Klassenfahrten verboten: Jugendherbergen ringen in der Corona-Krise um ihre Existenz

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BERLIN. In immer mehr Bundesländern werden den Schulen Klassenfahrten bis Schuljahresende verboten – und was danach kommt, steht in den Sternen: Die Corona-Krise bringt die Jugendherbergen zunehmend in existenzielle Bedrängnis. Als gemeinnützigen Einrichtungen fehle ihnen die Unterstützung, die Unternehmen aus der Wirtschaft derzeit von der Politik bekommen, beklagt das Jugendherbergswerk Bayern. „Das System droht, in der bisher gekannten Form zu zerfallen“, heißt es dort bereits.

Die meisten Jugendherbergen in Deutschland sind derzeit geschlossen – wie lange, das steht in den Sternen. Foto: Shutterstock

Die Corona_Krise trifft die Jugendherbergen hart: Mit den Schließungen der Schulen seien mehrere hundert Klassenfahrten abgesagt worden, erklärte bereits Mitte März der Vorstandsvorsitzende der Jugendherbergen in Rheinland-Pfalz und im Saarland, Jacob Geditz. „Das ist für uns ein Riesenproblem. Die Einnahmen brechen weg.“

Nach Ostern beginnt für die Jugendherbergen die Hauptsaison

Eigentlich sei vor und nach Ostern für die Jugendherbergen Hauptsaison. Die jetzige Situation gefährde „den Bestand und die Existenz der Jugendherbergen“, teilte Geditz mit. Dies habe er in einem Brief an die rheinland-pfälzische und die saarländische Landesregierung geschrieben. „Wir stehen vor großen finanziellen und wirtschaftlichen Herausforderungen. Das ist sehr belastend. Es muss verhindert werden, dass etwas, was seit Jahrzehnten erfolgreich aufgebaut wurde, jetzt zerstört wird“, so erklärte der Vorstandsvorsitzende.

Und jetzt kommt es noch schlimmer. Das Bildungsministerium in Mainz teilte Ende der vergangenen Woche mit, dass Schülerinnen und Schüler in Rheinland-Pfalz sogar bis zum Ende des Schuljahrs keine Touren in Jugendherbergen unternehmen dürfen. Bis auf weiteres sollen Lehrer auf die Buchung und Planung von Klassen-, Kurs- und Studienfahrten für dieses Schuljahr verzichten. Ähnliche Vorgaben an die Schulen haben mittlerweile eine Reihe von Bundesländern erlassen, darunter Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Niedersachsen. Die Folge: Die insgesamt rund 450 Jugendherbergen in Deutschland ringen zunehmend um ihre Existenz. Betroffen sind bundesweit über 5000 hauptamtliche sowie fast 800 ehrenamtliche Mitarbeitende.

Bis Ende 2020 ist nicht mit wesentlichebn Buchungen zu rechnen

Die Jugendherbergen in Bayern warnen mangels finanzieller Hilfen bereits vor einer Schließung aller 58 Häuser im Freistaat – wohlgemerkt: vor einer dauerhaften Schließung. Die Jugendherbergen seien als gemeinnützige Einrichtungen in der Corona-Krise bisher durch keinen Schutzschirm oder andere Unterstützungsleistungen erfasst, erläuterte der Landesverband des Deutschen Jugendherbergswerks. In einem Schreiben wandte er sich an die Abgeordneten von Landtag und Bundestag sowie an Bürgermeister und Landräte der betroffenen Orte. „Ohne Unterstützung durch Bund und Land ist der Landesverband zur dauerhaften Aufgabe der Standorte gezwungen“, heißt es darin.

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Mit der Verfügung zur Schließung unter anderem von Hotels und anderen Beherbergungsbetrieben mussten Mitte März auch die Jugendherbergen in Bayern komplett zumachen. Der Umsatz aller Jugendherbergen sei auf null gesunken. „Alle bestehenden Buchungen wurden vollständig durch die Gäste storniert. Bislang sind keinerlei neue Buchungen für den weiteren Jahresverlauf eingegangen“, heißt es in dem Brief weiter. Nach der Absage vieler Schulfahrten sei bis Ende 2020 auch nicht mit Buchungen wesentlicher Gruppen zu rechnen.

Gleichzeitig müssten Löhne und Gehälter der Mitarbeiter weiterbezahlt werden, ebenso die Unterhaltskosten für die Häuser. Ein Großteil von begonnenen Bau- und Renovierungsmaßnahmen sei bereits eingestellt. „Das System ‚Jugendherbergen in Bayern‘ droht, in der bisher gekannten Form zu zerfallen“, schreibt der Verband in dem Brief. Er appellierte, rasch wirksame Maßnahmen zu ergreifen. Damit könne es möglicherweise noch gelingen, endgültige Schließungen zu verhindern.

Vor 111 Jahren entwickelte ein Lehrer die Idee

„Die Jugendherbergen in Deutschland gehören mit annährend 2,5 Millionen Mitgliedern zu den mitgliedstärksten Verbänden in Deutschland und leisten mit Ihrem Engagement für Werte wie Umweltbildung, Toleranz, Weltoffenheit und Inklusion einen wichtigen Beitrag für Gemeinwohl und Zivilgesellschaft – vor allem als der erfahrenste Anbieter von Klassenfahrten und Ferienfreizeiten als außerschulische Lernorte mit Mehrwert“, so heißt es auf der Homepage des Deutschen Jugendherbergswerks (DJH). „Deshalb ist es für das DJH selbstverständlich, jetzt seinen Anteil in dieser schwierigen Zeit zu leisten und zur verlangsamten Ausbreitung des Coronavirus beizutragen.“

Das DJH begehe in diesem Jahr „den 111. Geburtstag der Jugendherbergsidee“, heißt es. Hintergrund: Im Jahr 1909 entwickelte der Lehrer Richard Schirrmann die Idee, Übernachtungsmöglichkeiten für junge Menschen zu schaffen, die nach Möglichkeit nur einen Tagesmarsch voneinander entfernt liegen – er wurde Deutschlands erster Herbergsleiter und Gründer des DJH. „Wir sind uns sicher, dass wir zusammen auch diese Krise überstehen werden – getreu unserem Leitmotiv: Gemeinschaft erleben“, so schreibt das DJH heute. Letzteres könnte in diesem Jahr allerdings schwierig werden. News4teachers / mit Material der dpa

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.

 

 

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1 KOMMENTAR

  1. Danke für den Bericht, das Problem ist ja viel weitreichender, da es auch alle Trägervereine für Schullandheime betrifft, die überwiegend wenn nicht ausnahmslos ehrenamtlich geführt werden uns somit nicht als Unternehmer gelten (da gemeinnützig) und somit nicht in das Sofortprogramm aufgenommen worden sind.

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