lassen. Die Landesschülervertretung NRW verbindet die unterschiedlichen Positionen – und fordert Wahlfreiheit für jeden Schüler, ob er sich prüfen lassen möchte oder nicht.

So oder so: Die Schüler, die jetzt vor Abschlussprüfungen stehen, haben keine leichte Zeit. Foto: Shutterstock

Der Zulauf zur Petition von zwei Hamburger Schülern an alle Kultusminister bundesweit, die Prüfungen fürs Abitur und für den Mittleren Abschluss abzusagen und die Zeugnisse aufgrund von Durchschnittsnoten aus den vergangenen Schuljahren zu vergeben, ist ungebrochen. Die beim Internetportal «change.org» veröffentlichte Petition hatten bis Montagmittag gut 18.000 Unterstützer unterzeichnet, Dienstagmorgen waren es bereits mehr als 58.000 – und am Donnerstagmorgen schon 113.000.

Aus Sicht der beiden Hamburger Schüler sind Abiturprüfungen für die in diesem Jahr rund 350.000 betroffenen Schülerinnen und Schüler gesundheitlich, psychologisch und gesellschaftlich nicht tragbar. In Hessen sind die Abiturprüfungen allerdings bereits angelaufen, in Rheinland-Pfalz lief gestern die letzte Prüfung.

Abitur in einem Land streichen, im anderen nicht? „Ungerecht“

Andererseits gibt es Zuspruch von Schülerseite zur gestrigen Ankündigung der Kultusministerkonferenz (KMK), die Abiturprüfungen durchführen zu wollen. Die Vorsitzende der Thüringer Landesschülervertretung, Selma Konrad, begrüßte die Einigung. «Wir brauchen diese bundesweit einheitliche Lösung und sind froh darüber», sagte Konrad. Es wäre aus Sicht der Schüler ungerecht gewesen, wenn die Abi-Prüfungen in einem Bundesland ausgefallen wären und in einem anderen nicht. «Damit wäre das Abitur noch uneinheitlicher geworden», sagte die 17-Jährige, die ebenfalls in diesem Jahr ihr Abitur schreibt. Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Karin Prien (CDU) hatte zunächst angekündigt, die Prüfungen absagen zu wollen, dann aber – im Verlauf einer eilig einberufenen KMK-Telefonkonferenz – doch der gemeinsamen Linie, Prüfungen abhalten zu wollen, zugestimmt.

Konrad bekräftigte die Forderung der Landesschülervertretung nach Fristen für die Prüfungstermine. Sie habe etliche Nachrichten von Schülern bekommen, die sie ermuntert hätten, auf konkrete Termine zu drängen. Thüringens Bildungsminister Helmut Holter (Linke) lehnt es bislang ab, neue Termine für die verschobenen Prüfungen zu nennen, weil noch nicht klar sei, ob die Schulen wie derzeit geplant am 20. April wieder öffnen können. Nach Ostern werde die Situation neu bewertet. Kindergärten und Schulen wurden in Thüringen vor mehr als einer Woche geschlossen, um die Ausbreitung des Coronavirus im Freistaat zu verlangsamen. Die Regelung gilt zunächst bis zum Ende der Osterferien.

Kultusminister hält Abitur-Prüfungen im Mai für denkbar

Holter will den Schülern ausreichend Zeit geben, um sich im schulischen Kontext für die Abschlussprüfungen vorzubereiten. Konrad bezeichnete dies als «absolut richtig». Schüler müssten die Möglichkeit bekommen, Vorabitur-Klausuren nachzuholen und sich mit Fragen an Lehrer wenden zu können. «Es ist auch wichtig, dass die Lehrer noch vor den Prüfungen die Chance haben, Noten zu vergeben», sagte sie.

Sollten die Schulen in Thüringen wie bislang geplant am 20. April wieder öffnen, wären laut Holter Abi-Prüfungen im Mai denkbar. Konrad forderte, dass die Abiturienten in jedem Fall die Möglichkeit haben müssten, sich im Herbst regulär für das Wintersemester an den Universitäten und Hochschulen einschreiben zu können. «Sonst müssten die Bewerbungsfristen für die Studiengänge geändert werden.»

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Sie selbst kann den aktuellen Schulschließungen auch Gutes abgewinnen. «Ich muss nicht mehr in den Unterricht von Fächern gehen, in denen ich schon alle Noten habe und in denen ich ohnehin keine Prüfung schreibe. Die Zeit kann ich nun effektiv nutzen, um für die Prüfungen zu lernen», sagte sie.

Landesschülervertretung fordert Wahlmöglichkeit …

Die Landesschülervertretung Nordrhein-Westfalen spricht sich für eine Verschiebung des Abiturs wegen verschlechterter Lernbedingungen und zusätzlichem Stress aus. «Die Prüfungen jetzt zu schreiben, wie es in Hessen gemacht wird, halten wir für die ganz falsche Lösung», sagte Vorstand Sophie Halley vor der Länderschalte. Das Problem: Die Sommerferien beginnen in NRW bereits Ende Juni, sodass kaum zeitlicher Spielraum für eine Verschiebung besteht. Allerdings werde das Thema in der Schülerschaft auch unterschiedlich gesehen, räumte Halley ein. «Wir diskutieren untereinander viel darüber.»

Ein Ergebnis dieser Diskussionen präsentierte die Landesschülervertretung heute: Sie fordert angesichts des Unterrichtsausfalls im Zuge der Corona-Krise eine Wahlmöglichkeit, ob Abschlussprüfungen geschrieben werden. Alle Schülerinnen und Schüler müssten die Wahl zwischen dem Ablegen von Prüfungen und einem so bezeichneten «Durchschnittsabitur» haben, dessen Noten aus den Leistungen des vergangenen und des laufenden Schuljahres berechnet werden. Beide Abschlüsse sollten gleichwertig behandelt werden, forderte die NRW-Schülervertretung am Donnerstag.

… und stellt sich gegen das Zentralabitur

Die Abiturprüfungen sollten darüber hinaus nicht wie bisher zentral gestellt werden.“Das Zentralabitur, welches wir grundsätzlich kritisieren, erscheint uns vor dem Hintergrund der aktuellen Situation als eine völlig ungeeignete Maßnahme“, so heißt es in einem gestern veröffentlichten Positionspapier. Stattdessen sollen die Lehrer drei Aufgaben aus den insgesamt sechs zentral gestellten Klausuren auswählen können, die ihrer Ansicht nach am besten zur jeweiligen Vorbereitung passten. Damit könnte Rücksicht darauf genommen werden, dass bestimmte Themengebiete nicht mehr oder nur unzureichend bearbeitet werden konnten. Darüber hinaus sollten die Lehrkräfte auch bei der Bewertung in erhöhtem Maße die jeweiligen Voraussetzungen beachten.

Dass die sich derzeit tatsächlich von Schule zu Schule gravierend unterscheiden, betont auch der Landesschülerrat Sachsen. Es mangele an Chancengleichheit unter den Schulen, hieß es. An einigen Schulen funktioniere das «Online-Lernen» sehr gut, an anderen gar nicht. «Am Ende müssen alle das gleiche Abitur schreiben, hatten aber ungleiche Voraussetzungen.» News4teachers / mit Material der dpa

Hier geht es zur Petition der Hamburger Schüler.

Stimmen

Absagen, verschieben oder wie geplant stattfinden lassen? Die Meinungen der Schüler zu den Abiturprüfungen gehen auseinander.

Für eine Prüfungsabsage ist zum Beispiel Sara aus Aachen: «Das würde vielen eine Last nehmen», sagt die 18-Jährige. «Der Druck ist einfach zu hoch. Der Gedanke, dass gerade gefühlt die Welt untergeht, ist sehr belastend.» Für die Schülerin ist auch die Zeit nach dem Abitur unklar. Eigentlich wollte sie ein Freiwilliges Soziales Jahr absolvieren und danach Soziale Arbeit studieren: «Jetzt ist das alles so unsicher. Man weiß gar nicht, was ist in einem Jahr.»

Auch am Gymnasium von Jamie-Lee in Ostwestfalen bangt die Schülerschaft. «Ich finde es mega schade, dass die Mottowoche nicht stattfinden konnte und vielleicht auch der Abiball nicht», so die 18-Jährige. «Viele Mädchen und ich auch haben schon ihr Kleid gekauft.» Die Schülerin hofft aber, dass zumindest die Abiturprüfungen geschrieben werden: «Ich fände es blöd, wenn sie nicht stattfinden würden. Wir sind alle noch am Lernen und man kann mit den Prüfungen ja auch noch seine Note hochziehen.»

Für den 18-jährigen Timon aus Hattingen gibt es noch andere Sorgen, denn für den Waldorfschüler gelten eigentlich andere Regeln. «An Waldorfschulen zählen in den meisten Fächern nur die Abiturprüfungen für die Endnote», so der Schüler. «Bei uns kann also eigentlich keine Durchschnittsnote errechnet werden.» Der 18-Jährige sieht die Situation jedoch locker: «Ich finde es recht entspannt, dass wir uns nun zu Hause auf die Prüfungen vorbereiten können.»

KMK wendet Abitur-Chaos in letzter Sekunde ab: Prüfungen sollen jetzt doch stattfinden – GEW: Keine Chancengleichheit!

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6 KOMMENTARE

  1. Der letzte Absatz ist genau das, was beim Zentralabitur in NRW läuft mit dem einzigen Unterschied, das in Fächern mit Auswahlzeit selbige entfallen würde, weil die Lehrer die Auswahl im Vorfeld für die Schüler treffen.

  2. Ich finde, dass dieser Vorschlag bisher der beste ist. Prüfung für die ermöglichen, die sich verbessern wollen, aber niemanden zum Risiko zu zwingen. Wenn die Lage noch drastischer wird, dann weigere ich mich mit zu schreiben. Ich werde nicht nur mich, sondern auch meiner kranken Mutter und meinem mit Trisomie 21 belasteten Bruder keinen Risiko aussetzen.

  3. Diese Forderung hat etwas vom sprichwörtlichen Rosinenpicken. Ich will mein Abitur – und zwar so gut wie möglich mit so wenig Aufwand wie nötig. Es sollte längst klar sein, dass selbstverständlich auch dieses Jahr Abiturprüfungen geschrieben werden. Darauf zu verzichten, würde das Abitur im direkten Vergleich zum vorigen und zum folgenden Jahrgang ungleich einfacher machen.

    • Falsch, viele verbessern sich durch das Abitur. Deutlich verbessern würde es sich nicht. Was aber passieren würde ist, dass sich der Schnitt im Vergleich zu den anderen Jahrgängen drastisch verschlechtern wird, wenn geschrieben wird. Viele haben keine Möglichkeit den Stoff von 3-5 Wochen fehlendem Unterricht aufzuholen. Nicht nur das; gelernt werden kann auch nicht in Ruhe. Nicht jeder hat in dieser Zeit ein eigenes Zimmer & viele müssen sich um die Familie kümmern bzw. haben selbst die Krankheit und liegen flach.
      Eine vernünftige Prüfungsvorbereitung bei allen ist keineswegs gegeben.
      Ich habe mein Abitur vor 3 Jahre absolviert und meine beiden Eltern sind Lehrer/in. Wir habe dieselbe Meinung und ich habe privat noch keinen Schüler / Lehrer gehört, der dass anders sieht.

  4. Wir sind hier doch nicht bei „wünsch dir was“. Sorry, aber entweder alle Abiturprüfungen oder keiner. Im übrigen wäre das auch für die Schüler besser, welcher Arbeitgeber nimmt denn sonst später einen, der sich freiwillig dazu entschieden hat, besser keine Abiturprüfung zu machen. Die Folgen von so etwas sind doch für die Individuen bis jetzt nicht absehbar.

    Dass hier immer wieder das Argument kommt, Abiturprüfungen müssten stattfinden, da sich darin viele Schüler extrem verbessern würden, finde ich persönlich Unsinn. Das würde ja bedeuten, wenn die Leute jetzt unter diesen schlechten Bedingungen sich auch noch verbessern, dass sie in den letzten Jahren sich nen ganz chilligen und die Schule nicht so Ernst genommen haben? Da müsste man dann im Zweifel einfach mal sagen Pech gehabt, und früher aufwachen! Ggf. ist ja auch zu prüfen, in wie weit eine freiwillige Wiederholung der letzten Jahrgangsstufe dann möglich wäre (das würden sowieso nur sehr wenige Schüler machen), zumindest bei den anderen Abschlußprüfungen ist dies bei Nichterreichen des besten des höchsten Abschlusses der Schule ja auch jetzt schon möglich.

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